Der oberste Chef des SC Bern zieht sich nach 24 Jahre überraschend zurück – Marc Lüthi schrieb eine der erfolgreichsten Geschichten im Schweizer Teamsport
Ein Vierteljahrhundert lang hat Marc Lüthi den SCB geprägt und ihn zu einem der erfolgreichsten Sportunternehmen der Schweiz, wenn nicht Europas gemacht. Nun überlässt er die operative Führung Raeto Raffainer.
Daniel Germann (NZZ)
Unter Marc Lüthis Führung stieg der SC Bern zum erfolgreichsten Sportunternehmen der Schweiz, vielleicht sogar Europas, auf.
Anthony Anex / Keystone
Am 11. Januar 1999 trat im Hotel Bern eine Gruppe älterer Herren vor die Medien, deren Botschaft die Stadt in einen Taumel versetzte: Der SCB muss nicht sterben. Die Konsumgüterholding Valora und ihr CEO Georg Krneta übernahmen für eine Million Franken die Aktienmehrheit am Klub. Valora hat die Bücher der AG zuvor prüfen und die Substanz der Aktien bewerten lassen.
Die unabhängige Analyse ergab für die Aktie mit einem Nominalwert von 20 Franken einen Wert von 8.75 Franken. Ihr Angebot lag damit rund 30 Prozent über dem Marktwert. Zusammen mit einem Darlehen in der Höhe von 1,1 Millionen Franken öffnete das dem schwer überschuldeten SCB einen Weg in die Zukunft.
Der Architekt hinter dem Deal hiess Marc Lüthi: Der damals 38-jährige Betriebsökonom stand in seinem zweiten Jahr als Geschäftsführer des Klubs. Übernommen hatte er das Mandat im Jahr zuvor weniger aus Überzeugung denn zur Schadensbegrenzung. 1995 hatte er zusammen mit seinem Compagnon Erwin Gross mit ihrer Firma IMS ein Mandat zur Produktion von Matchprogrammen und weiteren Printprodukten übernommen.
Der Fast-Konkurs als Beginn einer Erfolgsgeschichte
Der SCB lebte damals im Rausch. Jeder verfügbare Franken wurde umgehend in einen Spieler investiert. Schnell zeichnete sich ab, dass der SCB seinen finanziellen Verpflichtungen gegenüber der IMS nicht ansatzweise würde nachkommen können.
Der damalige SCB-Präsident Jürg Krachpelz suchte das Gespräch mit Lüthi, fragte ihn: «Was sind Sie von Beruf? Können Sie ein Unternehmen führen? Ich brauche dringend einen Geschäftsführer.» So ist es nachzulesen im Buch «Das Phänomen SCB» des Berner Journalisten Christian Dick.
Es war der Beginn einer der grössten Erfolgsgeschichten im Schweizer Mannschaftssport. Unter Lüthis Führung stieg der SCB zum wirtschaftlich erfolgreichsten Sportunternehmen der Schweiz, vielleicht sogar Europas auf. Ohne Zuschüsse eines Mäzens gelang es ihm, während zwanzig Jahren und bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie regelmässig Gewinne in der Höhe von einigen 100 000 bis zu mehreren Millionen Franken zu schreiben.
Die Basis dafür waren die grosse Publikumsmasse mit regelmässig 16 000 Zuschauern pro Match sowie ein Netzwerk von Restaurants in der ganzen Stadt, mit denen der Klub zusätzliche Einnahmen abseits vom volatilen Eishockey-Geschäft generierte.
Am 30. März 2022 findet diese Erfolgsgeschichte ein Ende. Nach 24 Jahren an der Spitze des SCB zieht sich Marc Lüthi aus dem Geschäft zurück. Er überlässt die operative Führung seinem Sportdirektor Raeto Raffainer und wird neu Präsident des Verwaltungsrats mit rein strategischen Aufgaben.
Basis für den wirtschaftlichen Erfolg des SCB ist die grosse Publikumsmasse - regelmässig kommen über 16 000 in die Postfinance-Arena.
Eine Hirnblutung als Weckruf
Schon seit mehreren Wochen hatten Gerüchte über den bevorstehenden Rückzug Lüthis in der Szene kursiert. Die mittlerweile dreijährige sportliche Erfolglosigkeit hatte Spuren hinterlassen, aber mehr noch eine schwere Erkrankung, und so reifte im mittlerweile 61-jährigen Lüthi die Einsicht, dass es Zeit ist, kürzerzutreten. Ausgangspunkt waren die gesundheitlichen Probleme in den vergangenen Monaten.
