unten ein - wie ich finde - ziemlich origineller "giftpfeil", aus basel richtung zürich (aus der nzz am sonntag):
gruess roli c.
Liebe, teure Zürcher
Laut dem englischen Magazin «The Economist» ist Zürich die teuerste Stadt der Welt. Damit verdrängt die Schweizer Wirtschaftsmetropole Tokio vom Spitzenplatz. Als Basler ist man davon schwer beeindruckt: Führt die Diskretion der Basler doch dazu, dass die Stadt am Rheinknie auf keine Liste kommt. Von Minu
L iebe Zürcher.
Ihr habt's also geschafft! Ihr holt Euch den WM-Titel im Marathon-Rennen um den teuersten Lebenskostenindex. Das macht Freude. Das macht Spass. Und sicher wird das Ereignis gebührend mit Hallenstadion- Hallihallo, rotem Teppich und Live-Lifestyle-Fernsehdirektübertragung gefeiert. Denn eines muss man Euch Zürchern lassen: Im Sichselberfeiern habt Ihr die lästigen Basler längst geschlagen. Der Focus des Zürcher Fernsehens ist immer mit Glanz und Gloria auf Zürich gerichtet. Zürich ist die Welt. Und - seit dieser Woche vom englischen Magazin «Economist» schwarz auf gold verbrieft - die teuerste dazu!
Tokio wird auf den zweiten Platz verwiesen. Die Sushi-Preise sind dort geradezu lächerlich, wenn man's mit unserm Tempura-Japaner an der Ecke vergleicht. Und für den Preis eines einzigen Zürcher Bahnhofstrassen-Tagestruffes könnten sechs Kinder aus Karachi (Rang 132) vier Jahre lang Sozialwirtschaft studieren.
Ich schnall's noch nicht, wie sich der «Economist» diese Tabelle mit den teuersten Städten der Welt zusammenwurstelt. Doch uns Basler hat die Sache total umgehauen - aber total, sage ich Euch.
Basel ist billig. Schlimmer: Basel ist gar nicht. Wie immer. Non-existent. Luft. Auseconogemistet. Das RegioStädtchen wird nicht nur vom Schweizer Fernsehen ignoriert - auch der «Economist» übersieht die Kleine am Rheine. Basel liegt damit im Rating irgendwo zwischen Mumbai, Cleveland und Hornussen. Also nirgendwo. Und da muss man sich schon fragen: Was macht eigentlich das Leben in Zürich teurer als das Vegetieren in Basel?
Natürlich ist es kostenaufwendiger, an der herrlichen Betonküste mit Blick auf den grössten Pool der Schweiz seine Villa zu bespielen. Ich meine: Das ist etwas ganz anderes als eine Ikea-Zweizimmerwohnung am Arsch eines rheinischen unreinen Chemiesilos, das immer leicht vor sich hindampft wie ein noch nicht abgestelltes AKW. Oder der letzte Basler Raucher im Fümoir.
Und natürlich ist das Leben all dieser herumhampelnden Bankangestellten rund um den Bürkliplatz sicherlich nicht gerade billig, wenn man an die trauerschwarzen Armani-Anzüge und die Gürtel mit der H-Schnalle (H wie Her-Schauen!) denkt.
Auch das allabendliche Abchillen in der Cüpli-Bar malträtiert die ohnehin nicht mehr üppigen Boni-Einnahmen gewaltig, ganz abgesehen vom Schnee auf dem Spiegel - Linie für Linie geht da ins dicke Tuch. Das schnupft keine Geiss weg! Dagegen ist das Vergnügen der zünftigen Finanzbrüder, jedes Jahr ein paar Tausender durch ein Wattemännchen im Klang des Sechseläutenmarschs abpfupfen zu lassen, geradezu ein Schnäppchen.
Und teuer machen das Zürcher Leben natürlich auch die Bankmenschen, die auf Abwege(li)n tummeln oder mal rasch eine Handvoll Milliarden wegspekulieren. Unter Milliarden machen sie es an der Limmat nicht. «Millionen» gilt in Zürcher Bankenkreisen heute bereits als Unwort. Billion - ist der Ton.
Natürlich gibt's auch in der reichsten Stadt der Welt ein paar abgehangene und verlotterte Kreaturen, die dich am Bahnhof abfangen und anschlauchen: «Häsch mer es Nöötli?» Selbst in diesem Moment bricht jedoch das Zürcherische krass durch: Während in Basel der Klient um einen «Stutz» angegangen wird, passt sich der Zürcher Bettler automatisch den teuersten Umständen der Welt an - er fordert Notengeld. In Basel weiss der Bettler ganz genau, dass er dem Bebbi auf den spendierten Franken 50 Centimes herausgeben und eine Quittung unterschreiben muss. Die 50 Centimes kommen als Spendengelder auf die Liste der Steuerabzüge.
So kann Basel natürlich nie die teuerste Stadt der Welt werden. Überhaupt ist das Verhältnis der Basler zu ihrem Geld ein anderes als dasjenige der Zürcher zum «Chlotz». Letztere chlotzen damit. Oder, wie es auf Neudeutsch heisst: Sie lassen's krachen.
In Basel gilt es als schlechter Geschmack, wenn jemand in einem Ferrari zum Shoppen geht. In Zürich ist es der einzige Weg.
Der Bebbi geizt mit seinem Geld. Und hortet es versteckt. Nicht umsonst ist neben dem biblischen Gebot «Du sollst nicht prassen und 's Böse lassen!» der Leitspruch «Mer hänn nyt, mer gänn nyt!» auf jedes Brotkorb-Deckeli des alteingesessenen Basler Daigs gestickt. Kreuzstich. Denn mit dem Reichsein ist es in Basel immer ein Kreuz gewesen.
Derselbe Daig blättert dann aber, wenn die Stadtkultur einen Obolus erbittet, locker einen zweistelligen Millionenbetrag hin. Allerdings: «Bitte anonym - es braucht es ja niemand zu wissen, woher das Geld kommt.»
Überhaupt springt immer mal wieder der legendäre Basler Daig ein, wenn es gilt, «eine gute Sache» privat zu unterstützen. Nur wenn's darum geht, die Stadt-Zeitung zu retten oder die beliebteste Bierhalle der City nicht untergehen zu lassen - da ruft man dann die Zürcher. Und schnödet nachher über sie: «Einfach pervers, wie die mit dem Geld um sich werfen!»
Diese Perversion, liebe Zürcher, hat Euch aufs goldene Treppchen gehievt. Ganz nach oben.
Da muss das letzte Basler Neidhammelherz eingestehen:
Ihr seid die Grössten.
Ihr seid die Teuersten.
Und wir sind gegenüber Euch einfach nur billig. Die Aldis der Nation, quasi. Wir Basler schaden so dem glänzenden Ranking der Schweiz - entschuldigt, dass es uns gibt. Aber wir versuchen seit Jahrhunderten, nicht die Teuersten zu sein. Sondern die Kostbarsten.
Und das ist der kleine, kulturelle Unterschied.