Dilemma bei den Lions
Weshalb der ZSC auch Spieler für die Gegner ausbildet
Ein Meisterclub, der auch Ausbildungsverein sein will – mit diesem Vorhaben stossen die Zürcher oft an ihre Grenzen. Trotzdem wehrt sich Sportchef Sven Leuenberger.

Kristian Kapp
Publiziert heute um 09:19 Uhr
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Bild aus der Vergangenheit: Raphael Prassl im Dress der ZSC Lions …
Foto: Urs Jaudas
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Man kann Jahr für Jahr dieses Spielchen rund um die ZSC Lions machen: Wie sähe eigentlich ihr Kader aus ohne die Abgänge guter bis sehr guter junger Spieler? Spieler, die teilweise oder gar vollständig in der Organisation der Zürcher mit ihrem GCK-Farmsystem ausgebildet wurden. Es geht nicht um all die früheren Lions-Spieler, die derzeit in Nordamerika spielen: Dean Kukan, Jonas Siegenthaler, Denis Malgin, Pius Suter und neu auch Tim Berni. Diese Abgänge schmerzen auch, aber es lässt sich nichts gegen sie tun, sie sprechen für gute Ausbildungsarbeit.
Was eher zu reden gibt, auch unter ZSC-Fans, sind jene jungen Spieler, die in den letzten zwei, drei Jahren zu anderen NL-Clubs gingen: Roger Karrer und Marco Miranda zu Servette, Jérôme Bachofner zu Zug, und ab der am Dienstag beginnenden neuen Saison spielen Axel Simic und Raphael Prassl für Davos.
Diese Spieler machen häufig bessere Perspektiven bei anderen Clubs geltend. Sprich: mehr Eiszeit, bessere Rollen. Es sei nicht unmöglich, aber doch schwierig, sich innerhalb des Zürcher Topkaders als junger Spieler durchzusetzen, sagt zum Beispiel Prassl.
Alle hätten bleiben können
Bilden die Lions die Spieler also vor allem für die Schweizer Konkurrenz aus? Und verpflichten stattdessen Rollenspieler von auswärts? Diese Vorwürfe kennt auch ZSC-Sportchef Sven Leuenberger. Er sagt zwar: «Wenn wir einen Spielertyp, den wir brauchen, nicht selber haben, dann müssen wir den halt von anderswoher holen.»

Der Blick in die nächste Saison: ZSC-Sportchef Sven Leuenberger.
Foto: Walter Bieri (Keystone)
Andere Vorwürfe vergleicht er aber auch mit «Gerede am Stammtisch». Es sei ja nicht so, dass der ZSC keine eigenen Spieler in die 1. Mannschaft hochnehme. Und schon gar nicht wolle der ZSC seine hoffnungsvollen Spieler loswerden. Jeden der fünf Genannten hätten die Lions gern behalten, betont Leuenberger. Hinter die sogenannte bessere Perspektive stellt er in den meisten Fällen ein Fragezeichen. «Sind diese wirklich so viel besser? Die meisten hätten bei uns ähnliche Rollen erhalten», sagt er. Und: «Verraten die Spieler immer die ganze Wahrheit? Ein Wechsel kann auch für die Entwicklung des Portemonnaies gut sein, auch das ist dann eine Art Perspektive …»
Wenig Junge kommen nach? Ein generelles Problem
Die aktuelle Problematik hat zwei Ebenen, eine davon betrifft die Lions nicht exklusiv. Die aktuellen Jahrgänge im Schweizer Eishockey sind eher schwach, davon zeugte auch das Abschneiden der U-20-Nationalmannschaft an der letzten WM. Letzte Saison waren in der ganzen National League nur drei Spieler im Juniorenalter Stammspieler. In Schweden, dem Vorzeigeland in der Ausbildung, waren es in der höchsten Liga SHL über 20, und das ist dort nichts Spezielles.
Man müsse halt mehr den Jungen vertrauen und sie einsetzen – auch damit fördere man sie. Das sind oft gehörte Forderungen. Leuenberger kontert: «Wie soll ein Spieler in der National League mithalten, wenn er in der U-20-Nationalmannschaft nur knapp genügt? Natürlich kann man ihn einfach so reinwerfen, damit man ihn reingeworfen hat. Aber bringt das wirklich etwas?»
Die andere Ebene betrifft die Rolle der Lions im Schweizer Eishockey, bringt sie damit in den Fokus dieser Diskussion wie kaum einen anderen Club und setzt sie vielleicht in der Tat nicht immer nur fairer Kritik aus: der Anspruch, gleichzeitig jedes Jahr Meisteranwärter und Ausbildungsclub zu sein. «Diese Ausgangslage kann Fluch und Segen zugleich sein. Und sie ist eine sehr grosse Herausforderung», sagt Leuenberger.

Für einmal der bejubelte Mann beim ZSC: Der US-amerikanische GCK-Stürmer Ryan Hayes wird nach seinem 2:2-Ausgleichstreffer gegen Frölunda von seinen Mitspielern gefeiert.
Foto: Martin Meienberger (Freshfocus)
Besonders laut werden Kritik oder Häme, wenn die Lions bei Verletzungssorgen nicht junge Schweizer der GCK Lions hochnehmen, sondern die Importspieler des Farmteams. Oder wenn sie, wie letzte Woche in der Champions Hockey League, mit gleich sechs ausländischen Spielern antreten. Für Leuenberger ist diese Diskussion zu sehr «auf den Mann gespielt. Und das will ich nicht. Es geht mir hier um eine grundsätzliche Philosophie», sagt der Sportchef. Er definiert sie mit einem Wort: «Leistungskultur.»
«Du spielst hier nicht automatisch in der 1. Mannschaft, bloss weil du Zürcher bist.»
ZSC-Sportchef Sven Leuenberger und die Definition von Leistungskultur
Seit Leuenberger 2017 vom SC Bern nach Oerlikon wechselte, betont er dies wie ein Mantra. Es sei seine Aufgabe, diese Leistungskultur im ZSC zu etablieren: «In einer derart starken CHL-Gruppe wie unserer muss das bestmögliche Team aufgestellt werden. Und du spielst hier nicht automatisch in der 1. Mannschaft, bloss weil du Zürcher bist. Die Grundvoraussetzung ist, physisch bereit zu sein. Dabei ist es völlig egal, ob du Schweizer oder Ausländer, Junger oder Routinier bist. Wenn einer erst 18 Jahre alt, aber im physischen Bereich schon top ist und das nötige Niveau hat, dann spielt er auch.»
Was aber tun, wenn der Trend der letzten zwei, drei Jahre sich fortsetzt? Schätzen denn die Spieler ihre Situation derart falsch ein in Zürich? Oder überzeugte die Konkurrenz, wie zum Beispiel in den Fällen von Bachofner und Prassl gemunkelt wird, wirklich auch mit finanziellen Argumenten? Leuenberger bemüht hier ebenfalls ein grösseres Bild, in dem es nicht um Einzelfälle gehen soll. Ja, die Konkurrenz sei vielleicht grösser beim ZSC. «Ich sage das aber immer wieder unseren Jungen: Bei uns kämpft ihr jeden Tag mit Topspielern um euren Platz, lernt ihr, euch durchzubeissen.» Leuenbergers ernüchterndes Fazit: «Geduld scheint heute generell weniger vorhanden zu sein.»