Aus für Fanarbeit Schweiz?
So will die Fussballliga die Fans in den Griff kriegen
Ende Woche geht die Super League wieder los – und auch das Hickhack mit den Fans? Die wichtigsten Fragen und Antworten vor dem Wiederbeginn.

Florian Raz (TA)

Fanmarsch der YB-Fans vor dem Cupfinal 2018.
Foto: Keystone
Natürlich ist da das Rennen an der Tabellenspitze. Drei Teams, die nach der Winterpause noch Chancen auf den Titel haben? Das gab es ja gefühlt das letzte Mal, als Fussball im TV noch schwarzweiss gesendet wurde. Aber für die Zukunft der höchsten Schweizer Liga sind andere Dinge weit drängender als die Frage, ob die Meisterfeier 2022 in Zürich, Basel oder Bern stattfinden wird. In der Liga finden an verschiedenen Fronten Richtungskämpfe statt. Das sind die wichtigsten Punkte vor dem Wiederbeginn der Super League.
Die Fanfrage: Liga dreht Fanarbeit Schweiz den Hahn zu
Es ist ein harter Schnitt. Und zugleich der Versuch eines Befreiungsschlags. Die Swiss Football League dreht der Fanarbeit Schweiz den Hahn zu. Mit 100’000 Franken haben Liga und Verband die Dachorganisation der sozioprofessionellen Fanarbeit pro Jahr unterstützt. Das wird laut Claudius Schäfer künftig nicht mehr der Fall sein. Der CEO der SFL sagt: «Wenn uns Fanarbeit Schweiz keinen Mehrwert aufzeigen kann, sehen wir keine Finanzierung mehr von unserer Seite.»
Dieser Entscheid dürfte das Ende der bisherigen Fachstelle für Fanthemen in der Schweiz bedeuten. Die Organisation steht seit dem Tod von Josef Zindel im vergangenen Oktober ohne Präsident da. Und seit Dezember auch ohne Geschäftsführer.
Ersetzt werden soll die Fanarbeit durch ein «Kompetenzzentrum Fans», wie es Schäfer nennt: «Es wird von uns mitfinanziert, soll aber unabhängig sein und der Liga gegenüber durchaus auch kritisch eingestellt sein.»
Schäfer hofft, dass das Kompetenzzentrum jenen Kontakt zu den Kurvenfans aufbauen kann, der der Liga bislang fehlt. Vor allem soll es, anders als die bisherigen Lösungen, als Ansprechpartner ständig greifbar sein: für Politik, Polizei, Liga und Öffentlichkeit.
Personalisierte Tickets: Fans sollen mitreden

Gruss der Sittener Fans an Bundesrätin Viola Amherd, die als starke Befürworterin personalisierter Tickets gilt.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)
Seit den Ausschreitungen im Zürcher Derby steht die Liga unter Druck. Nachdem sie Ende 2021 von der Politik in die Enge getrieben worden ist, versucht die SFL nun, die Themenhoheit wieder zu übernehmen.
Auch im Bereich der personalisierten Tickets, auf welche die Polizeikommandanten drängen. Die definitive Einführung scheiterte Ende 2021 auf politischer Ebene erst in letzter Sekunde am Einspruch weniger Exekutivpolitiker. Jetzt stellt die Liga einen eigenen Projektleiter ein, der eine Machbarkeitsstudie zum Thema erstellen wird.
«Bis jetzt wurde das Thema ohne grosses Basiswissen diskutiert», sagt Schäfer. «Jetzt wollen wir genau erfahren, was personalisierte Tickets bedeuten. Für Clubs, Polizei – aber auch für die Fans.» Auch Kurvengänger sollen also ihre Argumente einbringen können.
Kauft sich die Liga also ein Gefälligkeitsgutachten? Schäfer widerspricht: «Wir wollen bei diesem Thema die Initiative übernehmen. Aber das bedeutet nicht, dass wir die Ergebnisse der Studie vorgeben.» Bis spätestens in einem halben Jahr sollen die Resultate vorliegen.
Schneller wird es in einem anderen Bereich gehen. Nach Ausschreitungen will die Liga ihre Urteile viel schneller verkünden. «In Frankreich wird ein erstes Urteil innerhalb von ein paar Tagen gefällt», erzählt Schäfer. Das soll künftig auch in der Schweiz so sein: «Das ist wichtig als Zeichen an die betreffenden Fangruppierungen und für die Öffentlichkeit. Damit man sieht: Wir dulden solche Vorkommnisse nicht.»
Die Ligareform: Mehr Teams in der Super League ab 2023

