Eineinhalb Jahre nach dem Urnen-Ja ist das neue Zürcher Fussballstadion kein Jota weiter – und der eigentliche Kampf vor Gericht hat noch gar nicht begonnen
Das neue Fussballstadion auf dem Zürcher Hardturm rückt immer weiter in die Ferne. Was ist da los?
Michael von Ledebur (NZZ)

Die Hardturm-Brache bleibt noch für viele Jahre bestehen.
Ennio Leanza / Keystone
534 Tage. So lange dauert es nun schon, seit 59,1 Prozent der Stimmberechtigten am 27. September 2020 Ja zu einem neuen Fussballstadion gesagt haben – zum zweiten Mal Ja notabene, nach einer ersten Abstimmung im Jahr 2018. Seitdem herrscht totaler Stillstand. Mit Verzögerungen hatte man stets gerechnet, aber nun wurde das Projekt auf unerwartete Weise blockiert. Der Vergleich mit einem Wanderer, der einen langen Marsch vor sich hat, aber schon am Schuhebinden verzweifelt, scheint angezeigt.
Wie kann das sein? Die Antwort hat mit einer Ferienabwesenheit zur Unzeit zu tun, mit einem Gerichtsdolmetscher mit spitzen Ohren und mit einer Justiz, die das öffentlich breit abgestützte Projekt offensichtlich nicht prioritär behandelt – anders, als von vielen erhofft.
Erstaunlich ist, dass das Vorhaben von Stimmrechtsbeschwerden behindert wird. Solche sind in der Regel schnell erledigt. Sie sind nicht gegen das eigentliche Bauprojekt gerichtet, sondern gegen die Abstimmung vom 27. September 2020. Die Stimmrechtsbeschwerden erscheinen inhaltlich zahnlos – zumindest haben das zwei Gerichtsinstanzen so gesehen. Und dennoch sind sie immer noch nicht erledigt. Seit dem vergangenen August liegen sie in Lausanne.
Tragikomische Komponente
Wie lange die Bearbeitung noch dauert, weiss man nicht, denn das Bundesgericht nimmt zu laufenden Verfahren keine Stellung. Das Projekt «Ensemble» umfasst ein Stadion für 18 000 Zuschauer, eine Genossenschaftssiedlung mit gemeinnützigen Wohnungen und zwei Hochhäuser.
Ein Stadion, eine Siedlung und zwei Türme: was auf dem Zürcher Hardturmareal geplant ist
Quellen: HRS Real Estate AG, Boltshauser Architekten, Caruso St John Architects
NZZ / cke.
Am Ursprung der Verzögerung steht eine Episode mit tragikomischer Komponente. Als der Zürcher Bezirksrat die Einsprache gegen die Stadionabstimmung beäugte, weilte einer der fünf Mitglieder in den Ferien. Die Konsequenz: ein Formfehler. Ausgerechnet bei einem derart prestigereichen Projekt.
Das Verwaltungsgericht taxierte die Abwesenheit nicht als schwerwiegenden Mangel. Das Bundesgericht hingegen schon: Es schickte die Beschwerde zurück auf Feld 1, an den Bezirksrat. Auch in Fünferbesetzung lehnte der Bezirksrat die Beschwerde ab, das Verwaltungsgericht stützte diesen Entscheid. Doch die Ehrenrunde bis vor Bundesgericht war zeitraubend.
Es war nicht das erste Mal, dass der Bezirksrat als Vierergremium getagt hatte – aber das erste Mal, dass jemand darin eine juristische Einfallsachse erspähte. Beim Beschwerdeführer handelt es sich um Peter-Wolfgang von Matt, der als langjähriger Gerichtsdolmetscher offensichtlich ein Sensorium für juristische Details und formale Unstimmigkeiten entwickelt hat. Er erlangte im vergangenen Herbst durch seine Initiative für Freiräume am See lokale Berühmtheit. Die Stimmberechtigten lehnten sein Ansinnen aber ab.
Im Fall des Stadions kann man durchaus von einem Coup sprechen. Nicht die hochspezialisierten Anwälte, sondern ein «Amateur» vermag das Ensemble bis heute juristisch zu verzögern. Von Matt sagt, er verspüre darüber «Genugtuung, aber sicher keine Schadenfreude».
Es gehe ihm nicht um Verzögerung, beteuert er. Seine Beschwerde betrifft die Sicherheit. Er habe eine Zeitlang mit seinem Sohn die Heimspiele des FC Zürich besucht und sich Gedanken über die Fangewalt gemacht. Er sagt: «Wir sehen seit dem Ende der Pandemie wieder Gewalt bei jedem Risikospiel.» Bei einem Umzug auf den Hardturm würde sich die Sicherheitslage verschlechtern, ist er überzeugt, unter anderem, weil Gästefans via eine Passerelle und einen Tunnel ins Stadion geschleust würden.

Das Stadionprojekt mit den beiden Wohntürmen und der Genossenschaftssiedlung (im Bild links des Stadions).
Visualisierung Nightnurse
Entscheidend ist allerdings nicht, ob diese Kritik am Stadionprojekt berechtigt ist – sondern, ob die Behörden die Stimmberechtigten vor dem Urnengang zu wenig darüber aufgeklärt haben, wie von Matt in seiner Beschwerde moniert. Der Bezirksrat und das Verwaltungsgericht waren anderer Meinung.
