Spendenflut und Tränen: Wie er zu seinem Traumjob kam
Daniel Schrepfer reinigt seit Jahren das Eis der ZSC Lions. Weil ihm die Ausbildung fehlte, war sein Umzug ins neue Stadion ungewiss. Dann halfen ihm wildfremde Menschen.

Annick Vogt
Publiziert heute um 11:30 Uhr
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Dani Schrepfer ist einer von fünf Eismeistern in der Swiss-Life-Arena in Altstetten.
Foto: Anna-Tia Buss
Seit Jahren ist er vom Hallenstadion für die Eishockeyspiele angestellt. Montiert die Tore, reinigt das Eis und wartet die Eisbearbeitungsmaschinen. Doch mit dem Umzug der ZSC Lions in die eigene Arena geht für Dani Schrepfer mehr als eine Ära zu Ende. Und je näher dieser Abschied rückt, desto drängender wird für ihn die Frage: Wie weiter?
Der Schwamendinger hat nämlich noch keine Ausbildung zum Eismeister, auch weil der Lehrgang 7000 Franken kostet. Das Geld kann Schrepfer Corona-bedingt nicht aufbringen: Die Pandemie zwingt ihn zur Kurzarbeit, im Hallenstadion gibt es kaum etwas zu tun. Den Umzug mit dem Club kann er wohl nicht mitmachen. Gleichzeitig weiss er, dass er ohne die Lions nicht mehr im Hallenstadion wird arbeiten können.
Im März 2021 hat ein Freund eine Idee: ein Crowdfunding. «Es war eine schwierige Situation für mich. Ich war früher finanziell nicht so stark. Aber ich hatte doch einen gewissen Stolz, um zu sagen: Das will ich nicht», sagt Schrepfer. Sein Freund leistet Überzeugungsarbeit, und so willigt der 40-Jährige am Ende doch ein.
Knapp 10’000 Franken an einem Tag
«Eismeister-Lehrgang für de Schinke» wird auf der Plattform «I Believe in You» ins Leben gerufen. 5000 Franken wollen sie zusammenbringen, einen Grossteil der Kosten für den Lehrgang. Selbst das scheint Schrepfer unrealistisch.
Doch noch am selben Tag ruft ihn sein Freund an. «Sitzt du?», fragt er Schrepfer. «Wir haben es geschafft!» Rund 110 Unterstützerinnen und Unterstützer haben insgesamt 9775 Franken gespendet.
Die erste halbe Stunde weint Schrepfer wie ein Schlosshund. Auch heute ist er den Tränen nahe, wenn er davon erzählt: «Ich habe nur meinen Job gemacht. Während dieser ganzen Zeit. Ich sah mich nie als jemand Spezielles.» Es sei ein Gefühl der Dankbarkeit für das Umfeld, von Menschen, die er nicht kenne.
Schrepfer wird danach gleich selbst zum Spender. Den Überschuss aus der Crowdfunding-Aktion lässt er der Juniorenabteilung der ZSC Lions zukommen. Diese hatte wegen des Corona-bedingten Ausfalls ihrer Spendenaktion «Skateathon» auf eine wichtige Einnahmequelle verzichten müssen.
Der Club als Herzensangelegenheit
Der Juniorenabteilung hat «Schinke» selbst einmal angehört. Als Fünfjähriger besucht er gemeinsam mit seinem Vater einen Eishockeymatch. Der ZSC spielt gegen den EHC Bülach, Nationalliga B. «Ich wusste damals nicht, dass das die Nati B war. Für mich war es das Grösste vom Grössten», erzählt Schrepfer, der seinen Spitznamen aus dem Ausgang mit Freunden hat.
Fasziniert vom Sport und dem Club, nimmt Schrepfer ohne Erlaubnis seines Vaters mit Freunden am Training der ZSC-Junioren teil. Dort durchläuft er einige Stufen und spielt im Amateurdress. Wie der Club damals spielt, ist nicht vergleichbar mit heute. Und doch ist Schrepfer angetan. «Es ist halt der ZSC, da wollte man dabei sein. Da hast du es nur schon cool gefunden, wenn du den ‹Leu› auf der Brust tragen konntest.»
Der Club wird für ihn zur Herzensangelegenheit. Buchstäblich. Er lernt dort nicht nur seine besten Freunde kennen, die für ihn eine zweite Familie sind, sondern auch seine Frau. Den Antrag macht er ihr während eines Derbys.
Zitat
«Alles zusammen war sehr surreal – aber wunderschön.»
Dani Schrepfer
2012 arbeitet der gelernte Maler im Hallenstadion beim Umbau für Eishockeyspiele. Während seine Freunde nach den Spielen noch trinken gehen, bleibt er und baut ab. Es stört ihn nicht. «Es war für mich so ein Gefühl von: Ich darf für meinen Verein etwas machen.» Früh fällt er dem Eismeister-Team auf.
Eines Abends – Schrepfer sitzt gerade beim Znacht mit seiner Frau – klingelt das Telefon. Ein Eismeister sei ausgefallen, ob er nicht einspringen wolle. Bevor sie zu Ende essen können, geht er ins Stadion. Von da an übernimmt er immer mehr Aufgaben und wird gefördert – trotz Ehrfurcht.
Die Ausbildung zum Eismeister war für Schrepfer der logische nächste Schritt. Er mache gerne etwas richtig. «Sonst lass ich es bleiben», sagt er.
Nach 20 Jahren wieder in die Schule
Und nun ist Schrepfer also offiziell einer der fünf Eismeister bei den ZSC Lions. Im Juni hat er nach zehn Jahren seine ehemalige Arbeitgeberin, das Hallenstadion, verlassen und ist in die Swiss-Life-Arena gezügelt.
Die fünfwöchige Ausbildung hat der Schwamendinger im Frühling absolviert und bestanden. Die ZSC Lions haben ihm daraufhin einen Vertrag angeboten. Als er die Nachricht erhält, ist er auf dem Weg ins Hallenstadion. Dieser eine Tag im April sei sehr speziell gewesen, sagt Schrepfer: «Es war der Playoff-Final. Du erfährst, dass du den Job bekommst, bist gleichzeitig im Schulstress, nach 20 Jahren ohne Schule. Alles zusammen war sehr surreal – aber wunderschön.»
Heute läuft er durch die Gänge der Swiss-Life-Arena, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Kennt bereits jede Ecke, jeden Raum. Strahlt, wenn er über die sauberen Tore und Banden spricht, weiss von jedem Werkzeug, in welchem Schrank er es findet. Schrepfer ist angekommen. Das neue Stadion ist nicht nur ein neues Zuhause für die ZSC Lions. Es ist auch ein zweites Zuhause für Dani Schrepfer.
Für die beiden Eisflächen sind zwei Eisbearbeitungsmaschinen, sogenannte Zamboni, im Einsatz.
Foto: Anna-Tia Buss