aus der heutigen nzz.
gruess roli c.
«Sehe ich etwa unglücklich aus?»
Der ZSC-Lions-Trainer und Stanley-Cup-Sieger Bob Hartley spricht über seine Motivation, in der Schweiz zu coachen
Will man Bob Hartley, den ZSC-Lions-Trainer mit grosser Vergangenheit in Nordamerika, in seinem Element sehen, lohnt sich ein Besuch im «kleinen Hallenstadion». In der Neudorf-Halle, gleich neben der Spielstätte der Lions, ist der Eishockeylehrer Hartley am Werk.
Interview: Ulrich Pickel, Christoph Fisch
Will man Bob Hartley, den ZSC-Lions-Trainer mit grosser Vergangenheit in Nordamerika, in seinem Element sehen, lohnt sich ein Besuch im «kleinen Hallenstadion». In der Neudorf-Halle, gleich neben der Spielstätte der Lions, ist der Eishockeylehrer Hartley am Werk. Unermüdlich erklärt der Frankokanadier seinen Spielern auf Englisch technische und taktische Finessen, lässt sie üben und greift sofort zur Pfeife, wenn ihm etwas nicht gefällt. Er, der als Juniorentrainer anfing und in Übersee weiterhin eine Eishockeyschule betreibt, sieht auch bei bestandenen Profis stets Verbesserungspotenzial. Die Umgangsformen sind locker, aber doch bestimmt, Hartley ist der Chef auf dem Eis, nicht der Kumpel. So schleichen die Spieler nach einem mental wie körperlich harten Training nicht wie geprügelte Hunde vom Eis, sondern mit einem Lächeln auf dem Gesicht, mit der Gewissheit, wieder einen kleinen Schritt nach vorn gemacht zu haben. Und sie wissen auch, dass ihr Coach für sie durchs Feuer gehen würde – oder zumindest durch den Dschungel von nach Polemiken lechzenden Medien. Nach schlechten Leistungen, von denen es in dieser Saison doch schon einige gab, stellt er sich demonstrativ vors Team. Auch nach dem 2:3 am Dienstag gegen Bern versuchte Hartley gegenüber Journalisten, das Positive herauszustreichen, ärgerte sich aber innerlich bestimmt über die nach wie vor zu geringe Torproduktion seiner mit grossen Namen gespickten Sturmlinien. Mit gleicher Hingabe spricht Hartley auch in seinem Büro, das er sich mit seinem Assistenten und alten Weggefährten Jacques Cloutier teilt, über die Lions. Da kommt ihm schon einmal «I love this team» über die Lippen. Frei von Sentimentalitäten ist er auch nach einem halben Leben im Coaching-Business nicht. So kehrte er beispielsweise 2001 nach dem Gewinn des Stanley-Cups mit dem Pokal an seine erste Wirkungsstätte als Juniorentrainer zurück (Hawkesbury, Ontario), und zwar zu den ehemaligen Kollegen in der Fabrik, wo er während Jahren in der Produktion von Windschutzscheiben gearbeitet hatte. «Damals standen die Maschinen im Mittelpunkt meiner Arbeit, im Eishockey ist es der Mensch.» Man sieht ihm an: Menschen sind dem 51-Jährigen lieber als Maschinen.
Bob Hartley, Sie haben vor Ihrem Engagement bei den ZSC Lions zwei Jahre lang als TV- und Radio-Analyst im Umfeld der NHL gearbeitet. Versetzen Sie sich für uns kurz zurück in Ihre frühere Rolle, und analysieren Sie den ZSC nach knapp der Hälfte der Qualifikation.
Das Team hatte einen schwierigen Saisonstart, dann machte es im Oktober Fortschritte. Es scheint auf gutem Weg, der Mix aus jungen und routinierten Spielern stimmt.
Und Ihr Urteil über die Schweizer Liga?
