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Bis Stockers Stunde schlug
Nach dem Wechsel zu Hertha Berlin schaffte Valentin Stocker nicht sofort den Durchbruch. Er blieb ruhig. Weil er sicher war, dass seine Chance kommt. Er wusste sogar, wann genau. Von Benjamin Steffen
Beginnen wir mit Jakob Hein. Jakob Hein arbeitet als Arzt und hat von Sport nicht viel Ahnung. Er bezeichnet sich selber als sportlich «anders begabten» Menschen, man darf wohl sagen: unbegabt. Aber Jakob Hein kennt Berlin. Er hat eine «Gebrauchsanweisung für Berlin» geschrieben, seit 1972 lebt er hier, und in diesen vielen Jahren will ihm kein Berliner untergekommen sein, «der im herkömmlichen Sinne positiv von der Stadt spricht». Das Bier ist zu warm, der Kaffee zu kalt, die Spree zu dreckig. Berlin, so der Eindruck, kann's niemandem recht machen.
Deshalb könnten Berlin und Valentin Stocker ziemlich gut zusammenpassen.
Stocker ist sportlich ebenfalls anders begabt, man darf wohl sagen: hochbegabt. Als Bub war er ein guter Kunstturner und ein starker Tennisspieler, aber er gab Fussball den Vorzug, kein schlechter Entscheid. In den letzten sieben Jahren gewann er mit dem FC Basel sechsmal den Meistertitel; letzte Saison verbuchte er in der Super League 13 Tore und 7 Assists. Es mochte Halbzeiten geben, in denen er fast unsichtbar war. Doch er verliess sich darauf, nicht ausgewechselt zu werden, und schlug nach der Pause zu. Bisher hat er 25 Länderspiele absolviert, aber ausserhalb Basels ist er auf etwas seltsame Art umstritten. Den einen ist er zu arrogant, den anderen zu weich; den einen ist er zu direkt, den anderen zu hinterhältig; die einen nennen ihn Grosskotz, die anderen Valentina. Ja, was nun?
Wer ihn besser kennt, bezeichnet ihn als nachdenklich, reflektiert, schlau. Doch Stocker hat aufgehört, gegen das Image anzukämpfen, vor langer Zeit schon, obwohl er erst 25 Jahre alt ist. Er hat sich eine Gebrauchsanweisung zurechtgelegt für das Leben als Profi; darin steht, dass er unterscheiden muss zwischen sich als Menschen und sich als Fussballer - dass er nichts persönlich nehmen soll, was ihn, den Fussballer, betrifft.
Kürzlich hätte es mal wieder Anlass gegeben für die Korrektur des öffentlichen Bildes. Im Sommer war Stocker zu Hertha Berlin gewechselt. Doch es dauerte vier Runden, bis er in der Bundesliga erstmals zum Einsatz kam. Und es dauerte sieben Runden, bis er erstmals von Anfang an spielte. In der Wahrnehmung vieler Schweizer war Stocker drauf und dran, zu versagen. Es gab Leute, die sich ins Fäustchen lachten. Und es gab Leute, die aufgeregte Sätze schrieben. «Das Drama von Stocker». Oder: «In kleinen Schritten aus der Krise?»
Vier Jahre statt zwei Wochen
Stocker selber wähnte sich nicht in der Krise und erlebte schon gar kein Drama. «Aber ich kann ja nicht jedem Schweizer ein anderes Bild in den Kopf hämmern. Es wurde dramatisiert, und eigentlich stört mich das. Aber ich habe begriffen, dass es so läuft. Ist halt so.»
Es ist Mittwoch, die Hertha hat wieder einmal einen schlechten Tag erwischt. Am Abend zuvor ist sie mit einer peinlichen Niederlage zu Bett gegangen, out im Cup gegen Bielefeld, dritthöchste Liga. Stocker sitzt in einem Café in Charlottenburg-Wilmersdorf, es ist die Gegend, die zu seiner Heimat geworden ist, so fest eine Gegend in wenigen Wochen überhaupt zur Heimat werden kann. Das Olympiastadion, die Hertha-Heimstätte, ist in der Nähe, hier wohnt Stocker mit seiner Freundin, ebenso Fabian Lustenberger mit seiner Familie. Einst besuchte Lustenberger in Kriens ein Jahr über Stocker die Sportschule; seit 2007 spielt er in Berlin, er ist Captain und Stockers Integrationshilfe. Viel kennt Stocker noch nicht von Berlin; er könnte nicht mitreden, ob das Bier zu warm ist, der Kaffee zu kalt, die Spree zu dreckig. Er hatte anderes zu tun. Er hämmerte nicht am besseren Bild in den Köpfen anderer; er feilte an seiner Form.
Die Saisonvorbereitung begann er mehrere Wochen nach den meisten Teamkollegen, weil er erst Anfang Juli von der WM heimgekehrt war. Der Coach Jos Luhukay befand, die körperliche Verfassung reiche noch nicht für Bundesligaeinsätze von Anfang an. Er wusste, dass Stockers Leistungen auf Interesse stossen würden, weil er mehrere Millionen gekostet hatte. So verfielen die Hertha-Chefs nicht in Eile. «Wir verpflichteten Valentin Stocker nicht für zwei Wochen, sondern für vier Jahre», sagt Michael Preetz, der Manager. Preetz kam 1996 als Spieler nach Berlin, er kennt Klub und Stadt, hat viele Spieler kommen sehen. «Ankommen und eingewöhnen, das braucht naturgemäss Zeit», sagt er. «Aber Valentins Situation war mehr für die Öffentlichkeit ein Problem als für den Klub.»
