Der ZSC-CEO im Interview
«Dann gehen wir gesund bankrott»
Die ZSC Lions wollen die Corona-Schutzmassnahmen mit harter Hand durchsetzen – notfalls mit Stadionverboten. Einen zweiten Lockdown gelte es unbedingt zu vermeiden, sagt Peter Zahner.
Simon Graf (TA)
Wie blicken Sie dem Saisonstart entgegen? Mit einem mulmigen Gefühl?
Mit einer Mischung aus Zuversicht und Respekt. Die Herausforderung ist, dass wir die neue Situation nicht eins zu eins üben konnten. Wir konnten im Hallenstadion kein Testevent mit 7500 Zuschauern machen. Bis Ende September sind ja nur 1000 Leute erlaubt. Wir werden bereit sein, aber wichtig ist auch, dass wir lernfähig sind. Wir müssen sofort korrigieren können, wenn etwas nicht klappt. Was sicher hilft: Das Coronavirus beschäftigt uns seit sieben Monaten, wir haben schweizweit eine Maskenpflicht im ÖV und im Kanton Zürich auch beim Einkaufen. Die Leute sind sich das gewohnt, sie sind sensibilisiert.
Sechs Monate ist es her, dass die Saison abgebrochen wurde. Haben Sie das Eishockey vermisst?
Ich hatte gar keine Zeit dafür. Praktisch von einem Tag auf den anderen tauchten wir in eine andere Welt ein. Corona hat den Takt vorgegeben, den Inhalt unserer täglichen Arbeit bestimmt. Wir mussten mit Einschränkungen umgehen, es stellten sich wirtschaftliche Fragen rund um unsere Unternehmung. Auch, was unser Stadionprojekt in Altstetten betrifft. Eine Zeit lang hatten wir die Befürchtung, es könnte einen Baustopp geben wegen Corona. Das ist zum Glück nicht eingetroffen. Die ständige Unsicherheit war gross.
Nun haben Sie Gewissheit: Die Meisterschaft geht los am 1. Oktober, und das mit zwei Dritteln der Sitzplatzkapazität, also mit mehr Publikum als in umliegenden Ländern. Ist das ein Zeichen für den hohen Stellenwert des Sports in der Schweiz?
Dem Sport ist es gelungen, der Politik seine Bedeutung aufzuzeigen. Wie wichtig auch Grossanlässe sind. Und was die Konsequenzen wären, würden die einschneidenden Massnahmen fortgeführt. Im internationalen Kontext sind wir in der Tat gut bedient. In Deutschland herrscht im Eishockey das nackte Chaos. Mit 20 Prozent der Stadionkapazität kannst du den Spielbetrieb langfristig nicht aufrechterhalten. Das ist auch mit Lohnverzicht nicht aufzufangen. Ich glaube, dass wir das Vertrauen der Behörden auch deshalb gewinnen konnten, weil wir proaktiv waren. Wir konnten glaubwürdig aufzeigen, dass wir bereit sind, alles Nötige zu unternehmen. Von Anfang an haben wir Schutzkonzepte mit einem hohen Detailierungsgrad erarbeitet, uns selbst Vorschriften auferlegt.
In der breiten Bevölkerung herrscht Skepsis, was die Öffnung für Fussball- und Eishockeyspiele betrifft. Sie werden sehr genau beobachtet werden. Kann das Eishockey diesem Druck standhalten?
Ich denke schon. Im Wissen darum, dass Herausforderungen auf uns zukommen. Aber ich glaube, bei uns hat jeder kapiert, was auf dem Spiel steht. Kein einziger Spieler beklagte sich, die Hygienevorschriften und die Maskenpflicht im Innenbereich werden von der Mannschaft hervorragend umgesetzt. Und wir von der Führungscrew müssen mit gutem Vorbild voranschreiten. Beim Bundesligastart sass bei Bayern München die ganze Chefetage ohne Maske auf der Tribüne. Das darf uns nicht passieren. Wir können nicht etwas verlangen, was wir selber nicht vorleben.
Wie gehen Sie mit Maskenverweigerern oder Schlaumeiern um, die den ganzen Abend an einem Getränk nippen, um keine Maske tragen zu müssen?
Unsere Sicherheitsleute sind angewiesen, diese Leute freundlich auf die Vorschriften aufmerksam zu machen. Werden diese nicht eingehalten, sind wir gezwungen, die Fehlbaren aus dem Stadion zu begleiten. Auch im Interesse der anderen Zuschauer, die sich daran halten.
Kann es Stadionverbote geben?
Das ist denkbar. Es ist nicht unser Ziel, aber im Wiederholungsfall werden Stadionverbote zum Thema. Wir möchten unter allen Umständen verhindern, dass wir durch eine Unachtsamkeit zu einem Treiber der Pandemie werden.
Wie wird die Stimmung im Hallenstadion sein?
An den Freundschaftsspielen in der Kunsteisbahn Oerlikon mit wenig Zuschauern war ich positiv überrascht. Man spürt die Emotionen des Publikums schon, auch wenn es keine Schlachtgesänge gibt. Klar, es wird nicht das Gleiche sein. Doch gewisse Opfer müssen wir bringen.
