Meinung zu Schutzkonzepten
Corona: Weshalb die Panikmacher falschliegen
Bund und Kantone verschärfen die Massnahmen. Warum eigentlich?
Andreas Kunz (TA/SZ)
Die ganze Schweiz geniesst die Sommerferien, nur in den Amtsstuben herrscht Aufregung: Ein Kanton nach dem anderen verschärft die Corona-Regeln. Für Veranstaltungen wird die Höchstzahl der Teilnehmer heruntergesetzt, die Maskenpflicht auf Geschäfte und Schulen ausgeweitet – im Kanton Freiburg zum Beispiel gilt das Obligatorium nun sogar an Freiluft-Märkten.
Und jetzt fordert der Bund von den Kantonen ein noch strikteres Vorgehen, wie unsere Recherchen zeigen. Man könnte meinen, das Land befände sich mitten in einer zweiten Welle, das Gesundheitswesen stünde vor dem Kollaps, die Menschen stürben täglich zu Dutzenden.
Das Gegenteil ist der Fall: Seit Anfang Juni liegt die Zahl der Neuinfektionen auf konstant tiefem Niveau – obwohl sich die Menschen überall treffen, die Abstandsregeln oft nur lax einhalten, die Grenzen geöffnet und sogar mehrere Grossdemos veranstaltet worden sind.
In Clubs und Bars ist es zwar zu einer Handvoll Superspreader-Events gekommen – angesichts der schieren Menge durchgeführter Partys im ganzen Land hielten sich diese Ausbrüche aber in erstaunlich engen Grenzen. Die meisten Infizierten waren zudem jung und hatten oft nur harmlose, in vielen Fällen gar keine Symptome.
Zitat
Unsere Erfahrung sollte mittlerweile gross genug sein, um mit der Krise umzugehen.
Und am Wichtigsten: Für die Spitäler ist das Virus derzeit kein Problem. Im am stärksten betroffenen Kanton Zürich mit über 1,5 Millionen Einwohnern sind aktuell gerade mal 23 Covid-Patienten in Behandlung, 6 davon müssen beatmet werden.
Jeder dieser Fälle ist ernst zu nehmen – doch erinnern wir uns: Bei den Corona-Massnahmen ging es einmal darum, das Gesundheitswesen nicht zu überlasten. Tatsächlich herrschte in den letzten Wochen schweizweit sogar eine relative Untersterblichkeit, mutmasslich weil viele hochbetagte Menschen während der ersten Welle gestorben waren.
Das Virus ist derzeit unter Kontrolle. Solange die grundlegendsten Hygieneregeln eingehalten werden, scheint die Epidemiegefahr im Sommer klein zu sein. Trotzdem verhängte der Bundesrat ausgerechnet vor den Ferien eine Maskenpflicht in allen öffentlichen, also auch touristischen Verkehrsmitteln. Ob diese Massnahme nötig war, bleibt fraglich: Die Ansteckungszahlen hatten sich bereits zuvor stabilisiert.
Jetzt legen die Behörden sogar nach – obwohl eine zweite Welle weiterhin nicht in Sicht ist. Man wird das Gefühl nicht los, dass es ihnen darum geht, sich vor den eigenen Ferien gegen alle möglichen Verharmlosungsvorwürfe abzusichern – von manchen Medien, die noch immer dazu tendieren, Einzelfälle zum nationalen Drama hochzustilisieren.
Die Corona-Krise ist nicht vorbei. Doch unsere Erfahrung sollte mittlerweile gross genug sein, um sie smart und souverän anzugehen. Was es nicht braucht: unnötigen Aktionismus, Angstmacherei und Panik. Was es endlich braucht: einen Plan, wann welche Massnahmen mit welchen Mitteln umgesetzt werden – damit wir bereit sind, falls es nochmals richtig ernst wird.