KOMMENTAR
Der FC Zürich ist nach 13 Jahren wieder Schweizer Meister – doch das Siegerteam droht bereits im Sommer auseinanderzufallen
Trainerwahl, Kaderplanung, Spielsystem – der FCZ hat in dieser Spielzeit vieles richtig gemacht. Den 13. Meistertitel der Vereinsgeschichte verdankt er aber auch den schwächelnden Konkurrenten aus Bern und Basel.
Fabian Ruch (NZZ)
Plötzlich Goalgetter: Assan Ceesay (Bildmitte) steht stellvertretend für die bemerkenswerte Entwicklung des FC Zürich in dieser Saison.
Ennio Leanza / Keystone
Vielleicht ist es kein Zufall, wie der FC Zürich am Sonntag den dreizehnten Meistertitel der Vereinsgeschichte und den ersten seit dreizehn Jahren gewann. Er setzte sich beim grossen Rivalen FC Basel im St.-Jakob-Park mit 2:0 durch und krönte damit eine überzeugende Saison, mit der kaum jemand gerechnet hatte.
Bereits eine Woche zuvor hätte der FC Zürich Meister werden können. Weil Basel aber zu Hause Luzern bezwang, kam es nicht zu spontanen FCZ-Jubelszenen im Trainingszentrum Heerenschürli, wo sich Spieler, Trainerstab und Verantwortliche zum gemeinsamen TV-Happening versammelt hatten. Der Präsident Ancillo Canepa sagte damals, dass es sowieso schöner sei, den Titel auf dem Rasen zu feiern.
Dass sich dem FC Zürich solche Gedankenspiele überhaupt stellten, unterstreicht seine Überlegenheit in dieser Saison. Bereits nach 32 Runden und schon am 1. Mai steht er als Schweizer Meister fest. Wer das im vergangenen Sommer prophezeit hätte, wäre ausgelacht und für einen Phantasten erklärt worden. Der FCZ ist ein überraschender, angesichts der Umstände womöglich sogar sensationeller Meister, zumal er nach komplizierten Jahren vor dieser Saison als Abstiegskandidat galt.
Und doch ist der FC Zürich ein logischer Meister. Er trat konstanter und solider auf als die Rivalen, für einmal arbeitete er ruhiger und harmonischer als andere Klubs. Das hängt stark mit der Trainerwahl vor dieser Saison zusammen. Nach einer umfangreichen Analyse war bei den Verantwortlichen (und damit vor allem bei Ancillo Canepa) im letzten Frühling die Überzeugung gereift, die Spielzeit mit einem erfahrenen Fussballlehrer aus dem Ausland anzugehen.
Der Coach Breitenreiter lebt eine bemerkenswerte Siegermentalität vor
Dem Trainer André Breitenreiter gelang es sofort, entscheidende Veränderungen zu bewirken. Der verunsicherten Mannschaft vermittelte der Deutsche Stabilität und Selbstvertrauen – und er lebte eine Siegermentalität vor, die man dem FC Zürich nicht zugetraut hätte. Breitenreiter setzte konsequent auf ein funktionierendes 3-5-2-System, wobei die neu verpflichteten Aussenspieler Adrián Guerrero und Nikola Boranijasevic die wichtigen Positionen auf den Seiten hervorragend besetzten.
Es spricht für den Sportchef Marinko Jurendic, im vergangenen Sommer die grössten Schwachstellen des Teams identifiziert zu haben. Und es spricht für den Trainer Breitenreiter, mehrere Fussballer wiederbelebt zu haben. So gelang es dem früheren Angreifer, den jahrelang unglücklich agierenden Stürmer Assan Ceesay fast wundersam in einen Goalgetter zu verwandeln. Ceesay steht stellvertretend für die bemerkenswerte Entwicklung eines Teams, das sich auch durch eine kurze Schwächephase im Herbst nicht aufhalten liess.
Mit jedem Sieg wuchsen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Vorgelebt von den erfahrenen Führungsspielern, von Torhüter und Captain Yanick Brecher, von Abwehrchef Mirlind Kryeziu, von den Mittelfeldspielern Ousmane Doumbia, Blerim Dzemaili und Antonio Marchesano.
Für die Balance des Teams etablierte sich der Balleroberer Doumbia als wertvollster Einzelspieler, an seiner Seite kämpfte sich Dzemaili nach schwierigen Zeiten zurück. Der 36-jährige Dzemaili verkörperte sowohl die Sehnsucht als auch den Erfolgshunger des Vereins. Und seine Rückkehr stand auch für eine Saison, in der die Zürcher Mannschaft weitgehend von schweren Verletzungen verschont blieb.
