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Gestatten, der Neue im FCZ-Sturm ist ein Chügeler mit Babybauch
Einer versteckt den Ball unter seinem Trikot, einer gibt trotz Adrenalinschüben den entspannten Fussballgeniesser, und der Kleinste trifft mit dem Kopf statt mit dem Fuss.
Florian Raz aus St. Gallen
Publiziert heute um 09:03 Uhr
Akaki Gogia – Chügeler mit Babybauch
Am 27. September 2019 stand er das letzte Mal in einer Startformation. Danach folgten ein Kreuzbandriss und eine Saison, bei der er auch als Genesener unter Trainer Urs Fischer bei Union Berlin praktisch keine Rolle spielte. Möglich also, dass Akaki Gogia gar nicht mehr weiss, wie sich das so anfühlt, wenn man bei einem Fussballspiel von Anfang an spielen darf.
Dass man beim Anpfiff auf dem Rasen stehen muss, hat der 29-Jährige allerdings nicht vergessen. Und auch sonst macht er gegen St. Gallen den Eindruck, dass er dem FC Zürich helfen kann. Eigentlich wäre Gogia einer für die rechte Seite, wohin er nach einer Stunde wechselt. Zu Beginn aber stellt ihn André Breitenreiter in den Sturm. Dort fehlt Blaz Kramer weiter verletzt. Und der FCZ-Trainer hofft, dass Gogia die Räume nutzen kann, die stürmende St. Galler in der Regel gewähren.
Noch habe der in Georgien geborene Deutsche bei der Athletik Luft nach oben, sagt sein Trainer: «Er muss daran arbeiten, dass er über 90 Minuten 100 Prozent geben kann.» Aber schon so wird sichtbar: Gogia ist einer, der den Ball gern am Fuss hat. Ein Chügeler, ein Fummler, der den Körper zwischen Ball und Gegner stellt und dann mit Hüftwacklern und Haken den Weg an ihm vorbei sucht. Das gelingt ihm an diesem Samstagabend nicht immer. Aber er macht viele Bälle fest.
Vor allem gibt er seinem Team nach wackligem Spielstart das Selbstvertrauen zurück, als er nur drei Minuten nach der St. Galler Führung zum 1:1 trifft. Dass sein Schuss vor allem reingeht, weil er noch abgelenkt wird, ist ihm herzlich egal. Er feiert, indem er sich den Ball unter das Shirt steckt. Es ist der international verstandene Hinweis darauf, dass im Hause Gogia Nachwuchs erwartet wird.
Antonio Marchesano – standardisierte Qualität
Antonio Marchesano ist mal wieder Spassfaktor und Zürcher Lebensversicherung in einem. Fünf Spiele, vier Tore – der Tessiner macht einfach dort weiter, wo er in der letzten Saison aufgehört hat. Wobei, vielleicht ist er sogar noch einmal ein klein wenig besser geworden. Oder die neu gefundene Zürcher Stabilität hilft ihm dabei, noch dominanter aufzutreten.
In St. Gallen gibt der 30-Jährige einen ziemlich kompletten Zehner. Mit bissigen Ballgewinnen im Mittelfeld und guter Spielübersicht. Mit der Lust, auch mal den Mitspieler zurechtzuweisen, wenn der wie Becir Omeragic das Gefühl hat, als letzter Feldspieler sei ein Dribbling die klügste Lösung im Aufbauspiel.
Und dann diese Standards: Marchesanos 2:2 in der 59. Minute ist bereits der zweite Freistoss, den er in dieser Saison direkt verwandelt. Dazu der Eckball, der zu Wilfried Gnontos 3:3 führt. Da ist grosse Klasse vorhanden. Und vor allem die unbändige Lust auf mehr. Als er in der 92. Minute für Marc Hornschuh ausgewechselt wird, sprintet er erst in Richtung Aussenlinie, bis er merkt: Moment, der Trainer will gar nicht mit aller Macht den Sieg, dem ist der eine Punkt nach dreimaligem Rückstand wohl ganz recht.
André Breitenreiter – Geniesser vor der Bank
Als die 67. Minute läuft, da ahnt André Breitenreiter das Unheil. Er kippt in seinen weissen Turnschuhen auf die Zehenspitzen, er dreht sich zur Bank, er schaut wieder in Richtung des Zürcher Strafraums, wo St. Gallen gerade Schuss nach Schuss absetzt und Ecke um Ecke tritt. Noch einmal versucht der FCZ-Trainer Einfluss zu nehmen. Aber er ist zu weit entfernt, Ousmane Diakité überspringt Gegenspieler Omeragic um fast einen Meter – St. Gallen führt 3:2. In der 82. Minute dann nervt sich der Deutsche so sehr über ein nicht gepfiffenes Foul, dass er die Gelbe Karte sieht.
