nzz am sonntag heute:
Im Grössenwahn
Vom Dorfverein stieg Kloten zum nationalen Spitzenklub auf. Jetzt droht den Flyers das Ende, weil Geld plötzlich keine Rolle mehr gespielt hat und Warnungen ignoriert wurden. Von Daniel Germann
Das ist die Geschichte der Kloten Flyers, eines Eishockeyklubs, der als Dorfverein begann, aufstieg bis an die nationale Spitze, sich dabei immer mehr von seinen ursprünglichen Werten löste und nun ins Nichts zu stürzen droht. Es ist aber auch die Geschichte von Jürg Bircher, einem Mann aus einfachen Verhältnissen, der eine Lehre als Metallbauschlosser machte, mehr wollte und sich weiterbildete, die soziale Leiter Sprosse um Sprosse hochstieg und dabei offensichtlich den Boden unter den Füssen verlor.
Als Bircher 1964 geboren wurde, waren die Kloten Flyers, die damals noch EHC Kloten hiessen, bereits 30 Jahre alt und seit zwei Jahren in der Nationalliga A. Als Bircher Ende 2008 die Aktienmehrheit übernahm, hatte der Klub bereits fünf Meistertitel gewonnen, aber auch mehr als eine Sanierung hinter sich. Es gab vor Bircher andere, in Kloten und auch anderswo, die ihre Möglichkeiten überschätzten und euphorisiert durch das emotionale Umfeld des Sports und die Bühne, die er ihnen bot, den Bezug zur Realität verloren. Doch kaum einer hat einen Klub derart ungeniert und auch unkontrolliert gegen die Wand gefahren wie er.
Aus einer anderen Welt
Bircher ist heute ein gebrochener Mann. Noch spricht er, wenn man ihn fragt. Doch wenn er spricht, dann tut er das mit einer Stimme, der die Überzeugung fehlt. Das war nicht immer so gewesen. Als er bei den Kloten Flyers auftauchte, war er stark und selbstsicher. Er erschien als Mann aus einer anderen Welt. Als Mann aber auch, der keine Zeit verliert. Zuerst sah man ihn gelegentlich im «Red Line Club», der Klotener Sponsorenvereinigung. Dann gehörte ihm ein Bully-Kreis - und ehe man sich versah, der ganze Klub.
Peter Bossert, sein Vorgänger als Präsident und Mehrheitsaktionär im Klub, hatte von Anfang an Bedenken, Bircher die Aktien zu überlassen. Ein erster Anlauf fand an Bosserts Krankenbett statt und scheiterte im letzten Moment, weil Bircher noch eine genauere Buchprüfung forderte. Bossert empfand diesen Wunsch als Kränkung.
Im zweiten Anlauf kam die Übergabe doch noch zustande, und Bircher verlor keine Zeit, dem Klub seinen Stempel aufzudrücken. Eine Person aus dem weiteren Umfeld erinnert sich, wie der neue Mehrheitsaktionär an der Weihnachtsfeier vor versammelter Klub-Familie erklärte, was er nun alles anders und besser machen wolle als seine Vorgänger. Als Erstes krempelte er das Erscheinungsbild der Flyers um. Es gab ein neues Logo und neue Farben. Dann machte er sich an die Organisation des 75-Jahre-Jubiläums des Klubs. Drei Zelte wurden aufgestellt. Aus Deutschland kam ein Musical-Ensemble. Die dienstälteren Verwaltungsräte verfolgten das Ganze mit Unbehagen. Doch Bircher wischte die Bedenken vom Tisch. Wer sich auflehnte, wurde als Verhinderer abgetan.
Nur noch das Beste war für die neuen Flyers gut genug. Statt wie von Bircher prognostiziert mit einem Gewinn, endeten die Jubiläumsfeierlichkeiten mit einem Defizit von 350 000 Franken. Doch das war nur der Anfang des Grössenwahns. Eine Spielerrochade aus der Anfangsphase von Birchers Amtszeit macht deutlich, wie die Kosten aus dem Ruder liefen: Damien Brunner, der in Kloten 120 000 Franken verdiente, genügte nicht mehr und wurde im Tausch für Thomas Walser nach Zug abgeschoben. Walser verdiente bereits 160 000 Franken und musste seinerseits vorzeitig nach Langnau weiterziehen. Von dort kam Michel Zeiter für 250 000 Franken. Doch auch der ehemalige Nationalspieler genügte den Ansprüchen nicht und beendete die Karriere in Visp - bezahlt zum Teil immer noch von Kloten.
