Der Corona-infizierte Schweizer Fussball und die grosse Frage nach den Schuldigen
Jemand, der sich mit Corona ansteckt, ist nicht mehr in erster Linie Opfer, er muss etwas falsch gemacht haben – das ist die neue Corona-Logik. Davon sind auch Profifussballer wie der an Covid-19 erkrankte FCZ-Spieler Mirlind Kryeziu nicht verschont.
Flurin Clalüna (NZZ)
Mirlind Kryeziu, Fussballer des FC Zürich, hat sich mit dem Coronavirus angesteckt. Man könnte ihm gute Besserung und rasche Erholung wünschen. Aber wer sich heute infiziert, muss mit einer anderen Reaktion rechnen: mit einer reflexhaften Verdächtigung. Jemand, der sich ansteckt, ist nicht mehr in erster Linie Opfer, er muss etwas falsch gemacht haben, das ist die neue Corona-Logik. Sie ist im Fall von Kryeziu überall in den sozialen Netzwerken und den Kommentarspalten zu finden. Und überspitzt lautet sie so: Kryeziu hat den Schweizer Fussball ins Unglück gestürzt.
Niemand weiss, ob Kryeziu der «Patient 0» ist, wo er sich angesteckt hat und ob er sich leichtfertig verhalten hat. Hinweise darauf gibt es keine. Es genügt, dass er ein junger Mann ist, der im Kanton Zürich mit all seinen Vergnügungsangeboten wohnt, um ihn zu verdächtigen. Auf Instagram hat sich Kryeziu zwar nicht gleich entschuldigt, aber er musste sich rechtfertigen und betonen, er habe alle Richtlinien eingehalten. Der FCZ hat am Freitag Kryezius Namen bekanntgegeben. Wen die acht weiteren positiven Fälle betreffen, die am Wochenende dazugekommen sind, hat er nicht kommuniziert. Im Sinn des Persönlichkeitsschutzes und angesichts der Spekulationen um Kryeziu ist es richtig, die Infizierten anonym zu halten.
Neun positive Fälle hat der FC Zürich zu verzeichnen, am Sonntag ist zudem der Präsident Ancillo Canepa positiv getestet worden. Das ergibt eine ungeheuer grosse Zahl, und der Klub sieht sich nun den gleichen Mutmassungen ausgesetzt wie Kryeziu: Kann das alles nur Zufall sein? Niemand beim FCZ will einen Fehler gemacht haben, der Präsident Ancillo Canepa betont das sehr, und solange nicht das Gegenteil feststeht, muss man auf sein Wort vertrauen. Alles andere ist heute bösartige Spekulation. Richtig ist aber auch, dass die Zürcher Kantonsärztin eine zehntägige Quarantäne über den Verein verhängt hat. Auch wenn die Fussballliga dies nicht recht verstehen mag, sie von anderen Voraussetzungen ausgegangen war und sie der Entscheid in grosse Probleme bringt – bis hin zum Szenario Saisonabbruch.
Die Zürcher Kantonsärztin handelt wie in anderen Fällen auch, wenn der Sicherheitsabstand über längere Zeit nicht eingehalten werden kann wie im Teambus des FCZ am Dienstag bei der Reise nach Neuenburg. Ob die Kantonsärztin auf ihren Entscheid zurückkommt und die Dauer der Quarantäne verkürzt, so wie dies die Fussballliga mit dem Präsidenten Heinrich Schifferle hofft, ist fraglich.
Dass der Grasshopper-Club nicht in Isolation geschickt wird, obwohl auch er einen Corona-Fall zu vermelden hatte, ist keine Ungleichbehandlung. Der zuständige Kantonsärztliche Dienst des Kantons Aargau, wo der betroffene Spieler Amel Rustemoski wohnhaft ist, stellte keinen «engen Kontakt» zwischen ihm und den Teamkollegen fest.
Die Fussballliga hat mit einer kasernierten Mannschaft schon genug Sorgen. Wenn der FCZ nicht spielen kann, wirft das Probleme auf, für die es fast keine Lösungen gibt, zumindest keine guten. Man könnte der Liga nun vorwerfen, sie hätte auf regelmässigen Corona-Tests für die Spieler bestehen müssen, so wie in der Bundesliga, auch wenn das teuer geworden wäre. Oder sie habe mit der Wiederaufnahme der Meisterschaft zu lange gezögert. Nur bringt das alles nichts. Solange es irgendwie geht, soll es jetzt weitergehen, das ist die Haltung der Liga.
Der Spielraum im Terminkalender war schon vorher verschwindend klein, jetzt gibt es ihn fast gar nicht mehr, weil bereits heute alle paar Tage gespielt wird. Und deshalb werden nun Szenarien diskutiert, die von Zwängerei nicht mehr weit entfernt sind: Den Cup streichen? Die Kadenz der Spiele noch weiter erhöhen und dafür gesundheitliche Risiken für die Spieler in Kauf nehmen? Das Meisterschaftsende über den 2. August hinausschieben und so einen Konflikt mit der Uefa riskieren, die am 3. August wissen will, welche Schweizer Klubs nächste Saison am Europacup teilnehmen?
Diskutiert wird auch, ob der FC Zürich am Dienstag in Basel mit einer Nachwuchsmannschaft antreten könnte. Denkbar ist vieles. Die Frage ist bloss, was diese Meisterschaft dann noch für einen Wert hat, wenn die Liga eine solche Wettbewerbsverzerrung zulässt.