INTERVIEW
Der ZSC-Sportchef Sven Leuenberger sagt: «Schauspieler überleben im Eishockey-Business nicht lange»
Die erste Hälfte der Qualifikation war für die ZSC Lions ernüchternd. Doch Leuenberger glaubt an die Lernfähigkeit von Team und Trainer.
Daniel Germann (NZZ)

Sven Leuenberger bleibt zuversichtlich, der Sportchef der ZSC Lions verlässt sich auf die zuletzt positive Formkurve der Zürcher.
Patrick B. Kraemer / Keystone
Die ZSC Lions haben in der vergangenen Woche drei von vier Spielen gewonnen. Trotzdem dürfte Platz 6 bei Qualifikationshälfte kaum den Erwartungen entsprechen.
Der Rang ist immer ein Spiegel der Leistungen. Grundsätzlich ist unser Ziel, die Regular Season unter den besten vier abzuschliessen. Erfahrungsgemäss müssen wir zwei Drittel der möglichen Punkte gewinnen, um das zu erreichen. Wir teilen die Saison in Abschnitte von jeweils zehn Spielen ein. Die ersten zehn Partien waren gut, die zweiten zehn nicht. Wir fielen dort in ein Loch. Zuletzt aber zeigte unsere Formkurve wieder aufwärts.
Trotzdem können Sie mit der bisherigen Saison kaum zufrieden sein.
Wir hatten eine Phase, in der wir nicht gut auftraten. Wenn ich die sogenannten Advanced Stats anschaue, die ein Spiegel der Spielweise sind, haben wir zu wenig aus unseren Möglichkeiten herausgeholt. In der Kategorie der zu erwartenden und erhaltenen Tore sind wir die Nummer 2 in der Liga. Trotzdem haben gleich fünf Teams, die vor uns liegen, öfter getroffen als wir. Mit anderen Worten: Wir machen zu wenig aus unseren Chancen. Und doch haben wir eine Basis, auf der wir aufbauen können.
Was macht Sie da so zuversichtlich?
Wir verhielten uns in den letzten Partien auf dem Eis wieder besser. Wir haben Führungen verteidigt und Rückstände aufgeholt. Besonders gefallen hat mir, wie wir am vergangenen Dienstag im Heimspiel gegen Fribourg-Gottéron auch im Rückstand die Ruhe bewahrt haben. Das war nicht immer so. Es gab Partien, in denen einzelne Spieler die Wende im Alleingang erzwingen wollten. Das geht selten gut. Die kommende Woche mit den Auswärtsspielen in Rapperswil-Jona, Genf und Lausanne wird zeigen, wie viel wir aus diesen Fehlern gelernt haben.
Sie haben mit den Transfers von Denis Malgin und Yannick Weber noch einmal in die Mannschaft investiert. Sie spielen als eines von wenigen Teams mit fünf Ausländern. Man erwartet von den ZSC Lions, dass sie mit diesem Kader die Liga dominieren.
Diese Erwartung ist überzogen. Vergessen Sie nicht: Im vergangenen Frühjahr sind zwei andere Teams im Play-off-Final gestanden. Die Liga ist enorm ausgeglichen. Für mich war immer klar, dass wir nicht einfach so zum Titel durchlaufen werden. Auch die Teams, die vor uns liegen, hatten schwächere Phasen. Doch unter dem Strich waren sie bisher konstanter als wir.
Zuletzt wurde auch Kritik am Trainer Rikard Grönborg laut. Sind auch Sie von seiner Arbeit enttäuscht?
Enttäuscht ist das falsche Wort. Wir nehmen uns am Ende der Saison jeweils zwei Tage Zeit, um uns und unseren Kurs zu hinterfragen. Wir haben in der letzten Saison zu viele Punkte gegen Teams wie die SCL Tigers oder Ambri-Piotta abgegeben. Das haben wir korrigiert. Wenn wir den Topteams in einer Hinsicht hinterherhinken, dann ist es im sogenannten Transition Game, dem Umschalten von der Defensive in die Offensive. Die besten Teams in dieser Hinsicht wie Davos, Fribourg oder Rapperswil-Jona schiessen aus solchen Situationen pro Match statistisch 1,3 Tore. Wir kommen auf gut eines. Daran müssen wir arbeiten.
