Pius Suter glänzt auch in der NHL – er ist clever wie eh und je
Als ob es die einfachste Sache der Welt wäre, zieht der Zürcher als Neuling in der besten Eishockeyliga der Welt alle Register. Dass er dies ausgerechnet in Chicago tut, unterstreicht, wie intelligent er auch ausserhalb des Eisfelds entscheidet.
Ulrich Pickel (NZZ)
In der Schweizer Eishockeyliga gibt es unzählige Spieler, ehemalige wie gegenwärtige, denen es nie gelungen ist, einmal einen Hattrick zu erzielen. Dasselbe gilt für die National Hockey League. Und dann gibt es Spieler wie Pius Suter, den NHL-Neuling der Chicago Blackhawks. Am 13. Januar begann die Saison, der 24-Jährige aus Wallisellen brauchte fünf Spiele Anlaufzeit, im sechsten schlug er zu. Und wie. Was Suter im heimischen United Center gegen die Detroit Red Wings schaffte, hat auch in der an Rekorden reichen NHL Seltenheitswert: Bevor Suter kam, hiess Chicagos letzter Spieler, der seine ersten drei NHL-Goals im gleichen Spiel schoss, Bill Kendall. Das war am 17. Dezember 1933.
Baustelle Blackhawks
«Es war ein bisschen wie bei einem Casting», sagte Suter hinterher schmunzelnd. Er zauberte gleich das ganze, für ihn typische Repertoire aufs Eis: Seine Tore Nummer eins bis drei waren ein blitzschneller Abstauber, ein geschickter Ablenker und ein millimetergenauer Abschluss. Und in der Nacht auf Montag folgte der vierte Streich. Beim Sieg gegen die Columbus Blue Jackets mit dem früheren Lugano-Goalie Elvis Merzlikins trumpfte Suter kaltschnäuzig auf. Er erwischte Merzlikins aus spitzem Winkel von der Ecke aus, indem er ihm an den Beinschoner schoss, worauf die Scheibe vom Goalie selber ins Tor abgelenkt wurde.
Nur drei Wochen nach Saisonbeginn weiss man auch in Chicago, was in Pius Suter steckt. Er hat sich die richtige Adresse ausgesucht, um den NHL-Traum wahr zu machen. Der Klub setzt stark auf europäische Spieler. Das zahlt sich immer wieder aus, wie das Beispiel von Dominik Kubalik zeigt. Ein Jahr vor Suter war auch der Tscheche Topskorer in der Schweiz (Ambri), ehe er nach Übersee zog. Kubalik kam letzte Saison auf 30 Tore, der Vertrag wurde um zwei Jahre verlängert, was ihm 7,4 Millionen Dollar einbringt. Chicagos Trainer ist der erst 36-jährige Jeremy Colliton. Er kennt das europäische Eishockey, fast fünf Jahre verbrachte er als Spieler und Trainer in Schweden. Colliton ist ein Paradebeispiel der neuen, weltoffenen Trainergeneration: ein hervorragender Kommunikator, der die Sprache der Spieler versteht.
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Diverse Teams hatten im letzten Sommer Interesse an Suter, er entschied sich für Chicago, «weil ich das beste Gefühl hatte», wie er sagt. Der Entscheid spricht für Cleverness. Die Blackhawks sind eine Baustelle. 2010, 2013 und 2015 gewannen sie den Stanley-Cup, doch seither sind die guten Zeiten vorbei. In der Mannschaft soll mit jungen Spielern ein Umbruch vollzogen werden. Die Erwartungen sind niedrig, Chicago ist derzeit eines der schlechtesten Teams der Liga. Der Generationenwechsel wird Zeit brauchen – eine Situation, die Suter alle Chancen bietet.
Crawfords zentrale Rolle
Hinzu kommen Umstände, die dem Team zusätzlich schaden, Suters Position aber begünstigen. Jonathan Toews, der langjährige Captain und grosse Leader, fällt wegen einer nicht näher bekannten Krankheit für unbestimmte Zeit aus. Niemand rechnet damit, dass er diese Saison spielen wird. Der junge Kanadier Kirby Dach wird die Saison nach einem Handgelenkbruch an der U-20-WM ebenfalls verpassen. Beide wären in der Aufstellung gesetzt gewesen. Beide sind Center. Das ist auch Suters bevorzugte Position. Und sollte er als polyvalenter Angreifer im Laufe des Jahres an den Flügel ausweichen müssen, wäre das halb so schlimm, denn es gibt weitere namhafte Absenzen wie den 22-jährigen Schweden Alex Nylander. Nach einer Meniskusoperation wird auch er die Saison verpassen.
Last, but not least ist da auch noch Marc Crawford. Sein Wort hat in Chicago Gewicht. Der 59-Jährige war ZSC-Trainer in Suters erster Saison bei den Lions. Jetzt ist er Collitons Assistent, aufgrund seiner immensen Erfahrung und des Erfolgsausweises aber eher so etwas wie der Elder Statesman an der Bande als Gehilfe des Chefs. Von allen Spielertypen mag er kreative, intelligente Angreifer am meisten. Diese Qualitäten hat er in Suter immer gesehen, und so gab er dem damals 19-jährigen, schmächtigen Jüngling sofort eine Hauptrolle. «Er hat keine Angst und macht unsere Mannschaft unberechenbarer», sagte Crawford schon vor fünf Jahren.
Auch nach seiner Rückkehr in die NHL 2016 verlor er Suter nie aus den Augen. Dass die beiden wieder vereint sind, hat für Suter handfeste Vorteile. Die Umstände allein waren schwierig genug. Ganze zehn Tage hatte die Saisonvorbereitung gedauert, ehe das erste Spiel begann. Da half es, dass Suter ein Teil der Übungen im Training schon vertraut war, er kannte sie aus der Zeit mit Crawford bei den Lions. Problemlos schaffte er nach dem Vorbereitungs-Camp den Sprung ins Kader und spielt regelmässig. «Er ist zweifellos zur richtigen Zeit am richtigen Ort», glaubt Edgar Salis, der ehemalige Sportchef der Zürcher, der Suter und Crawford bestens kennt.
Doch so günstig die Voraussetzungen in Chicago auch sein mögen: In der besten Liga der Welt muss man die Chancen resolut wahrnehmen. Suter hat bewiesen, dass er dazu bereit ist. Seine Motivation, sich in der NHL durchzusetzen, geht weit zurück. Der Zürcher kennt die nordamerikanischen Verhältnisse, seit er als Junior zwei Jahre in Kanada verbracht hatte, bevor er zu den ZSC Lions und zu seinem Förderer Crawford stiess. Er spielte bei Guelph Storm und wohnte in einer Gastfamilie. Im zweiten Jahr gewann das Team die prestigeträchtige Meisterschaft. Suter war eine Schlüsselfigur.
Er wird nicht lockerlassen
Aber im NHL-Draft seines Jahrgangs wurde er übergangen. Nicht die Fähigkeiten, sondern ein paar Kilos und Zentimeter fehlten, hiess es damals – für Suter eine unverständliche Beleidigung. Einige seiner ehemaligen Mannschaftskollegen, die etwas grösser und schwerer, aber nicht besser waren, haben sich seither in der NHL etabliert. Der Vergleich mit diesen Spielern hat ihn nie losgelassen, es ihnen einmal gleichzutun, war immer sein Antrieb. Pius Suter musste lange warten. Nun ist der Anfang gemacht. Für ein Jahr und 925 000 Dollar hat er unterschrieben. Er wird nicht lockerlassen, bis auch er dort ist, wo Kubalik und die anderen heute sind