Seriös, gut organisiert, gutes Eishockey. Und das alles in einem so kleinen Land. Wenn ich Freunden zu Hause erzähle, dass hier auf so kleinem Raum eine Meisterschaft mit zwölf Profiteams stattfindet, können die das kaum fassen.
Zurück zum Trainer Hartley: Sie waren also nicht überrascht von den Schweizer Verhältnissen?
Überhaupt nicht, obwohl ich hohe Erwartungen hatte. Ich machte mich schlau bei ehemaligen Spielern von mir mit Erfahrung in der Nationalliga A, etwa David Aebischer (der Schweizer Torhüter spielte vor einem Jahrzehnt unter Hartley bei den Colorado Avalanche, Anmerkung der Redaktion).
Dann wussten Sie also, dass auch hierzulande Coachs eher früh als spät entlassen werden, wie etwa im Fall von Bern-Trainer Larry Huras?
Oh, wissen Sie, ich bin lange im Business, ich habe erlebt, dass Kollegen im Vorbereitungscamp gefeuert wurden.
Hatten Sie keine Angst um Ihren Job nach dem schlechten Saisonstart mit sechs Heimniederlagen in Folge?Nein. Ich hätte ja im TV-/Radio-Business bleiben und weiterhin der Guy, der immer recht hat, sein können. Aber ich wollte nach zwei Jahren wieder coachen, die Emotionen an der Bande leben.
Nennen Sie uns die Hauptunterschiede zwischen der NHL und der NLA.
Generell die räumlichen Verhältnisse. Ich schlafe jede Nacht im eigenen Bett, auch nach Auswärtsspielen. In der NHL mit ihren Road-Trips ist dies unvorstellbar. Und die Stadien spiegeln die jeweilige Stadt, überall trifft man auf lokale Eigenheiten. In der NHL sehen die Stadien zwar unterschiedlich aus, aber ist man erst einmal drinnen, ist's überall gleich, eine Art Einheitsbrei.
Und das Coaching betreffend?
Da sind die Unterschiede noch grösser. In der NHL habe ich in Heim- wie Auswärtsspielen ein Coaching-Office mit TV und Video. So kann ich in der Pause mit dem Team Spielszenen anschauen und es besser auf den Gegner einstellen.
Coachs in der NHL scheinen die Werbeunterbrüche zu lieben. Weshalb?
Dank den TV-Breaks habe ich mehr Coaching-Möglichkeiten auf der Bank. Das sind wie zweiminütige Time-outs. Unmittelbar vorher kann ich meine Top-Spieler forcieren, denn ich weiss ja, dass sie beim nächsten Spielunterbruch die nötige Zeit zum Erholen bekommen. In der Nationalliga aber geht alles Schlag auf Schlag, «the puck keeps dropping», und das Drittel ist um, ehe man Zeit zum Luftholen hatte. Am schwierigsten ist das für die Spieler.
Und der Umgang mit den Spielern, ist der hier anders, mehr psychologischer Natur als in der harten NHL?Ach wissen Sie, die Unterschiede sind gar nicht so gross. Ich hatte in der NHL weinende Spieler in meinem Büro, Nordamerikaner notabene. Und gleichzeitig einen Aebischer im Team, einen kompetitiven, harten Arbeiter. Und auch Mark Streit, dessen Aufstieg ich in Montreal genau beobachtete, war kein Swiss-Softie.
Vermissen Sie die Möglichkeit, mitten in der Saison das Kader aufzufrischen, so wie mit grossen Spielertauschen in der NHL?
Wenn es die noch gäbe. Seitdem es eine Lohnobergrenze gibt, sind auch die reichen NHL-Klubs in engen Hosen.
Sie fühlen sich also nicht eingeengt mit Ihrem jetzigen Lions-Kader?