Ousmane Doumbia (rechts) ist wichtig für die Stabilität im FCZ-Mittelfeld. Aber wird er den Verein bald verlassen?
Ennio Leanza / Keystone
Der FC Zürich trat auch dann robust auf, als er im Frühjahr als souveräner Leader plötzlich etwas zu verlieren hatte. Die Leistungen waren dabei nicht immer berauschend, doch Ball und Begegnungen liefen in den letzten Monaten oft für ihn, er setzte sich mehrmals in engen Duellen durch, zuweilen gar glückhaft – beispielhaft erwähnt seien die Heimspiele gegen den Titelverteidiger YB (1:0 und 2:1).
Lange Zeit und selbst in der Winterpause noch wurde der FC Zürich unterschätzt. Doch der grosse Favorit YB setzte zu keiner Siegesserie an. Nach vier Meistertiteln in Serie sowie der Qualifikation für die Champions League fielen die Young Boys in eine unerwartete Negativspirale. Verletzungspech, mehrere Gegentore in der Nachspielzeit sowie für einmal unglückliches Verhalten auf dem Transfermarkt führten die Berner in die Krise – zumal sie sich bei der Trainerwahl im letzten Sommer im Deutschen David Wagner schwer getäuscht hatten.
Auch der FC Basel war zu stark mit sich selber beschäftigt und wechselte in der Rückrunde den Trainer. Unter dem umtriebigen Präsidenten David Degen fand der Klub nie zur notwendigen Ruhe. Und so profitierte der FC Zürich von der Gunst dieser Saison. Er hat allerdings keine gewachsene und gefestigte Meistermannschaft wie YB von 2018 bis 2021 und zuvor der FC Basel, der sogar achtmal in Serie den Titel gewonnen hatte. Der FCZ ist ein Meister aus dem Nichts.
Auf die Klubführung wartet ein arbeitsintensiver Sommer
Es ist jedenfalls nicht davon auszugehen, dass der FCZ nun wie zwischen 2006 und 2009, als er drei Titel in vier Saisons gewann, eine Dynastie begründen wird. Die Rivalen aus Bern und Basel operieren immer noch mit deutlich höheren Budgets.
Auf die Zürcher Verantwortlichen wartet ohnehin ein arbeitsintensiver Sommer, das Meisterteam droht auseinanderzufallen. Doumbia und Ceesay haben ihre auslaufenden Arbeitspapiere bisher nicht verlängert; andere Klubs locken mit besseren Verträgen. Die talentierten Becir Omeragic und Wilfried Gnonto werden von ausländischen Vereinen umworben. Und die ausgezeichnete Arbeit des Trainers Breitenreiter dürfte Begehrlichkeiten in Deutschland wecken.
Eine Rückkehr Breitenreiters in die Bundesliga würde bei einer passenden Offerte nicht erstaunen. Der Präsident Ancillo Canepa und der Sportchef Marinko Jurendic betonen, sie seien bezüglich Planung der nächsten Saison entspannt, man habe mit allen Angestellten ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und sei auf mögliche Eventualitäten vorbereitet – schliesslich sei der FC Zürich als Schweizer Meister auch ein attraktiver Arbeitgeber. Als Perspektive lockt nächste Saison die Teilnahme an der Champions League, wobei der FCZ wie im vergangenen Jahr YB mehrere Qualifikationsrunden überstehen müsste.
Für den FC Zürich wird es also auch im kommenden Sommer darum gehen, viele kluge Entscheide zu treffen – um nicht nur gewichtige Abgänge adäquat zu ersetzen, sondern auch das Kader in der Breite zu verstärken. Anders als in den vergangenen Jahren scheint der FCZ heute besser auf diese Herausforderungen vorbereitet zu sein.
Die grösste Baustelle bleibt der Stadionneubau, der sich weiter verzögert. Ohne echte Fussballarena kann der FC Zürich langfristig nicht ernsthaft mit den Branchengrössen YB und FCB mithalten. Er hat in dieser Saison allerdings eindrucksvoll die Schwächen der Konkurrenten ausgenützt. Wer bereits vier Runden vor Schluss als Meister feststeht, ist ein verdienter und würdiger Champion.
Mit dem Letzigrund sind die Zürcher Fussballvereine im Vergleich zur Konkurrenz aus Bern und Basel bezüglich Stadion nicht so gut aufgestellt. Weil der Letzigrund keine echte Fussballarena ist.