Wenn sich Spiele anfühlen wie ein Besuch beim Zahnarzt: Die ZSC Lions hoffen stoisch auf die Wende zum Guten
Das hochkarätige Team quält sich fernab aller Souveränität durch die Meisterschaft. Noch bleibt es ruhig im Klub, der Trainer ist nicht in der Schusslinie. Doch die Uhr tickt.
Ulrich Pickel (NZZ)

Immerhin ein Lichtblick für die Lions: John Quenneville (links) lässt sich gegen die SCL Tigers als dreifacher ZSC-Torschütze feiern.
Ennio Leanza / Keystone
Der ganze schöne Masterplan läuft Gefahr, in sich zusammenzufallen. Mit einer Transferoffensive wollten die ZSC Lions Euphorie entfachen. Die aufgerüstete Mannschaft soll das Publikum nach den Corona-Geisterspielen des letzten Jahres wieder ins Hallenstadion locken. Und im Frühling, so der Traum, sollen die ZSC Lions den Titel gewinnen und anschliessend im Triumph von Oerlikon in ihre nagelneue Arena nach Altstetten umziehen. Gleichzeitig finden in der neuen Swiss Life Arena regelmässig Baustellenbesichtigungen statt, um die Leute möglichst früh zum Kauf einer Saisonkarte zu animieren.
Einer wie Seger fehlt
Wie sich jetzt zeigt, hat das Ganze aber einen Haken. Die Resultate enttäuschen, das Publikum strömt nicht in Massen wie vor der Pandemie herbei. Der da und dort gehörte Einwand, die mässigen Zuschauerzahlen seien im Zusammenhang mit der 3-G-Regel zu sehen, greift zu kurz. In erster Linie hat es sich herumgesprochen, dass die ZSC Lions sportlich den Erwartungen hinterherhinken. Die Fans ereifern sich über die unerwartet häufigen Niederlagen, die Vorfreude auf das neue Stadion rückt in den Hintergrund.
Tatsächlich: Sieht man den Zürchern zu, fühlt sich das oft an, wie wenn ein Besuch beim Zahnarzt ansteht: Man möchte sich das eigentlich nicht antun. Selten hat man eine Mannschaft gesehen, die so wenig aus sich herausholt. So paradox es klingt: Darin liegt auch etwas Tröstliches. Es gibt enorm viel Luft nach oben, und Zeit für eine Kurskorrektur gibt es auch noch genug. Was aber überwiegt, sind die Zweifel. Sie werden nicht kleiner, wenn man zurückblickt. In der letzten Saison trat nach den Festtagen ein Leistungsabfall ein, der nie mehr ganz überwunden werden konnte. In dieser Saison setzte der Abschwung bereits im Herbst ein.
Wenn sie verlieren, werden die ZSC Lions von ihren Gegnern nicht an die Wand gespielt, dafür sind sie dann doch zu gut. Trotzdem enden die Spiele in unschöner Regelmässigkeit mit einer Niederlage. Die Balance zwischen Angriff und Abwehr geht zu oft verloren.
Es gibt zahlreiche potenzielle Leader im Kader. Zunächst Patrick Geering, der Captain. Er ist ein grundsolider Verteidiger, 31 Jahre alt, seit 2008 in der ersten Mannschaft. Zur altgedienten Lions-Crew gehören auch die Stürmer Reto Schäppi und Chris Baltisberger. Hinzu kommen Denis Hollenstein und der derzeit verletzte Simon Bodenmann. Und last but not least sitzen auch noch Sven Andrighetto, Denis Malgin und Yannick Weber in der Garderobe, Schweizer Nationalspieler mit NHL- und KHL-Erfahrung. Daneben gibt es auch noch ein Ausländer-Quintett, von dem jeder einen Anspruch auf eine Führungsrolle geltend machen kann.
Individuelle Qualität gibt es in Hülle und Fülle, aber die Mischung stimmt nicht. Die Frage ist: Wer gibt die Richtung vor und sorgt intern dafür, dass alle auf Kurs bleiben? Hier wird es schwierig. Seit dem Rücktritt von Mathias Seger nach dem Meistertitel 2018 haben die ZSC Lions keine grosse Identifikationsfigur mehr, wie der Uzwiler eine war. Seger war Herz und Hirn des Teams, Dreh- und Angelpunkt, Anführer und Vaterfigur. Das Vakuum, das er hinterliess, konnte bis heute nicht gefüllt werden.
Der Sportchef Sven Leuenberger ist der Architekt dieser Mannschaft. Er sagt: «Fragen wie die, ob es bei uns zu viele Häuptlinge gibt, mag ich nicht mehr hören. Wir haben so viele gute Spieler, weil wir wissen, dass man so Last und Verantwortung auf diverse Schultern verteilen kann.» Das Problem liegt laut Leuenberger darin, dass jeder denke, er müsse für den Unterschied sorgen. Die Spieler setzen sich unter Druck, werden hektisch, wenn es nicht nach Wunsch läuft – und stehen sich so letztlich selber im Weg, wovon nur der Gegner profitiert. «Wir müssen anfangen, uns zu vertrauen», so der Sportchef. Das bedeutet: Jeder soll einfach die ihm vorgegebene Rolle annehmen, ganz egal, ob in der ersten oder vierten Linie.
Dieser Selbstfindungsprozess verläuft bis jetzt erstaunlich harzig. Und es ist sicher kein Zufall, dass Leuenberger in diesem Zusammenhang auch auf Seger zu sprechen kommt: «Er hätte am Schluss oft wütend sein können, wenn er bloss noch siebenter oder achter Verteidiger war. Aber er stellte sein persönliches Befinden nie in den Vordergrund. Er bewahrte die Ruhe, und so blieb es auch in der Mannschaft ruhig. Solche Dinge müssen wir jetzt lernen.»

Befindet sich in seiner bisher schwierigsten Phase mit den Lions: der Headcoach Rikard Grönborg.
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Nicht gegen Übereifer gefeit sind vor allem jene prominenten Lions, die noch nie Meister waren: Garrett Roe, Hollenstein, Andrighetto und Malgin. Diese Erfahrung fehlt auch Rikard Grönborg, der das Metier als langjähriger Verbandstrainer und zweifacher Weltmeister mit Schweden beherrschte, als Klubtrainer in seiner dritten Saison in Zürich aber erstmals in einer solch vertrackten Situation steckt.
Die Argumente fehlen
Das spricht den 53-Jährigen nicht von seiner Mitverantwortung für diesen enttäuschenden Herbst frei. Auch er ist Teil der Mannschaft. «Grönborg muss eine Lösung finden», sagt Leuenberger – und deutet die Richtung an, in der die ZSC Lions denken: Zuerst sollen sich die Spieler zusammenraufen. Gelingt dieser Prozess, löst sich die Trainerfrage von selber. Aber jede Niederlage geht auch auf Grönborgs Konto. Findet er keine Lösung, wird für ihn früher oder später das Unvermeidliche eintreten.
Argumente, die für ihn sprechen, hat Grönborg zuletzt nur wenige sammeln können. Am Freitag unterlagen die Zürcher beim Aufsteiger Ajoie. Am Sonntag immerhin gewannen sie gegen die SCL Tigers, wobei deren Goalie Robert Mayer mit zwei haarsträubenden Fehlern tatkräftig mithalf. Grönborg kann das egal sein. Er hat auch so genug zu tun.