Vor dem Saisonstart
Millionen und Brosamen: Darum geht es für die Schweizer in der NHL
Darum geht es für die Schweizer in der Saison 2021/22: Nino Niederreiter und Kevin Fiala hoffen auf den grossen Zahltag, am anderen Ende der Skala kämpft Sven Bärtschi um einen Platz.

Kristian Kapp (TA)

Kevin Fiala bei den Minnesota Wild: Eine entscheidende Saison steht bevor.
Foto: Carl Sandin (Bildbyran/Freshfocus)
Am Dienstag startet die NHL-Saison, mindestens zehn Schweizer werden zum Einsatz kommen. Vor allem drei Stürmer stehen unter Druck. Zwei von ihnen, weil ihr Vertrag ausläuft und finanziell lukrative Verlängerungen winken. Und einer, der nach zehn Jahren Nordamerika nun um den Platz in der besten Eishockeyliga kämpft.
Doch gehen wir der Reihe nach und schauen auf alle Schweizer und ihre (Vertrags-)Situationen.
Die Sorglosen: Nico Hischier, Roman Josi, Timo Meier

Mit dem C auf der Brust: New Jerseys Captain Nico Hischier in einem Testspiel gegen die New York Rangers und Stürmer Morgan Barron (links).
Foto: Bill Kostroun (Keystone)
Dieses Trio hat keine Sorgen, zumindest was die Verträge angeht. Flügelstürmer Timo Meiers Kontrakt in San Jose läuft noch bis 2023, er wird diese Saison 4 Millionen US-Dollar verdienen, nächste Saison sogar 10 Millionen. Center Nico Hischier bei New Jersey sowie Roman Josi in Nashville sind Captains ihrer Teams und haben unlängst langjährige Verträge unterschrieben. Der 22-jährige Hischier kassiert bis 2027 pro Saison 7,25 Millionen brutto, Josi bis 2028 gar 9,059 Millionen.
Sportlich sieht es weniger rosig aus. Josis und vor allem Meiers Arbeitgeber stehen für Clubs, die über Jahre zu den Mitfavoriten zählten, deren Erfolgskurven aber immer mehr nach unten zeigen und früher oder später wohl vor dem Rebuild, also dem grossen Umbau und einer Verjüngung des Kaders, stehen werden.
Bereits mitten in jener Phase steht der 22-jährige Hischier mit seinen Devils. Der Walliser führt zwar eines der jüngsten Teams mit vielen aufstrebenden Spielern an, doch es braucht dicke Geduldsfäden in New Jersey: Seit der Finalniederlage 2012 gab es nur noch eine Playoff-Qualifikation, in der nach Runde 1 bereits Schluss war.
Auch die Eigenwerbung zählt

Vertragsjahr: Nino Niederreiter blickt bei den Carolina Hurricanes einer bedeutenden Saison entgegen.
Foto: Gerry Broome (Keystone)
Kein Spieler liebt es, das sogenannte Vertragsjahr. Es ist die Zeit, wenn es neben dem sportlichen Erfolg mit dem Team eben auch um die Eigenwerbung geht und ein Spieler sich kaum eine persönlich schlechte Saison leisten kann. So wie für Nino Niederreiter bei den Carolina Hurricanes und Kevin Fiala bei den Minnesota Wild.
Niederreiters Vertrag, der ihm in den letzten fünf Jahren durchschnittlich 5,25 Millionen einbrachte, läuft nächsten Sommer aus. Der Bündner ist 29, gelingt ihm eine starke Saison, kann er wohl ein letztes Mal in seiner Karriere einen vielleicht noch besser dotierten Mehrjahresvertrag unterschreiben – am liebsten bei seinem aktuellen Team in Carolina, einem der besten Teams der Liga, das auch in dieser Saison zu den Titelfavoriten gehört.
Niederreiter ist Drucksituationen gewohnt, bereits vor einem Jahr musste er sich neu erfinden in seinem Spiel. 2019/20 war seine persönlich schlechteste Saison gewesen, der Churer musste einsehen, dass die Zeiten der grossen, schweren Stürmer in der NHL langsam zu Ende gehen und immer mehr Tempo und Beweglichkeit gefragt sind. So arbeitete er bereits letzten Sommer daran, leichter und agiler zu werden, inklusive Yoga. Zudem machte er Anpassungen an Schlittschuh sowie Stock.
Unter ganz anderen Umständen ist Fiala in seine aktuelle Vertragssituation geraten. Er konnte sich mit Minnesota diesen Sommer nicht über einen langen Vertrag einigen und unterschrieb nur für eine Saison – und für «bloss» 5,1 Millionen. «Bloss», weil Fiala mit 40 Skorerpunkten in 50 Spielen seine gute Vorsaison bestätigt und sich einen deutlich besser dotierten Vertrag erhofft hatte. Teamintern war nur der NHL-Neuling Kirill Kaprizov mit 51 Punkten in 55 Spielen produktiver, und der Russe konnte sich nun nach langen und zähen Verhandlungen über einen neuen Vertrag freuen, der ihm bis 2026 durchschnittlich pro Jahr 9 Millionen US-Dollar einbringen wird.
Nach diesem Kompromiss-Vertrag erhofft sich Fiala den richtig grossen Zahltag nun am Ende der neuen Saison. Der Flügelstürmer wird dafür seine offensiv starken Werte ein weiteres Mal mindestens bestätigen müssen. Und nach wie vor scheint es bei Minnesota leichte Skepsis zu geben, ob aus dem 25-jährigen Fiala einst tatsächlich jener komplette Stürmer wird, den sie sich erhoffen. An Skills und Talent mangelt es nicht, Fiala dürfte diesbezüglich der beste und spektakulärste Schweizer Stürmer sein. Ihn begleiteten in seiner NHL-Karriere indes stets kleinere und grössere Episoden, in denen seine Trainer ihm mangelnde taktische Disziplin und in seinem Spiel den Hang zu zu viel Risiko und Leichtsinn vorwarfen.
Am anderen Ende der Skala

