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Sind Eishockeyspieler unvernünftig?
Wer sein Gesicht schützt, gilt als weich
Immer wieder ziehen sich Spieler teilweise schwere Gesichtsverletzungen zu. Das liesse sich mit einem Vollvisier oder einem Gitterhelm verhindern. Aber dafür bräuchte es einen Kulturwandel.

Marco Oppliger, Angelo Rocchinotti
Publiziert heute um 09:30 Uhr

Und wieder hat es einen erwischt: Wie Sven Jung vom HC Davos werden viele Spieler irgendwann von einem Stock oder einem Puck im Gesicht getroffen.
Foto: Andreas Haas (Imago)
Es passiert gegen Fribourg: Lugano-Verteidiger Bernd Wolf wird von einem Puck am Nacken getroffen, geht zu Boden, kann nicht mehr weiterspielen. «Ich hatte Schmerzen, stand unter Schock», sagt der 25-Jährige. «Später sah ich den Puckabdruck auf meiner Haut und wusste: Ist ein Wirbel gebrochen oder angerissen, wird es richtig gefährlich. Wäre ich anders gestanden, die Scheibe hätte mich im Gesicht getroffen.» Wolf wird ins Spital gebracht, geröntgt und diversen Untersuchungen unterzogen. «Es war Gott sei Dank nur ein Hämatom», sagt der Österreicher mit Schweizer Lizenz, der mittlerweile wieder auf dem Eis steht, erleichtert. Spieleragent Sven Helfenstein hingegen erschaudert noch heute.
«Es ist kompletter Blödsinn, was wir hier veranstalten. Wir versuchen, die Spieler in sämtlichen Bereichen zu schützen, spielen aber noch immer mit Halbvisieren. Und jeder macht es, weil es alle anderen auch tun.» Helfenstein prangert das Vorgehen schon am selben Abend bei Mysports an.
Wolf bekommt die Diskussion mit, sagt: «Ich verstehe die Argumentation. Etliche Spieler verletzen sich, dennoch gehören Halbvisiere zum Eishockey dazu. Als Junge freust du dich, wenn du nicht mehr mit Gitterhelm spielen musst.» Überhaupt, so Wolf, könne immer etwas passieren. «Bei den SCB-Junioren wurde ich von einem Schlittschuh am Hals getroffen und trug eine Narbe davon. Und das trotz Halsschutz.»
Wer ein Vollvisier trägt, gilt als weich
Das Bild des Eishockeyspielers mit Zahnlücke gehört zum Klischee. Nur sehen die wenigsten, welche Folgen Gesichtsverletzungen haben können. Oltens Benjamin Neukom verletzte sich jüngst schwer am Auge, noch ist nicht klar, ob er einen Schaden davontragen wird. Yannick Frehner erwischte es im letzten Winter. Der HCD-Stürmer wollte einen Schuss blocken und erlitt einen Kieferbruch. «Der Unterkiefer war nicht mehr dort, wo er sein sollte. Ich hatte ein Loch im Kinn», sagt Frehner. Zweimal wurde er unter Vollnarkose operiert und musste mithilfe einer Magensonde künstlich ernährt werden. Damals sagte der 24-Jährige, er denke nicht daran, künftig mit Gitter oder Vollvisier zu spielen. Denn: «Ich kenne niemanden, den es ein zweites Mal erwischte.»
Zitat
«Eishockey ist ein Machosport. Alle wollen hart sein. Aber Härte hat nichts mit dem Gesichtsschutz zu tun.»
Spieleragent und TV-Experte Sven Helfenstein
Heute sagt der Stürmer: «Das war eher ein Witz. Eigentlich weiss niemand so recht, weshalb wir nur mit Halbvisieren spielen. Als Hockeyspieler sollte man halt ein harter Kerl sein, also will man dem auch gerecht werden.» Wolf pflichtet Frehner bei. «Die Aussage hat etwas.»
Für Helfenstein ist klar: «Eishockey ist ein Machosport. Alle wollen hart sein. Aber Härte hat nichts mit dem Gesichtsschutz zu tun. Es geht einzig darum, wie du dich im Zweikampf verhältst, ob du dich zu Schwalben hinreissen lässt oder nicht. Mit einem Vollvisier kann man mindestens so gut spielen, wenn nicht besser. Bist du geschützt, gehst du auch anders ans Werk.» Der ehemalige Stürmer versteht die Clubs nicht. «Erstens nehmen sie in Kauf, dass die besten Spieler fehlen, und zweitens zahlen sie höhere Versicherungsprämien.»
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Doch weshalb spielte der heute 40-Jährige selbst nie mit Vollvisier oder Gitter? «Der Sport ist mit damals nicht vergleichbar. Er wurde schneller und dynamischer. Aber klar, auch ich wurde älter und reifer.»
Die Drohung des Zahnarztes, die sass
Bezeichnenderweise gibt es zur Anzahl der Gesichtsverletzungen keine Angaben von offizieller Seite, weil die Clubs diese der Liga nicht melden müssen. Die National League erfasst lediglich Hirnerschütterungen. Und auch das von Helfenstein geäusserte Argument mit den steigenden Prämien konnte kein Clubvertreter bestätigen.
Wohlverstanden, die Spieler tun nichts Verbotenes. Das Reglement des Internationalen Eishockeyverbandes gibt drei Arten eines Gesichtsschutzes vor: einen Visierschutz, ein Schutzgitter oder ein Vollgesichtsschutzvisier. Ersterer muss ordnungsgemäss am Helm befestigt sein und so weit nach unten reichen, dass Augen und Nase vollständig bedeckt sind.
Wer sich besser schützen will, tut das auf Eigeninitiative – so wie Pascal Berger von den SCL Tigers. Er ist der einzige Spieler der National League, der dauerhaft mit einem Gitter spielt, und das schon seit sechs Jahren. Nachdem er drei Zähne verloren hatte, liess sich Berger Implantate einsetzen, die nun mit zwei Schrauben im Oberkieferknochen fixiert sind. Sein Zahnarzt machte ihm unmissverständlich klar: «Wenn du nochmals einen Stock oder einen Puck ins Gesicht erhältst, bricht der Knochen weg.»
Berger musste sich wegen seines Helms viele blöde Sprüche anhören. Mittlerweile komme das kaum mehr vor, hält er fest. Ein oft gehörtes Argument gegen einen Gitterhelm ist die eingeschränkte Sicht. Dem Langnauer entlockt dies jedoch ein Schmunzeln: «Bis 18 spielt jeder damit, da ist es nie ein Problem. Und die Torhüter beschweren sich ja auch nicht darüber.»