Grönborg arbeitet zum ersten Mal als Klubtrainer auf höchster Ebene. Hat er den Schritt vom National- zum Klubtrainer noch nicht geschafft?
Ich sehe weniger ein Problem im Wechsel von einer Nationalmannschaft zu einem Klubteam als in der neuen Kultur. Vielleicht hat er sich noch nicht ganz an die Mentalität hier gewöhnt. Die Schweizer Eishockeyspieler funktionieren anders als jene in Nordamerika oder Skandinavien. Jeder Trainer braucht Zeit, sich darauf einzustellen.

Mal zu ruhig, mal zu emotional: Rikard Grönborg gibt an der Bande der ZSC Lions zu reden.
Peter Klaunzer / Keystone
In welcher Hinsicht funktionieren die Schweizer anders?
Die Kanadier oder Schweden suchen in einem System die Details selber und lösen sie auch. Wir Schweizer wachsen in einer Umgebung auf, in der wir mit Informationen gefüttert werden, die wir dann umsetzen. Wir wollen viel stärker geführt werden. Das fängt bereits in der Schule an und zieht sich durch das ganze Leben. Schweizer Spieler wollen, dass man mit ihnen spricht und die Ideen erklärt. Grönborg setzt stark auf die Eigenverantwortung.
Der ehemalige Topspieler Martin Plüss bemängelte im Schweizer Fernsehen, Grönborg hadere nach strittigen Szenen zu lange, statt so schnell wie möglich wieder den Kontakt zur Mannschaft zu suchen und ihr zu signalisieren: «Ich habe alles im Griff, wir werden dieses Spiel gewinnen.»
Mag sein. Ich erwarte auch in dieser Hinsicht etwas mehr Eigenverantwortung. Wenn es einem Spieler nicht läuft, dann höre ich immer wieder: «Ich brauche mehr Eiszeit, ich muss regelmässiger spielen.» Bringt in Nordamerika oder Skandinavien einer seine Leistung nicht, dann wird er aussortiert und durch einen anderen ersetzt. Doch wir haben zu wenig Tiefe, zu wenig gute Spieler, als dass wir uns ebenso verhalten könnten. Unsere Spieler sind es nicht gewohnt, mit diesem Druck umzugehen. Sie erwarten, dass man ihnen Hindernisse aus dem Weg räumt. Ich nehme mich da gar nicht aus. Ich war als Spieler genauso.
Trotzdem: Grönborgs Verhalten an der Bande war jüngst alles andere als vorbildlich. Er ist wiederholt mit Ausbrüchen aufgefallen.
Ihm wurde auch schon vorgeworfen, er sei zu ruhig. Nun, da er sich äussert und wehrt, ist es auch wieder nicht gut. Aus meiner Erfahrung ist vor allem wichtig, dass ein Trainer an der Bande sich selber bleibt. Schauspieler überleben im Eishockey-Business nicht lange.
Das heisst, Sie sind nach wie vor überzeugt, dass Rikard Grönborg der richtige Trainer für die ZSC Lions ist?
Zu hundert Prozent. Es gibt genügend Hinweise darauf. Wie gesagt: Der Saisonstart war gut. Wir haben danach vorübergehend unsere Struktur verlassen und wurden dafür bestraft. Der eine oder andere Spieler mag mit seiner eigenen Ausbeute nicht zufrieden gewesen sein, hat deshalb die Linie möglicherweise verlassen und vermehrt den eigenen Erfolg gesucht. Grönborg hat korrigierend eingegriffen, und ich sehe erste Erfolge daraus.