Es ist also nicht so, dass Breitenreiter während der Partie keine Adrenalinstösse verspüren würde. Aber danach gibt er ganz den relaxten Fussballgeniesser. Er schwärmt von der Atmosphäre im Stadion, von der Moral seiner Spieler und der Spielidee des Gegners. Er sagt: «Jeder, der dieses Spiel verpasst hat, wird sich ärgern.»
Natürlich weiss er, dass er nach dieser atemlosen Begegnung Material für eine Woche Videostudium hätte. Etwa mit dem Verhalten seiner Spieler im Pressing vor dem 0:1. Mit den defensiven Lücken zwischen Adrian Guerrero, Fidan Aliti und Ousmane Doumbia auf links. Mit den Ballverlusten eines Bledian Krasniqi im Zentrum. Oder den zu wenig entschlossenen Laufwegen von Assan Ceesay und Wilfried Gnonto beim Gegenstoss.
Stattdessen konzentriert er sich auf den hohen Spassfaktor. Sagt: «Ich kann nur jeden beglückwünschen, der an dieser Partie teilgenommen hat.» Oder: «So soll Fussball aussehen.» Und weiss dabei, dass ihm zwar die Arbeit nicht ausgehen wird. Dass ihm diese aber garantiert leichter fallen wird, solange seine Spieler mit positiven Gefühlen aufs Feld gehen. Und das können die Zürcher nach diesem spektakulären 3:3 in St. Gallen weiterhin.
Adrian Guerrero – Lust und Frust
Er weiss genau, was gleich auf ihn losbrechen wird. Adrian Guerrero zeigt in der 20. Minute noch an, wo die Zürcher Abwehr gerade verdammt verwundbar ist: direkt hinter ihm. Aber als der Ball tatsächlich dorthin gespielt wird, kann er den losstürmenden Nicolas Lüchinger nicht mehr aufhalten, dessen Querpass bringt das St. Galler 1:0.
Das Gegentor kann nicht Guerrero allein angerechnet werden – die gesamte Zürcher Mannschaft hat sich überrollen lassen beim Versuch, die Ostschweizer tief in deren Platzhälfte bei einem Einwurf unter Druck zu setzen. Aber der Spanier hat auch sonst defensiv einen unangenehmen Abend auf seiner linken Seite. Lüchinger, Lukas Görtler, Victor Ruiz – sie alle fordern ihn, und vor allem in Hälfte eins überfordern sie ihn manchmal auch.
Aber Guerrero steigert sich nach der Pause. Als linker Flügel aufgestellt, schiebt er bei Ballbesitz immer wieder ins Zentrum und öffnet so aussen die Räume für andere Zürcher. Gegen vorne sieht das spannend aus, gegen hinten eher angespannt. Nur langweilig, das wird es auf seiner Seite nie.
Wilfried Gnonto – Köpfchen statt Füsschen
Auf der Website des FC Zürich wird der Mann mit einer Körpergrösse von 170 Zentimetern geführt. Wer schon einmal neben Wilfried Gnonto gestanden ist, könnte dabei den Eindruck erhalten haben, dass da möglicherweise leicht aufgerundet wurde. Wie auch immer. Am Samstag, da trifft Gnonto mit dem Kopf zum 3:3. Er tut das weniger dank Sprunggewalt und mehr dank gutem Stellungsspiel am zweiten Pfosten, wo er die Kopfballverlängerung von Fidan Aliti zum Schlussresultat verwertet.
Der Jubel danach ist sicher so gross, weil die Zürcher soeben zum dritten Mal in diesem Spiel einen Rückstand wettgemacht haben. Aber dem 17-Jährigen wird auch eine gewisse Last von den Schultern gefallen sein. Beim Stand von 2:2 nämlich kann er nach einem weiten Schlag von Goalie Yanick Brecher plötzlich ganz allein in Richtung Lawrence Ati Zigi ziehen. Aber er ist danach mit so wenig Zug zum Tor unterwegs, dass es nicht mal zum Torschuss reicht.
Es wäre der Moment gewesen, in dem das Spiel auf Seiten des FCZ hätte kippen können. Immerhin verhindert Gnonto danach, dass der Abend mit dem kompletten Gegenteil endet.
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