Zitat von larlf
naja, sicher en geniale schachzug gsi, ihn i d'verantwortig z'neh!
aber d'frag bliebt glich: wie lang gahts, bis er wieder verletzt isch?
hoffe mer mal, dass er chli spielt, sust isch basel scho im winter meister...
us de hütige nzz am sunntig:
Er ist zurück
Jahrelang hoffte man im FC Zürich auf eine Rückkehr von Yassine Chikhaoui. Dann wollte man sich von ihm trennen. Jetzt führt er das Team als Captain an. Und findet in der neuen Rolle zu alter Brillanz. Von Christine Steffen und Flurin Clalüna
Es war eine kleine Geste im Spiel gegen Vaduz letzten Sonntag. Aber sie zeigt, was für eine Entwicklung Yassine Chikhaoui gemacht hat. Als der FCZ einen Penalty zugesprochen bekam, gab Chikhaoui seinem Landsmann Amine Chermiti ein Signal: «Schiess du.» Es war die Geste eines Captains, der sein Team leitet. Und es war ein Zeichen des Mitgefühls und der Solidarität für den Stürmer und Freund, der seit Monaten kein Tor erzielt hatte. Chermiti traf und sank in die Knie, und einen Moment lang sah es aus, als kämen ihm die Tränen vor lauter Erleichterung.
Sieben Jahre ist Chikhaoui jetzt in Zürich, und die meiste Zeit reichte seine Kraft gerade, um sich selber auf den Beinen zu halten. Und manchmal nicht einmal das: Dann reiste er nach Tunesien und blieb wochenlang in der Heimat - wie letzten Sommer, als ihn rätselhafte Bauchschmerzen plagten. Sieben Jahre lang war Chikhaoui ein Phantom, das zuweilen geisterhaft auftauchte, kleine Hoffnungen entfachte, um danach wieder zu verschwinden. Und jetzt ist er der Captain.
Stolz, Autorität, Eleganz
Der Wandel kam, als die Trennung beschlossen war. Im Dezember hatte der FCZ kommuniziert, dass Chikhaoui keinen neuen Vertrag erhalte. Im April spielten die Zürcher im Cup-Final gegen Basel, und Chikhaoui bekam ein Gesicht. Der FCZ gewann den Pokal, und das Glück machte ihn so lebendig, wie man ihn nie gesehen hatte. Er trug seine Söhne über den Platz, damit sie mit der Mannschaft feiern konnten, er legte die Hand aufs Herz, und man nahm ihm die abgedroschene Geste ab. Er sprach in Mikrofone. Sein Lachen liess alle Melancholie von ihm abfallen.
Wäre man pathetisch, könnte man sagen, Chikhaouis Schicksal sei mit dem des FCZ verknüpft, seit er 2007 im Letzigrund das erste Tor im neuen Stadion erzielt hat. Aber dass er noch hier ist, hat weniger mit Bestimmung als mit der Funktionsweise des FCZ und seines Präsidenten zu tun. Denn nach dem fulminanten Start war Chikhaoui jahrelang nichts mehr als eine Verheissung. Und wie alle Fans verschreibt sich Ancillo Canepa gern Träumen. Er hat den Vertrag mit dem Tunesier verlängert, als unsicher war, ob Chikhaoui je zu alter Stärke zurückfinden würde. Es war ein solidarischer Akt, aber auch eine Investition in eine irrationale Hoffnung. Chikhaoui war eine Projektionsfläche für das Verlangen im FCZ nach Erfolg, Grösse und Virtuosität. Das ist eine schwere Last.