Eine zweite Stimmrechtsbeschwerde von drei Privatpersonen zielt auf den Schulraum, der in einem der Wohntürme geplant ist, was erst nach der Abstimmung bekannt wurde. Auch diese Beschwerde haben die beiden Vorinstanzen abgelehnt. Das Verwaltungsgericht verwies unter anderem auf die grosse Differenz zwischen Ja- und Nein-Stimmen von 18,2 Prozentpunkten: Mit der Information über die Schule wäre das Abstimmungsergebnis nicht entscheidend beeinflusst worden.
Doch weshalb dauert es so lange, bis das Bundesgericht entscheidet? Es mag mit der allgemeinen Belastung der Justiz infolge von Corona zu tun haben. Endgültig klären lässt sich die Frage nicht. Die Stadt Zürich gibt sich auf Anfrage diplomatisch. Der Zürcher Hochbaudepartements-Sekretär Urs Spinner sagt: «Wir hoffen sehr, dass sich das Bundesgericht der Bedeutung des Projekts für die Stadt Zürich bewusst ist und so rasch als möglich entscheidet.» Zumal das Vorhaben noch einen langen Weg bis zur Genehmigung und Realisation zurückzulegen habe.
Für die Fussballklubs ist die Entwicklung schlicht frustrierend. Der GC-Vizepräsident Andras Gurovits sagt: «Es ist sehr schade, dass noch nicht einmal der politische Prozess ganz abgeschlossen ist, obwohl die Stimmbevölkerung zwei Mal zugestimmt hat.» Das neue Stadion sei eben nicht in erster Linie wegen der besser Stimmung darin wichtig, sondern weil es zusätzliche Einnahmen ermögliche, auf die die Klubs angewiesen seien. Bis dahin müssten stets finanzielle Löcher gestopft werden. Dass die Durststrecke bis zum Einzug ins neue Stadion nun länger und länger werde, sei «ein Elend».
Der FCZ-Präsident Ancillo Canepa hoffte nach der Abstimmung, dass im Jahr 2024 oder gar schon 2023 im neuen Stadionrund gespielt werden kann. Nun sagt er: «Ich bin bodenlos verärgert, dass Einzelpersonen einen demokratisch beschlossenen Entscheid auf diese Weise aushebeln können.» Es sei schlicht unglaublich, dass man seit seinem Antritt im Jahr 2006 vergeblich versuche, in der Stadt Zürich ein Stadion zu bauen. Für die Fussballvereine werde es jedes Jahr schwieriger, das jährliche strukturelle Defizit zu decken.
In allen Zürcher Kreisen ist die Zustimmung zum Stadion im Vergleich zu 2018 gestiegen
Zwei Mal über drei Instanzen
Sind die Stimmrechtsbeschwerden dann einmal erledigt, beginnt der eigentliche juristische Parcours. Die Kantonsregierung setzt den Gestaltungsplan fest. Dagegen kann man rekurrieren – in drei Instanzen bis vor Bundesgericht. Erst wenn der Gestaltungsplan rechtskräftig ist, kann gestützt darauf eine Baubewilligung erteilt werden. Diese kann man erneut bis vor die höchste Instanz anfechten.
Sowohl beim Gestaltungsplan wie bei der Baubewilligung ist im aus Investorensicht besten Fall mit mindestens einem Jahr zu rechnen, bis ein definitiver Entscheid vorliegt. Im schlechtesten Fall sind es 2,5 Jahre. Dies gerechnet ab dem Zeitpunkt, da die Stimmrechtsbeschwerden erledigt sind. Ab Baubewilligung dauert es mindestens ein weiteres Jahr, bis Stadion und Genossenschaftsbau erstellt sind. Bis die Hochhäuser fertig sind, dauert es nochmals zusätzlich zwei Jahre.
Das heisst: Bis der Ball rollt, wird es frühestens 2025. Im schlechtesten Fall wird das Stadion 2028 eröffnet. Dies immer nach den Prognosen des Ensemble-Projektteams.
Könnte die Verzögerung das Vorhaben sogar gefährden, weil es für die Investoren, also die CS und die Firma HRS, ab einem gewissen Punkt wirtschaftlich nicht mehr interessant ist? Markus Spillmann, Sprecher von Ensemble, beteuert, dass diese Gefahr nicht bestehe. Einsprachen hätten die Investoren bereits mitbedacht. «Auch bei Ensemble wird sich zeigen, dass solche Einwände das breit akzeptierte Projekt zwar zeitlich behindern, aber letztlich nicht verhindern können.» Anzeichen für einen «Ermüdungsbruch» sehe er nicht.
Eine Ironie besteht darin, dass der Zürcher Fussball derzeit unverhofft die nationale Liga dominiert mit einem seiner beiden Vertreter, dem FCZ, der auf Meisterkurs ist. Angesichts der Baisse vergangener Jahre hatten Zweifler bereits infrage gestellt, ob ein neues Stadion für zwei in der Bedeutungslosigkeit verschwindende Zürcher Fussballvereine überhaupt angemessen sei. Nun haben sich die Verhältnisse verkehrt: Der Fussball hat Klasse. Aber die Infrastruktur kommt einfach nicht vom Fleck.