Reformen in der National League
Das wahre Problem hinter der Ausländer-Diskussion im Eishockey
Die Clubs wollen noch mehr Importspieler, mit einer grösseren Auswahl von jungen Schweizern wäre dies gar kein Thema. Doch warum rücken in der National League so wenige Junioren nach?
Kristian Kapp (TA)
Die Schweizer Spieler wurden in den letzten Jahren immer teurer, die Clubs sehen eine Erhöhung der Anzahl Ausländer als letzte Möglichkeit, die Löhne zu senken. Von vier auf zehn pro Team und Partie soll die Zahl erhöht werden, um vor allem die Preise der Dritt- und Viertlinienspieler zu drücken.
Über das wahre Problem der teuren Mittelklasse-Spieler wird aber kaum diskutiert: Es rücken zu wenige junge Schweizer nach. Bei einer grösseren Auswahl gäbe es die Ausländer-Diskussion gar nicht. Das zeigt zum Beispiel ein Blick nach Schweden, wo es keine Beschränkung gibt, die SHL aber dennoch nicht von Ausländern überflutet wird. Im Schnitt gut sechs Nicht-Schweden pro Team kommen aktuell zum Einsatz. Zudem spielen deutlich mehr junge Schweden in ihrer Liga. Auf das Niveau hat das seit Jahren keinen negativen Einfluss, in der Champions League sind Schwedens Clubs die klar erfolgreichsten.
Entsprechend ist der Unterschied Schweden - Schweiz bei der Anzahl Spieler, die in der NHL gedraftet werden. 140:10 zugunsten Schwedens lautet die Bilanz der letzten fünf Jahre, 17:1, was Runde 1 angeht. All das hat Auswirkungen auf die U-20-Nationalmannschaft: An der letzten WM schnitt die Schweiz so schlecht ab wie noch nie seit 2009. Der Vergleich mit Schweden sei unfair, hört man hier oft. Schliesslich hätten die Skandinavier (50’000) deutlich mehr Nachwuchsspieler als die Schweiz (knapp 20’000) – ein Verhältnis, das aber nicht im Einklang mit jenem der Einwohnerzahlen (10,2 Mio. und 8,5 Mio.) steht.
Alles begann vor gut zehn Jahren
«Als ich erstmals bei den Erwachsenen spielen durfte, fehlte es mir im einzeltaktischen Bereich an allen Ecken und Enden», sagt Andreas Küng. Der frühere NLB-Spieler und Teil des Schweizer U-18-WM-Silberteams 2001 ist heute Trainer des Erstligisten Frauenfeld, vor allem aber auch Nachwuchschef des Clubs und kennt die Situation der Kinder bis hinunter in die U-9. Er sieht heute die immer noch gleichen Probleme: «Viele Trainer erwarten bei den Profis fertige Spieler. Doch nicht mal Topskorer von U-20-Teams schlagen sofort ein, selbst in der Swiss League nicht.»
Der direkte Sprung von den U-20 in die National League erscheint mittlerweile fast unmöglich. Stammspieler im Juniorenalter gibt es in der höchsten Liga derzeit nur drei. Das war nicht immer so. Alles begann rund um das Jahr 2010, als die ersten Schweizer via kanadische Juniorenliga CHL in die NHL kamen: Nino Niederreiter, Luca Sbisa, Sven Bärtschi und Co. Immer mehr eiferten ihnen nach.
Die CHL, zu dessen Business-Model das Zuliefern von Spielern in die NHL gehört, ködert europäische Junioren entsprechend: Die Aufmerksamkeit der Scouts ist grösser, der Weg in die NHL kürzer. Viele verfallen diesen Argumenten, selbst wenn sie nicht wirklich NHL-Talent besitzen. Dies gilt nicht nur für Schweizer. Einzig die Schweden verschmähen die CHL, sie setzen auf die Ausbildung im eigenen Land. Weil diese die wohl beste in Europa ist. Und weil ihr Verband Druck machte und schon 2013 für die U-18-WM kaum noch in der CHL engagierte Schweden aufbot.
Noch einschneidender war die Neuerung in der Swiss League 2016/17. Nach Jahren mit nur zehn oder neun Teams wurde die zweithöchste Liga mit Farmteams aufgestockt: Mit der Academy in Zug und den Rockets aus Biasca, die mit drei NL-Teams (Ambri, Davos, Lugano) eine Zusammenarbeit eingingen. Zusammen mit den ZSC Lions und dem EHC Kloten, der mit Winterthur kooperierte, gab es sechs NL-Teams, die ihre besten Junioren (auch) in der Swiss League einsetzten.
Und wenn das alleine die U-20-Meisterschaft nicht genug verwässert hätte, kam auch noch die Neustrukturierung der dritthöchsten Stufe: Aus den drei regionalen 1. Ligen wurde 2017 die nationale Mysports League, in der ebenfalls auch gute U-20-Spieler eingesetzt wurden. So sank das Niveau der Juniorenmeisterschaft.
Die besten Junioren spielen nicht mehr gegeneinander, viele gehen zudem nicht nur wegen des NHL-Traums in die CHL, sondern auch, weil ihnen zweierlei fehlt: die Herausforderung in der U-20 sowie die Perspektive, in der NL Chancen zu erhalten.
Eine Frage des Schulsystems
Warum kennen die Schweden diese Probleme kaum? Und warum sind ihre Junioren, die in der SHL eingesetzt werden, im Vergleich zu den Schweizer Altersgenossen nicht nur einzeltaktisch besser ausgebildet, sondern auch physisch? Von den Unterschieden in den technischen Bereichen ganz zu schweigen.
