us de nzz am sunntig:
schön gseit: Die Begeisterungsfähigkeit des Präsidenten ist keine schlechte Eigenschaft, er bewegt sich in einem Business, das von Emotionen lebt. Dass sich Canepa von Emotionen leiten lässt, ist nur darum ein Problem, weil er neben sich kein Korrektiv zulässt. Er hat in diesem Verein alles an sich gerissen - bis zum Amt des Sportchefs.
au schön gseit: Der FC Zürich steht sportlich am Abgrund und erinnert an die schlimmsten Zeiten in der Ära des Patrons Sven Hotz. Damals kam der Umschwung mit der Verpflichtung von Fredy Bickel als Sportchef, er holte den Trainer Favre. Ein Glücksgriff. Aber einer, der zeigt, was im besten Fall möglich ist, wenn sich Fachleute ans Werk machen.
Taumelnd am Abgrund
Der FC Zürich holt mit Uli Forte den dritten Trainer der Saison und gibt ein chaotisches Bild ab. Besinnt sich der Präsident Canepa nicht, droht der Verein in der Misere zu versinken. Von Christine Steffen
Der FC Zürich ist ein Verein mit Sinn für Dramen, für Abstürze, Wiedergeburten, seltsame Geschichten. Er kann leiden, jammern, um dann aufzustehen und ein kleines Wunder zu schaffen. Er pflegt dieses irrationale Element, das dem Fussball innewohnt, mit Hingabe. Nichts illustriert den widersprüchlichen Charakter besser als die laufende Saison mit dem Kampf gegen den Abstieg und dem Cup-Final. Die Pole, zwischen denen sich der FCZ bewegt, zeigte auch der letzte Freitag, der 13. Mai, dieses für die Anhängerschaft beinahe heilige Datum. Eigentlich galt es, ein Jubiläum zu feiern, zehn Jahre war es her, seit der FC Zürich dem FC Basel in letzter Sekunde die Meisterschaft entrissen hatte. Doch genau an diesem Freitag musste der Präsident Ancillo Canepa seinen Notfallplan für die restlichen drei Meisterschaftsspiele präsentieren. Uli Forte soll den Abstieg verhindern, er ist schon der dritte Trainer in dieser Saison. Der Klub schlingerte ins Gefühlschaos; ein vertrauter Zustand.
Auf dem Niveau von Basel
Geradezu grotesk mutet heute an, wie selbstbewusst der FCZ in die Saison startete. Am 12. Juli 2015 sagte Canepa in der «NZZ am Sonntag»: «Man wird einen ganz anderen FCZ sehen als letzte Saison. Kampflos werden wir die oberen Ränge bestimmt nicht hergeben.» In der letzten Saison wurde der FCZ Dritter. Canepa fügte an: «Fussballerisch sind wir auf dem gleichen Niveau wie Basel.» Es war eine erstaunliche Aussage, nicht nur im Rückblick. Sie zeigt ein Problem des Klubs: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft oft eine grosse Lücke, was daran liegt, dass sich der Präsident schwertut, die Dinge richtig einzuschätzen. Der FCZ hatte bereits damals schwierige Wochen hinter sich; im Letzigrund war der Mannschaft seit Oktober 2014 kein Sieg mehr gelungen. Es hiess, die Spieler seien nicht fit, Alex Kern wurde als Konditionstrainer geholt. Fortan mussten sie schwitzen, fit genug für den späteren Coach Hyypiä wurden sie aber nie.
Im Frühling hatten zudem die Talente Dimitri Oberlin, Nico Elvedi und Djibril Sow den Klub verlassen, etwas später ging Francisco Rodríguez. Kein gutes Zeichen für einen Klub, der auf den eigenen Nachwuchs setzen möchte. Auf Kritik an den Abgängen reagierte Canepa gereizt. Dem «Blick» sagte er: «Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mehr, mich mit hysterischen Müttern herumzuschlagen, die behaupten, ihre Söhne seien mindestens so gut wie Embolo.»
Der Trainer Urs Meier ging wie ein taumelnder Boxer in die Saison, sie begann, wie die letzte geendet hatte: sehr mittelmässig. Der FCZ spielte in den ersten beiden Partien unentschieden, er verlor das Derby und in der Qualifikation für die Europa League. Am Tag des Derbys, dem 2. August, sagte Urs Meier in der «NZZ am Sonntag», auf die Pfiffe der Fans angesprochen: «Ich weiss, dass der Trainer Urs Meier zehn Jahre lang alles für den FCZ getan hat. Diejenigen, die pfeifen, wissen es nicht.» Am 3. August wurde er entlassen.
