Ratlose Lions
Das muss der letzte Weckruf sein für den ZSC
In Davos kommen die Zürcher beim 1:4 unter die Räder wie noch nie in dieser Saison. So droht der freie Fall. Am Montag bietet sich bereits die nächste Chance.

Zürcher Ratlosigkeit und Enttäuschung: Dario Trutmann, Lionel Marchand, Enzo Guebey, Reto Schäppi, Chris Baltisberger und Denis Hollenstein (von links) nach dem 1:4 in Davos.
Foto: Jürgen Staiger (Keystone)
Es herrschte Ratlosigkeit bei den ZSC Lions nach dem Spiel in Davos. Ein 1:4 tönt im ersten Moment ja nicht ganz so schlimm. Erst recht nicht beim heimstärksten Team der Liga, das zu Hause in 12 Spielen 31 Punkte holte und bei 47 geschossenen Treffern erst 17 kassierte. Aber die Zürcher wussten: Sie waren mit diesem 1:4 gar nicht so schlecht bedient. Ihrem Torhüter Ludovic Waeber gelang ein grosses Spiel, er vereitelte schon im Startdrittel vier Davoser Solo-Chancen, darunter einen Penalty Enzo Corvis. «Wenn nach einem 1:4 dein Goalie zu Recht als bester Spieler ausgezeichnet wird, heisst das viel», sagte Captain Patrick Geering.
Noch nie waren die Zürcher einem Gegner derart unterlegen gewesen in dieser Saison. Da gab es kürzlich zwar dieses 1:6 in Bern. «Das war auch eine Scheiss-Niederlage, aber ein anderes Spiel», sagte Geering. Beim SCB hatte der ZSC sehr stark angefangen, liess sich dann von einem Gegner, dem fast alles gelang und der fast jede Torchance nutzte, frustrieren. In Davos war nichts davon zu sehen, von der ersten Minute an kam der ZSC unter die Räder, Waeber war der einzige Grund, dass sich die Lions irgendwie mit einem 0:0 in die erste Pause retten konnten. Nein, er könne sich nicht an so einen inferioren Beginn seiner Mannschaft erinnern, sagte Geering. Und: «Ohne die Leistung von Ludo hätten wir einige Tore mehr kassiert.»
Im Kollektiv untergegangen
Zweierlei irritierte aus Zürcher Sicht besonders. Die ZSC Lions wurden vom Spiel des HC Davos nicht überrascht. Es ist allgemein bekannt und auch durch die Analytics belegt, dass die Bündner die mit Abstand beste Kontermannschaft der Liga sind. Schnell wie kein anderes Team schwärmen sie nach gegnerischen Puckverlusten in die Offensive aus. Exakt dies wurde vom Zürcher Coaching Staff vor dem Spiel thematisiert, «genau auf das haben wir uns auch eingestellt», sagte Mittelstürmer Reto Schäppi. Doch dann kreierte Davos Chance um Chance nach schnellen Gegenstössen und erzielte all seine drei 5-gegen-5-Treffer nach Kontern.
Und das war das zweite Irritierende: Der ZSC ging im Kollektiv unter, es war nicht das Problem einer inferioren Linie, sondern ein grundsätzliches. Das Zürcher System kam jenem des HCD besonders entgegen. Wie sehr die Bündner ihr Spiel den Lions aufzwangen, zeigt auch eine irrwitzige Statistik aus den Analytics: Addierte man nach dem Expected-Goals-Modell alle Torgefahr nach Kontern, dann gingen 93 Prozent dieser Torgefahr vom HCD aus – ein Zürcher Umschaltspiel mit Chancen fand also gar nicht erst statt.

Davos enteilt dem ZSC: Patrick Geering verfolgt Andres Ambühl.
Foto: Martin Meienberger (Freshfocus)
Geering fasste das so zusammen: «Die Davoser spielten sehr gut, das muss man auch festhalten. Sie hatten uns 60 Minuten im Griff. Wir haben schlicht zu wenig gemacht.» Dass ein Heimteam mit derart viel Tempo und Energie loslegt, könne ja vorkommen. Aber das sei keine Ausrede für den Zürcher Auftritt: «Wir müssen Wege finden, um auch solche Spiele irgendwie zu überleben.»

So wurden bei HCD - ZSC Torchancen kreiert: Für 93,3 Prozent aller Chancen nach Kontern (Off the Rush) sorgte Davos, für 60,8 Prozent aller Chancen nach erfolgreichem Forechecking war ebenfalls der HCD zuständig. Nur bei Chancen nach Druckphasen (Offensive Zone Sustained Possession) hatte der ZSC mit 54 Prozent aller solchen Torgefahren ein leichtes Plus.
Grafik: 49ing
Mildernde Umstände gab es für die Lions wegen ihrer personellen Situation. Mit Garrett Roe, Justin Azevedo und John Quenneville fehlten gleich drei Import-Stürmer. Weder Geering noch Schäppi wollten aber davon hören. Geering: «Wenn du die beiden Aufstellungen anschaust, war es immer noch ausgeglichen.» Schäppi: «Natürlich merkst du das. Aber wir waren immer noch gut genug besetzt, um zumindest dagegenhalten zu können. In der Champions League gelang uns bei Rögle ein sehr guter Match mit noch mehr Ausfällen.»
WEITER NACH DER WERBUNG
Nun kommt zweimal Fribourg-Gottéron
Wie diese Niederlage zustande kam, kombiniert mit dem ständigen Auf und Ab in dieser Saison, das auch durch die 12:11 Sieg-Niederlage-Bilanz nach 23 Spielen dokumentiert wird: All das muss für die Lions eine wirklich letzte Warnung sein, dass es so nicht geht. Dass so auch Rang 6 und die direkte Qualifikation fürs Playoff in Gefahr sind. Dass solche Leistungen und Resultate irgendwann Konsequenzen haben müssen. Einfacher wird es nicht, es geht Schlag auf Schlag: Am Montag reisen die Zürcher nach Freiburg zum zweitbesten Heimteam der Liga, am Dienstag kommt es zur Revanche im Hallenstadion.









