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wenn selbst die bayern "verarmen"...
Die Ärmsten der Reichen
Der FC Bayern kann die Finanzkraft von Klubs wie Paris Saint-Germain nicht kontern – und ist damit in guter Gesellschaft. Im europäischen Fussball etabliert sich eine neue Hierarchie. Von Stefan Osterhaus
Noch wissen sie nicht, was für ein Anfang diesem Ende innewohnen wird. Denn noch ist er nicht da, der neue Trainer, der auf Carlo Ancelotti folgen wird, den die Bayern am Donnerstag entliessen. Nur ein paar Stunden nach einem 0:3 gegen Paris Saint-Germain war der Italiener draussen. Dass es nach dem Match gegen PSG passierte, erschien beinahe wie eine Fügung, denn PSG ist nicht irgendein Klub, PSG, alimentiert aus Katar, symbolisiert so ziemlich alles, was die Bayern fürchten, und das ist in erster Linie das Geld einer Konkurrenz, die es nicht selber erwirtschaf-ten muss.
Hätten sie bestanden gegen PSG, ein Unentschieden geholt, es wäre schwer vorstellbar gewesen, dass Ancelotti hätte gehen müssen. Aber so war seine Entlassung vor allem eine relativ planlose Reaktion auf die neuen Verhältnisse in Europas Fussball, mit denen sich die Bayern, und nicht nur sie, schwertun.
Monströses Ausmass
PSG symbolisiert jene Art von Herausforderung, auf die sich kaum eine Antwort finden lässt: Was aus Paris der Konkurrenz entgegengeschleudert wird, ist so grossklobig, dass es beinahe wie ein Akt der schieren Willkür erscheint. Neymar für 222 Millionen Euro aus seinem Vertrag herauszulösen und diesem noch für 180 Millionen den quecksilbrigen Teenager Kylian Mbappé zur Seite zu stellen, das ist von einem solch monströsen Ausmass, dass es schwerfällt, die Dinge rational zu erfassen. Deshalb ist Bayerns Beteuerung, unter diesen Voraussetzungen die Champions League nur schwer gewinnen zu können, keine Kapitulation vor den Verhältnissen, sondern allenfalls eine nüchterne Einschätzung der Situation.
Die Bayern international also nur noch zweitklassig? Tatsächlich bildet sich gerade eine neue Hierarchie im Geldadel des Fussballs. Entrückt sind PSG und Manchester City, das mit Geld aus Abu Dhabi finanziert wird. Ihre Ressourcen sind kaum zu erschöpfen, sie sind in der Lage, jeden Konkurrenten auszustechen. Die Bayern sind also nicht allein mit ihrer Not. Zum Rest der Konkurrenz halten sie finanziell Tuchfühlung. Längst ist die Zeit der Fabelsummen beim FC Chelsea vorbei. Die Möglichkeiten, die dem FC Barcelona zur Verfügung stehen, sind zwar gross, doch von der Wirtschaftskraft der Katalanen trennt Bayern München keine Lichtjahre. Ähnliches gilt für Real Madrid, ja, es gilt im Grunde für alle Klubs, die nicht das ambivalente Vergnügen haben, sich in die Abhängigkeit von arabischen Gönnern begeben zu dürfen.
Dass die Situation in München durchaus realistisch eingeschätzt wird, illustriert eine Aussage des Präsidenten Uli Hoeness, die angesichts der turbulenten letzten Wochen für die Münchner nicht einmal angemessen gewürdigt wurde: Ihm gefalle, was Real Madrid auf dem Transfermarkt anstelle. Das sei vernünftig.
Wie bitte? Meint Hoeness jenes Real, das eine dreistellige Millionensumme für Gareth Bale ausgab? Dann wäre die Vernunft von heute nur der Irrwitz von gestern. Oder hat er jenes Madrid im Blick, das sich rühmen kann, vor drei Jahren den Spielgestalter Toni Kroos von den Bayern für gut 30 Millionen Euro gewonnen zu haben, weil man ihm dort dem Vernehmen nach den Wunsch nach einer Gehaltserhöhung nicht erfüllte? Mit Kroos, der heute in der Rubrik unbezahlbar zu suchen wäre, läutete Trainer Zinedine Zidane die phänomenale Ära der Postgalaticos in Madrid ein.
Das wäre tatsächlich jene Art von Vernunft, mit der auch die Bayern wieder zu Erfolgen kommen könnten. Gerade solche Transfers begründeten in den Jahren zuvor ihren Erfolg. Ihr Aufstieg begann mit der Verpflichtung von Arjen Robben, der – Vorsicht Pointe – ehedem in Madrid nicht mehr gebraucht wurde und relativ preiswert zu bekommen war. Der Versuch, mit James Rodriguez einen in Madrid ebenfalls unglücklichen Hochkaräter in München zu neuer Form zu bringen, fügt sich in dieses Muster und ist grundvernünftig, so wie auch die Transfers von Corentin Tolisso (Lyon) oder Niklas Süle und Sebastian Rudy (beide Hoffenheim) sinnvoll sind. Aber sie garantieren eben nicht auf Anhieb jenes Niveau, für das Neymar und Mbappé stehen.
Die Situation ist auch deshalb so irritierend für die Münchner, weil die Dinge in den letzten Jahren so glänzend liefen, dass die Bayern dabei waren, daraus eine Art Gewohnheitsrecht auf Spitzenplacierungen in der Champions League abzuleiten. Was sich in den Köpfen der Münchner etabliert hatte, war wohl der Gedanke an eine Art natürliche Ordnung des europäischen Klubfussballs. In dieser ungeschriebenen Hierarchie sind sie eine Grösse vom Rang Reals oder Barcelonas, mindestens so gross wie Manchester United, grösser als Manchester City. Die Italiener, Milan und Juventus, die hatten sie ja sowieso schon abgehängt.
Glamour mit Guardiola
Man kann diesen Anspruch aber durchaus als ein wenig vermessen bezeichnen. Jeder Erfolgszyklus kommt an ein Ende, und derjenige der Bayern war sehr lang: Er begann 2009 mit der Verpflichtung von Trainer Louis van Gaal, in der Folge stand der sechsmalige Einzug in den Halbfinal der Champions League, dreimal wurde das Endspiel erreicht, 2013 die Trophäe gewonnen.
Die Mannschaft, die Jupp Heynckes nach van Gaal formte, war so gut, dass die Bayern zur ersten Wahl für Pep Guardiola wurden. Mit ihm zog ein Glamour ein in die Liga, wie es nie zuvor der Fall gewesen war. Vielleicht ist deshalb die Reaktion auf die neuen Konkurrenten so drastisch, dass man sogar einen renommierten Coach wie Ancelotti opfert. Dass es den Münchnern – anders als in den Jahren des Aufstiegs zur Spitze – zudem nicht gelang, Nachwuchsspieler auszubilden, die den Ansprüchen im Profikader genügen, komplettiert das Bild eines Klubs, in dem ein hohes Niveau eher verwaltet wurde, als dass man sich um die Zukunftsgestaltung gekümmert hätte.
Dennoch sind jüngste Einschätzungen von Uli Hoeness im Fussballmagazin «Kicker» keineswegs uninteressant. Er setzt darauf, dass sich der überhitzte Markt abkühlen wird; eine passive Strategie, deren Risiko vor allem darin besteht, dass der Zeitpunkt schwer vorhersagbar ist. Und in der Zwischenzeit? Müssen sich die Bayern wohl damit begnügen, in einer Liga mit Barcelona, der AC Milan und Chelsea zu spielen.
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