Und hier noch Ulrich Pickel / NZZ:
ZSC Lions: Es sieht so aus, als seien die alten Geister zurückgekehrt
Platz fünf ist die magere Ausbeute der Zürcher nach sechs Monaten Qualifikation. Im Play-off-Viertelfinal starten sie ohne Heimvorteil, der Gegner heisst Lausanne. Das heisst: Macht die Lions-Mannschaft im gleichen Stil weiter, wird sie es sehr schwer haben.
Ulrich Pickel
Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören. Wer auch immer diesen Spruch einst ersann: Die gegenwärtige Eishockey-Saison und die Darbietungen der ZSC Lions hatte er gewiss nicht im Kopf. Das Ende der längsten Qualifikation in der bisherigen Geschichte des Schweizer Eishockeys kommt aus Zürcher Sicht keinen Moment zu früh. Als es am 1. Oktober losging, starteten die Zürcher mit breiter Brust, schliesslich waren sie in der Saison zuvor Qualifikationssieger geworden, ehe die Play-offs abgesagt wurden.
Tiefpunkt Cup-Final
Am Ostermontag fielen die letzten Entscheidungen. Mit einem 5:2 in Langnau sicherten sich die Zürcher den 5. Rang und damit die direkte Play-off-Qualifikation. Genf/Servette ist ebenso für die Viertelfinals qualifiziert, während der EHC Biel den Umweg über die Pre-Play-offs antreten muss.
Allein der Umstand, dass sich die hochdotierte Lions-Mannschaft erst am letzten Spieltag direkt für die Viertelfinals qualifiziert, aber den Heimvorteil verpasst hat, zeigt den zwiespältigen Eindruck, den sie hinterlässt. Das Saisonziel, die Qualifikation in den Top 4 zu beenden, wurde verpasst. Und ohne den Höhenflug im November und Dezember wäre die Mannschaft wohl in die Pre-Play-offs verbannt worden. Seit den Feiertagen rund um den Jahreswechsel kommt sie kaum noch vom Fleck. Die Konstanz fehlt, eine Siegesserie gab es keine mehr, dafür eine Phase mit vier Niederlagen in Folge, wobei das hier eingerechnete 2:5 im Cup-Final den (zumindest emotionalen) Tiefpunkt bildet.
Die fehlende Konstanz kann in Ansätzen erklärt werden. Die Verletzungen von Chris Baltisberger und Fredrik Pettersson wirkten sich aus, beide fehlen bis heute. Baltisberger wird als Kämpfer vermisst, Petterssons Schusskraft fehlt besonders im Powerplay. Der Umstand, dass auch der offensive Antreiber Garrett Roe wochenlang ausfiel, war ebenso sicht- und spürbar. Auch im Goal war (und ist) die Situation nicht optimal. Lukas Flüeler als nominelle Nummer 1 hatte einerseits zu viele durchzogene Auftritte, andererseits fehlte auch er zeitweise verletzungsbedingt, was bei ihm seit Jahren immer wieder der Fall ist. Ludovic Waeber, auf diese Saison hin aus Freiburg gekommen, vertritt Flüeler, so gut er kann, aber der erst 24-Jährige ist noch kein vollwertiger Ersatz. So hatten die Zürcher in den letzten Monaten zwar zwei Goalies zur Verfügung, aber keiner von beiden stach über längere Zeit hervor.
Je näher die Play-offs rückten, desto mehr war bei den ZSC Lions eine Nervosität zu bemerken. Der Trainer Rikard Grönborg wirkte angespannt, die Mannschaft verkrampft. Dass die Unruhe des Coachs auf die Spieler abfärbte, war bestimmt nicht hilfreich. Er legte sich oft mit Schiedsrichtern oder wie im Fall des EVZ mit dem Trainer an. Doch der eine oder andere Temperamentsausbruch allein reicht nicht, um schon von einem Trainerproblem zu sprechen. Fast jeder Coach gerät hin und wieder aus der Fassung.
Vielmehr gibt die Mannschaft Rätsel auf. Immer wieder zeigte sie seltsam uninspirierte Leistungen. Erstaunlich ist die Schwäche in den Spielen gegen eindeutig unterlegene Mannschaften. Gegen die SCL Tigers und den HC Ambri-Piotta, die in der Tabelle am schlechtesten platzierten Teams, leisteten sich die Zürcher insgesamt sechs Niederlagen. Für diese Art des wiederholten Versagens können die ZSC Lions keine mildernden Umstände geltend machen.
Rückschritt ins Mittelmass
Der eigene Antrieb innerhalb der Mannschaft, der Wille, sich aufzuraffen und ein konstantes Leistungsniveau zu garantieren, scheint nicht gross zu sein. Man fragte sich in letzter Zeit wieder öfter: Sind die überwunden geglaubten Geister der Vergangenheit zurückgekehrt? Die Zürcher Mannschaft liebt das Spielerische, nicht aber die Arbeit, die dahintersteckt. Das heisst: Hält ein Gegner hart und entschlossen dagegen, kann er diese Schwäche der Lions offenlegen und sie niederringen, auch wenn er spielerisch unterlegen ist.
Dieses Problem ist altbekannt, es zeigte sich schon im verlorenen Play-off-Final 2015 gegen den HCD. Seither versuchen die ZSC Lions, diese Schwäche zu beseitigen. Ein Mentalitätswandel ist das Ziel. Marc Crawford, der Lions-Coach 2012 bis 2016, sagte einst: «Wirklich gute Teams regeln ihre Angelegenheiten von selbst, da braucht es den Trainer fast nicht mehr.»
Im letzten Jahr schienen die Zürcher einen Schritt in diese Richtung gemacht zu haben. Nun erlebt auch Grönborg erstmals, dass Leistungskultur, Einsatzbereitschaft und Motivation bei den ZSC Lions nicht selbstverständlich erwartet werden können. Die Spieler geben sich nach Enttäuschungen gerne selbstkritisch. So sagte Maxim Noreau am Montag in Langnau: «Es ist lächerlich, dass wir bis zuletzt um die Play-offs kämpfen mussten.» Solche Worte hörte man schon oft. Zu selten aber werden sie mit Taten untermauert. Was der ZSC seit dem Jahreswechsel gezeigt hat, ist ein Rückschritt, der ihn statt auf die erhoffte Augenhöhe mit dem souveränen EV Zug ins Mittelmass geführt hat.
Der am 13. April beginnende Viertelfinal bietet Gelegenheit, den zwiespältigen Eindruck zu korrigieren. Der Gegner aber heisst Lausanne und steht den Lions in nichts nach. Um ihn viermal zu schlagen, muss zuerst ein massiver Ruck durch die Zürcher Mannschaft gehen.