bin gespannt auf heute! lugano hat einen sehr erfahrenen und guten trainer. wir haben einen trainer...
us de hütige nzz:
«Mich stören die Kopfhörer»
Zdenek Zeman hat viele Talente entdeckt und entwickelt. Er sieht sich als einer der wenigen Trainer, die Spieler noch formen. Das versucht er auch mit den Aufsteigern des FC Lugano
NZZ am Sonntag:Zdenek Zeman, was bereuen Sie?
Zdenek Zeman: Ich hatte Probleme, ja. Aber bereuen tue ich nichts.
Auch nicht Ihre Aussagen von 1998? Sie brachten einen Doping-Prozess gegen Juventus ins Rollen, galten als Nestbeschmutzer und wurden ausgegrenzt.
Ich bin im Sport geboren, habe viele Disziplinen praktiziert, in vielen Funktionen gewirkt. Der Sport muss Regeln und Moral haben - das habe ich immer verteidigt. Deswegen durfte ich nicht mehr in grossen Teams arbeiten. Also habe ich die kleineren Vereine trainiert. Das gefällt mir: Je mehr Schwierigkeiten, desto besser.
Wieso?
Wenn man zu Barcelona oder Real Madrid geht, dann muss man ja nicht viel machen, die können doch schon spielen.
Also ist Lugano ideal für Sie?
Ich kam im Wissen, dass es viel zu tun gab. Und wo es viel zu tun gibt, dort gefällt es mir.
Sie machen es sich grundsätzlich nicht leicht. Seit je lassen Sie ein höchst offensives 4-3-3 spielen, das auf vielen Kombinationen basiert und wohl nicht einfach zu vermitteln ist, oder?
Das denken alle. Ich aber behaupte, dass ich den Fussball vereinfache: Jeder kennt seine Rolle, muss die Position einhalten und mit dem Kollegen interagieren. Den Ball berühren wir nur ein-, zweimal, deshalb müssen Mitspieler stets in der Nähe sein. Eigentlich ist das simpel. Das Problem ist aber, dass der eine nach links, der andere nach rechts flieht.
Sie haben sich nie von diesem System getrennt. Wie wichtig ist diese Überzeugung?
Sie ist das Wichtigste. Ein Trainer muss wissen, was und wieso er etwas tut. Und er muss das Team für seine Idee einnehmen. Ich verstehe keinen Trainer, der zwischen drei oder vier Systemen wechselt. Für mich ist es nach 40 Jahren immer noch schwierig, auch nur dieses eine umzusetzen.
Zu Beginn der 1990er Jahre zeigten Sie in Foggia einen Fussball, der auch heute noch schnell und revolutionär wäre. Was denken Sie, wenn Sie jene Aufnahmen wieder sehen?
Gelegentlich schaue ich sie mir an. Ich habe alle Tore von Foggia und von meiner Zeit mit Lazio und der AS Roma auf Video. Ab und zu haben wir schönen Fussball gezeigt. Viele Leute schätzen mich deswegen. Das macht mich glücklich. Die Zuschauer gehen ins Stadion, weil sie etwas sehen wollen. Aber es gibt Spiele, bei denen man einschläft. Mit meinen Teams hat man nie Gelegenheit dazu. Es passiert immer etwas - entweder vorne oder auch hinten (schmunzelt).
Ist der FC Lugano schon zu Angriffen für Ihre Videothek fähig?
Momentan spielen wir mit Wechselspannung. Manchmal gelingen uns Spielzüge, manchmal nicht. Die Schwierigkeit liegt darin, das Gelungene wahrzunehmen und es zu wiederholen. Man muss Stereotype finden, um Kontinuität zu haben.
Als Aufsteiger sind Sie gut placiert und könnten sich am Sonntag mit einem Sieg gegen den Tabellenletzten Zürich um 7 Punkte von ihm distanzieren.
Bisher ist es gut gelaufen. Nun müssen wir schauen, was die Länderspielpause mit uns angerichtet hat. Spielt ein Team gut, muss es weiterfahren können. Eine Pause bricht den Rhythmus. Vor dem FCZ habe ich Respekt. Er gehört nicht auf den letzten Platz.
