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König der Kontroverse
Der Tscheche Petr Svoboda war Olympiasieger, Stanley-Cup-Champion und erfolgreicher Spieleragent. Seit dem Frühjahr ist er der starke Mann im Lausanne HC – und wirbelt die Branche durcheinander. Von Nicola Berger
Nicht sauber! Er ist nicht sauber, glaub ihm kein Wort», sagt einer. Ein anderer berichtet von gebrochenen Versprechen, trotz Handshake-Übereinkunft. Ein Dritter sagt: «Der hat von Tuten und Blasen keine Ahnung.» Das Schweizer Eishockey steckt in einer existenzbedrohenden Krise, aber an Petr Svoboda können sich die Protagonisten der Branche leidenschaftlich abarbeiten, selbst in der Stunde der Not. Svoboda, 54, führt seit ein paar Monaten den Lausanne HC und ist in sehr kurzer Zeit zur vielleicht kontroversesten Figur der Liga aufgestiegen.
Es ist Dienstagnachmittag, Svoboda empfängt in einer Loge des Lausanner Stadion-Bijous, ein jovialer Mann mit imposanter Vita. Er war Olympiasieger, Stanley-Cup-Champion, in der NHL bestritt er über 1000 Partien. Dann wurde er Agent, unter anderem von Jaromir Jagr. Im Frühjahr übernahm Svoboda mit seinen Partnern Zdenek Bakala, einem tschechischen Milliardär, der auch den Quick-Step-Rennstall im Radsport unterhält, und dem russisch-amerikanischen Financier Gregory Finger den Lausanne HC. Das Trio beglich die Verbindlichkeiten, für die der Vorbesitzer Ken Stickney nicht mehr aufkommen wollte, und baut den Verein seither in atemberaubendem Tempo um.
Svoboda hat den Trainer entlassen, den Sportchef ebenfalls, seit Ende Mai verpflichtete er 19 Spieler und machte 4 Tauschgeschäfte in einer Liga, in der pro Saison normalerweise kaum eines realisiert wird. Svoboda lächelt und sagt: «Na ja, es waren halt ein paar Änderungen notwendig.» Man würde denken, dass dies Unruhe auslöst, Verunsicherung, gerade intern. Aber ein Kaderspieler sagt: «Es gab für jeden Trade Gründe, die Stimmung im Team ist besser als letzte Saison. Und die neuen Besitzer sind sehr offen, sie suchen den Dialog, sind präsent und haben bis jetzt jede Rechnung bezahlt. Das war in der Ära Stickney alles anders.»
Mehr als Luftschlösser
Wer im beschaulichen, fast inzestuösen Schweizer Eishockey, in dem Spieler zu Funktionären, Agenten, Trainern werden und ihre früheren Kollegen anstellen, aus dem Ausland stammt und sich nonkonformistisch verhält, muss mit Gegenwind rechnen. Svoboda sagt, die Meinung anderer interessiere ihn eigentlich nicht, er brauche keine Schulterklopfer.
Svobodas Geschichte erzählt von Aufbruch, von Wagnissen. In den frühen 1980er Jahren floh er aus Tschechien und schloss sich den Montreal Canadiens an. Auf das damalige kommunistische Regime ist er bis heute schlecht zu sprechen, er sagt: «Ich wurde darum beraubt, eine normale Jugend mit meinen Eltern zu erleben.» In der NHL absolvierte er über 1000 Spiele, und auch nach der Karriere orientierte er sich gegen Westen als Agent. Die Klienten wurden in den letzten Jahren weniger, Svoboda sagt, er habe in diesem Geschäftsbereich ein bisschen die Magie verloren: «Die heutige Spielergeneration will keine ehrlichen Meinungen mehr hören, nur noch Komplimente.» Er suchte eine neue Herausforderung und fand sie in Lausanne. Der langjährige Coach von Genf/Servette, Chris McSorley, der im Schweizer Eishockey auffallend oft mitmischt, wenn es um Klubübernahmen geht, gab Svoboda den Tipp, dass Lausanne zu haben sei. Der Kontakt kam zustande, weil sich McSorley für Denis Malgin interessierte, den Schweizer Stürmer, den Svoboda vertrat.
Svoboda verbrachte viele Monate in und um den LHC, er prüfte die Bücher, studierte den Klub und sein Umfeld. Es hat etwas Glühendes, wenn er über die Möglichkeiten des Vereins, des Standorts Lausanne spricht. Aber seine Vorgänger haben ähnlich argumentiert – oder eher: fabuliert. Am Ende bauten sie nur Luftschlösser. Svoboda ärgert die Frage nach der Nachhaltigkeit des Engagements nicht, er erträgt sie selbst jetzt geduldig, wo sie ihm zum 7000. Mal gestellt wird. Er sagt: «Wir werden lange hier sein.»
Svoboda wirkt wie ein Mann, der nochmals eine Herausforderung sucht, vielleicht die letzte seines Berufslebens. Er ist ein gewiefter Kommunikator, im Auftreten erinnert er ein bisschen an Chris McSorley, den Genfer Menschenfänger. Svoboda erzählt, wie er in der NHL wertvolle Lektionen gelernt habe, von Lou Lamoriello etwa, dem legendären General Manager der New York Islanders. Und wie es ihm eine neue Sicht auf das Leben gegeben habe, als seine Tochter in die Drogensucht stürzte, fast zwei Jahre süchtig war, und es viel Geduld brauchte, sie aus dem Strudel zu befreien.
Zu glatt, zu arrogant
Es hat seinen Reiz, einen Klub nach eigenem Gutdünken zu führen. Und gerade in Nordamerika gibt es etliche Beispiele von Agenten, die erfolgreich ins Management gewechselt haben. Aber die Frage bleibt: Wieso Lausanne, wieso die Schweiz, wieso eine Liga, in der es ein Ungleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben gibt und die Spielerlöhne zu hoch sind? Svoboda spricht vom LHC als einer «einzigartigen Gelegenheit», aber der Grund ist, dass die Investoren Bakala und Finger seit vielen Jahren in der Region leben. Was die Auslagen betrifft, verspricht Svoboda Veränderungen, er sagt, die Löhne in der Liga seien 20 bis 30 Prozent zu hoch, er sehe Sparpotenzial. Was Svoboda sagt, klingt vernünftig, aber dann hört man, mit welchen Zahlen der Klub jongliert. Der im Sommer verpflichtete Stürmer Ken Jäger, ebenso talentiert wie unerfahren, wird im dritten Vertragsjahr 320000 Franken verdienen. Die Konkurrenz mokiert sich über solche Beträge – aber in fast allen Spitzenklubs findet man ähnliche Beispiele.
Lausanne wird in dieser Saison viel Geld verlieren, mindestens fünf Millionen Franken, womöglich substanziell mehr. Und doch engagiert der Klub munter Spieler, man fragt sich, wie das zusammenpasst und ob sich der nächste Zusammenbruch anbahnt. Svoboda sagt: «Die Finanzierung ist langfristig gesichert, es muss sich niemand Sorgen machen.» Er wolle einen LHC aufbauen, den die Menschen innig liebten. Als er rekognoszierte, hätten ihm viele Fans gesagt, der Klub sei zu glatt, zu arrogant. Von diesem Image will Svoboda den Verein wegführen.
Und wenn er dabei ein paar Funktionäre, Agenten und Journalisten vor den Kopf stösst, ist das ein Preis, den er gerne zahlt.
Aus dem NZZ-E-Paper vom 25.10.2020
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