ZSC-Coach Rikard Grönborg
«Wir sind sehr privilegiert. Da jammere ich sicher nicht»
Das 5:1 in Lugano war der sechste ZSC-Sieg in Serie. Rikard Grönborg spricht über die Quarantäne, Rückkehrer
Pius Suter, Geisterspiele und Thanksgiving.
Simon Graf (TA)
Die Quarantäne hat den ZSC Lions nicht geschadet, im Gegenteil: Inzwischen haben sie sechsmal in Serie gewonnen. Woher kommt dieser Aufschwung?
Wir spielten schon vor der Quarantäne ein paarmal sehr gut, nahmen Schwung auf. Als wir dann in Quarantäne mussten, waren wir enttäuscht. Zumal wir nicht einmal trainieren durften wie andere Teams. So hatten wir einen Kaltstart, mussten wir nach nur einem Training gleich zwei Spiele absolvieren. Wir waren noch etwas aus dem Takt, haben uns aber in Genf trotzdem zum Sieg gekämpft. Mit viel Charakter. Und dann auch gegen die Lakers. Ich liebe den Charakter meines Teams. Und nach diesen zwei Spielen sind wir in Schwung gekommen, haben wir auch gute Kombinationen in den Linien gefunden und bewegten wir den Puck zuletzt exzellent. Wenn wir so spielen wie in Lugano, wird es schwer für unsere Gegner, mitzukommen.
0:4 zum Saisonstart, 3:2 nach Verlängerung im Cup, nun 5:1. Wird die Formkurve der ZSC Lions abgebildet durch die drei Lugano-Spiele?
Ich betrachte es nicht so, ich schaue auf die tägliche Arbeit. Aber ich gehe mit Ihnen überein, dass wir in die richtige Richtung gehen. Doch das Lugano-Spiel nützt uns am Montag nichts mehr, dann müssen wir im Cup gegen Langenthal wieder unsere Leistung bringen. Wichtig ist jetzt einfach, dass wir so viele Spiele wie möglich gut spielen, Punkte hamstern.
Welchen Einfluss hatte die Rückkehr Pius Suters?
Natürlich hat sie geholfen, schliesslich ist er der MVP der Liga. Und Suter kam im richtigen Zeitpunkt für uns. Er passt perfekt zur Spielart, die wir pflegen wollen. Zu unserem Tempospiel, dem schnellen Passspiel. Er bewegt den Puck exzellent, ist immer anspielbar. Und das Tempo, mit dem er durch die Mittelzone braust, ist eindrücklich. Ich liebe seine Cleverness, seine Hockey-Instinkte. Er ist so vielseitig, ich kann ihn auch im Boxplay einsetzen.
Wird er sich in der NHL durchsetzen?
Ich habe ein gutes Gefühl. Weil er eben so smart ist. Und er ist aus Juniorenzeiten ja schon ans kleinere Eisfeld gewohnt. Da ist es noch wichtiger, dass man innert Kürze die richtigen Entscheidungen trifft. Das Spiel ist unheimlich schnell geworden in der NHL, aber es ist nicht mehr so körperbetont. Das kommt Pius sicher entgegen.
Immer wieder werden Spiele wegen des Coronavirus verschoben. In der Meisterschaft spielt Ihr Team erst am Samstag wieder. Wie gehen Sie mit dem ständigen Stop-and-go um?
Jeder muss da durch. Unser Fokus ist, einfach Tag für Tag zu nehmen. Wir sind sehr privilegiert, dass wir in diesen Zeiten den Sport ausüben dürfen, den wir so lieben. Da jammere ich sicher nicht. Für mich als Coach ist die Herausforderung, den Plan ständig anzupassen. Aber das macht mich nur noch besser. Ich liebe Challenges.
Es scheint, als habe sich das Team daran gewöhnt, ohne Zuschauer zu spielen.
Die Spieler wuchsen ja so auf. Als sie jung waren, waren auch nur ihre Mama, ihr Papa und die Grosseltern auf der Tribüne. Und wenn der Puck einmal eingeworfen ist, sind sie sowieso aufs Spiel fokussiert. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Wir vermissen die Fans. Sehr sogar. Doch es ist an uns, das Beste aus dieser Situation zu machen. Wir sind es allen – den Fans, die uns zu Hause am Fernsehen verfolgen, unseren Sponsoren, der ganzen Hockey-Community in der Schweiz – schuldig, dass wir unser Bestes tun, damit irgendwann wieder Normalität einkehren kann.
Die Spieler können nun keine Emotionen schöpfen aus dem Publikum. Müssen Sie als Coach lauter sein, um sie anzustacheln?
Nein. Die Jungs sind Profis. Sie bereiten sich vor wie immer, ich muss sie nicht anbrüllen, damit sie auf Touren kommen. Sie sind sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst. Sie sind sehr motiviert, wollen in dieser schwierigen Zeit Gutes bewirken.
Wie verbrachten Sie die Quarantäne?
Ich war zehn Tage zu Hause, habe viel Eishockey geschaut, Bücher gelesen und Podcasts gehört. Mich faszinieren Biografien. Gerade habe ich jene über Brian Burke gelesen, der so lange General Manager in verschiedenen NHL-Organisationen war. Wie er hinter die Kulissen blickt, was da alles abging, ist sehr faszinierend. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der sich für die NHL interessiert. Bei den Podcasts höre ich am liebsten solche über Leadership. Sonst verbringe ich jeweils viel Zeit mit der Familie, wenn ich zu Hause bin, schaue mir mit den Girls auch einmal Kinderfilme an. Darauf musste ich jetzt verzichten, weil ich mich von der Familie separieren musste. Wenn ich Kontakt hatte, dann nur mit Maske. Zum Glück sind wir alle negativ getestet worden.
Ihre Frau Dawnie ist ja Amerikanerin. Haben Sie Thanksgiving gefeiert?
Ich bin gerade daran, den Truthahn auszustopfen. An Traditionen sollte man festhalten. Wir haben nur einen kleinen Truthahn gefunden, etwa fünf Kilo. Normalerweise haben wir einen doppelt so grossen. Eine befreundete US-Familie kommt vorbei, wir feiern gemeinsam.