Es war eine blamable Saison für den FC Zürich
Trotz einer desolaten Leistung in Basel spielt der FCZ auch 2021/2022 in der Super League. Das 0:4 gegen den FCB veranschaulicht die Probleme des Klubs.
Stephan Ramming und Fabian Ruch (NZZ)
Das Zittern der Zürcher ist zu Ende. Am Samstagabend ist der FCZ trotz einem katastrophalen Auftritt alle Abstiegssorgen losgeworden. Nach einem sehr frühen Platzverweis gegen Abwehrspieler Nathan unterlagen die chancenlosen, teilweise inferioren Zürcher in Basel 0:4. Weil aber die Konkurrenten Vaduz und Sitten ebenfalls verloren, bleibt dem FC Zürich ein unangenehmes Entscheidungsspiel am Freitag gegen Vaduz erspart. Doch er präsentierte sich beim FCB wie ein Absteiger.
Am Freitagmorgen im Training deutete nichts darauf hin, dass der FCZ in Not ist. Der Stürmer Blaz Kramer übte Torschüsse, Marco Schönbächler unterhielt sich am Zaun mit Bekannten. «Wir bereiten das Spiel in Basel vor wie immer», sagte der FCZ-Trainer Massimo Rizzo nach dem Training den interessierten Medienvertretern. «Normalität» lautete das Schlagwort, «den Fokus behalten» das Motto.
Als sich der FCZ-Präsident Ancillo Canepa im Oktober von Ludovic Magnin trennte, liess er Rizzo aus der zweiten Reihe in die erste treten. Seither ist Rizzo «einfach da», wie er es am Anfang als Cheftrainer einmal sagte. Canepa gab ihm nach Weihnachten einen Vertrag bis im Juni 2022. Rizzo strahlt dieses «Einfach-da-Sein» auch jetzt aus, wenn der Abstieg droht, weit weg von den anvisierten Plätzen für den Europacup.
Er könne nicht in die Köpfe der Spieler schauen, sagte er am Freitag, «was ich in den Trainings sehe, stimmt mich zuversichtlich: Das Engagement ist da, die Qualität ist hoch». So wenig Rizzo in die Köpfe seiner Spieler schauen kann, so wenig gibt er Einblick in die eigenen Gedanken und Stimmungen. Er bleibt so unverbindlich, wie seine Mannschaft spielt.
Es war ein gefährliches Spiel, das der FCZ im Frühling trieb. Zu lange fühlte er sich zu sicher, weil es Anfang Jahr gut lief. Zürich überzeugte in Basel und siegte 4:1, gewann kurz darauf auch in St. Gallen 3:2, empfing Anfang Februar als Dritter den Leader YB und wollte zeigen, dass der Liga-Dominator in Reichweite ist. Damals lag Zürich vierzehn Punkte vor dem Tabellenletzten Vaduz und liebäugelte sogar mit dem Sprung auf Rang zwei.
Wofür steht dieser FC Zürich?
Den zweiten Tabellenplatz vor Augen, sagte Canepa in der NZZ: «Der FCZ hat sehr viel Potenzial, aber es fehlt an Kontinuität. An dieser mentalen Schwäche müssen wir arbeiten.» Was passierte? Am Abend jenes 3. Februars, als das Interview erschien, verlor Zürich 1:4 gegen die Young Boys. Seither hat der FCZ die Statistik eines Absteigers. Kontinuität beweist er einzig darin, regelmässig zu enttäuschen und konsequent mit haarsträubenden Fehlern Geschenke zu verteilen.
In jenem Gespräch hinterliess Canepa den Eindruck eines zufriedenen, optimistischen Präsidenten. Der Abstiegskampf war kein Thema, und auch als die Resultate im Frühling schlechter und die Leistungen schwächer wurden, blieb Canepa gelassen. Er betonte, die Situation sei nicht mit 2016 zu vergleichen, als der FCZ abstieg. Diesmal sei allen bewusst, worum es gehe.
Auf dem Rasen blieb die Mannschaft diesen Nachweis allerdings meistens schuldig. Sinnbildlich waren die Auftritte am Sonntag in Lausanne und am Mittwoch gegen St. Gallen, als Zürich jeweils zur Pause eher zufällig 2:0 führte und am Ende 2:2 spielte. Die Lausanner waren fussballerisch stärker, die St. Galler hatten bezüglich Mentalität und Taktik Vorteile.
