irgendwie fehlt en fred für so en artikel, aber zum marc crawford passt er doch sehr guet!
us de hütige nzz am sunntig:
Das perfekte Jahr der ZSC Lions
2014 haben die Zürcher eine reiche Ernte eingefahren. Damit sind für 2015 die traditionell hohen Ansprüche noch einmal gestiegen. Von Ulrich Pickel
Gäbe es eine Möglichkeit, das Rad der Zeit zurückzudrehen, dann hätten die ZSC Lions das am letzten Mittwoch kurz vor Mitternacht vermutlich getan. 2014 war selbst für diesen erfolgsverwöhnten Klub aussergewöhnlich. Es war das beste Jahr seit der Gründung der Organisation 1997. Und wären sie in der Champions League nicht bereits nach der Gruppenphase ausgeschieden, man könnte von einem makellosen Jahr sprechen. Doch mehr als ein Schönheitsfehler war dieses Out letztlich nicht. Der neu belebte Wettbewerb trägt zwar einen grossen Namen, Profil und Prestige fehlen ihm aber noch.
Im ebenfalls neu belebten Schweizer Cup stehen die Zürcher im Halbfinal, der am kommenden Dienstag gegen den SCB stattfinden wird. Vor allem aber bleiben die Erfolge in der Meisterschaft aussergewöhnlich. Als Qualifikationssieger hatten die Lions das Geschehen phasenweise nach Belieben dominiert, im Play-off krönten sie die Saison mit dem Titelgewinn, und dies mit einem 4:0 im Final und ausgerechnet im Stadion des Nachbarn aus Kloten. Bei alledem spielten sie ein Eishockey, das so schnell, variantenreich und attraktiv anzusehen war wie noch nie seit dem Wiederaufstieg des Zürcher SC vor knapp 26 Jahren. «Nahe an der Perfektion» sei das Jahr gewesen, bilanziert der Trainer Marc Crawford.
Er steht bereits in seiner dritten Saison, so viel Kontinuität an der Bande hat es im Hallenstadion seit Menschengedenken nicht gegeben. Und mit seinem Namen verbunden ist eine sportliche Phase ohne jede Krise, die bisher einzige Enttäuschung war das Ausscheiden mit 1:4 Siegen im Halbfinal 2013 gegen Fribourg-Gottéron.
Der Kanadier ist einer von der Sorte, die sich im Alltag nicht schnell abnützen. Er ist kein Selbstdarsteller, der von früh bis spät Weisheiten von sich gibt oder Sprüche klopft. «Mit Routine und gesundem Menschenverstand» versuche er, die Leute zu führen, beschreibt Crawford seinen Stil. Er kann aber auch ein Hitzkopf sein, von geradezu cholerischem Temperament. Diesem lässt er bisweilen in Wutausbrüchen nach Niederlagen freien Lauf. Doch das spielt sich nur hinter der geschlossenen Garderobentür ab. Nach aussen ist der 53-Jährige meistens der Gentleman mit Anzug und Krawatte, der professionell und unspektakulär seine Analysen von sich gibt.
Wie unangenehm Crawford sein kann, erfährt man von den Spielern nur hinter vorgehaltener Hand. Doch sie alle attestieren ihm auch eine Eigenschaft, die viel dazu beiträgt, dass er sich nicht schnell abnützt: Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Bob Hartley ist er nicht nachtragend. Spätestens am nächsten Morgen ist der Zorn wieder verraucht. Crawford ist unermüdlich, detailversessen und akribisch, und er hat immer mehr Gefallen daran gefunden, den vielen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs den letzten Schliff zu verpassen. «In der NHL managt man die Leute, man hat kaum Gelegenheit, intensiv auf dem Eis zu trainieren. Entweder man spielt, man regeneriert oder man sitzt im Flugzeug. Hier hat man viel mehr Zeit, mit den Spielern zu arbeiten», sagt er.
Was Crawford auszeichnet, ist sein Mut, zum Beispiel auch, zwei 17-Jährige wie Denis Malgin und Jonas Siegenthaler bedenkenlos mit wichtigen Rollen auszustatten. Er schafft es, die Balance zu halten zwischen der Fokussierung aufs nächste Spiel und der mittelfristig angelegten Ausbildung. Crawford sagt: «Einen Jungen einfach spielen zu lassen, ist das eine. Für seine Entwicklung verantwortlich zu sein, ist etwas ganz anderes.» Crawford hat jeden im Auge, ob im Farmteam GCK Lions oder bei den Elitejunioren, er weiss Bescheid, wer wie spielt. So hat er sich den Ruf erworben, ein Ausbildner zu sein, der Karrieren auf den Weg bringt. Chris Baltisbergers und Mike Künzles Fortschritte sind kürzlich mit dem ersten Aufgebot für das Nationalteam belohnt worden. Und was die Autorität betrifft, hilft ihm die Vergangenheit als NHL-Coach, der 1996 den Stanley-Cup gewann. Wenn einer mit solchem Palmarès einem Jungen, der von der grossen Karriere in Übersee träumt, Ratschläge mitgibt, findet er auch Gehör.
Crawford hat 2014 die Ernte eingefahren, die der Klub mit geschickten Transfers und der Juniorenförderung säte. Er schöpft aus, was die beispiellose Struktur der Lions hergibt. Die Jungen machen Fortschritte, und die Stars kann er bei Laune halten. Die Aussichten sind deshalb gut. Doch der Sportchef Edgar Salis wird nicht müde zu warnen. «Wir müssen aufpassen», ist einer seiner meistgehörten Sätze. Gemeint ist: aufpassen, dass der Erfolg den nüchternen Blick nicht vernebelt. Die Konkurrenz aus Bern, Davos, Zug und Lugano hat aufgeholt. Die ZSC Lions sind jetzt nicht mehr so dominant wie im letzten Winter. Doch sie werden an ihrem perfekten Jahr 2014 gemessen. Und das bedeutet, dass die ohnehin hohen Ansprüche noch einmal höher geworden sind. Werden die Zürcher diesmal zum Beispiel Zweite in der Qualifikation und scheiden im Halbfinal aus, so hätten sie die offiziellen Ziele (Top 4, Halbfinal) zwar erreicht - aber glücklich wäre trotzdem niemand.