Eishockey
Ein Zürcher Derby um den Meistertitel
Hermann Pedergnana
Die ZSC Lions sichern sich mit einem 4:0-Sieg gegen Genf/Servette den Einzug in den Final gegen die Kloten Flyers. Damit kommt es erstmals in der Geschichte der Play-offs zu einem Zürcher Derby um den Titel.
Schon die Vorzeichen in diesem Wettkampf um alles oder nichts, um Finaleinzug oder Ferienantritt, deuteten auf einen Zürcher Erfolg hin. Sechs ihrer zehn Serien in entscheidenden siebenten Spielen hatten sie gewonnen – allein die letzten drei seit 2012. In 80 Prozent aller auf die Spitze getriebenen Ausmarchungen setzte sich jeweils das Heimteam durch. Und Genf/Servette hatte noch nie eine höher klassierte Mannschaft ausschalten können. Das sollte sich auch diesmal nicht ändern.
Neues Kapitel im Video-Streit
Nur ein kleines Detail begünstigte scheinbar die Genfer. Vorausgegangen war eine Fortsetzung des Video-Streits. Wie zuvor Alexandre Picard auf Betreiben der Lions vom Einzelrichter Reto Steinmann gesperrt worden war, so hatte Genf/Servette mit seinem Antrag Erfolg: Der für Defensivaufgaben wichtige Center und Unterzahlspezialist Morris Trachsler wurde vorerst für ein Spiel gesperrt. Anlass war ein Check gegen den Kopf Lennart Petrells in der sechsten Partie. Die Sperre zwang den Lions-Coach Marc Crawford zu einer Umbesetzung: Er beorderte den bis dahin am Flügel spielenden Amerika-Schweizer Dan Fritsche in die Mitte der dritten Linie, wo er sich gut zurechtfand.
Anfangs-Furioso
Servette sei die am härtesten auftretende Mannschaft, hatte kürzlich der (abtretende) Schiedsrichter Rochette verraten. Falls es der Plan der Genfer war, die Zürcher einzuschüchtern, blieben sie den Beweis schuldig. Auch der Plan B funktionierte nicht, nämlich die neutrale Zone abzudichten und damit das Tempo aus dem Zürcher Spiel zu nehmen. Die Lions wirbelten im Schnellgang durch das Genfer Dispositiv und gingen schon in der 6. Minute in Führung, als während eines Powerplays der Verteidiger Bergeron einen hohen Befreiungsschlag mit der Hand herunterholte und mit einem satten Schuss das 1:0 erzielte. Damit war eine weitere Vorgabe erfüllt: Wer das erste Tor vorlegte, war in den sechs Partien zuvor als Sieger vom Eis gegangen. Sechs Minuten später stellte Shannon die Genfer Abwehr bloss. Von drei umstehenden Gegnern allein gelassen, erhöhte er aus kurzer Distanz auf 2:0. Später liess er einen Shorthander zum 4:0 folgen.
Erst nach einer Viertelstunde kamen auch die Genfer zu ersten Chancen. Zu Beginn des zweiten Abschnitts setzten sie mächtig Druck auf, kamen auch zu drei grossen Chancen, mussten aber erleben, wie der von Antonietti zu Fall gebrachte Nilsson einen Penalty zum 3:0 verwandelte. Danach ging es um das Verwalten des Vorsprungs, unterbrochen von gelegentlichen Vorstössen.
Als fast die ganze Saison auf dem Spiel stand, fanden die Zürcher zu ihrem Stil mit schwungvollen Angriffen. Von Anfang an liessen sie sich anmerken, dass sie unbedingt eine frühe Entscheidung erzwingen wollten. Auch ihr Keeper Flüeler bewies eine schon fast traditionelle Stärke: In Spiel 7 lässt er jeweils nichts anbrennen. Das war schon gegen Davos, Bern und Lausanne der Fall gewesen. Für den nach Zug abwandernden Goalie-Kollegen Tobias Stephan war es ein bitteres Adieu. Oft Garant vieler Siege, blieb er im letzten Spiel machtlos.
Defensive Solidität
Neben der Klasse in der Offensive bewiesen die Lions diesmal auch Defensivqualitäten, die sie oft hatten vermissen lassen. Die Abwehrarbeit funktionierte vorzüglich. So wurde die Genfer Top-Linie mit ihren drei Ausländern wirkungsvoll neutralisiert. (NZZ)
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Mit einer Demonstration in den Final
Die ZSC Lions brillierten erneut in einem Spiel 7, liessen Servette beim 4:0 keine Chance. Am Samstag folgt Kloten.