Der 3. Oktober
Luhukay liess Stocker schuften und im Nachwuchs Spielpraxis sammeln. Manchmal gab's drei Trainings pro Tag, die erste Einheit um halb acht. Stocker sagt: «Einige denken, ich hätte eine wahnsinnig schlimme Zeit erlebt. Ja, klar, es war nicht angenehm, zu trainieren, wenn die anderen bloss auslaufen; und ein zweites Mal zu kommen, wenn die anderen frei haben. Die Frage war: Nehme ich die Situation an oder nicht? Der Trainer sagte, er wolle mit mir einen Aufbau machen. Soll ich eingeschnappt sein und Nein sagen?»
Nein. Denn als der 3. Oktober noch weit weg war, da versprach Luhukay Stocker, an diesem Tag werde er gegen Stuttgart erstmals von Beginn an spielen. Bis dahin hiess es: Extraschichten. «Valentin ist keiner, der sich davon einschüchtern lässt, das Aussergewöhnliche findet er spannend», sagt der Sportpsychologe Christian Marcolli. Er arbeitet seit Jahren mit Stocker zusammen, er ist sozusagen der Co-Autor der Gebrauchsanweisung fürs Profileben. «Sobald Valentin in Berlin war, erlebte ich ihn fast immer positiv», sagt Marcolli, «er war nie in einem Loch.»
Doch in der Schweiz wusste kaum jemand, dass der 3. Oktober als der Tag von Stockers Premiere in der Startformation definiert war. Vielmehr war die Geschichte schnell gestrickt. Die Geschichte eines Verlierers. Die Fortsetzungsgeschichte der WM, an der Stocker im ersten Spiel gegen Ecuador eine Halbzeit lang eingesetzt worden war. Und danach nie mehr. Die erste Halbzeit gegen Ecuador war nicht gut, von Stocker nicht und einem halben Dutzend anderer Schweizer nicht. Doch Stocker war der Einzige, dem der Nationalcoach Ottmar Hitzfeld keine Chance gab, den schlechten Eindruck zu korrigieren.
Es war nicht wie in Basel, wo er verschwinden und in der zweiten Halbzeit zuschlagen durfte. Das Handeln von Hitzfeld, das Votum gegen Stocker hatte eine schwer fassbare Absolutheit, zumal die WM Hitzfelds Abschied war. Stocker arbeitet diese Situation lieber für sich selber als öffentlich auf, er sagt: «Im Fussball geht es oft um den richtigen Moment. Es gibt so vieles, was Einfluss hat, manchmal kannst du etwas dafür, manchmal nicht.»
Hitzfeld ging, Vladimir Petkovic kam. Doch Stockers Situation änderte sich bedingt. Im ersten EM-Qualifikationsspiel im September gegen England fiel die fehlende Spielpraxis insofern ins Gewicht, als Stocker ein Aufgebot erhielt, aber keine Einsatzzeit.
Und es kam der 3. Oktober.
Um 15 Uhr gab Petkovic in Luzern das Kader für die Länderspiele gegen Slowenien und San Marino bekannt. Ohne Stocker, der bis dato erst zweimal eingewechselt worden war.
Kurz darauf setzte sich Luhukay in Berlin mit Stocker zusammen. Gegen aussen mochte Luhukay manchmal verwirrend kommuniziert haben, doch gegenüber Stocker hielt er Wort. Am 3. Oktober sagte er Stocker, er spiele gegen Stuttgart von Anfang an, wie versprochen; auch in den nächsten Partien werde er in der Startformation stehen, das könne er dem Nationalcoach sagen. Stockers Antwort: «Trainer, ich habe kein Aufgebot erhalten.»
Danach der Abend, das Spiel gegen Stuttgart. Stocker wusste: Das ist meine Chance. Wenn die WM für etwas gut gewesen war, dann für diese Erkenntnis: Verlasse dich nicht auf die zweite Halbzeit. Er hatte sich mit Marcolli darüber unterhalten - es gab eine Gebrauchsanweisung für diesen einen Abend: Nicht schauen, wie der Match läuft, sondern rennen, von allem Anfang an, unermüdlich. Stocker absolvierte 12,3 Kilometer, er gab zwei Assists. Preetz sagt: «Und dann ging's los, und zwar richtig gut. Das kann man auch mal sagen - das muss man nicht unbedingt erwarten, wenn jemand in einer neuen Mannschaft erstmals von Anfang an spielt.»
Seither behauptete sich Stocker, auch am Sonntag gegen Paderborn wird er von Anfang an im Mittelfeld erwartet. Damit rückt die Nationalmannschaft wieder näher. Stocker würde einem Aufgebot Folge leisten, klar. Aber das Nationalteam bleibt ein Thema, das nicht einfach ist. Stocker redet nicht gern darüber, wohl auch, weil er selber noch gar nicht weiss, was er darüber denken soll. Vielleicht fürchtet er, in die Rolle von Alex Frei und Marco Streller zu fallen, seinen früheren Kollegen im FCB und im Nationalteam, bis sie 2011 aus der Auswahl zurücktraten. Frei und Streller waren geduldete Leader, wenn's gut lief - und die ersten Buhmänner, wenn's schlecht lief.
Wie damit umgehen? Bei Jakob Hein heisst ein Satz: «Kurzum, man setzt sich hin und wartet, dass die Welt an einem vorbeirotiert.»
Vielleicht hat Stocker mit Berlin einen ganz guten Platz gefunden, um die Welt an sich vorbeirotieren zu lassen. Denn sie passen in der Tat gut zusammen, Stocker und die Stadt. Weil sie ihn lernen und wachsen lässt.