NZZ am sunntig:
1971 Büchsenwurf vom Bökelberg
Gladbach mit einer Ausnahmegeneration um Günter Netzer
und Jupp Heynckes fegt Inter Mailand 7:1 vom Platz. Doch die Partie wird
annulliert und wiederholt. Bis heute ist sie umrankt von Mythen und Legenden.
Von Florian Haupt
Eine Büchse Coca-Cola, Inhalt: 0,35 Liter. Attraktion des
Vereinsmuseums von Borussia Mönchengladbach. Reliquie einer unvergessenen
Nacht. Aber war es überhaupt diese Büchse? Da geht es schon los mit den
Mysterien eines Fussballspiels, über das es viele Wahrheiten gibt und noch viel
mehr Legenden.
Aus heutiger Sicht am unglaublichsten: Dieses
Achtelfinalhinspiel im Europacup der Landesmeister zwischen Gladbach und Inter
Mailand haben nur 27500 Menschen je gesehen. Alle, die an einem kühlen
Oktoberabend 1971 ins alte Bökelbergstadion passten. TV-Bilder wird es für alle
Zeiten nur in einer kurzen Zusammenfassung geben. Der Verein und die ARD hatten
sich zwar auf eine
Übertragungsgebühr von 60000 D-Mark einigen können, nicht
aber darauf, wer die Mehrwertsteuer von 11 Prozent bezahlen sollte.
So wurde die Partie damals nicht in voller Länge produziert. 27500 Zuschauer, enges Stadion, pumpendes Adrenalin. An
solchen Abenden sieht, fühlt und weiss jeder, was er sehen, fühlen und wissen
will.
Gladbach hatte mit Ausnahmetalenten wie Günter Netzer und
Jupp Heynckes zum zweiten Mal nacheinander die deutsche Meisterschaft gewonnen,
aber international noch den Ruf eines Provinzaussenseiters mit unaussprechbarem
Namen. Inter dagegen kam als zweifacher Landesmeisterchampion (1964, 1965) und
mit mehreren WM-Finalisten von 1970. Italien hatte damals im Halbfinal
Deutschland (mit nur einem Gladbacher, Berti Vogts) 4:3 nach Verlängerung
bezwungen. Schütze zum 1:0 und Vorbereiter des Siegtors war der Mann gewesen,
um den sich alles dreht, wenn es nun um diesen Oktoberabend 1971 geht: Roberto
Boninsegna.
Ausgeknockt oder abgezockt?
Für Generationen wurde sein Name in Deutschland zum
Synonym für Schauspielerei und alle sonstigen Klischees über den italienischen
Fussball. Zu Unrecht, wie der kernige Mittelstürmer aus Mantua wieder und
wieder beteuert hat: «Die Deutschen wollen es nicht wahrhaben, aber ich habe
kein bisschen übertrieben. Die Büchse traf mich am Kopf, und danach war ich
ausgeknockt.»
Die Büchse also: Nach einem hitzigen Duell an der
Seitenlinie mit Gegenspieler Luggi Müller flog sie ihm – ja, wohin? Nur an die
Schulter, behaupten bis heute die Gladbacher. Ausserdem sei sie schon leer
gewesen. Oder halb leer? Zumindest voll war sie nicht, denn ein italienischer
Journalist berichtete, die Dose sei über ihn hinweggesegelt und habe für immer
Cola-Ränder auf seiner hellen Regenjacke hinterlassen. Die Polizei führte einen
gewissen Manfred Kirstein, 29 Jahre, als möglichen Täter ab. Er hat die
Vorwürfe immer bestritten, und es sollte nicht lange dauern, bis die Theorie
aufkam, in Wahrheit habe die Büchse ein italienischer Fan geworfen.
Boninsegna jedenfalls wurde auf einer Bahre weggetragen
und ausgewechselt. Inter-Captain Sandro Mazzola präsentierte dem
niederländischen Schiedsrichter Dorpmans eine Büchse. Nach minutenlangen
Tumulten ging die Partie weiter. Die Gladbacher steigerten sich gegen ein
perplexes Inter in einen Rausch, der nicht nur die englische Trainerlegende
Matt Busby als Uefa-Beobachter «wirklich begeisterte». Stellvertretend sei der
Treffer zum 6:1 erwähnt. Langer Aussenristpass von Netzer, Heynckes auf dem
Flügel, Ablage auf den nachgerückten Netzer, und der – erneut per Aussenrist –
ins Tor. Endstand: 7:1. Sieben Tore gegen die Erfinder des Catenaccio, ein
Wunder.
Eine Woche später wurde die Partie von der Uefa wegen des
Büchsenwurfs annulliert. «Das Spiel unseres Lebens» (Netzer) steht in keiner
offiziellen Ergebnischronik. Umso stärker ging es in das kollektive Gedächtnis
ein.
Wie blumig es das tat, zeigt schon der Umstand, dass der
Büchsenwurf bald den historischen Zeitpunkt verlor: Selbst in TV-Reportagen
(«Die kuriosesten Fussballmomente», ARD) wird er beim Stand von 7:1
angesiedelt. Passt ja auch zu gut ins Skript: Die Mailänder, praktisch schon
ausgeschieden, schwindeln schnell noch eine Verletzung herbei, um am grünen
Tisch zu gewinnen. Millionen von Deutschen mussten für diesen Befund nicht das
Spiel gesehen haben. «Italiener, das können die» (Marcel Reif). «Wir wissen
alle, wie gut sie schauspielern» (Uwe Seeler).