Nein. Und dann muss man Folgendes berücksichtigen: Wenn man neu in eine Liga kommt, muss man sich nach den dortigen Regeln richten. Ich bin nicht hier, um das Schweizer Eishockey zu ändern. Ich kam hierher, um im Schweizer Eishockey zu arbeiten. Ich habe keine Mühe, mich anzupassen. Niemand hat mir die Pistole an die Brust gesetzt und mich gezwungen, hier zu coachen. Die Nationalliga A ist sehr gut, und sie erhält nicht halb so viel Kredit, wie sie verdient.
Sie sagen also nicht, dass der Wert einer Liga nur an der Zahl jener Spieler gemessen werden kann, die sich in der NHL durchsetzen?
Schon auch. Aber gleichzeitig glaube ich, dass man grundsätzlich als Spieler hier nicht in die Liga hineinwächst, nur um später einmal in die NHL zu gehen. Die Nationalliga A ist primär das Spitzenprodukt des Schweizer Eishockeys. Man kann sich hier aber schon den nötigen Schliff für die NHL holen.
Sind Sie denn der Meinung, dass jene, die nach Nordamerika wollen, dies so früh wie möglich tun sollten?Nein, das sage ich nicht. Wenn man als 18-Jähriger hier mit Männern in der Nationalliga spielen kann, ist das sehr gut. Aber jeder Fall ist verschieden. Was dem einen entgegenkommt, kann für den anderen genau das Falsche sein. Die Frage, wann ein Spieler am besten wo spielen soll, beschäftigt die Leute auch in Nordamerika. Das sind individuelle Entscheidungen fürs Leben. Man muss sie treffen und dann dazu stehen.
Ihre Aufgabe hier ist es, die Spieler und das Team besser zu machen. Haben Sie daneben auch den Überblick über das Talentreservoir in der ganzen Organisation der ZSC Lions?
Die ZSC-Nachwuchsabteilung ist riesig. Aber die Spieler gehören uns nicht, andere Klubs fressen schon einmal über den Hag. Ich schaue mir Spiele der Junioren an und finde die Qualität sehr gut. Ich will die Jungen auch bei mir im Training sehen. Mit Luca Cunti, Reto Schäppi und Ronalds Kenins hat die Integration schon geklappt. Natürlich werden nicht alle Talente den Sprung ins Team schaffen.
Sind Sie ein Coach, der Zeit braucht, bis seine Arbeit Früchte trägt? In der NHL waren Ihre Mannschaften Colorado und Atlanta in der dritten bzw. vierten Saison am erfolgreichsten.
Mit Colorado scheiterten wir zuerst zweimal knapp im Halbfinal, und in Atlanta musste ich bei null anfangen. In der AHL gewann ich in der ersten Saison den Titel, bei den Junioren in Quebec in der zweiten. Am Ende geht es um die Frage: Wie viel kann man aus einem Team herausholen? Ich halte mir zugute, behaupten zu können, dass ich die Spieler im täglichen Training besser machen kann.
Glauben Sie, dass in dieser Saison noch alles möglich ist für Ihre Mannschaft?
Natürlich. Die Qualifikation ist ein Marathon, die Play-offs sind ein Sprint. In der AHL landete ich einmal auf dem achten Platz nach der Qualifikation, der Leader hatte 35 Punkte mehr als wir. Aber in den Play-offs gewannen wir das Duell in der ersten Runde mit 4:0 Siegen. Wenn nicht ein Klassenunterschied herrscht, ist die Differenz zwischen Sieg und Niederlage klein. Normalerweise gibt es pro Spiel fünf oder sechs Szenen, die entscheiden. Manchmal hat man Glück, manchmal nicht. Die einen treffen nur den Pfosten, die andern ins Tor. Es kommt aber noch mehr zusammen: die Form einzelner Spieler, des Goalies, Verletzungen. Am Schluss spielt sich alles im Kopf ab. Und: Wie steckt man Rückschläge weg?