Es war einer dieser Tage, an denen es im FCZ drunter und drüber ging. Denn nicht nur der Trainer verliess an diesem heissen Montag den Verein, sondern auch der Captain. Mit dem Abgang von Yassine Chikhaoui endete nicht nur eine lange, komplizierte Beziehungsgeschichte. Der Tunesier war der Letzte, der verkörpert hatte, was der FCZ so gerne wäre: spielstark, leichtfüssig, gewitzt.
Die Entlassung erleichterte Canepa sichtlich, er sagte, Meier solle jetzt zuerst einmal in die Ferien fahren. Er bot ihm eine Arbeit in der Nachwuchsabteilung an, Meier lehnte ab. Die Trennung leitete eine radikale Wende ein. 2012 hatte Canepa auf eigene Leute aus der Nachwuchsabteilung gesetzt. Am 21. August präsentierte er mit Sami Hyypiä einen Anti-Meier. Der Finne, der die Champions League gewonnen hatte, war als Spieler ein Star. Als Trainer jedoch war er zweimal gescheitert: In Leverkusen war er in seiner zweiten Saison entlassen worden, in Brighton trat er nach sechs Monaten zurück. Canepa aber schwärmte. Er tat dies auch bei früheren Coachs, aber mit Hyypiä holte er ein Stück der grossen Fussballwelt nach Zürich, nach der er sich so sehnt. Er habe das Gefühl, er kenne Hyypiä schon ewig, sagte Canepa - zwei Wochen nachdem er ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Als er am Freitag in der Saalsporthalle neben Uli Forte sass, musste er zugeben, dass er Hyypiä nicht gut kennt. Die Schwärmerei ist in der Not Pragmatismus gewichen.
Die Begeisterungsfähigkeit des Präsidenten ist keine schlechte Eigenschaft, er bewegt sich in einem Business, das von Emotionen lebt. Sie macht ihn zugänglich, und die fehlende Distanz lässt ihn auch auf positive Art reagieren. Als im August in der Partie gegen Basel im St.-Jakob-Park di e Situation in der Kurve des FCZ zu eskalieren drohte, stellte er sich mitten unter die Anhänger. Als Zürich ein Tor erzielte, jubelte er mit ihnen. Es war ein vielsagendes Bild: Der Präsident im Anzug des Funktionärs, aber mit der Seele des Fans.
Dass sich Canepa von Emotionen leiten lässt, ist nur darum ein Problem, weil er neben sich kein Korrektiv zulässt. Er hat in diesem Verein alles an sich gerissen - bis zum Amt des Sportchefs. Als es in den letzten Wochen abwärtsging, setzte er sich sogar auf die Bank - so, als könnte er mit seiner Präsenz das Elend abwenden. Ancillo und Heliane Canepa halten 90 Prozent des Aktienkapitals, 30 Millionen Franken sollen sie investiert haben. Sie haben das Recht zu bestimmen, aber vielleicht verkennen sie, dass ein Fussballklub einen anderen Wert hat als eine Firma, in der befiehlt, wer die Rechnungen zahlt. Er ist immer auch Allgemeingut, Teil der Kultur einer Stadt, und er gehört auch ein wenig all jenen, die ihn tragen - ob mit Geld oder Treue. Schon lange werden die Canepas von den Medien für ihren Alleingang kritisiert. Im Dezember regte sich aber auch die Südkurve. «Nein zum Sportchef ohne nötige Fachkompetenz», schrieb sie auf ein Transparent. Und als am letzten Mittwoch die Mannschaft gegen Lugano 0:4 untergegangen war und das Stadion tobte, traf es nicht nur sie, sondern auch den Präsidenten.
Canepa musste in den letzten Tagen einen bitteren Weg gehen: Bei der Vorstellung von Forte erschien er als Bittsteller, angewiesen auf Unterstützung. Der Präsident hatte bis zum Schluss an Hyypiä festgehalten, es schien, als könnte er sich nicht lösen von der Vorstellung, den richtigen Trainer gefunden zu haben. Er lobte die Integrität von Hyypiä, als hätte jemand einen Freund angegriffen. Dabei hatte nie jemand den Charakter des Finnen, sondern allein seine Arbeit kritisiert. Das Eingeständnis, dass die Verpflichtung ein Missgriff war, muss ihm umso schwerer fallen, als er sich Hyypiä mit der berühmten «Carte blanche» ganz ausgeliefert hat.