Ein Unikat: Pascal Berger ist der einzige volljährige Spieler der Liga, der immer mit einem Gitterhelm spielt.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)
Das sieht auch Damien Brunner so. Der Biel-Stürmer spielte eine Zeit lang mit Vollvisier, nachdem er sich nach einem Zweikampf eine Kieferverletzung zugezogen und zehn Zähne verloren hatte. Brunner sagt: «Was ich durchmachen musste, wünsche ich niemandem. Meine unteren Zähne standen nach vorne, die oberen nach hinten. Ich sass rund 40 Stunden auf dem Zahnarztstuhl und hatte fürchterliche Schmerzen.» Trotzdem spielt der 36-Jährige nun wieder mit Halbvisier. Aus Gewohnheit. Denn: «Es lässt sich leichter die Nase putzen oder den Schweiss von der Stirn wischen. Man kann spucken und sich kratzen, wenn es mal juckt.»
Zitat
«Wenn die Profis ohne Gitter oder Vollvisier spielen, tut man das eben auch. Dass das nicht vernünftig ist, spielt keine Rolle.»
ZSC-Zahnarzt Alessandro Devigus
Alessandro Devigus ist langjähriger Zahnarzt der ZSC Lions. Er sagt: «Der Schutz der Zähne ist eine immerwährende Diskussion.» Jahrzehntelang habe er dafür gekämpft, dass zumindest mehr Spieler einen Zahnschutz tragen, «irgendwann habe ich es aufgegeben». Wenigstens hat die Entwicklung des Spiels und des Materials geholfen, schwere Zahnverletzungen zu reduzieren. Brutale Attacken gegen den Kopf liegen mit dem heutigen Regelwerk nicht mehr drin. Und dank komfortabler Modelle würden gerade jüngere Spieler häufiger einen Zahnschutz tragen, sagt Devigus.
Und doch wird es weiterhin ausgeschlagene Zähne und gebrochene Kiefer geben, solange das Reglement nicht angepasst wird. Weil die meisten Junioren das Gitter von ihrem Helm entfernen, sobald sie 18 sind. «Ich habe das selbst bei meinem Sohn erlebt», sagt Devigus. «Man will ja cool sein, und wenn die Profis ohne Gitter oder Vollvisier spielen, tut man das eben auch. Dass das nicht vernünftig ist, spielt keine Rolle.»
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Eigentlich unverständlich, in jeglicher Hinsicht.
Und wenn ich sehe, was für Auflagen wir - als "unverdächtiger Arbeitgeber" - im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz alles umsetzen und erfüllen muss, könnte man meinen, dass Eishockeyvereine gesetzlose Nicht-Arbeitgeber sind. Da wird definitiv mit massiv unterschiedlichen Ellen gemessen ...