Alles anzeigenAlte Liebe rostet nicht: Die Liaison von Sven Andrighetto mit den ZSC Lions macht beide Seiten glücklich
Die Rückkehr in die Heimat beflügelt den neuen Stürmerstar der Zürcher. Nach neun Jahren im Ausland spielt Andrighetto erstmals in der National League und ist bereits der landesweit beste Skorer. Sein Beispiel zeigt: Qualität darf auch etwas kosten.
Ulrich Pickel (NZZ)
Als im letzten Sommer sein Transfer nach Zürich bekanntwurde, beflügelte dies die Phantasie. Mit einem Fünfjahresvertrag von den ZSC Lions ausgestattet, wurde er als Nachfolger von Pius Suter angepriesen, dem letztjährigen Überflieger und Liga-Topskorer mit 30 Treffern und 23 Assists, der nun für Chicago in der NHL seine Tore schiesst. Und was geschieht? Als ob es nichts Besonderes wäre, beweist Sven Andrighetto, dass er genau der grosse Name ist, den man erwartet hat.
Ein breiteres Schweizer Publikum sah ihn letztmals im Frühling 2018, es war das WM-Silber-Märchen von Kopenhagen, bei dem Andrighetto im verlorenen Final gegen Schweden der einzige Schweizer war, der seinen Versuch im Penaltyschiessen verwandelte. Nun spielt der 27-Jährige erstmals in der National League und ist bereits der landesweit beste Skorer: 21 Treffer und 23 Vorlagen nach 40 Spielen.
«Er ist genau der offensive Mann, den wir gesucht haben», schwärmt der Lions-Sportchef Sven Leuenberger. Er kann sich für den Königstransfer des letzten Sommers auf die Schultern klopfen. Schweizer Spieler im besten Alter und mit massenhaft Auslanderfahrung kommen praktisch nie auf den Markt. Andrighetto aber wurde in dem Moment verfügbar, als Suter ging – perfektes Timing für den Spieler wie den Klub.
Hartes Brot in der NHL
Das Interesse an ihm war gross, nicht nur in der Schweiz. Aber konkret verhandelt hat er nur mit den Zürchern: «Das war für mich von Anfang an klar.» Neben einer überzeugenden Offerte hatten sie noch einen Vorteil: Andrighetto ist einer von ihnen. Mit Leib und Seele, wovon eine Tätowierung auf dem rechten Oberschenkel zeugt: das Grossmünster mit einem Löwenkopf im Hintergrund. Sein Höhenflug hat auch etwas mit Heimat zu tun. Andrighetto sagt: «Es war der richtige Moment für diesen Wechsel. Ich brauchte einen Moment, um mich an die Liga hier zu gewöhnen. Aber es war eben ein Heimkommen, das hat einen hohen Stellenwert.»
Bei den Lions ist er zu Hause, er hat dort alte Freunde. So ist er zum Beispiel der Götti von Christian Martis Sohn. Aufgewachsen in Bassersdorf, durchlief er die Nachwuchsstufen der Lions-Organisation, spielte ein Jahr für die GCK Lions und wurde von Simon Schenk kurz nach Visp ausgeliehen, wo er die B-Meisterschaft gewann. Andrighetto bezeichnet Schenk als seinen ersten Förderer, dem er viel zu verdanken habe. Bis zu Schenks Tod im letzten Mai sei der Kontakt nie abgerissen.
Mit 17 Jahren kam der Wechsel nach Nordamerika. Es folgten zwei Saisons im Junioren-Eishockey, dann der NHL-Draft, wo er 2013 von den Montreal Canadiens in der dritten Runde gezogen wurde. Seine Einsätze in der NHL musste er sich erkämpfen, oft und lange waren auch die Farmteams sein Zuhause. Im März 2017 ging er für etwas mehr als zwei Jahre nach Colorado. Privat wurde er im schönen Denver mit seinen 300 Sonnentagen pro Jahr glücklich, seine heutige Verlobte stammt von dort.
Sportlich aber ging es nicht weiter: «Ich verlor meine Rolle, hatte auch etwas Pech mit Verletzungen. Noch schwieriger, als hineinzukommen, ist es, in der NHL zu bleiben.» Fünf Saisons hielt er sich in der besten Liga der Welt, spielte in 227 Partien und schoss 32 Tore. Andrighetto musste in Nordamerika viel hartes Brot essen, doch er bewies Durchstehvermögen – und sollte bald wieder merken, wie wichtig das sein kann.
2019 endete die Zeit in Nordamerika, für die Heimat war er aber noch nicht bereit. Mit seiner Partnerin wechselte er nach Moskau und spielte für Awangard Omsk. Dort wartete ein Mann auf ihn, den noch ein paar seiner Zürcher Teamkollegen in lebhafter Erinnerung haben: Bob Hartley. Er trainiert die Russen mit derselben eisernen Hand, mit der er die Zürcher bis zum Titelgewinn 2012 drangsaliert hatte. Andrighetto hatte sich auf sein Engagement in der KHL gefreut: hohes Tempo, feine Passstafetten, technische Kabinettstückchen – die legendäre russische Spielkultur.