Sie begannen mit Herzgeräuschen, gegen die er Blutverdünner nahm, diese trugen später zu einer Hirnblutung bei. Im Dezember stiess er sich im Büro den Kopf an, hatte danach latente Schmerzen und musste sich schliesslich zwei Eingriffen unterziehen. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt danach sagte er Ende Februar: «Ich bekam Angstzustände, hatte Mühe mit dem Einschlafen, da ich nicht wusste, ob ich wieder aufwachen würde.»
Es waren ungewohnte, aber auch bemerkenswert offene Worte. Der Manager zeigte auf einmal Schwächen. Es ist schwer nachzuvollziehen, was die gesundheitlichen Probleme im Kontrollmenschen Lüthi ausgelöst haben. Die Machtlosigkeit muss ihm die eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt haben.
Lüthi hat sich nie leicht damit getan, Verantwortung abzutreten. Er sprach überall mit und übertrat dabei auch immer wieder Grenzen. Es begann mit den unsinnigen Quartalszielen, die er Pekka Rautakallio, einem seiner ersten Trainer, vorsetzte und die letztlich auch zur Trennung vom Finnen führt. Lüthi hatte sie aus seinem Betriebswirtschaftslehrgang übernommen und dabei zu wenig beachtet, dass der Sport nicht im gleichen Masse planbar ist wie ein normaler Geschäftsbereich.
Lüthi verpflichtete in seiner Amtszeit achtzehn Trainer und entliess die meisten von ihnen früher oder später auch wieder. Vor zwei Jahren verrannte er sich in der Idee, als erster Schweizer Profisportklub eine Sportchefin zu verpflichten. Er scheiterte krachend. Nach nicht einmal einer Saison musste er sich von Florence Schelling trennen. Der umsichtige und erfolgreiche Sportchef Sven Leuenberger zog sich zurück, weil Lüthi über seinen Kopf hinweg Patrick Fischer als neuen Trainer einsetzen wollte. Leuenberger arbeitet heute für die ZSC Lions.
Lüthi holte den als Spieler ausgesprochen populären Alan Haworth an die Bande und entliess ihn nach wenigen Spielen unmittelbar nach einem Match wieder. Er feuerte Larry Huras mangels Unterhaltung und ohne in Erwägung zu ziehen, dass kaum ein anderer Trainer vor ihm jemals mit so vielen träfen Sprüchen geglänzt hatte und dazu auch noch Meister geworden war. Er trennte sich von Antti Törmänen, der die Mannschaft in eineinhalb Jahren einmal in den Play-off-Final und danach zum Titel trug, weil ihm dessen Umgang mit den Spielern zu nett war.
Alan Haworth wurde von Lüthi als Trainer geholt – und war nach wenigen Spielen wieder weg.
Yoshiko Kusano/Keystone
«Der König von Bern» – ein Titel, der Lüthi nicht passt
Es war für sein Umfeld nicht immer einfach, es mit ML, wie er auf der Geschäftsstelle und in seiner Mail-Adresse kurz genannt wird, auszuhalten. Die «Weltwoche» bezeichnete ihn in einem Porträt einmal als «König von Bern», was ihm auch wieder nicht passte, weil es wohl der Wahrheit zu nahe kam.
Lüthi hat in Bern einen kleinen Staat im Staate aufgebaut, der diesem von der Landwirtschaft, der Armee und diversen Bundesämtern angestaubten eidgenössischen Stand den einen oder anderen Glücksmoment beschert hat. In der Postfinance-Arena erlaubte sich Bern zu sein, wie es normalerweise nicht ist: laut, fordernd, zuweilen auch ein wenig überheblich.
Lüthi hat immer gewusst, wer er ist und was er will. Der Weg, den er gemacht hat, hat ihn geprägt. Aufgewachsen im Berner Umland und im Kanton Luzern, begann seine berufliche Karriere unspektakulär. Er machte eine Lehre als kaufmännischer Angestellter und absolvierte danach ein Nachdiplomstudium in Betriebswirtschaft. In seiner Freizeit spielte er nicht Eishockey, sondern ruderte auf dem Wohlensee. In den ersten Jahren als SCB-Geschäftsführer las er nebenbei die Abendnachrichten auf dem TV-Sender «Tele Bärn».
2004 wird der SC Bern erstmals in der Ära von Marc Lüthi Schweizer Meister.
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Er scheute sich nie, zum Erreichen seiner Ziele auch ungewöhnliche Wege zu beschreiten. Als das hochkarätig besetzte Team im Winter 2012/13 in Rapperswil-Jona gleich 0:3 unterging, zitierte er die Spieler nach ihrer Rückkehr in Bern um 1 Uhr morgens in der Früh noch einmal zurück aufs Eis und liess sie eine halbe Stunde lang Runden drehen. Es war eine Lockout-Saison.
