Kurzer Wahn - Lange Reue?
von Klaus Zaugg
Die ZSC Lions können sich nicht von Torhüter Ari Sulander (41) emanzipieren. Muss Lukas Flüeler (22) die ZSC Lions verlassen, um ein grosser Torhüter zu werden?
ZSC-Goalie Lukas Flüeler mahnte draussen auf der Bank irgendwie an eine tragische Figur aus einem Film des finnischen Kultregisseurs Aki Kaurismäki. Durch alle Krisen und Böden hindurch haben die ZSC Lions diese Saison auf Lukas Flüeler vertraut. Und nun kehrt wie ein Dämon in der Nacht die Legende Ari Sulander aus der Dunkelheit des nordischen Winters zurück, nimmt ihm den Platz weg und wird ein strahlender Held, der die Mannschaft aus der Krise erlöst und dabei gar noch einen Penalty hält: 1:0 gegen den HC Davos.
Es ist eine schöne Geschichte. Die Lichtgestalt ist wieder da, wärmt die Hockeyseelen im Hallenstadion und mit ihm ist für ein paar Stunden alles gut geworden. Aber es ist ein kurzer Wahn, dem eine lange Reue folgen könnte.
Logisch, dass Trainer Bengt-Ake Gustafsson Ari Sulander nach vier Niederlagen in Serie zurückgeholt hat. Er muss Spiele gewinnen. Alles andere kann, muss ihm egal sein. Die Resultate und die Statistiken sind unerbittliche Richter über die Leistung des Torhüters: 4:6 gegen Zug, 3:5 in Bern, 2:3 nach Penalties in Lugano und schliesslich 0:5 in Genf. Der Schwede kann nicht die ganze Abwehr auswechseln. Aber den Torhüter. Lukas Flüeler hat in dieser Saison bloss eine Fangquote von 89,67 Prozent. Genügend beginnt bei 90 Prozent.
Diese Story müsste nicht geschrieben werden, wenn Lukas Flüeler für diese eine Partie gegen Davos durch einen der talentierten jungen Goalies wie Tim Wolf (18) oder Lukas Meili (18) aus der Organisation der GCK Lions ersetzt worden wäre. Oder wenn er sich seine Arbeit mit Ari Sulander so teilen könnte wie in den letzten zwei Jahren.
Aber die Ausgangslage ist diese Saison eine ganz andere: Von Lukas Flüeler wird jetzt erwartet, dass er die Nummer 1 ist. Nach der Vertragsverlängerung bis 2014 erst recht.
Deshalb ist es fatal, dass der finnische Kultgoalie sozusagen aus dem Vor-Ruhestand bei den GCK Lions zurückgekehrt ist. Jetzt, in der sich anbahnenden neuen Krise, nachdem schon der Coach ausgewechselt worden und ein neuer Ausländer (Owen Nolan) herbeigeeilt ist, erinnert sich der Cheftrainer in der Not an «Sulo» wie einst die Finnen, die in Zeiten der Not immer wieder ihren Nationalhelden Gustaf Mannerheim «reaktiviert» haben. Schliesslich haben die Zürcher seit 1961 nur mit Ari Sulander etwas gewonnen: Die Titel 2000, 2001 und 2008, den Continental Cup 2001 und 2002, die Champions Hockey League 2009 und den Victoria Cup 2009 gegen Chicago.
Der Finne hat in der Organisation der ZSC Lions das Charisma eines Hockeygottes. Jetzt, nach diesem 1:0 gegen Davos erst recht. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Mit Ari Sulander im Tor sind die ZSC Lions eine andere Mannschaft.
Der Vertrag mit Lukas Flüeler ist im Oktober vorzeitig um drei weitere Jahre bis 2014 verlängert worden. Was auf den ersten Blick wie ein kluger Vertrauensbeweis wirken mag, ist auf den zweiten Blick möglicherweise ein Irrtum: Flüeler kann Sulander nach wie vor nicht ersetzen.
Ich habe kürzlich einem langjährigen NLA-Trainer und Torhüterkenner die Frage gestellt: «Es gibt in der NLA einen Goalie, der unter Druck stilistisch an David Aebischer mahnt. Wer ist es?» Der Mann nahm mir, bevor er die Antwort gab, das heilige Versprechen ab, niemals zu verraten, dass er diese Antwort gegeben habe und sagte: «Lukas Flüeler.»
Der Nationaltorhüter neigt unter Druck (wenn die ZSC Verteidigung ins Wanken gerät) zu «Überaktivität», verliert seine Ruhe und Stilsicherheit, will alles zu gut machen, kann das Spiel nicht mehr lesen, sein Winkelspiel gerät aus den Fugen und er lässt zu viele Pucks abprallen. So wie David Aebischer.
Der Zürcher ist ein enorm talentierter Goalie und erst 22 Jahre alt. Mit der richtigen Postur (193 cm) fürs moderne Eishockey. In lichten Momenten wirkt er ruhig, stilsicher und verlässlich und vielleicht wird er ja später einmal doch noch der nächste Sulander.
Aber Torhüter im Hallenstadion zu sein, ist einer der schwierigsten Jobs der Liga. Durch die ständige Anwesenheit von Ari Sulander wird dieser Druck im Quadrat erhöht. Können Sie sich ein leidenschaftliches Liebesspiel vorstellen, wenn die Schwiegermutter im Schlafzimmer steht? Nein, natürlich nicht. Der Vergleich mag gar frivol sein. Und doch lässt sich Lukas Flüelers Situation so am besten erklären. So lange der «Übervater» Ari Sulander in der Organisation der ZSC Lions beschäftigt wird, kommt er nicht aus diesem Schlafzimmer heraus. Jetzt, nach Sulanders wundersamem 1:0 gegen Davos erst recht nicht mehr.
Leonardo Genoni (23) und Reto Berra (23) haben ihre Karriere gerettet. Sie haben die Organisation der ZSC Lions verlassen. Auch weil sie geahnt haben, dass es nicht möglich sein wird, während der «Ära Sulander» eine eigene Goaliepersönlichkeit zu entwickeln. Genoni hat mit Davos inzwischen eine Meisterschaft gewonnen und Berra ist drauf und dran, bei Biel eine gute Nummer 1 für die NLA zu werden.
Die Begeisterung über Ari Sulanders wundersame Rückkehr und sein 1:0 gegen den HC Davos ist ein kurzer Wahn, dem die lange Reue folgen könnte. Weil dieser Einsatz die Position von Lukas Flüeler nachhaltig erschüttert hat.
Kritisieren ist leicht. Was würde denn der grosse Besserwisser bitte sehr als Lösung vorschlagen? Nun, wenn ich Flüelers Agent wäre, würde ich versuchen, einen Deal einzufädeln: Den Tausch mit HCD-Goalie Leonardo Genoni. Im Frühjahr 2012 läuft Genonis Vertrag in Davos aus. Er könnte mit seinem Charisma als Meistergoalie Sulanders Schatten aus dem Hallenstadion vertreiben und in Davos würde Flüeler, vom «Sulander-Komplex» erlöst, zum grossen Goalie reifen.