Von Simon Graf und Silvan Schweizer, Zürich
45 Minuten waren gespielt, als es erstmals einer zu skandieren wagte: «Finale, oooh, Finale, oooh!» Danach brandeten diese Worte immer wieder durchs Hallenstadion. Die ZSC Lions hatten die Nerven ihres Anhangs in diesem Playoff bislang stark auf die Probe gestellt. Doch gestern liessen sie keine Zweifel mehr zu, wer diese Serie gewinnen würde. Sie waren vom ersten Einsatz an bereit, kauften Servette mit Tempo und Körperspiel den Schneid ab und durften bereits in der 6. Minute erstmals jubeln: Bergeron hämmerte den Puck im Powerplay nach einem missglückten Befreiungsversuch Petrells ins Lattenkreuz. Schon in Spiel 7 gegen Lausanne hatte Bergeron das 1:0 erzielt, das bis zuletzt Bestand hatte. Diesmal siegten die Zürcher sogar 4:0.
Die ZSC Lions entwickeln sich immer mehr zu Spezialisten für siebte Spiele. Sie gewannen bereits ihr viertes in Serie, und wie wenig sie zulassen, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen, dokumentieren ihre Resultate in der «Belle»: 2:1 in Bern, 2:0 gegen Davos, nun also 1:0 und 4:0. Dabei bewies Goalie Flüeler stets, dass er da ist, wenn man ihn braucht. Man könnte noch viele loben: den zweifachen Torschützen Shannon, den zweikampfstarken Fritsche, der den gesperrten Trachsler im dritten Sturm blendend vertrat, oder Energiebündel Baltisberger, der mehrere krachende Checks austeilte, die es in der NHL in die Highlights schaffen würden. Entscheidend war aber, dass die Lions als Team auftraten, Servette keinen Zentimeter Eis schenkten.
Enttäuschter, stolzer McSorley
«Wir haben uns durch individuelle Fehler und dumme Strafen selbst um die Chance gebracht», ärgerte sich Servettes Chris McSorley. «In solchen Spielen müssen die besten Spieler deine besten Spieler sein. Das waren sie nur bei Zürich.» Er fügte aber auch anerkennend an: «Dass wir das beste Team der Liga über sieben Spiele gezwungen haben, macht mich stolz.» Es sei wunderbar, Geschichte zu schreiben, sagte Marc Crawford, als er erfuhr, dass nun der erste Zürcher Final Tatsache sei. Seger schaute bereits voraus und forderte mehr Konstanz: «Wir dürfen nicht mehr abwechselnd gute und schlechte Spiele haben.» Shannon bezeichnete die Breite über alle vier Blöcke als entscheidendes Plus gegenüber Servette. Und sagte: «Ich kann den Final kaum erwarten.» Lange warten muss er auch nicht, er beginnt bereits morgen im Hallenstadion.
Die Westschweizer Medien hatten den letzten Auftritt der «Grenats» nochmals mit letztem Einsatz begleitet. Ein Reporter von «Le Matin» berichtete in einem Liveblog detailliert über die Stunden bis zum Spiel. McSorley überliess dabei nichts dem Zufall. Die Genfer reisten schon am Tag zuvor an und liessen durchsickern, sie würden in Bern nächtigen. Natürlich bezogen sie ihr Quartier in Oerlikon, aber dies war ein Ablenkungsmanöver gewesen, damit ihnen nicht wild gewordene ZSC-Fans den Schlaf rauben würden.
Klotens Hilfe für die Genfer
Servette erhielt von den ZSC Lions freundlicherweise die Trainingshalle für ein Aufwärmtraining zur Mittagszeit zur Verfügung gestellt. «Die Qualifikation für den Final winkt die Strasse herab», twitterte der Mann der Genfer Website von der Siewerdtstrasse, die zum Hallenstadion führt. Sukkurs erhielten die Servettiens auch von den bereits qualifizierten Kloten Flyers, deren Materialchef Martin Keller nach dem Warmup ihre Trikots trocknete. Und Matthew Lombardi soll sich fürs grosse Spiel eine senfgelbe Unterhose übergestreift haben. Aber es half alles nichts.
(TA)