Kurz vor dem ersten Super-League-Spiel gaben Sie zu, noch nichts von den Gegnern zu wissen. Was halten Sie nun vom Schweizer Fussball?
Er gleicht dem deutschen, weil er physisch, aber auch spielerisch ist. Die meisten Teams sind offensiv ausgerichtet, keines macht auf Catenaccio.
Ist Ihnen die Schweizer Sportkultur näher als die italienische?
Ich fühle mich hier wohler als in Italien. Es gibt weniger Interessen, man pflegt stärker den Sportgedanken. Wir machen Sport, um Leute zu begeistern, und nicht, um ein Produkt zu verkaufen.
Sie sind bekannt dafür, aus wenig viel zu machen: Lugano punktet, Pescara stieg in die Serie A auf, Foggias Team brillierte, obwohl es manchmal auf dem Stadion-Parkplatz trainieren musste. Wie schaffen Sie das?
Man passt sich halt an. Heute gibt es im Fussball viel Modernes, das nichts nützt. Wichtig bleibt aber die Art, wie man arbeitet und wie man ein Team einstellt.
Sie haben immer wieder Talente lanciert. Auch Lugano ist das zweitjüngste Team der Liga. Wie gehen Sie als 68-Jähriger mit den Jungen um?
Heute muss man stärker auf gewissen Dingen bestehen. Mich stören die Kopfhörer, mich stört, dass sich die Spieler nach dem Training aufs Handy stürzen. Es reicht nicht, dass sie eine Stunde auf dem Platz stehen und dann wieder gehen. Um sich zu verbessern, müssen sie ihr Tun reflektieren: Was mache ich gut, was nicht, wie kann ich mich verbessern? Ich sage nicht, dass sie 24 Stunden lang an Fussball denken sollen. Aber es würde nicht schaden, eine halbe Stunde über das Training hinaus aufzuwenden.
Man nennt Sie «Il muto», den Stummen. Wie können Sie in einer Zeit arbeiten, in der vom Trainer viel Kommunikation verlangt wird?
Mit dem Team muss man kommunizieren. Die Medienarbeit ist dann etwas anderes. Es gibt Trainer, die ständig im Fernsehen und in den Zeitungen sind. Das gehört nicht zum Fussball. Viele der heutigen Coachs versuchen nicht, die Spieler zu verbessern. Sie verwalten sie nur. Es sind die Spieler, die den Trainer machen. Und es gibt wenige Trainer, die den Spieler formen. Ich fühle mich als einer dieser wenigen.
Wieso sind Sie an vielen Stationen gescheitert?
Nicht, weil meine Methoden nicht funktioniert haben. Viel eher hatte ich Probleme mit den Klubs. Viele wollten sich in meine Arbeit einmischen - da bin ich nicht dabei.
Und man feuerte Sie.
Das geschah meistens vor Weihnachten, weil die Vereine im Januar neue Spieler kaufen wollten. Ich war aber immer dagegen, Spieler zu wechseln. Ein Beispiel aus Salerno: Ich musste im Dezember weg. Der Klub kaufte im Januar 22 neue Fussballer, wovon im Juni kein einziger mehr dort war. Das ergibt doch keinen Sinn.
Trotz allen Tiefpunkten: Sie sind nie vom Trainerkarussell gefallen. Wieso?
Ich wollte immer, dass der Platz spricht. Und es ging mir ums Publikum, dass es glücklich über meine Mannschaften war. Es kam vor, dass wir verloren haben. Aber mein Team verliess unter Applaus den Rasen. Das war für mich das Grösste. Die Leute schätzen, was ich mache.
Was gefällt Ihnen noch am Fussball?
Der Fussball von heute ist wie der von gestern. Er ist ein Spiel, das schönste überhaupt. Man spielt ihn überall. Wenn ein Kind einen Ball sieht, dann tritt es danach. Er hat Anziehungskraft. Wer diesen Job macht, muss ihn lieben.
Und Sie können das noch, trotz all den Problemen, die er hat?
Natürlich, immer. Fussball ist für mich der Platz, der Ball und die Spieler. Alles was ausserhalb ist, interessiert mich wenig.
Und die Fifa?
Interessiert mich wenig.
Interview: Michele Coviello