Musterknabe Hrubec, sechs Ungenügende und ein Rätsel
Rang 4 und Aus im Halbfinal: Die ZSC Lions erfüllten die hohen Erwartungen nicht. Das widerspiegelt sich auch in den Bewertungen der Spieler. Doch es gab auch Lichtblicke.

Simon Graf
Publiziert heute um 20:00 Uhr
Da war die ZSC-Welt noch in Ordnung: Simon Hrubec lässt sich feiern nach dem Halbfinaleinzug.
Foto: Patrick B. Kraemer (Keystone)
So hatten sich die ZSC Lions ihre erste Saison in der Swiss-Life-Arena sportlich nicht vorgestellt. Statt den 2022 verpassten Titel nachzuholen und im Playoff durchzustarten, scheiterten sie im Viertelfinal mit 0:4 am EHC Biel. Nur wenige Spieler fanden ihre Bestform, und jene, die überzeugten, waren vor allem die neuen. Der Notenschnitt aller regelmässig eingesetzten Spieler beträgt 4,46. Das harte Verdikt im Detail:
Goalies
Simon Hrubec, Note 6
Der beste Zürcher in dieser Saison: ehrgeizig, fokussiert und ruhig. An ihm lag es nicht, dass es nicht zu mehr reichte. Statistisch die Nummer 1 der Qualifikation, im Viertelfinal überragend, im Halbfinal baute er zuletzt ab. Die Vertragsverlängerung mit dem 31-Jährigen über 2024 hinaus dürfte bald ein Thema werden.
Ludovic Waeber, Note 5
Der Freiburger hätte das Format zur Nummer 1 in dieser Liga, doch mit Hrubec steht ihm ein europäischer Topgoalie vor der Sonne. Er bestritt 18 Partien, ehe er im Februar im Nationalteam mit einem Teilabriss der Adduktoren ausfiel. Im Halbfinal kehrte er zurück, vielleicht gibt es noch ein Happy End mit einer WM-Teilnahme in Riga.
Verteidiger
Phil Baltisberger, Note 4–5
Unter Marc Crawford, der kämpferische Verteidiger wie ihn mag, spielte er wieder eine etwas grössere Rolle als zuvor. Mit 10:41 Minuten Eiszeit pro Spiel war er die Nummer 6 in der ZSC-Abwehr. Er ist der Mann für die Defensive und fürs Grobe. Doch wenn Junge wie Daniil Ustinkov nach oben drängen, wird er um seinen Platz kämpfen müssen.
Patrick Geering, Note 4–5
Während Jahren ein sicherer Wert in der ZSC-Abwehr, kam er in dieser schwierigen Saison nicht auf sein gewohntes Rendement und patzte zuweilen ungewohnt. Ist es das Alter beim 33-Jährigen? Oder belasteten ihn als Captain die mannigfachen Turbulenzen? Von Geering ist jedenfalls wieder eine Steigerung gefragt.
Dean Kukan, Note 5–6
Ein grosser Gewinn für die ZSC Lions: Dean Kukan ist der neue Abwehrchef.
Foto: Christian Merz (Keystone)
Im Zwischenzeugnis bekam er noch die Bestnote, ein Zwischentief kostete ihn diese in der Gesamtabrechnung. Im Playoff, insbesondere im Viertelfinal, war er dann aber wieder in Topform. Kukan hat sich zu einem Führungsspieler in diesem Team entwickelt, und mit 29 ist er in einem guten Verteidigeralter. Ein grosser Gewinn für dieses Team.
Mikko Lehtonen, Note 5
Der Finne spielte eine gute erste Saison in Zürich, aber keine überragende. Zu wenig oft war er der dominante Verteidiger, der er aufgrund seiner Anlagen sein könnte. Er bringt eigentlich alles mit, was es braucht, kann auch hart spielen und ist offensiv stark. Aber wieso setzt er seinen Slapshot nicht öfter ein?
Christian Marti, Note 4–5
Gegen Biel kam er an seine Limiten: Christian Marti.
Foto: Patrick B. Kraemer (Keystone)
Mit seiner Grösse und seinem Körperspiel ein dankbarer Verteidiger, manchmal stürmt er sogar nach vorne. Aber er muss nicht punkten, sondern Zweikämpfe gewinnen, das eigene Tor abschirmen und einen guten ersten Pass spielen. Das tat er meistens. Doch in der Biel-Serie war er vom Tempo überfordert.