Diesbezüglich haben Sie auch in Zürich schon Erfahrungen gesammelt. Die Spieler hatten vor allem zu Saisonbeginn Angst, Fehler zu begehen. Sie mussten bereits viele Gespräche führen.
Ja, und deswegen bin ich auch hierhergekommen. Das ist das Interessante an diesem Beruf. Man arbeitet mit Menschen. Früher arbeitete ich acht Jahre in einer Fabrik an einer Maschine, die hat keine Gefühle.
Es ist also nicht zu erwarten, dass Sie wie kürzlich Barry Smith in Lugano Ihren Posten räumen?
Überhaupt nicht. Sehe ich etwa unglücklich aus? Wir haben eine grosse Herausforderung vor uns. Die letzten zwei Saisons waren nicht gut. Jetzt versuchen wir, etwas aufzubauen. Ich bin ein geduldiger Mensch und gerate nicht rasch in Panik. Dafür bin ich zu alt.
Sie stehen aber auch im Ruf, sehr fordernd gegenüber den Spielern zu sein.
Ich bin mir gegenüber genauso fordernd. Niemand will ein Team sehen, das einen Trainer hat, der mit mittelmässigen Leistungen zufrieden sein kann. Natürlich gibt es im Verlauf einer Saison auch schlechte Spiele. Das 0:5 im September gegen Kloten war so eines, ein fürchterliches Spiel, völlig inakzeptabel.
Haben Sie sich im Verlauf der Jahre verändert, sind Sie milder geworden?
Nein. Ich liebe es nach wie vor, mit Leuten zu arbeiten und mit ihnen zu reden. Gleichzeitig habe ich Mühe, wenn ich Leute sehe, die nicht ihr Bestes geben. Damit kann ich nicht umgehen. Ich bin so erzogen worden, zu Hause und von meinen Trainern im Football, im Baseball, im Eishockey. Die waren wirklich hart, das gefiel mir damals zum Teil gar nicht. Aber heute bin ich dankbar für diese Schule. Ich habe gelernt, was richtiges Arbeiten bedeutet. Ich hasse es zwar zu verlieren. Aber solange wir hart arbeiten, haben wir immer eine Chance, etwas zu gewinnen.
Nachdem Sie in Zürich unterschrieben hatten, sagten Sie, Ihr erstes Engagement ausserhalb Nordamerikas werde für Sie auch eine gute Lebenserfahrung. Sind Sie immer noch dieser Meinung?
Absolut. Wir hatten letzte Woche drei Tage frei. Ich fuhr mit meiner Frau nach Venedig, wir wohnten direkt am Wasser, assen phantastisch. Und wir lieben Zürich: Die Leute sind nett, wir waren schon oft auf dem See, in vielen guten Restaurants. Man braucht ja nur die Städte-Rankings anzuschauen, überall liegt Zürich mit an der Spitze.
Ist die NHL immer noch in Ihrem Kopf?
Nicht unbedingt. Ich will noch in einer Liga ausserhalb von Nordamerika Meister werden. Meine Kinder sind erwachsen. Ich möchte nicht eingebildet klingen, aber ich bin jetzt in einer Lebensphase, in der ich auswählen kann, wo ich arbeiten will. Für Zürich habe ich mich entschieden, weil ich das Gefühl hatte, dass alles passt. Und dieses Gefühl habe ich noch immer.
Vom nobody zum Championpic. ⋅ Der am 7. September 1960 in Hawkesbury in der kanadischen Provinz Ontario geborene Bob Hartley ist seit mehr als 20 Jahren Trainer. Nach Stationen in zwei Junioren-Ligen war er fünf Jahre Headcoach in der Farmteam-Liga AHL, danach von 1998 bis 2007 in der NHL. Auf jeder Stufe gewann er einmal die Meisterschaft. Höhepunkt ist der Stanley-Cup-Triumph 2001 mit den Colorado Avalanche. Hartley war als Spieler Goalie, wurde aber nie Profi. Der Frankokanadier ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.