Die grosse Lohndebatte
Vom Disziplin- und Defensiv-Zuchtmeister Hartley wurde Andrighetto schnell auf den Boden der Realität geholt. Bei Hartley gehen die Instruktionen so weit, dass er auch gestandenen Profis vorschreibt, wie sie in gewissen Situationen den Stock halten müssen. «Bob war sehr taktisch, auf dem Eis war es fast wie ein Schachspiel, man überlegte ständig. Das war schwierig, ich bin kreativ, brauche Freiheiten.» Aber Andrighetto sagt auch: «Ich lernte viel in Russland, was mir heute hilft, ein besserer Spieler zu sein.» Er hatte für zwei Jahre mit Omsk unterschrieben. Doch nach einer Saison einigte man sich auf die Vertragsauflösung.
Viel ist seither über Andrighettos Lohn spekuliert worden, von bis zu 800 000 Franken ist da und dort die Rede – in Krisenzeiten mit staatlicher Hilfe bietet eine solche Zahl noch mehr Raum für Polemiken als sonst. Zu den kritischen Stimmen sagt er diplomatisch: «Ich verstehe, dass es Leute gab, die nicht viel Freude hatten an meinem Wechsel nach Zürich.» Aber Geldgier lässt er sich nicht unterstellen: «Als mein Vertrag in Russland aufgelöst wurde, erhielt ich keine Ablöse. Ich hätte bleiben können, ich verdiente mehr als doppelt so viel wie hier. Die Freude am Hockey, Kollegen, Lebensqualität: Das alles ist wichtiger, als Geld zu verdienen.»
Freilich muss er bei den ZSC Lions auch nicht darben. Und in der aufgeheizten Debatte um Lohnexzesse, À-fonds-perdu-Beiträge und einen Salary-Cap geht schnell vergessen, dass es im Sport nicht nur um Geld geht, sondern auch: um Sport. Aushängeschilder braucht jede Liga und jeder Klub. Sie verleihen Strahlkraft und schaffen Identifikation. Und wer wie Andrighetto mehr als einen Skorerpunkt pro Spiel erzielt, verdient seine Brötchen ehr- und redlich.
Im Ausland ist er gereift
Wie dieses explosive Energiebündel sich auf dem Eis auslebt, sein Team mitreisst und als Vorbereiter wie Vollstrecker glänzt, gehört zu den Höhepunkten der pandemiegeschädigten Meisterschaft. Was einzig fehlt, ist der Applaus der Zuschauer. Er wäre ihm gewiss, ganz sicher vom eigenen Fanklub, den er noch nie treffen konnte. Er heisst «Sektion Ghetto» – es handelt sich um Fans mit Sinn für Pragmatismus. Die gleichen Leute legten sich letzte Saison als «Sektion Pius» für Suter ins Zeug.
Andrighetto hat im Ausland einen Reifeprozess durchlebt. Er, der früher ungeduldig mit dem Kopf durch die Wand wollte, wenn es nicht lief, sei etwas ruhiger geworden, sagt er. Und weniger auf die Skorerpunkte fixiert: «Wenn ich gut arbeite, kommen sie von selbst. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt.» Der Wechsel von Hartley zu Rikard Grönborg kommt ihm sehr entgegen, die offensive Spielanlage ebenso wie die direkte und klare Kommunikation, mit der der schwedische Trainer die Spieler in die Problemlösung einbezieht. «Das erlebte ich in den letzten neun Jahren so nicht. Das vermisste ich immer. Ich habe wieder eine Riesenfreude am Eishockey.»
Das schlägt sich mit beeindruckender Konstanz nieder. Seit 18 Spielen gelingt ihm immer mindestens ein Skorerpunkt. Eine stolze Serie, mit der er gleichauf liegt mit grossen Namen wie Ross Yates, Oleg Petrow oder Christian Dubé. Geht die Serie am Freitag in Biel weiter, wird er mit Slawa Bykow und Andrei Chomutow gleichziehen. Und sollte sie reissen, wäre das nicht schlimm. Die Liaison mit den ZSC Lions ist so oder so zu einer Win-win-Situation geworden.
In all den Vorbereitungsspielen, welche ich besucht habe, hatte er brutal Mühe! Und auch die ersten Spiele waren ziemlich schlecht. Dann wurde es besser, ohne dass er gross geskort hat. Aber der Zug zum Tor, die Selbstsicherheit und das Selbstverständnis eines Stürmers fehlten. Als dann die ersten Tore fielen, waren das v.a. Emptyneter oder das 4:1 oder 5:1. Was man aber immer sehen konnte, dieser Junge hat echte Qualitäten, welche nicht viele Schweizer Spieler mitbringen! Schlittschuhläuferisch enorm elegant und dazu noch feine Hände, kein schlechter Speed und eine stupende Übersicht. Und wohl auch dank Grönborg kann der diese Qualitäten nun auch in Tore und Assists ummünzen. Perfekt für uns! Und gerade wenn wir Verletzte a gogo haben/hatten (Krüger, Roe, Hollenstein, Pettersson) schultert er die zusätzliche Verantwortung sensationell. Das ist einfach der Unterschied, da sieht man seine Auslands-Erfahrung: Er kann mit dem Druck umgehen und kanalisiert ihn persönliche positive Resultate!
(und er hat ein Züri-Tattoo, von dem her ist er für mich so oder so schon fast unantastbar gewesen und wird es immer sein!)