In Wirklichkeit ereignete sich der Zwischenfall nach
einer knappen halben Stunde beim Spielstand von 2:1, das Inter-Tor hatte just
Boninsegna erzielt. Will so einer freiwillig vom Platz? Nicht unbedingt, aber
es sei ja alles auch noch viel perfider gewesen, erklärte sein Gegenspieler
Müller: «Boninsegna wollte aufstehen, ein Inter-Masseur drückte ihn immer
wieder zu Boden. Dann liess er sich abtransportieren. Wir haben gesehen, dass
er dabei noch den Mitspielern zugezwinkert hat.»
Mönchengladbachs Trainer Hennes Weisweiler wollte einen
Mitarbeiter in die Inter-Kabine schicken, um sich nach Boninsegnas Befinden zu
«erkundigen». Die Tür blieb verschlossen. Was hätte er gesehen? Einen feixenden
Boninsegna?
Für die Schauspielthese fehlte der Beweis, und heutzutage
würde selbst bei nur minimaler Verletzung des Spielers sicher für die
Gastmannschaft gewertet. Damals handelte es sich um einen Präzedenzfall. Die
Uefa entschied vermeintlich salomonisch auf Wiederholung an neutralem Ort. Zur
Begründung hiess es unter anderem: «Boninsegna war beim Besuch von
Uefa-Beobachter Matt Busby in der Halbzeit und am Ende des Spiels benommen.»
Abgezeichnet war das Urteil durch Sergio Zorzi, Chef der Disziplinarkommission:
einem Tessiner, wie die empörten Deutschen feststellten. Sie fühlten sich von
einem italo-schweizerischen Komplott – der Uefa-Präsident war mit Gustav
Wiederkehr ebenfalls Schweizer – um eine Sternstunde betrogen.
Polizeischutz für Gastarbeiter
«Alte Vorurteile, die schon nach dem WM-Halbfinal letztes
Jahr auftauchten, überborden jetzt», berichtete der Deutschlandkorrespondent
der Turiner Zeitung «La Stampa», «Fanatismus und Gewalt werden in den Medien
nicht nur ermutigt, sondern regelrecht gesät.» Mönchengladbachs Bürgermeister
musste der italienischen Botschaft in Bonn versichern, dass eine Sondereinheit
der Polizei die Gastarbeiter beschütze. Es kursierte sogar die Geschichte,
Netzer habe seinen Ferrari verkauft und den italienischen Barkeeper seiner
Diskothek Lovers’ Lane entlassen. Das stimmt nicht, und es blieb friedlich am
Niederrhein, aber Verteidiger Klaus-Dieter Sieloff, Elfmeterschütze zum 7:1,
sagte noch Dekaden später: «Ich hatte viele Jahre keine Lust, etwas
Italienisches zu essen, und war auf Italiener nicht gut zu sprechen.»
Der weitere Verlauf der Auseinandersetzung spielte dabei
eine Rolle. Das nun zum Hinspiel gewordene Duell in Mailand gewann Inter mit
4:2, wobei die Gladbacher eine brutale Einschüchterungstaktik auf wie neben dem
Platz beklagten. Gleichfalls angespannt war das neue Rückspiel vor 85000
Menschen in Berlin. Diesmal übertrug die ARD, aber es gab keine Tore. Sieloff
verschoss einen Penalty, Heynckes vergab seine Chancen, Netzer dirigierte
vergeblich, und wie zur bitteren Pointe endete der letzte Zweikampf zwischen
Boninsegna und Müller mit Schienbeinbruch des Verteidigers.
7:1 – im Nachhinein kann die annullierte Gala als Parabel
gelten auf eine hinreissende Mannschaft, die fünf Meisterschaften und zwei
Uefa-Cups gewann, aber nie den grössten aller Titel. Inter dagegen blieb das Glück
erst einmal treu. Dank der Auswärtstorregel wurde Standard Lüttich bezwungen,
nach zwei torlosen Remis dann Celtic Glasgow im Elfmeterschiessen. Erst
Titelverteidiger Ajax war beim 0:2 im Final zu stark.
1:7 – dass es das ohne den Büchsenwurf nie gegeben hätte,
darauf legten wiederum die Inter-Fussballer stets grossen Wert. Allen sei ja
nach Boninsegnas Abtransport klar gewesen, dass es mindestens eine
Spielwiederholung geben würde, so Mazzola im Jahr 2007. «Ich sagte den
Deutschen: ‹Macht Stopp, ist doch eh egal.›»
Und die Büchse? War eben nicht die Büchse, weiss der
Captain. Das Corpus Delicti hatte ein Gladbacher schnell vom Rasen gekickt, es
verschwand unter den Fans. Aber Mazzola war nicht minder listig. Vorn auf der
Tribüne entdeckte er einen italienischen Zuschauer, der gerade eine Limonade
trank. Er liess sich die Dose geben, die er dann dem Schiedsrichter
weiterreichte: «Was soll’s, sie war auch
von Coca-Cola.»