Er selber tat nie etwas, um als Mensch fassbar zu werden. 2009 hatte er im «Sonntags-Blick» ein Interview gegeben, Zeitungen in Deutschland hatten es aufgenommen und Chikhaoui in die Nähe von radikalen Muslimen gerückt. Er fühlte sich zutiefst missverstanden und zog sich völlig zurück. Der FCZ-Trainer Urs Meier glaubt, dass Chikhaoui oft falsch wahrgenommen wurde. Es seien Dinge von ihm verlangt worden, die zu viel gewesen seien. In diesem Zusammenhang sieht er auch die epische Verletzungsgeschichte. Meier sagt: «Wenn man überfordert ist und die Balance nicht stimmt, dann passieren Sachen, die man nicht will.» Tatsächlich vergisst man leicht, wie jung Chikhaoui ist. Das hat viel mit seiner Erscheinung zu tun. Schon mit 20 strahlte er aus, was ihn ausmacht: Stolz, Autorität, Eleganz. Er schien immer kontrolliert und oft entrückt. Bernard Challandes war Trainer im FCZ, als Chikhaoui aus Tunesien kam. Er erzählt, wie dieser stets so schön gespielt und den letzten Pass gesucht habe. Er habe ihn oft gefragt: «Yassine, warum schiesst du das Tor nicht, warum? Hast du keine Lust?» Chikhaoui habe gelächelt und gesagt: «Inschallah, das nächste Mal.» Es sei seine Art gewesen zu sagen, dass nicht er bestimme. Chikhaoui habe gedacht: «Wenn der da oben entscheidet, dass ich kein Tor schiesse, dann ist das eben so.»
Nicht nur wegen des starken Glaubens schien der 27-Jährige stets Welten entfernt von seinen Kollegen; Chikhaoui hat früh geheiratet und war Anfang 20 Vater - in diesem Alter überlegen andere junge Fussballer, welches Auto sie als nächstes kaufen. Doch wenn Urs Meier und der Assistenztrainer Massimo Rizzo über ihn sprechen, zeichnen sie das Bild eines normalen jungen Mannes. Chikhaoui spielt über das Internet Games mit Marco Schönbächler, er hat sich mit Milan Gajic auf dem Tennisplatz getroffen, er mag Basketball und verfolgt die NBA. Der frühere FCZ-Trainer Rolf Fringer sagt: «Die Mitspieler standen ihm menschlich nahe, viel näher, als man von aussen wahrgenommen hat. Und sie haben seine Enttäuschung und seine Frustration akzeptiert. Auch wenn er unwirsch war, haben sie ihn nie fallengelassen.» Massimo Rizzo beschreibt Chikhaoui als humorvollen Menschen, der gern witzle. «Yassine kann sehr herzlich sein», sagt Urs Meier, «aber wenn er im Herzen verletzt wird, dann kann er sich auch anders präsentieren.»
Wenn sich Chikhaoui anders präsentiert, dann zeigen sich sein Stolz und die Wachsamkeit, die rasch in Misstrauen kippt. Bernard Challandes erinnert sich, dass Chikhaoui anfangs fast gar nicht gesprochen habe. Er sagt: «Es war nicht leicht - weder für ihn noch für uns.» Chikhaoui sei überrascht gewesen, wie das Leben hier funktioniere, er habe sich schwergetan, sich anzupassen. Einmal habe er plötzlich nach Tunesien fliegen, ein anderes Mal einen Tag mehr frei haben wollen. Dass das nicht gehe, habe er nicht verstanden. Massimo Rizzo sagt, Chikhaoui sei zu Beginn «sehr auf Abstand» gewesen. Erst über Hilfestellungen bei praktischen Dingen wie Auto, Wohnung oder Krankenkasse sei ein Vertrauensverhältnis entstanden. Ludovic Magnin kam 2010 zum FCZ und hat einen reservierten Menschen getroffen. Das Kennenlernen habe viel Zeit beansprucht. Er vergleicht Chikhaoui mit Alex Frei; beide gäben ein falsches Bild von sich ab. Heute sagt Magnin, Chikhaoui sei ein lustiger Kerl.
Wie Chikhaoui funktioniert, zeigt vielleicht am besten eine Episode, die der frühere FCZ-Sportchef Fredy Bickel erzählt. Als er und Präsident Canepa 2007 nach Sousse reisten, um den Spieler zu treffen, wollte Chikhaoui sie zuerst nicht sehen. Erst als der Spieler erfuhr, dass zwei Leute eigens seinetwegen ein Flugzeug gechartert hatten, war er bereit zu verhandeln. Und als er im Gespräch das Gefühl bekam, die beiden seien ernsthaft interessiert, entschied er sich schnell für den FCZ.