Unterstützung durch Ehefrau Laura und Söhnchen Callan: Sven Bärtschi kämpft in Las Vegas um einen Platz in der NHL.
Foto: Ronda Churchill (Keystone)
Niederreiter und Fiala kämpfen also um Millionenverträge, Sven Bärtschi hingegen nur noch um einen Platz in der Liga. Der Langenthaler wurde in den letzten beiden Saisons in Vancouver kaum mehr eingesetzt und wurde in die AHL abgeschoben. Dennoch hat Bärtschi noch nicht genug von Nordamerika und hat im Sommer bei den Vegas Golden Knights einen Zweiwegvertrag unterschrieben – dies bedeutet, dass er eine Stufe tiefer im Farmteam deutlich weniger verdient als in der NHL.
Bis am Sonntag kämpfte Bärtschi noch um einen Platz in der 4. Linie des NHL-Clubs, danach erfolgte die Abschiebung: Sofern ihn nicht unerwartet noch ein anderes NHL-Team verpflichtet, wird der Flügelstürmer die Saison im AHL-Team bei den Henderson Silver Knights beginnen. Silber statt Gold, das gilt hier nicht nur im Teamnamen. Im Farmteam im Vorort von Las Vegas beträgt Bärtschis Jahressalär 400’000 US-Dollar, im NHL-Team wäre es der reglementierte Mindestlohn von 750’000 Dollar.
Da von den Bruttosalären in Nordamerika für Steuern rund die Hälfte abgezogen wird, könnte Bärtschi im schlechtesten Fall, bei einer kompletten Saison in Henderson, also 2021/22 bloss 200’000 Dollar verdienen. Das sind rund 185’000 Franken, er verzichtet damit auf viel Geld. Bei einer Rückkehr Bärtschis in die Schweiz hätten sich alle Grossclubs die Finger geleckt und sich gegenseitig hochgeboten – ein Salär von 600’000 Franken aufwärts wäre für den Stürmer problemlos möglich gewesen und damit wohl mehr, als er selbst bei der eher unrealistischen Variante einer vollen NHL-Saison kassieren würde.
Eishockey in der Provinz in der Wüste Nevadas statt eines schönen Rentenvertrags in der Schweiz: Der 29-jährige Bärtschi kann unter den Schweizern in Nordamerika also durchaus als letzter Hockeyromantiker bezeichnet werden. Man muss dabei auch seine Karriere berücksichtigen. Seit Bärtschi 2010 mit 18 Jahren in Portland in Kanadas Juniorenliga sein Übersee-Abenteuer begann, wurde er mehr und mehr heimisch in Nordamerika. Portland, wo er seine Ehefrau Laura kennen lernte, wurde auch zu seiner Heimat – er kehrt seit Jahren auch im Sommer kaum noch in die Schweiz zurück.
Das Quintett dazwischen

Neuer Arbeitgeber: Pius Suter spielt in seiner zweiten NHL-Saison für die Detroit Red Wings.
Foto: Paul Sancya (Keystone)
Zwischen diesen Extremen finden wir fünf Schweizer, die sich in erster Linie gute Rollen erhoffen, in Teams, die wenig Aussicht auf sportlichen Erfolg haben: Pius Suter, Dean Kukan, Grégory Hofmann, Jonas Siegenthaler und Philipp Kurashev. Stürmer Suter ist in seinem zweiten Nordamerika-Jahr in Detroit und damit einem der schwächsten NHL-Teams gelandet. Die 3,25 Millionen, die er pro Jahr bis 2023 kassiert, dürften die zu befürchtenden Niederlagen versüssen, genauso wie die Aussicht auf viel Eiszeit. Suter gefiel in den Testspielen mit guten Leistungen.
Kukan (28) erhält in seinem sechsten Jahr in der Organisation der Columbus Blue Jackets die letzte Chance, unbestrittene Stammkraft in der Abwehr zu werden. 2 Millionen verdient Kukan, so viel wie noch nie in seiner Karriere. Gleich alt ist sein Schweizer Teamkollege Hofmann, der sein Nordamerika-Abenteuer mit einem 900’000 US-Dollar schweren Einjahresvertrag in Angriff nimmt. Die Bandbreite beim früheren Zuger Stürmer ist gross, nichts ist auszuschliessen: weder der Durchbruch mit toller erster NHL-Saison noch die Demotion ins AHL-Team.
Siegenthaler ist in New Jersey Teamkollege Hischiers, ausgestattet mit einem Vertrag bis 2023, der ihm pro Saison 1,125 Millionen US-Dollar einbringt. Der Verteidiger nimmt nach fünf Jahren in Washington einen zweiten Anlauf, sich als NHL-Stammspieler zu etablieren. Der 21-jährige Stürmer Kurashev schliesslich steht nach seiner überraschend guten ersten NHL-Saison in Chicago vor dem Jahr der Bestätigung.
Die Saison in ihren AHL-Teams beginnen die drei Verteidiger Janis Moser (Arizona), Tobias Geisser (Washington), Tim Berni (Columbus) sowie Goalie Akira Schmid (New Jersey) in seiner ersten Profisaison. Die realistischsten Chancen auf baldige NHL-Einsätze hat der frühere Bieler Moser.