Sind Sie überrascht, dass die ZSC Lions trotz Covid-19 über 7000 Saisonkarten verkauft haben?
Eigentlich nicht. Rein sportlich gab es ja keinen Anlass, keine Saisonkarte mehr zu lösen. Letzte Saison verkauften wir 7436, wir haben also einen Rückgang von rund 5, 6 Prozent. Aber ich kann nachvollziehen, dass einige Bedenken hatten.
In Russland müssen bereits Spiele verschoben werden, weil ganze Teams positiv getestet wurden. Wie gross ist die Chance, dass die Meisterschaft in geordnetem Rahmen durchgeführt werden kann?
Ich bin kein Prophet. Wir müssen einfach alles tun, was wir können, damit der Sport nicht zur Verbreitung des Virus beiträgt.
Im Tennis dürfen sich die Spieler an den Grand Slams nur noch in einer Blase bewegen, während einer Eishockey-Meisterschaft über acht Monate ist das unmöglich. Gibt es bei den ZSC Lions Verbote für die Spieler?
Die Mannschaft hat intern Regeln aufgestellt für das Verhalten im Privaten. Alle wissen, dass sie nicht an eine Party gehen sollten oder in einen Club. Es steht die Existenz unserer Meisterschaft, unserer Clubs auf dem Spiel. Und folglich auch die Arbeitsstelle der Spieler. Dessen ist sich jeder bewusst. Wir setzen nicht auf Verbote, sondern auf Eigenverantwortung. Verbote können immer umgangen werden.
Welche finanziellen Einbussen hat Covid-19 für die ZSC Lions?
Wir haben einen berechneten Schaden von 2,6 Millionen Franken. Primär wegen der verringerten Ticketeinnahmen.
Wie können Sie diesen auffangen?
Wie im Frühling die Debatte über die Spielerlöhne in der Öffentlichkeit geführt wurde, fand ich falsch. Man bekam den Eindruck, alle Hockeyspieler seien Millionäre. Das stimmt einfach nicht. Bei uns machen die Lohnkosten 60 bis 65 Prozent aus, aber das ist in Unternehmen in anderen Wirtschaftszweigen nicht anders. Doch um den Ertragsausfall zu kompensieren, kommen wir nicht darum herum, bei den Löhnen anzusetzen. Wir sind daran, Gespräche mit den Spielern zu führen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Jeder Club muss eine Lösung finden, die für ihn passt. Das ist kein Thema, mit dem man PR machen sollte.
Läuft es darauf hinaus, dass alle Spieler auf einen gewissen Prozentsatz ihres Lohnes verzichten?
Wie gesagt: Das möchte ich nicht näher ausführen.
Was machen Sie mit einem Spieler, der sagt, er verzichte nicht?
Bei uns gibt es keine Anzeichen, dass es Spieler gibt, die nicht gewillt sind, den Schaden mitzutragen. Die Spieler halfen uns ja auch mit einer Stundung, um unsere Liquidität im Sommer zu sichern.
Wie bitte?
Wir haben im Sommer während einiger Monate einen Teil der Spielerlöhne zurückbehalten, um weiter liquide zu sein. Damals wussten wir ja nicht, wie es weitergeht. Jetzt kennen wir die Rahmenbedingungen. Und so konnten wir den erwarteten Schaden berechnen. Einen Teil der geschuldeten Gelder werden wir bald ausbezahlen, unter Berücksichtigung der vereinbarten Lohnreduktion.
Die Schere droht im Eishockey durch Covid-19 wieder aufzugehen. Sie sprachen auch davon, jetzt müsse man solidarisch sein. Geht das bis zu finanzieller Unterstützung?
Solidarisch zu sein, heisst nicht, einander die Schulden zu bezahlen. Aber beispielsweise, dass man sich keine Spieler abjagt, wenn ein Club finanziell Probleme hat. Deshalb haben wir nun einen Transferstopp bis Ende der Saison beschlossen – ausser alle Parteien sind mit einem Wechsel einverstanden.
Wie hat sich Ihr Leben durch Corona verändert?
Die ersten zwei, drei Monate war auch ich ständig online, las alles, was über das Coronavirus geschrieben wurde. Aber mit der Zeit merkte ich: Das tut mir nicht gut. Die Experten widersprachen sich immer wieder, was nur Verunsicherung schürte. Ich wurde Corona-müde, informierte mich nur noch sehr selektiv. Inzwischen spüre ich eine Aufbruchstimmung. Im Wissen darum, dass die Infektionszahlen wieder steigen. Hochrangige Politiker sagen, einen zweiten Lockdown könnten wir nicht verkraften. Das sehe ich auch so. Wenn man wieder alles schliesst, bleiben vielleicht alle gesund. Aber dann gehen wir gesund bankrott. Und damit ist auch niemandem gedient. Wenn die Leute ihren Job verlieren, Existenzängste haben, kommen gesundheitliche Probleme ganz anderer Art auf uns zu. Wir müssen Wege und Zuversicht finden, damit unser Leben trotz Corona einigermassen funktionieren kann.