Arbeiter und Anführer
Es ist eine Art Kredit, die man ihm entgegenbringen muss, eine Bevorschussung, die Chikhaoui als Respekt empfindet. Spürt er ihn, legt er die Distanz ab, die auch als Arroganz empfunden werden kann. Diese Art der Annäherung ist nicht einfach, sie verlangt Grosszügigkeit vom Gegenüber. Er müsse immer wieder versuchen zu spüren, was Chikhaoui unter Respekt verstehe, sagt Rizzo. Auch wenn die Trainer betonen, wie gewöhnlich Chikhaoui ist: Die Arbeit mit ihm ist immer noch eine Herausforderung. Dass er ausgerechnet jetzt aufblüht, ist kein Zufall. Für Meier und Rizzo ist Vertrauen zentral. Es ist der Boden, den sie bereiten, damit die Spieler ihre beste Leistung bringen. Bei Chikhaoui geht dieses Konzept auf, wie seine Auftritte in den drei siegreichen Saisonspielen zeigen. Nicht nur ist die fliessende Eleganz seiner Bewegungen zurück, Chikhaoui ist auch zum Arbeiter und Anführer geworden. Er ist hineingewachsen in den Mantel, den man ihm viel zu früh umgelegt hatte. Die Mannschaft respektiert ihn; manchmal scheint es fast, als würde sie ihren Captain tragen, seine Brillanz sorgsam behütend.
Einen grösseren Kredit als das Captain-Amt hat Chikhaoui im FC Zürich nie erhalten. Bernard Challandes sagt, es sei eine gute, verrückte Idee gewesen, ihn zum Captain zu machen, «typisch FCZ vielleicht». Tatsächlich ging der Wandel vom ausrangierten Spieler zum Chef verblüffend schnell. Dass sich ein so stolzer Mensch nach einer Trennung auf neue Gespräche einlässt, mag für eine echte Bindung sprechen. Vielleicht ist es auch die erwachsene Einsicht, dass er in seiner Fragilität in Zürich gut aufgehoben ist. Fragen kann man Yassine Chikhaoui nicht. Er hat sich zwar geöffnet; Interview-Anfragen lehnt er aber immer noch ab.
Absturz und Aufstieg
Sieben Jahre mit Träumen, Hoffnungen und Schmerz
Yassine Chakhaoui war ein in sich gekehrter Fussballer, von Schmerzen und Misstrauen geplagt, aber niemandem hat man in der Schweiz lieber beim Spielen zugesehen als ihm. Mehr als dreieinhalb Jahre war er verletzt, seit er im Sommer 2007 zum FCZ kam und vom Traumverkäufer zum chronisch Verletzten wurde. Und nun, sieben Jahre später, ist es, als ob sein Fussballerleben nochmals von vorne beginnen würde.
Die Bombe
Mai 2007. Viele Klubs in Europa wollen den 20-jährigen Chikhaoui haben, am Ende verpflichtet ihn der FCZ. Stolz schreibt der Klub im Communiqué: «Neben dem FC Zürich hatten auch die französischen Spitzenklubs Olympique Marseille, Racing Lens und der Le Mans Union Club um die Dienste des tunesischen Talents gebuhlt.» Chikhaoui, Tunesiens Fussballer des Jahres 2006 und afrikanischer Champions-League-Sieger mit Etoile Sportive du Sahel, bringt den Präsidenten Ancillo Canepa schon damals ins Schwärmen. Canepa sagt: «Er ist eine Bombe, besser als jene, die gegangen sind.» Es sind neben anderen Blerim Dzemaili, Gökhan Inler und Xavier Margairaz, die Zürich verlassen haben. Chikhaoui sagt zu seinem Wechsel: «Natürlich will ich in die Champions League. Aber es gibt auch noch andere Gründe: eine gute Stadt, eine gute Equipe, ein professionelles Umfeld.»
Die Einweihung
September 2007. Am Tag vorher ist er 21 Jahre alt geworden, aber es ist dieser Sonntag, den er nie vergessen wird - so wie alle Zuschauer, die dabei gewesen sind. Chikhaoui erzielt sein spektakulärstes Tor, es ist ein Slalomlauf um die halbe GC-Mannschaft, in 36 Sekunden. An diesem Tag wird das neue Letzigrundstadion eröffnet, und schöner hätte man es nicht einweihen können als mit Chikhaouis Tor. Er erzielt es im Ramadan, seinen Iman in Tunesien fragt er vorher, ob er an Spieltagen die Regeln auch so konsequent befolgen müsse. «Ja, sonst musst du als Fussballer aufhören», wird ihm gesagt. Vor dem Spiel wird er unter die kalte Dusche geschickt, um den Flüssigkeitsmangel auszugleichen.
