Die ZSC Lions stehen vor dem Lichterlöschen, der Trainer Marc Crawford sagt: «Den Elefanten kannst du nur Biss für Biss essen»
Die ZSC Lions stehen vor dem Lichterlöschen, der Trainer Marc Crawford sagt: «Den Elefanten kannst du nur Biss für Biss essen»
Die ZSC Lions liegen in der Play-off-Halbfinalserie gegen Biel mit 0:3-Siegen zurück und starren dem Abgrund entgegen. Der Coach Marc Crawford bemüht Metaphern – und sieht seine riskanten Personalmassnahmen wirkungslos verpuffen.
1988 hat die Trainerkarriere von Marc Crawford in Milwaukee begonnen. Der Kanadier ist durch fünf verschiedene Ligen getingelt, hat grosse Erfolge gefeiert und den Stanley-Cup gewonnen. Aber einen 0:3-Rückstand in einer Play-off-Serie hat er noch nie gedreht. Am Montagabend steht Crawford, 62, in der Bieler Tissot-Arena und sagt: «Einen Elefanten kannst Du nur Biss für Biss essen.»
Das Play-off ist die Zeit der Metaphern, Crawfords Bonmot ist eine schöne Abwechslung vom drögen Standardsatz, es gelte jetzt «Spiel für Spiel» zu nehmen, den Spieler und Funktionäre Jahr für Jahr in einem lähmende Langeweile auslösenden Singsang herunterbeten. Vielleicht hat ihn das Play-off-Motto des Klubs inspiriert: «Time to hunt» heisst es, Zeit für die Jagd, der ZSC hat es auf allerhand Kleidungsstücke drucken lassen. Und ist für den eigentlichen Aussenseiter Biel bisher trotzdem leichte Beute. Eine einzige Niederlage trennt den ZSC noch vom Saisonende, es könnte bereits am Mittwoch Tatsache werden.
Es droht das erste 0:4 im Play-off seit 2016 – damals bedeutete es das Aus für den Trainer Marc Crawford
Wohl ist dem Team schmerzlich bewusst, dass es möglich ist, eine 3:0-Führung zu verspielen – das Malheur passierte dem ZSC vor Jahresfrist im Final gegen Zug, aber in der Geschichte des Schweizer Eishockeys ist eine solche Wende erst fünf Mal vorgekommen. Und noch nie gelang sie den Zürchern. Es spricht wenig dafür, dass sich das in dieser Serie ändern wird; für den ZSC geht es zunächst darum, das Gesicht zu wahren. Schon 2021 verabschiedeten sich die Lions ohne Sieg aus dem Halbfinal, gegen Genf/Servette hiess es in einer pandemiebedingt verkürzt geführten Serie am Ende 0:3. Die letzte 0:4-Ohrfeige im Play-off datiert von 2015/16. Damals hiess der Gegner im Viertelfinal Bern und der ZSC-Coach Marc Crawford. Wenige Stunden nach der finalen Niederlage in Bern war der Coach seinen Job los.
Das wird dieses Mal nicht geschehen, auch wenn die Bilanz des Trainers mit 15 Siegen aus 30 Partien bisher ausgesprochen mittelmässig ist und er noch nicht hat nachweisen können, dass es der richtige Entscheid war, ihn zurückzuholen. Aber der erst Ende Dezember eingesetzte Coach ist bis 2025 gebunden. Das ZSC-Management zeigte sich bei der Vertragsgestaltung auffallend generös, er hat entsprechend nichts zu befürchten.
Und es ist auch nicht sein Fehler, dass in der ZSC-Offensive derzeit so viel im Argen liegt. Im Gewand des Topskorers lief am Montag der Abwehrchef Dean Kukan auf, was alles über den gegenwärtigen Zustand des ZSC-Angriffs aussagt. Der Ausfall von Denis Hollenstein, der sich im Viertelfinal gegen Davos verletzte und für den Rest der Saison ausfällt, trifft den Klub härter als ihm lieb sein kann.