Dario Trutmann, Note 4
Sechster oder siebter Verteidiger, je nach Verletzungssituation. Nach zwei guten Saisons wurde er zuletzt marginalisiert. Eigentlich ein guter Allrounder, der durchaus auch kreativ sein könnte. Doch bei den ZSC Lions hat er keine richtige Rolle mehr. Ein Transfer würde ihm guttun.
Yannick Weber, Note 4–5
In der zweiten Saisonhälfte zeigte sich der Routinier deutlich verbessert und punktete auch ab und zu. Und vor allem reduzierte er seine Fehlerquote und die unnötigen Strafen. In dieser Verfassung ist er ein Mann für die Top 4. Inzwischen ist er 34-jährig, sein Vertrag läuft noch eine Saison. Eine Verjüngung täte auch in der Abwehr gut.
Stürmer
Sven Andrighetto, Note 4
Es war eine schwierige, von Verletzungen geprägte Saison für Sven Andrighetto.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Eine enttäuschende Saison für den ehrgeizigen Goalgetter. Seine Torquote sank in seinen ersten drei ZSC-Jahren von 27 auf 19 auf 11. Auch, weil er in diesem Winter immer wieder von Verletzungen geplagt wurde. Sein Highlight war sein Overtime-Tor in Spiel 4 gegen Davos. Doch wir erwarten viel mehr von ihm. Und er sicher auch.
Justin Azevedo, Note 3–4
Sein zweites ZSC-Jahr war eines zu viel. Mangelnden Einsatz kann man dem Kanadier nicht vorwerfen. Doch mit 35 Jahren hat er, der den Saisonstart mit einer Rückenverletzung verpasste, seinen Zenit überschritten. Immerhin: Seine besten Spiele zeigte er im Playoff, als er endlich regelmässig skorte und Energie brachte.
Jérôme Bachofner, Note 3–4
Der Rückkehrer war eine Enttäuschung, traf in 54 Spielen nur dreimal und bewirkte auch sonst nicht viel. Immerhin schaffte er es im neuen Jahr, seine Gegner zuweilen zu nerven. Doch wenn die Jungen nachstossen, wird er um seinen Platz im Team bangen müssen. Was ist mit seiner früheren Torgefährlichkeit passiert?
Nicolas Baechler, Note 4–5
Der 19-Jährige von den GCK Lions war die grosse Entdeckung Crawfords. Der Kanadier baute ihn ein, als Personalnot herrschte, und Baechler bewährte sich. Er spielte unbeschwert drauflos, hart, verlässlich und selbstbewusst. Ein guter Stürmer für die dritte oder vierte Linie. Auf ihn müssen die Zürcher setzen.
Chris Baltisberger, Note 5
Im Schwitzkasten: Der Davoser Marc Wieser drückt Chris Baltisberger unsanft an sich.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Gegen Biel war er der Einzige, der versuchte, Emotionen hineinzubringen. Mit einem Rückstand in die Saison gestartet, nachdem ihm die Metallplatte aus dem Bein entfernt worden war, kämpfte er sich zurück in eine Offensivlinie und gefiel mit seinem Engagement. Der Schlüssel ist für den 31-Jährigen die Gesundheit.
Simon Bodenmann, Note 4–5
Schon verrückt: Als Sven Leuenberger bekannt gegeben hatte, dass Bodenmann keinen neuen Vertrag bekommt, skorte er plötzlich am Laufmeter – und stimmte so den Sportchef um. Doch dann versiegte die Torproduktion. Im Playoff war er eine grosse Enttäuschung. Nächste Saison ist eine Reaktion gefragt.
Dominik Diem, Note 3–4
Schon bald war klar, dass er bei den ZSC Lions keine Zukunft hat. Crawford versetzte ihn dann zu den GCK Lions, wo er ein gutes Playoff spielte. Beim EHC Kloten wird er nun ebenfalls wieder eine offensivere Rolle übernehmen können. Das braucht er auch, um seine Karriere neu zu lancieren. Schliesslich ist er erst 26.
Denis Hollenstein, Note 4–5
Was für ein Pech für ihn: Im dritten Viertelfinalspiel traf ihn der Davoser Egli mit der Schlittschuhkufe unglücklich am Bein, Hollenstein erlitt einen doppelten Sehnenriss. Die Saison war für ihn vorbei, und auf den 33-Jährigen wartet ein harter Sommer mit viel Physio. Seine fünfte ZSC-Saison war definitiv seine schwierigste.