Die Zäsur
Februar 2008. Ein Interview im «Sonntags-Blick» verändert Chikhaouis Leben. Er äussert sich darin missverständlich und wird in die Nähe von radikalen Islamisten gestellt - auch in Deutschland, wo die Boulevardzeitung «Bild» das Thema aufgreift, weil Chikhaouis geplanter Wechsel in die Bundesliga längst ein Thema ist. Canepa rechnet bereits mit einem «zweistelligen Millionen-Transfer». Chikhaouis Misstrauen ist nach dem Interview so gross, dass er jahrelang nicht mit Journalisten spricht. Sein damaliger Berater Carlos Fleischmann sagt heute: «Chikhaoui war vorher schon zurückgezogen, aber nach dem Interview begann er sich abzuschotten.» Und Chikhaoui selber sagte: «Ich bin schockiert, wie eine normale Aussage, die meinem Glauben entspricht, in den Medien dargestellt wird. Damit hätte ich nie gerechnet.»
Das Leiden
April 2008. Alles beginnt mit einer Entzündung der Patellasehne. Chikhaoui wird zum Dauerpatienten mit einer unvergleichlichen Krankengeschichte. Anfang April wird Chikhaoui in Augsburg operiert, doch die Schmerzen lassen nicht nach, im Gegenteil. Später besucht er die medizinische Abteilung des FC Barcelona. Nach der Behandlung ist der FCZ zuversichtlich. Doch Chikhaoui fällt über ein Jahr aus. Nach vierzehn Monaten gibt er im Mai 2009 sein Comeback. Sein Mannschaftskollege Tico trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Yassine is back». Aber nicht für lange. Bald reisst wieder ein Muskel, und im Sommer 2010 wird ihm in einem Spiel mit der tunesischen Nationalmannschaft in Tschad das Schienbein zertrümmert. Der FCZ-Präsident Canepa spricht von einer «schockierenden Hiobsbotschaft» und einer «Tragödie» für den Spieler. Wieder fällt Chikhaoui lange aus. Sein früherer Berater Fleischmann sagt: «Kurz vor der ersten Operation an der Patellasehne waren wir uns mit Chelsea einig. Es ging um einen Wechsel in der Höhe von 10 Millionen Pfund. Innerhalb weniger Stunden ist alles geplatzt. Es ist eine tragische Geschichte, Chikhaoui stand vor einer Weltkarriere.» Noch im Februar 2010 spricht Canepa in der «Sportwoche» davon, er habe ein «konkretes zweistelliges Millionen-Angebot» für Chikhaoui vorliegen. Es geschieht nichts. Der Tunesier ist vor allem Patient, nur wenige glauben noch an seine Rückkehr auf den Fussballplatz. Chikhaoui leidet und zieht sich noch mehr zurück. In seinem Umfeld macht man sich Gedanken zu einer allfälligen Sportinvalidität.
Der Neuanfang
Mai 2014. Im Dezember 2013 verschickt der FCZ ein Communiqué, das die Zeit Chikhaouis in Zürich zu beenden scheint: «Nach einer Gesamtbeurteilung aller Faktoren» sei man übereingekommen, den im Sommer auslaufenden Vertrag mit Chikhaoui nicht zu verlängern.
Aber der Trennungsschmerz ist zu gross, für beide, für den Präsidenten Canepa und für Chikhaoui. Im Mai 2014, kurz nach dem gewonnenen Cup-Final, verlängert der FCZ den Vertrag mit ihm bis 2017. Chikhaoui verdient nun deutlich weniger als die 1,4 Millionen Franken von früher. Viele nennen die Vertragsverlängerung dennoch unvernünftig. Canepa aber sagt: «Chikhaoui hatte in den letzten sieben Jahren unverschuldet oft Pech. Nun ist er physisch stabiler. So viel Pech wie damals kann er in Zukunft gar nicht mehr haben.» Im Juli wird Chikhaoui Captain. Flurin Clalüna