Bange Blicke auf den Mittwoch: Die Schweizer Eishockey- und Fussball-Profiligen wollen um jeden Preis weiterspielen
Am Mittwoch dürfte der Bundesrat die Zuschauer wieder aus den Stadien ausschliessen. Es drohen erneut Geisterspiele mit hohen Verlusten, die ohne öffentliche Hilfe wohl nicht zu verkraften sein werden. Im Weg steht beiden Profiligen das schlechte Image, das sie weiterhin umweht.
Daniel Germann (NZZ)
Es hat sich für Funktionäre aus Eishockey und Fussball zur unseligen Routine entwickelt: Wenn der Bundesrat jeweils am Mittwochnachmittag über die neusten Entscheide seiner wöchentlichen Sitzung informiert, hängen auch sie ihm an den Lippen. Die Corona-Krise hat den Sport seiner Autonomie beraubt. Die Massnahmen im Kampf gegen das Virus entziehen ihm die wirtschaftliche Basis. Geschäftsmodelle, labil gebaut wie Kartenhäuser, drohen in sich zusammenzubrechen.
Sollte der Gesundheitsminister Alain Berset seine Absicht umsetzen und Grossveranstaltungen mit mehr als 50 Personen verbieten, stehen die Profiklubs in der Schweiz vor einer schwarzen Zukunft. Die wenigsten von ihnen besitzen genug Reserven, um zweistellige Millionendefizite zu tragen. Wer keinen spendablen Gönner im Hintergrund weiss, dem droht der Ruin.
Die Kakofonie der Gebeutelten
Die Kakofonie der Gebeutelten hat eingesetzt. Die Präsidenten der zwölf Eishockeyklubs wandten sich am Montag in einem offenen Brief an «die sehr geehrten Damen und Herren Bundesräte». Sie verweisen darin auf ihre «Schutzkonzepte, die als vorbildlich taxiert wurden und die ihren Praxistest bestanden haben». Der Brief gipfelt in der Bitte: «Lassen Sie unsere Spieler Hockey spielen! Wenn sie das nicht vor Menschen mit Emotionen tun dürfen, weil Sie dies verboten haben, dann entschädigen Sie uns dafür, und sprechen Sie A-fonds-perdu-Beiträge für die zusätzlich auferlegten Verluste.»
Es ist ein Aufruf, wie er derzeit zu Hunderten kursiert. Nach neun Monaten in der Geiselhaft eines unscheinbaren Virus bangt praktisch jeder um seine Zukunft. Marc Lüthi, der CEO des SC Bern, sagt, er fühle sich wie ein Bäcker, der Brot backen, es aber nicht verkaufen dürfe. Er spricht von einem Verlust von gegen 15 Millionen Franken, der seinem Klub droht, sollte er die Saison ohne Zuschauer zu Ende spielen müssen. Peter Zahner von den ZSC Lions rechnet mit «acht bis zehn Millionen Franken».
Zahner sagt: «Dürfen wir nur noch vor maximal 50 Zuschauern spielen, entzieht man uns die wirtschaftliche Grundlage. Kommt es tatsächlich so weit, brauchen wir staatliche Hilfe – sei das nun in Form von einem erleichterten Zugang zur Kurzarbeit oder als A-fonds-perdu-Beiträge.» Wie Marc Lüthi möchte er die Möglichkeit haben, Kurzarbeitsentschädigung zu erhalten und trotzdem weiterzuspielen.
Die Eishockeyliga hat sich eine Frist bis zum Wochenende gesetzt, um zu entscheiden, ob sie die Meisterschaft unterbricht. Doch in einer konsultativen Abstimmung haben sich neun von zwölf Klubs dafür ausgesprochen, weiterzuspielen. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Eishockey und Fussball: Auch die Swiss Football League will die Meisterschaft fortsetzen. Alles andere hätte unabsehbare Langzeitfolgen.