Dank Ligavergrösserung bald regelmässiger Teilnehmer der Super League? Der FC Winterthur feiert mit seinen Fans.
Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)
Seit 2017 wird über eine Vergrösserung der Super League diskutiert. Stets fielen die Reformvorschläge durch. Am verwirrendsten war es 2019, als eine Zwölferliga beschlossene Sache schien. «Aber dann wurden politische Fehler gemacht», erinnert sich Schäfer, «Clubvertreter haben praktisch über Nacht ihre Meinung komplett geändert.»
Jetzt gehen die Schweizer Profivereine laut Schäfer davon aus, dass ab Sommer 2023 in einer anderen Ligaform gespielt wird. Bloss ist noch immer nicht klar, wie diese aussehen soll. Der Liga-CEO trifft sich darum in den kommenden Wochen mit allen 20 Clubs. Er sagt: «2019 haben viele nur auf ihren eigenen Verein geschaut – und niemand auf das Gesamtprodukt. Das darf uns nicht noch einmal passieren.»
Ein Grund, warum es diesmal klappen müsste mit einer Ligavergrösserung? «Die Angst vor einem Abstieg hat seit der Wiedereinführung der Barrage zugenommen», stellt Schäfer fest. Aber er warnt die Clubs zugleich vor zu weitgreifenden Veränderungen: «Es muss auch sozioökonomisch Sinn machen. Wenn wir 18 Teams in der höchsten Liga haben und darum die Attraktivität sinkt, kann das nicht die Lösung sein.»
Im Vordergrund steht wieder einmal das Modell Österreich. Dort spielen zwölf Teams in der höchsten Liga. Nach 22 Runden gibt es eine Meister- und eine Abstiegsrunde mit Punktehalbierung. In der zweithöchsten Liga spielen 16 professionelle oder halbprofessionelle Teams. Für Schäfer ist diese Form «weiterhin interessant».
Transfermarkt: Wie viel Schutz für junge Schweizer?

Er ist einer der jungen Schweizer, die in der Super League für Furore sorgen: Kastriot Imeri von Servette.
Foto: Claudio De Capitani (Freshfocus)
Es öffnet sich ein Graben in der Liga. Auf der einen Seite jene Clubs, die ihr Businessmodell darin sehen, eine Drehscheibe für junge Ausländer zu sein. Auf der anderen jene, die viel Geld in den lokalen Nachwuchs stecken.
Im November setzten sich Basel und Sion mit Anträgen durch, dank denen im Winter mehr Spieler von der Kontingentsliste gestrichen werden können. Das vereinfacht es den Clubs, ihre Kader im Winter umzubauen.
Das geht einigen noch nicht weit genug. Schäfer sagt: «Es gibt Vereine, die wollen, dass wir wie Holland oder Österreich gar keine Vorgaben mehr machen, wie viele Spieler pro Saison registriert werden dürfen. Oder wie viele lokal ausgebildete Spieler im Kader stehen müssen.»
Bislang wird der einheimische Nachwuchs im Schweizer Profifussball durch das Reglement geschützt, das den Clubs eine maximale Zahl an nicht lokal ausgebildeten Spielern vorschreibt. Beschlossen ist, dass diese in den nächsten Jahren schrittweise von 17 auf 13 gesenkt wird.
Das letzte Wort scheint in dieser Frage trotzdem nicht gesprochen. «Die Frage ist, ob wir das mit Regeln steuern wollen oder mit Anreizen», erklärt Schäfer. Auch hier könnte Österreich Pate stehen. Dort verteilt die Liga über den sogenannten «Österreicher Topf» Geld an jene Clubs, die junge Österreicher einsetzen. Ein System, das in der Schweiz auch schon zum Einsatz kommt – allerdings mit weniger Mitteln.
In welche Richtung es in der Schweiz gehen wird, scheint offen. Für Schäfer steht fest: «Die Ausbildung junger Schweizer Spieler muss weiterhin ein Schwerpunkt sein.» Aber er gibt auch zu: «Es gibt unter den Clubs grosse Differenzen, wenn es darum geht, wie dieses Thema behandelt werden soll.»