Anders Olsson, Assistenzcoach in Biel, war neun Jahre Juniorentrainer in Jönköping und General Manager der Nachwuchsabteilung des SHL-Vereins HV71. Die Unterschiede erstaunen ihn nicht, Schwedens Schulsystem und die Hockey-Akademien, die Gymnasien, mit denen jeder SHL-Club zusammenarbeitet, sieht er als Hauptgrund: «Für unsere Spieler gab es am Morgen als Teil des normalen Unterrichts eine Stunde das Schulfach Eishockey mit individuellem Skill-Training. Vor und nach dem Teamtraining am Nachmittag kamen zusätzliche Individual-Trainings dazu», erzählt Olsson und sagt: «Da kommen in all den Jahren unzählige Stunden mit wichtigen Repetitionen von Bewegungsabläufen zusammen.»
Ein auf den Sport abgestimmtes Schulsystem hilft nicht nur bei der technischen Ausbildung. Nicht nur häufigere, sondern bessere Trainingszeiten, am Nachmittag statt am Abend, sowie der Fokus auf Ernährung und Erholung beeinflussen die Entwicklung der jungen Körper. Ein Thema, mit dem man auch bei Küng offene Türen einrennt. «In der Schweiz ist es nicht unüblich, dass die Kinder wegen späten Trainings erst um 22.30 Uhr zu Hause sind, teilweise noch Hausaufgaben erledigen und am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder aufstehen. Sie sind permanent im Stress.» Auch bei der U-18-Auswahl stellten die Nationaltrainer schon fest, wie ausgelaugt die Spieler im April seien im Vergleich zum Dezember.
Die grössere Konkurrenz unter Schwedens Nachwuchs sorgt für Antrieb. Für ihre Clubs ist es zudem ein Anreiz, Junioren für die NHL auszubilden. In Grossclubs wie Frölunda sind die Zahlungen der NHL von 250’000 US-Dollar pro verpflichteten Junioren fix budgetiert. Die Schweiz war bis 2020 das einzige «Hockeyland», das kein solches NHL-Abkommen hatte. Die rund 200 besten Schweden spielen im Ausland, es werden ständig Plätze für Junioren frei. Dennoch gibt es keine Gratisplätze. «Wir hatten eine Regel bei HV71», erzählt Olsson. «Junioren durften nur dann in der 1. Mannschaft eingesetzt werden, wenn ihre physischen Werte mindestens dem Durchschnitt der Profis entsprach.»
Einer, der alle Optiken kennt
Schweden krempelte vor 17 Jahren seine Ausbildungsstrategie nach schlechten Jahren an U-20-WM komplett um. Im Fokus stand die Rekrutierung. Die Clubs investierten Geld, um so viele Haushalte wie möglich anzuschreiben, auch in den Sprachen diverser Migranten, um die Kinder zu Schnuppertrainings mit gesponserten Ausrüstungen zu animieren. Massiv verbessert wurde auch die Ausbildung der Trainer auf allen Stufen. Entstanden dabei ist das Standardwerk «Eishockey-ABC», woran sich landesweit alle Nachwuchstrainer bei der Ausbildung der Kinder halten müssen.
«Diese Trainerausbildung ist die beste der Welt», sagt Dan Tangnes. Zugs Cheftrainer hat ebenfalls mitdiskutiert, als er seine Coachingkarriere in Schwedens Nachwuchs-Hockey begann und miterlebte, wie in der Neustrukturierung auf Zusammenarbeit unter den Clubs und ihren Juniorentrainern gesetzt wurde. Als 15-jähriger Junior war der Norweger nach Schweden gekommen, er kennt alle Optiken dieser Diskussion.
Er stellt generelle kulturelle Unterschiede fest: «In Schweden lehren sie die Junioren, Problemsituationen auf dem Eis selber zu erkennen und kreativ Lösungen zu finden. Es wird Eishockey-Verständnis beigebracht. In der Schweiz wird im Nachwuchs oft gecoacht, um zu gewinnen.» Die Besten kommen mit all ihren einzeltaktischen Mängeln durch die Nachwuchsstufen, weil sie für ihre Coachs Siege holen. Tangnes geht noch einen Schritt weiter: «Diese Mängel sind auch noch bei den Profis vorhanden, oft selbst bei den besten Spielern der Liga.»
Fehler tolerieren
Küng widerspricht nicht: «Wir bilden immer weniger ‹Künstler› aus, da diese in ihrer Kreativität unterdrückt werden, wenn Gewinnen Priorität hat und Fehler verboten sind.» Olsson formuliert es so: «Du musst als Coach Fehler tolerieren, auch wenn es dich Siege kostet. An was erinnern wir uns eher bei Nino Niederreiter? An irgendwelche Titel bei den Junioren? Oder dass er in Chur und Davos ausgebildet wurde?»
Die Schweiz droht den Anschluss an die grossen Nationen zu verlieren. «Wir müssen bei Änderungen aber nicht über die aktuelle U-20 reden», sagt Küng, «sondern über die U-9 und U-11. Dort müssen die Fundamente gelegt werden.» Schwedens System, da sind sich alle einig, kann nicht kopiert werden. Man könne aber über Punkte, die auch hier umsetzbar wären, diskutieren. Die Rekrutierung, die Trainerausbildung, der Austausch unter den Clubs.
Und Küng plädiert für Geduld der NL-Trainer: «Spieler sollten bis 23 aktiv ausgebildet werden. Und es braucht mehr Trainer auch auf höchster Stufe mit ausbildungstechnischen Skills sowie Clubs mit entsprechenden Strategien.» Ob all dem nachgekommen wird? Diskutiert wird ja vor allem über die Aufstockung der Anzahl Ausländer.