Zwischen Titelambitionen und Nachwuchsförderung: Der verlustpunktlose Leader EV Zug versucht einen schwierigen Spagat
Der National-League-Leader EV Zug jagt dem ersten Titel seit 1998 hinterher – und sucht die Balance zwischen Ausbildungsgedanken und grossen Ambitionen.
Nicola Berger (NZZ)
Reto Kläy überlegt, schweigt und sagt dann: «So pauschal kann man das nicht sagen.» Der Sportchef des EV Zug war gefragt worden, ob es einen Weg gebe, dass die Saison seines Klubs auch dann als Erfolg gewertet werde, wenn der EVZ im Frühjahr 2021 nicht Schweizer Meister werde. Kläy beherrscht die hohe Kunst der Diplomatie, aber eigentlich gibt es nur eine Antwort: Nein, es gibt keinen solchen Weg.
22 Jahre sind ins Land gezogen, seit Zug letztmals Meister geworden ist, in einem Trikot, das als eine der schlimmsten Design-Sünden in die Hockeygeschichte eingegangen ist. Unter dem Coach Sean Simpson zermürbten die Zuger ihre Gegner damals mit einem faszinierenden Mix aus spielerischer Klasse (Wes Walz, André Rötheli) sowie der Kraft von Zerstörung und Provokation (Dino Kessler, Bill McDougall, Misko Antisin). Mit dem bösen, unangenehmen EVZ, der den Gegnern aus der Trutzburg Hertihalle hinaus das Fürchten lehrte, hat der Klub heute nichts mehr gemein. Nachdem der Präsident Hans-Peter Strebel 2015 das Zepter übernommen hatte, wurde der EVZ mit viel Politur zu einem modernen, prosperierenden Vorzeigeunternehmen modelliert. Er leistet sich ein Farmteam und hat den Anspruch, in der Ausbildung national eine führende Rolle einzunehmen; dereinst sollen 50 Prozent der Spieler in der ersten Mannschaft aus dem eigenen Nachwuchsbereich stammen. Es ist ein ambitioniertes Ziel für ein Team, das nach Titeln lechzt – der Spagat stellt eine enorme Herausforderung dar.
Den Machern fehlt es nicht an Visionen; der Privatier und Privatjetbesitzer Strebel hat in Cham ein 100 Millionen Franken teures Athletikzentrum finanziert, in dem Zug so smart trainieren soll, dass das in Titeln zinst – und zwar lieber heute als morgen. Der CEO Patrick Lengwiler sagte schon 2017, der zweite Meistertitel der Klubgeschichte sei «nur eine Frage der Zeit».
Hofmann und die NHL
Doch er lässt weiter auf sich warten – vom vergleichsweise unbedeutenden Cup-Sieg 2019 einmal abgesehen, hat Zug in diesem Jahrhundert nichts gewonnen. Zwei Mal erreichte der Verein den Play-off-Final, 2019/20 beendete er die Qualifikation auf Platz 2, ehe die Meisterschaft abgebrochen wurde. Zug ist nahe dran, sehr nahe, aber alles andere wäre ja auch eine Enttäuschung, gemessen an den Aufwendungen der letzten Jahre. Der EVZ hat viel in dieses Team investiert, seit dem Sommer 2019 leistet er sich zwei der teuersten Spieler der Liga: den Torhüter Leonardo Genoni und den Stürmer Grégory Hofmann. Es waren zwei spektakuläre Transfercoups, die sich eigentlich nur mit dem Gewinn von Meistertiteln, im Plural, rechtfertigen lassen. Im Fall von Hofmann könnte die laufende Saison die erste und einzige Gelegenheit dafür sein: Der Nationalstürmer steht zwar bis 2023 unter Vertrag, aber er schielt in Richtung NHL. Sollte Hofmann im Sommer eine Offerte erhalten, dürfte er seine Zelte in Zug abbrechen. Wer Hofmann am Wochenende übers Eis fliegen sah, kann ihn sich auch in der NHL vorstellen. Carolina hatte ihn 2011 gedraftet, ihn aber nie unter Vertrag genommen.
Andrighettos Entscheid
Daher ist die Saison 2020/21 für den EVZ umso wichtiger. Aber die Kräfteverhältnisse haben sich in den letzten Monaten eher zuungunsten der Zuger verschoben. Im Sommer verlor der Klub das Transfer-Play-off um den Angreifer Sven Andrighetto, der sich lieber den ZSC Lions anschloss, dem wichtigsten Konkurrenten, mit dessen üppigem Luxuskader die Zuger in der Breite nicht mithalten können. Und danach hat sich der EVZ aufgrund der Corona-Pandemie de facto einen Einstellungsstopp auferlegt. Der vierte Ausländer, Ryan McLeod, ist eine Leihgabe der Edmonton Oilers, er kostet den Klub nichts; selbst das Auto und das Hotelzimmer sind Bestandteile von Gegengeschäften. McLeod, 21, ist ein talentierter Center, Edmonton sicherte sich seine Rechte im NHL-Draft von 2018 schon in der zweiten Runde. Und doch hat er heute noch nicht das Format eines Ausländers, den der EVZ unter normalen Umständen verpflichtet hätte. Doch man kann das nun einmal nicht vermitteln, intern wie extern: der Belegschaft wegen der pandemiebedingten Einnahmeausfälle die Saläre zu kürzen und gleichzeitig in einen kostspieligen Ausländer zu investieren. Der Manager Kläy sagt: «Das wäre ein völlig falsches Signal gewesen. Die Mannschaft hat viel Potenzial, an unseren Ambitionen hat sich nichts geändert.» Neben McLeod bedient sich Zug mit den selber ausgebildeten Jünglingen Tobias Geisser, Calvin Thürkauf und Nico Gross drei weiterer Leihgaben aus Übersee. Je länger in Nordamerika nicht gespielt wird, desto besser ist das für den EVZ.
Der Saisonstart muss für die Zuger etwas Ermutigendes haben. Weniger weil sie als einziges Team ungeschlagen und verlustpunktlos sind. Sondern eher wegen der Tatsache, wie sie ihre Siege bewerkstelligten. Rapperswil, Lugano und Bern wurden ohne Glamour und mit nur einem Treffer Unterschied bezwungen. Ein wenig wirkte es, als wollten die Zuger sich selber beweisen, dass sie Spiele im Stile eines Champions gewinnen können, ohne Schnörkel und Spektakel. Für eine Saison der Wahrheit ist das ein vielversprechender Auftakt.