Denn der nominell eigentlich beste Stürmer Sven Andrighetto befindet sich meilenweit von jener beneidenswerten Verfassung entfernt, mit welcher in seiner ersten ZSC-Saison vor zwei Jahren die Liga in Staunen versetzte. Simon Bodenmann, inzwischen 35, hat seit seiner Vertragsverlängerung von Anfang Februar in 15 Spielen noch zwei Treffer erzielt. Der wuchtige Willy Riedi hat nach einem spektakulären Saisonstart in den letzten 40 Spielen vier Tore erzielt und kein einziges vorbereitet. Die Dritt- und Viertliniencenter Justin Sigrist und Reto Schäppi stagnieren seit längerem und sind offensiv keine Faktoren. Am augenfälligsten aber ist die Formkrise der Ausländer, die in ihrer Quersumme momentan eine bittere Enttäuschung darstellen. Der Sportchef Sven Leuenberger hatte bei der Selektion dieser Spieler auch schon mehr Fortune.
Crawford riskierte am Montag viel, er setzte die Angreifer Justin Azevedo und Lucas Wallmark auf die Tribüne. Azevedo ist mit fünf Punkten aus sieben Partien noch immer der produktivste ZSC-Profi in diesem Play-off; Wallmark, 28, ist schwedischer Nationalspieler und hat über 200 NHL-Partien bestritten. Er steht in Zürich bis 2025 unter Vertrag. Seine Verbannung war ein starkes Signal, zumal ihm de facto Jarno Kärki vorgezogen wurde, ein finnischer Angreifer, der den ganzen Winter über für das Farmteam GCK Lions gespielt hat und dessen letzter Ernstkampf einen Monat zurücklag. Kärki sei ein «grosser, starker Spieler», der für das Powerplay vorgesehen gewesen sei, erklärte Crawford. Der ZSC spielte am Montag kein einziges Mal in Überzahl. Crawford wies wortreich darauf hin, dass er mit der Regelauslegung der Schiedsrichter nicht in allen Fällen übereinstimmte.
Der EHC Biel in der Offensive mit mehr Qualität als der ZSC
Die überraschende Nomination Kärkis hatte auch diesen Effekt: Dass man zum Schluss kommen konnte, dass Biel auf dem Papier in der Offensive besser besetzt ist. Es dürfte keine zwei Meinungen darüber geben, dass Biels dritte Linie mit dem Trio Hischier/Künzle/Cunti über mehr Qualität verfügt als jene des ZSC mit Riedi/Schäppi/Baechler. Mike Künzle und Luca Cunti, das sind verlorene Söhne des ZSC, beide sind Zürcher und wurden in der Heimat schon Meister. Cunti, 33, spielte unter Crawford in Zürich einst das beste Hockey seiner Karriere und schaffte es ins Schweizer WM- und Olympiakader. Heute stürmt er für ein Team, das weniger Geld ausgibt als der ZSC. In der Qualifikation aber trotzdem 24 Tore mehr geschossen hat. Und dem mit dem ehemaligen Liga-Topskorer Damien Brunner in den ersten drei Partien einer der wichtigsten Stürmer fehlte. Brunner, 37, könnte am Mittwoch in Zürich sein Comeback geben.
Nach zwei torlosen Partien gelangen dem ZSC immerhin drei Treffer, einen davon erzielte der nach längerer Absenz reaktivierte Amerikaner Garrett Roe, aber sie waren nicht mehr als Resultatkosmetik. Der ZSC lag nie in Führung, er wurde von einem spielfreudigen, emotionalisierten Gegner phasenweise zerzaust.
Ein männlicher Elefant wiegt um die 6000 Kilo, das bedeutet zwischen 3000 und 3500 Kilo an verwertbarem Fleisch, wie das Internet weiss. Niemand sagt, man solle einen Elefanten töten und essen, auch Marc Crawford nicht, bitte einmal durchatmen, es gibt keinen Grund, Peta einzuschalten. Aber das Sprachbild ist schon stimmig: Man benötigt viel Zeit, um drei Tonnen an Lebensmitteln einzunehmen. Der ZSC muss hoffen, dass seine Frist nicht schon am Mittwoch verstreicht.