Die Trainerdiskussionen wiederholen sich in Zürich. Grönborg ist der fünfte Trainer nach Hans Wallson, Hans Kossmann, Serge Aubin und Arno Del Curto, den Sie seit 2017 bei den Lions erleben. Gibt es den richtigen Trainer für dieses Team überhaupt?
Im Sport ist es relativ einfach: Der richtige Trainer ist jener, der am häufigsten gewinnt. Die, die am meisten geklatscht haben, als wir den Vertrag mit Rikard Grönborg vorzeitig verlängert haben, sind heute jene, die ihn am lautesten kritisieren.
Das ist Zürich.
Mag sein. Wir sind in der Unterhaltungsbranche. Die Stadt Zürich hat ein riesiges Angebot. Deshalb ist es für uns vielleicht noch etwas schwieriger, die Leute auf Dauer zufriedenzustellen und bei der Stange zu halten. Es reicht nicht zu gewinnen; wir müssen spektakulär gewinnen. Doch der Mechanismus ist anderswo ähnlich. Kari Jalonen eilte in Bern von Erfolg zu Erfolg. Doch das genügte nicht. Irgendwann tauchte die Meinung auf, seine Art, spielen zu lassen, sei langweilig. Das war der Anfang von seinem Ende beim SCB.
Bob Hartley und Marc Crawford waren starke Persönlichkeiten, die das Team eng führten. Mit ihnen hatten die ZSC Lions dauerhaft Erfolg. Brauchen sie einen Peitschenknaller an der Bande?
Bob Hartley stand vor Weihnachten kurz vor der Entlassung, ehe sein Team in Genf einen Match spät noch wendete. Im Frühling wurden die Lions dann Meister. Ich habe in meiner Karriere zuerst als Spieler, dann als Sportchef viele Trainer erlebt. Die erfolgreichsten von ihnen waren immer jene, die von ihrer Linie überzeugt waren und an dieser festhielten. Marc Crawford behauptete 2016 selbst nach der 0:4-Niederlage im Viertelfinal gegen den SCB noch, seine Strategie sei die richtige gewesen.
Grönborgs Vertrag läuft bis ins Frühjahr 2023. Trotzdem liebäugelt er immer wieder mit einem Wechsel in die NHL.
Er hat eine Ausstiegsklausel, von der er bis zum 31. Dezember Gebrauch machen muss. Andernfalls werden wir ihn nicht ziehen lassen. Das weiss er, und unter anderen Vorzeichen hätten wir seinen Vertrag auch nicht verlängert. Bis jetzt habe ich keine Signale dafür, dass er sich verändern will.
Sie haben in Ihrem ersten Job als Sportchef in den späten 2000er Jahren beim SCB eine ähnliche Serie der Erfolglosigkeit erlebt wie nun in Zürich. Gibt es Parallelen?
Vielleicht die, dass es Zeit braucht, eine Erfolgskultur aufzubauen. Wir hatten auch damals in Bern nicht von Anfang an nur Siegertypen im Team. Gewinnen lernen ist ein Prozess. Man kann den beschleunigen, in dem man Spieler mit der richtigen DNA ins Team holt. Ich schaue bei meinen Transfers immer auch darauf, was für eine Mentalität ein Spieler mitbringt. Je talentierter er ist, desto schwieriger wird es in der Regel für einen Trainer, ihn von seinen Ideen zu überzeugen. Deshalb sind Niederlagen manchmal fast wertvoller als Siege – allerdings nur dann, wenn man die richtigen Schlüsse aus ihnen zieht.
Im kommenden Herbst ziehen die ZSC Lions in das neue Stadion in Altstetten um. Wie sehr erhöht das den Druck, bereits jetzt erfolgreich zu sein?
Der Umzug ist ein Riesenschritt, der uns auf und neben dem Eis neue Möglichkeiten eröffnet. Die Vorfreude ist gross und mag uns von Zeit zu Zeit ablenken. Von zusätzlichem Druck aber würde ich nicht sprechen.