Ein Matchplan war beim zaudernden FCZ in den letzten Wochen selten ersichtlich, es fehlte an Stabilität und Spielfreude, Abgeklärtheit und Abschlussstärke und damit an vielem, was eine erfolgreiche Mannschaft auszeichnet. Eine funktionierende Achse, die bereits in den zwei Vorsaisons mit den ernüchternden siebten Plätzen gefehlt hatte, suchte man vergebens.
Der Balleroberer Ousmane Doumbia gefiel zwar im zentralen Aufbau, Blerim Dzemaili dagegen konnte nach seiner Rückkehr im Winter nur zu Beginn die Rolle als Leader wahrnehmen, meistens war er angeschlagen. Der langjährige Nationalspieler wollte zu viel, seine Umtriebigkeit verhinderte die Balance des Teams. An guten Tagen kann Dzemaili noch immer einer der besten Spieler der Liga sein, die guten Tage des 35-Jährigen aber sind selten geworden.
Und so tüftelte Rizzo glücklos an der Aufstellung. Die torgefährlichen Flügelspieler Benjamin Kololli und Aiyegun Tosin waren oft zu weit vom gegnerischen Tor entfernt, im Zentrum blieb der Angreifer Blaz Kramer meistens blass, sein Ersatz Assan Ceesay liess gleichfalls Entschlossenheit, Selbstvertrauen und Klasse vermissen. Diesem FC Zürich fehlt es an Profil und Ausstrahlung, um in der schwachen Super League hinter dem entrückten Serienmeister YB um Rang zwei mitzuspielen.
Dem FCZ kam zugute, dass die Konkurrenz auch nicht überzeugte. Medial stand er trotz Baisse im Schatten der Krise im FC Basel. Selbst in Zürich interessierte der Rivale GC mit seinen grossspurigen Plänen vom Aufstieg an die Spitze Europas teilweise stärker.
Nach mehreren deprimierenden Saisons muss Präsident Ancillo Canepa seinen Verein im Prinzip neu erfinden oder zumindest anders positionieren. Wofür steht der FCZ? Was will er eigentlich? Und mit welcher Philosophie?
Spieler aus dem eigenen Nachwuchs wurden kaum noch eingesetzt, auch das 17-jährige Talent Wilfried Gnonto, von Inter Mailand geholt, war zuletzt nur noch selten im Aufgebot. Nach Simon Sohm und Kevin Rüegg soll im Sommer Becir Omeragic mit einem Transfer ins Ausland für dringend benötigte Millioneneinnahmen sorgen. Aber auch der Abwehrspieler brillierte zuletzt nicht und kämpfte gegen Verletzungen.
Canepa bleibt die starke Figur
Der Trainer Rizzo und der Sportchef Marinko Jurendic sind freundliche, stille Teamplayer, Canepa bezeichnete Rizzo auch schon als Adoptivsohn. Zu viel Nähe und Harmonie verhindert jedoch eine ausgeprägte Leistungskultur. Die starke Figur ist und bleibt der Präsident, der es in den letzten Wochen vorzog, zu schweigen.
Am Freitag beantwortete er ein paar Fragen schriftlich, blieb aber vage und meinte erneut, man habe intern früher und bewusster als vor fünf Jahren auf die schwierige Situation reagiert.
Im Februar hatte Canepa von Rizzo und Jurendic geschwärmt: «Sie haben Fachkenntnis, Sozialkompetenz, Kommunikationsfähigkeiten, Führungsstärke, sie sind seit über zwanzig Jahren im Profifussball tätig. Man muss solchen Persönlichkeiten die Gelegenheit geben, ihr Know-how auf höchster Stufe unter Beweis zu stellen. Weil sie es können. Und wenn jemand schreibt, die beiden seien nicht profiliert, interessiert mich das nicht.»
Er hatte aber auch gesagt: «Die Philosophie und das Erfolgsgeheimnis von meiner Frau Heliane und mir in unseren Jobs in der Privatwirtschaft war immer: Umgib dich mit den besten Leuten!»
Daran werden die Canepas gemessen. Es gibt immer eine nächste Saison