Das ist nur ein Beispiel. Geld spielte keine Rolle mehr. Ein Spieler soll gegenüber einem Verwaltungsrat gesagt haben, man müsse in den Vertragsverhandlungen gar nicht mehr feilschen; die Angebote seien so gut. Als Roman Wick oder zuletzt Patrick von Gunten signalisierten, aus dem Ausland zurückzukehren, stand ihr ehemaliger Klub mit Offerten bereit, die auszuschlagen sie ausserstande waren. Warnungen, man könne sich das nicht leisten, schlug Bircher in den Wind. Er agierte nach dem Grundsatz: Wer zahlt, befiehlt. Nicht alle mochten diese Politik mittragen. In den dreieinhalb Jahren, in denen Bircher dem Klub nun vorsteht, schieden zehn Männer aus dem Verwaltungsrat aus; als Letzter im Februar Rolf Mosimann, ein angesehener Geschäftsmann, der für die Flyers über Jahre Sponsoren akquirierte.
Mosimann war im November eine der treibenden Kräfte gewesen, als der Verwaltungsrat seinem Präsidenten die Kompetenz entzog, mit Einzelunterschrift finanzielle Transaktionen vorzunehmen. Das führte zu einer internen Krise, den Kurs geändert hat es nicht. Denn Bircher hat eine Hausmacht installiert: Seinen ehemaligen Schulkollegen Roger Kuhn setzte er als CEO ein. Als der im vergangenen Frühjahr nicht mehr gewillt war, die finanziellen Transaktionen abzuwickeln, trennte er sich von ihm. Im Verwaltungsrat ist die wichtigste Bezugsperson Kurt Hildenbrand, der auch in der JUBE-Holding sein Geschäftspartner ist und ihm intellektuell als überlegen gilt. Bei den Flyers wurde gespottet, der ehemalige Metallbauschlosser Bircher sei die Muskelmasse, Hildenbrand hingegen das Gehirn des Duos.
Die Rolle der JUBE-Holding
Die JUBE-Holding, ein Firmenkonglomerat aus der Bau- und Immobilienbranche, spielt eine zentrale Rolle im Aufstieg der Kloten Flyers zum Spitzenklub und ihrem Fall an den Rand des Konkurses. Die verschiedenen Geschäftsabschlüsse ihrer Tochtergesellschaften ermöglichten es, mit temporären Transaktionen die Bilanzen nötigenfalls für die Revision fit zu machen. Nach Birchers erstem Amtsjahr betrugen die «Forderungen aus Lieferungen und Leistungen» in der Bilanz 725 000 Franken; in den darauffolgenden Jahren stiegen sie auf 3,95 beziehungsweise 3,84 Millionen, ohne die die AG bereits überschuldet gewesen wäre. Als der ehemalige Besitzer Bossert Rechenschaft über die Position forderte, wurde ihm die Auskunft verweigert.
Nun scheint die JUBE-Holding ihrerseits in finanzielle Probleme geraten zu sein. Bircher versucht verzweifelt, Geld aufzutreiben, um Klub und Unternehmen über Wasser zu halten. Er ist dabei unter anderem beim ZSC-Präsidenten Walter Frey und bei seinem ehemaligen Geschäftspartner Beat Anliker vorstellig geworden. Anfang Februar stellte er den TV-Journalisten Adrian Fetscherin als künftigen Geschäftsführer und Mehrheitsaktionär vor. In der Medienmitteilung schrieb er: «Nach einer Kapitalerhöhung und verschiedenen, eingeleiteten Massnahmen steht der fünffache Schweizer Eishockeymeister finanziell gesund da.» Und weiter: «Mit den getroffenen Entscheidungen ist der Spielbetrieb der Kloten Flyers für die nächsten Jahre gesichert.» Dreieinhalb Monate später ist unwahrscheinlich, dass die Flyers beim Saisonstart noch existieren werden. Wenn die Geschichte nicht so traurig wäre, sie wäre zum Lachen.