Daneben geben sich die Fussballer zurückhaltender als ihre Kollegen aus dem Eishockey. Die ultimative Forderung nach staatlicher Unterstützung, welche die Präsidenten in ihrem offenen Brief formuliert haben, hört man von ihnen nicht. Man möchte allenfalls eine verbindliche Regelung, die landesweit gilt. Wanja Greuel, der CEO der Berner Y0ung Boys, sagt: «Ich habe ein mulmiges Gefühl vor den Entscheiden am Mittwoch. Der Bundesrat wird wohl drastischere Massnahmen ergreifen. Obschon ich jedem Konkurrenten jeden Zuschauer im Stadion gönne, wäre in der jetzigen Phase der Covid-Krise eine einheitliche Regelung wünschenswert. Die Unterschiede zwischen einigen Kantonen sind zu gross – das sage ich nicht nur aus beruflicher, sondern auch aus privater Sicht.»
Es hängt tatsächlich viel vom Entscheid des Bundesrats am Mittwoch ab. Matthias Hüppi, Präsident des FC St. Gallen, sagt: «Unsere Bandbreite vor dem Basel-Spiel am Sonntag geht von 10 000 bis zu 0 Zuschauern. Das ist extrem. Wir denken schon lange in Szenarien, und immer wieder kommt eines dazu.»
Der Bundesrat Berset hatte an einer Medienkonferenz in St. Gallen gesagt: «Wir sind in der Lage, Grossveranstaltungen zu organisieren. Die Schutzkonzepte sind da. Kleine Veranstaltungen können sogar grössere Risiken bergen als Grossveranstaltungen, an denen Abstandsregeln und die Maskentragpflicht gelten.» Doch das war vor zwei Wochen, ehe die Fallzahlen explodierten.
Es ist wahrscheinlich, dass der Bundesrat am Mittwoch die Sportstadien wieder schliesst. Dann wird der Ruf nach Unterstützung womöglich auch im Fussball lauter werden. Die Hemmschwelle, professionelle Ligen wie die Eishockey-National-League und die Fussball-Super-League mit Steuergeldern zu alimentieren, ist hoch. Doch anders als vor kurzem ist es nicht mehr unmöglich, dass so etwas mehrheitsfähig wird. Immer mehr Politiker stellen sich hinter die Forderung und anerkennen die sozialpolitische Bedeutung der Profiklubs mit ihren zum Teil grossen Nachwuchsabteilungen.
Das grösste Hindernis auf dem Weg zur Direkthilfe bleibt das schlechte Image der Ligen, die als Hochlohn-Inseln gelten. Die kolportierten Spitzensaläre wecken gerade zur Corona-Zeit Unverständnis und Neid. Das führte unter anderem dazu, dass das Parlament das erste Hilfspaket im Frühjahr an populistische Auflagen wie Lohnkürzungen und eine Solidarhaftung knüpfte.
Lohnsignale notwendig
Diese Fehler sind mittlerweile korrigiert. In der überarbeiteten Fassung der Vorlage wurden diese Kriterien gestrichen. Die Eishockeyklubs haben für etwas Goodwill gesorgt, indem sie mit den Spielern Lohnkürzungen ausgehandelt haben. Beim SCB etwa verzichtet jeder Spieler, der über 100 000 Franken im Jahr verdient, auf 20 Prozent seines Lohns. Beim EV Zug sind es je nach Einkommen bis zu 25 Prozent.
In dieser Hinsicht hinken die Fussball- den Eishockeyklubs hinterher. Der FC Luzern etwa beantwortete eine entsprechende Anfrage so: «Der FC Luzern wird sich nicht an einer öffentlichen Diskussion zum von der NZZ angefragten Thema äussern.» Dabei wäre gerade jetzt ein öffentliches Signal des guten Willens dringend nötig. Es würde helfen, die Diskussion von der emotionalen auf die sachliche Ebene zu bringen.
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Die Gastro Branche macht schon von sich aus dicht:
https://www.blick.ch/wirtschaft/weg…id16165124.html