Die ZSC Lions erinnern an den SCB der 2000er Jahre
Die Spieler in Zürich scheinen sich ganz gut mit der Mittelmässigkeit arrangiert zu haben. Dabei verfügen die ZSC Lions über das Talent, das Geld und das Know-how, um eine Meister-Dynastie ähnlich jener des SCB zu etablieren. Und so auch wieder Titel zu gewinnen.
Daniel Germann (NZZ)
Wer im vergangenen September auf einen Play-off-Final zwischen dem EV Zug und Genf/Servette gewettet hätte, dürfte heute einen erklecklichen Gewinn einstreichen. Die Zuger gehörten bereits vor dem Saisonstart zum engsten Favoritenkreis, doch mit Servette hat zumindest in der Deutschschweiz niemand gerechnet. Der Lausanne HC, Fribourg-Gottéron, der EHC Biel, der HC Lugano und vor allem die ZSC Lions starteten mit weit grösserem Kredit in die Meisterschaft.
Doch letztlich bestätigten die vergangenen Monate eine alte Redewendung, die mehr als nur eine Floskel ist: Meisterschaften gewinnt nicht das Team mit den besten Individualisten, sondern jenes, in dem sich die Spieler auf dem Eis am besten ergänzen. Das gilt in besonderem Mass für die ZSC Lions. Auf der Suche nach Erklärungen für das enttäuschende Saisonende wird in Zürich gerne auf die lange Liste der Verletzten verwiesen. Doch bereits Ende Februar, als diese Liste noch weit kürzer war, unterlagen die Lions im Cup-Final dem taumelnden SC Bern 2:5.
Gemessen am finanziellen Aufwand, den die Lions betreiben, sind die Resultate bestenfalls mittelmässig. Der letzte Meistertitel 2018, den sie sich notabene als Siebente der Qualifikation sicherten, ist ein Ausreisser inmitten enttäuschender Resultate. 2016: im Viertelfinal als Qualifikationssieger 0:4 am SCB gescheitert. 2017: als Zweiter im Viertelfinal an Lugano gescheitert. 2019: als Meister die Play-offs verpasst. Vor einem Jahr verhinderte das Coronavirus, dass die Lions nach der erfolgreichen Qualifikation den Tatbeweis antreten konnten, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben.
Aus der Distanz wird man den Eindruck nicht los, dass sich die Spieler in Zürich ganz gut mit der Mittelmässigkeit arrangiert haben. Man trägt den Löwen mit Stolz auf der Brust. Doch daneben gibt man sich gerne weltoffen und urban. Man weiss, dass das Leben nicht nur aus Eishockey besteht. Lukas Flüeler wurde zur unfreiwilligen Symbolfigur dafür. Der dreifache Meister-Goalie wurde in dieser Saison von Ludovic Waeber als Nummer 1 im Tor verdrängt und gab sich klaglos in seine neue Rolle als gut bezahlter Zuschauer mit bester Sicht aufs Eis. Von ihm war kein Wort und schon gar keine Tat des Grolls zu vernehmen.
Spieler wie er mögen dem Klima in einem Team zuträglich sein; leistungssteigernd aber wirken sie nicht. In der Serie gegen Genf/Servette lehnte sich von den potenziellen Leistungsträgern vor allem Sven Andrighetto sichtbar und entschlossen gegen das drohende Saisonende auf. Andere wie Ryan Lasch, Denis Hollenstein oder Simon Bodenmann beugten sich der Genfer Übermacht oder dem, was sie dafür hielten.
Die ZSC Lions erinnern an den SC Bern in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre. Auch der SCB versammelte damals eine Gruppe hochtalentierter Individualisten wie Christian Dubé, Sébastien Bordeleau, André Rötheli oder Patrik Bärtschi, die mit Leichtigkeit durch die Qualifikation tanzten, in vier Jahren aber auch dreimal als Qualifikationssieger im Viertelfinal scheiterten. Daraus zog der damalige Sportchef die Konsequenzen und fügte der begabten Mannschaft ein paar nicht ganz so begabte, dafür umso aufsässigere Ingredienzen wie Jean-Pierre Vigier, Brett McLean oder Tristan Scherwey bei. Und siehe da: Plötzlich begann der SCB auch in den Play-offs zu gewinnen. Es folgten zehn Jahre mit fünf Titeln.
Der damalige Berner Sportchef hiess Sven Leuenberger und arbeitet heute in derselben Position für die ZSC Lions. Leuenbergers Fachkompetenz und seine Entschlossenheit stehen ausser Frage. Er scheute sich in Bern nicht, seinen herausragenden Individualisten Christian Dubé aus einem laufenden Vertrag heraus an den grössten Rivalen Fribourg-Gottéron abzugeben. Der Entscheid sorgte in der Stadt für einigen Wirbel. Doch wie die Geschichte zeigt, schadete der mutige Entscheid der Berner Leistungskultur nicht.
In Bern hatte Leuenbergers Team damals eine falsche Hierarchie. In Zürich ist seit dem Abgang von Mathias Seger keine mehr ersichtlich. In einer Liga wie der National League, die immer ausgeglichener und kompetitiver wird, ist das Fehlen einer solchen Ordnung ein Handicap, das in engen Spielen über Sieg und Niederlage entscheidet. Die ZSC Lions verfügen über das Talent, das Geld und das Know-how, um eine Meister-Dynastie ähnlich jener des SCB zu etablieren. Nun brauchen sie noch den einen oder anderen unbequemen Spieler. Dann würden wahrscheinlich auch wieder Titel folgen.