Resignierter Vater
Kurz nach Amtsantritt sagte Hyypiä, sein Ziel sei, dass er irgendwann ruhig auf der Bank sitzen könne, während seine Spieler selbständig umsetzten, was sie gelernt hätten. Und in der idealen Welt würden sie ihn in den Partien überhaupt nicht mehr brauchen. Wie weit gerade dieses Team ohne starke Charaktere, mit einem Hang zum Schlendrian von der idealen Welt entfernt ist, konnte er damals nicht wissen. Aber es ging ihm immer mehr auf. Als er im Februar darauf angesprochen wurde, ob die Spieler denn nun mehr über das Geschehen auf dem Feld und ihre Arbeitseinstellung nachdenken würden, sagte er: «Hoffentlich. Sicher kann ich nicht sein.»
Hyypiä hatte so viel probiert: Er hatte fortgeschickt, wer nicht genügte, er hatte mehrmals die Goalies ausgetauscht, er hatte immer wieder rotiert, er hatte die Spieler viele Kilometer laufen lassen und dabei immer ratloser gewirkt. In den letzten Wochen häuften sich die Misstrauensvoten seiner Mannschaft gegenüber. Vor einer Woche sagte er, wenn er nicht jeden Tag darüber rede, was es für den Erfolg brauche, würden es die Spieler gleich wieder vergessen. Als nach der Niederlage gegen YB Ende Februar die mangelnde Effizienz ein Thema war, äusserte er sich wie ein resignierter Vater: «Das ist schon lange ein Problem. Ich muss immer das Gleiche sagen.» Und nach dem Absturz gegen Lugano am Mittwoch sagte er offen, er verstehe nicht, wie sich die Spieler auf dem Feld verhielten. Als diese am Donnerstag auf Wunsch des Trainers gefragt wurden, ob sie weiter mit ihm zusammenarbeiten wollten, sprachen sie sich dagegen aus. Es war nicht so, dass die Beziehung erkaltet wäre - es hatte gar nie eine echte Bindung gegeben. Es war ein abrupter Abschied, der Mitgefühl für einen Trainer hinterlässt, der sich mit ganzer Kraft eingesetzt hat, aber tragisch gescheitert ist.
In welch schlimmer Verfassung sich der FCZ in den letzten Monaten befand, wurde einem am Freitag nicht nur bei der Vorstellung von Forte bewusst. Am Abend lud die Südkurve zu einem Fest ins Volkshaus. Auf einer grossen Leinwand wurde die Partie gegen Basel vor zehn Jahren übertragen. An der Seitenlinie stand Lucien Favre, im Mittelfeld verteilten Inler und Dzemaili die Bälle, vorne stürmten Keita, Alphonse und Raffael. Es war alles da: Können, Lust und ein unbändiger Wille zu siegen. Und als Iulian Filipescu in der 93. Minute den FCZ mit seinem Tor zum Meister machte, war es wie vor zehn Jahren: ein kollektiver Schrei, fliegende Bierbecher. Als danach einige Spieler der Meistermannschaft auf die Bühne kamen, Florian Stahel, Steve von Bergen, Alain Nef, Iulian Filipescu, wurden sie gefeiert wie Götter. In der Misere berauschte sich die Anhängerschaft umso heftiger an ihnen.
Die sentimentale Zeitreise hat auf drastische Weise gezeigt, woran es dem FCZ heute mangelt: Nicht nur an einer gut zusammengestellten Mannschaft und einem Trainer, der die Spieler besser macht. Sondern auch an einer Seele. Der FC Zürich steht sportlich am Abgrund und erinnert an die schlimmsten Zeiten in der Ära des Patrons Sven Hotz. Er ist in chaotische Muster aus der Vergangenheit zurückgefallen, die keinen Charme mehr haben, weil sie sich überlebt haben.
Damals kam der Umschwung mit der Verpflichtung von Fredy Bickel als Sportchef, er holte den Trainer Favre. Ein Glücksgriff. Aber einer, der zeigt, was im besten Fall möglich ist, wenn sich Fachleute ans Werk machen.