Die NHL-Stars John Tavares, Mark Streit und Roman Josi gastierten in Bern und trauten ihren Augen nicht. Als der SCB im Frühjahr 2009 zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren als Qualifikationssieger in den Viertelfinals scheiterte und in Zug wütende Anhänger die Abfahrt des Mannschaftsbusses blockierten, stellte sich Lüthi dem Gespräch, spendierte Bier und entschärfte die aufgeladene Stimmung.
Ein Machtzentrum zusammen mit dem ZSC
Marc Lüthi hat seine Rolle im Schweizer Eishockey nie als die eines reinen Klubmanagers betrachtet. Er brachte sich ein und gewann an Einfluss. Zusammen mit dem ZSC-CEO Peter Zahner ist er bis heute der einflussreichste Klubfunktionär geblieben. Lüthi und Zahner nehmen Einfluss bei der Besetzung von Schlüsselstellen und helfen sich gegenseitig, um ihre Interessen durchzusetzen. Der heutige Ligadirektor Denis Vaucher hat seine Funktionärskarriere im SCB begonnen. Der Verbandspräsident Michael Rindlisbacher war SCB-Verwaltungsrat. Und der ehemalige Sportdirektor des Verbandes, Raeto Raffainer, hat sich in der Organisation der ZSC Lions auf seine Karriere nach der Karriere vorbereitet.
Es ist nicht frei von Ironie, dass nun ausgerechnet der ehemalige ZSC-Protégé Raffainer in Bern auf Lüthi als CEO folgen und in dessen grosse Fussabdrücke treten wird. Der Engadiner spielte zwischen 2005 und 2008 drei Winter für den SCB und ist mit der ehemaligen SCB-Kommunikationschefin Luisa Weber verheiratet. Als Lüthi ihn vor gut einem Jahr vom HC Davos zum SCB holte, sagte er: «Raffainer hat einen 360-Grad-Winkel. Er sieht das Geschäft als Ganzes. Und genau das brauchen wir.»
Viele Wechsel in der sportlichen Führung, Kontinuität im Back-Office
Wer weiss, wie weitsichtig Lüthi plant, wie genau er seine wichtigsten personellen Entscheide neben dem Eis trifft, der muss zum Schluss kommen, dass er in Raffainer schon damals seinen potenziellen Nachfolger sah – wenn auch kaum so schnell. Denn so volatil das sportliche Umfeld des SC Bern unter Marc Lüthi war, so stabil war jenes der Menschen, die ihm im Back-Office den Rücken freihielten.
Der Chief Operating Officer Rolf Bachmann war schon im Klub, bevor Lüthi die Geschäftsleitung übernahm, er kehrte nach drei Jahren in Davos und beim BSC Young Boys zurück. Der Finanzchef Richard Schwander arbeitet seit 1998 für den SCB, der Medienchef Christian Dick war in den letzten dreizehn Jahren für den Klub tätig. Er wird in diesem Frühjahr pensioniert.
Diese Konstanz steht in grosser Diskrepanz zu den vielen Wechseln in der sportlichen Führung und zeigt, dass Marc Lüthi trotz seiner fordernden, manchmal auch überfordernden Art weit mehr richtig als falsch gemacht hat. Der Respekt, den er dafür erhält, geht weit über den eigenen Klub und dessen Anhänger hinaus.
Der ZSC-Präsident Walter Frey sagte vor kurzem in einem Gespräch mit der NZZ, er wolle seinen Klub wieder zu einem Art Treffpunkt des lokalen Gewerbes machen: «Marc Lüthi hat das in Bern geschafft. Er hat sehr viel Gutes gemacht. Er hat seinen Weg eingeschlagen und ist diesen konsequent weitergegangen.»
Marc Lüthi hat den SCB während fast eines Vierteljahrhunderts geprägt. Er war das Gesicht dieses Grossklubs, mit dem man sich freute und an dem man sich auch rieb. Nun zieht er sich zurück und wird Präsident. Der «Blick» schrieb vor drei Wochen, nachdem der SCB die Pre-Play-off-Qualifikation verpasst hatte: «Das System SC Lüthi ist am Ende.» Wenn sich das Boulevardblatt da nur nicht täuscht. Georg Krneta, Walter Born, Beat Brechbühl: die Präsidenten unter Lüthi, man erinnert sich zum Teil kaum mehr an ihre Namen. Sie waren stille Arbeiter, die sich im Hintergrund hielten und die Bühne ihrem charismatischen CEO überliessen.
Doch wer sagt, dass das auch so bleiben wird?