Juho Lammikko, Note 5–6
Auch sein 1:0 in Spiel 4 gegen Biel nützte nichts mehr: Der Finne Juho Lammikko.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)
Eigentlich primär als Kämpfer geholt, entpuppte sich der 1,90-Meter-Hüne als Zürcher Topskorer. Seine 24 Tore in der Qualifikation sind ein exzellenter Wert, mit seiner physischen Präsenz ist er wertvoll fürs Team. Im Playoff, als er zwischendurch krank war, war er indes eine leise Enttäuschung. Seit Vertrag ist bis 2025 verlängert worden.
Robin Leone, Note 4–5
Als bester Schweizer Skorer bei den GCK Lions fiel er Crawford auf, mit 29 bekam er so nochmals eine Chance in der National League. Mit seinem Speed und seiner Grösse erfüllte er die Rolle als Powerflügel gut. Doch in Spiel 3 gegen Biel verpasste er es allein vor Säteri, das 1:0 zu schiessen. Er darf auf weitere Einsätze in der National League hoffen.
Willy Riedi, Note 4–5
Praktisch aus dem Nichts gekommen, verblüffte er in der ersten Saisonhälfte mit seiner fast unglaublichen Effizienz. Zwar traf er dann länger nicht mehr, doch als grosser, kräftiger Stürmer kann er wertvoll sein für die Zürcher. Und gegen Davos schoss er zwei wichtige Tore. Er könnte aber noch einen halben Schritt schneller werden und etwas körperbetonter spielen.
Garrett Roe, Note 3–4
Seit seinem Kieferbruch im November 2021 war der Amerikaner nie mehr der Gleiche. So bemüht er war, er kam in dieser Saison nicht mehr über die Position des Lückenbüssers hinaus. In 34 Spielen schoss er gerade mal vier Tore. Die Zeit in der Schweiz dürfte für den 35-Jährigen abgelaufen sein. Erhält er noch einen Vertrag in Deutschland?
Reto Schäppi, Note 4–5
Er schreckt vor Körperkontakt nicht zurück: Reto Schäppi.
Foto: Patrick B. Kraemer (Keystone)
Bei ihm wissen die Zürcher, was sie haben. Er ist ein verlässlicher, physisch starker vierter Center, der im Playoff punkto Intensität noch etwas zusetzt. Das war auch diesmal wieder so. Und er ist zuletzt sogar läuferisch noch etwas besser geworden. Nur allzu viele offensive Highlights dürfen die ZSC Lions nicht von ihm erwarten.
Justin Sigrist, Note 3–4
Unter Crawford eher wieder besser. Mit seinem Speed und seinem defensiven Gewissen könnte er ein wertvoller Spielmacher sein. Doch offensiv geht bei ihm gar nichts mehr. In 60 Spielen hat er gerade ein einziges Mal getroffen. Er scheint jegliches Vertrauen in seine Abschlussqualitäten verloren zu haben. Kann es ihm Crawford wieder einimpfen?
Kyen Sopa, Note 3–4
Wie die Zürcher darauf kamen, seinen Vertrag schon im September bis 2025 zu verlängern, ist ein Rätsel. Nach guten Ansätzen in der Saison 2021/22 stagnierte er zuletzt. Ihm fehlt schlicht das Durchsetzungsvermögen, um in dieser Mannschaft eine Rolle zu spielen. Findet man für ihn eine Lösung anderswo?
Alexandre Texier, 4–5
Manchmal brillant, dann wieder unsichtbar: Alexandre Texier.
Foto: Michael Buholzer (Keystone)
Der Franzose war ein grosses Rätsel. In den Wochen vor dem Playoff spielte er gross auf und traf praktisch in jedem Spiel, nach einem guten Start in den Viertelfinal tauchte er wieder völlig ab. Er hätte eigentlich alle Fähigkeiten, um in dieser Liga zu dominieren. Doch es fehlt die Konstanz. Er kehrt nun voraussichtlich zu Columbus zurück.
Lucas Wallmark, Note 4–5
Eine Saison in zwei Hälften. Bis zum Trainerwechsel war er einer der besten Center der Liga, unter Crawford tauchte er offensiv völlig ab und schoss in 27 Spielen lediglich ein Tor. Zuletzt war er gegen Biel nur noch überzählig. Sein Vertrag läuft bis 2025, doch die Zürcher brauchen den Wallmark der ersten Saisonhälfte.
Nicht bewertet
Marlon Graf, Enzo Guebey, Jarno Kärki, Silvan Landolt, Jeffrey und Noah Meier, Rihards Melnalksnis, Nauris Sejejs, Livio Truog, Daniil Ustinkov, Robn Zumbühl.