au nöd schlecht, interview mit de karin keller-sutter i de hütige nzz am sunntig...
gruess roli c.
«Ich stelle eine gewisse Dekadenz fest»
NZZ am Sonntag: Wie erklären Sie sich die wiederkehrenden Gewalttätigkeiten an Fussballspielen?
Karin Keller-Sutter: Es ist schwierig, das zu erklären. Diese Menschen randalieren ohne Grund. Ich stelle bei ihnen eine gewisse Dekadenz, eine Wohlstandsverwahrlosung und eine Sinnentleertheit fest. Für sie ist Gewalt eine Freizeitbeschäftigung, ja ein eigentlicher Sport. Im Übrigen richten sie ihre Gewalt gezielt gegen Polizisten, Sportfunktionäre und Politiker. Auch ich erhalte seit Jahren Drohungen und Beschimpfungen, namentlich übers Internet. Das ist sehr beklemmend.
Wer trägt die Verantwortung dafür?
Verantwortung tragen natürlich diejenigen, die diese Gewalt anwenden. Man muss aber schon auch sagen: An Fussballspielen sind in den letzten Jahren rechtsfreie Räume entstanden, in denen alles erlaubt scheint.
Der Fussballverband und die Fussballklubs wollen alles - nur keine Massnahmen, die Fans verärgern und Geld kosten. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ja. Verband und Vereine schrecken noch immer davor zurück, sich mit gewalttätigen Fans anzulegen. Deshalb wehrt sich die Liga ja auch mit allen Mitteln gegen die sogenannten Kombitickets, also gegen die kombinierten Tickets für Anreise und Match, welche die Überwachung der Fans massiv erleichtern würden. Die Polizei hat in den letzten Jahren sehr viel in die Sicherheit von Fussballspielen investiert. Jetzt geht es darum, dass Verband und Klubs auch mitziehen.
Den Kantonen ist diesen Sommer der Kragen geplatzt: Sie wollen eine Verschärfung des sogenannten Hooligan-Konkordats. Das ist ein Alleingang.
Man kann es so sehen. Man kann es aber auch anders sehen, nämlich so: Man hat jetzt jahrelang geredet, und man hat jahrelang Erfahrungen mit gewalttätigen Fussballfans gemacht - sehr schlechte Erfahrungen. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Kantone aktiv werden.
Was versprechen Sie sich vom verschärften Konkordat, namentlich von der Bewilligungspflicht für Spiele und den damit verbundenen Auflagen von Kantonen und Städten für Klubs?
Ziel ist es, die Sicherheit an Fussballspielen gewährleisten zu können - und zwar mit möglichst wenig Polizei. Anders gesagt: Mit dem verschärften Konkordat werden die Klubs mehr in die Pflicht genommen und die Steuerzahler entlastet. Ich bin aber überzeugt, dass mittelfristig auch die Sicherheitskosten der Klubs sinken.
Sie gelten als Vertreterin der Repression gegen Gewalt an Fussballspielen. Es geht aber nicht ohne Prävention, oder?
Nein, Prävention braucht es auch. Der Kanton St. Gallen unterstützt zum Beispiel ein Präventionsprojekt des Eishockeyklubs Rapperswil-Jona Lakers. Prävention kann gerade bei jüngeren Fans etwas bewirken. Aber bei vielen gewalttätigen Fussballfans bewirkt Prävention rein gar nichts mehr. Interview: Lukas Häuptli