Die späte Demonstration der Löwen
Die ZSC Lions lagen in Lugano bis zur 45. Minute 0:3 zurück und siegten noch 4:3.
Von Simon Graf, Lugano
Dass sie oft nacheinander gewinnen können, zeigten die ZSC Lions im alten Jahr mit ihren elf Siegen in Serie. Nun scheinen sie eine neue Herausforderung zu brauchen: zu gewinnen nach Rückständen. Am Sonntag in Kloten lagen sie 0:2 hinten und setzten sich noch durch dank eines 3:1 im Schlussdrittel. In Lugano stand es sogar 0:3, ehe sie in der 45. Minute mit dem Toreschiessen begannen und nicht mehr aufhörten, bis Bärtschi 63 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit das 4:3 erzielt hatte. 4:0 Tore und 15:3 Torschüsse lautete die einseitige Bilanz im letzten Abschnitt, in dem das Spiel auf den Kopf gestellt wurde.
Nilsson lächelte zufrieden, als er später in den Kabinengängen mit Luganos Pettersson plauderte. Zu den Journalisten sagte er: «Dieses Drittel zeigte, wie viel in dieser Mannschaft steckt.» Der Schwede stritt nicht ab, dass Coach Marc Crawford in der zweiten Pause laut geworden sei. Und das sei auch gut so, fand er. «Denn seien wir ehrlich: Bis da hatten wir miserabel gespielt. Den Puck ein bisschen hin- und hergespielt, ohne richtigen Fokus. Am Schluss waren wir viel gradliniger. Und natürlich hatten wir auch etwas Glück.» Die Powerplaytore von Seger (45.) und Bergeron (47.) brachten die Zürcher zurück ins Geschäft, dann drückte Senteler (55.) den Puck im zweiten Anlauf zum 3:3 ins Tor. Und weil sie unbedingt ein Penaltyschiessen vermeiden wollten, marschierten die ZSC Lions danach im gleichen Takt weiter.
Momentum nennt man das, was sie in den letzten 20 Minuten begleitete. Sie waren immer einen Schritt schneller als die Luganesi, die verzweifelt versuchten, den Gang der Dinge aufzuhalten. Ihr Trainer Patrick Fischer wurde allerdings auch dafür bestraft, dass er sich mit Achtzigerjahre-Coaching versuchte und seine ersten drei Linien von Beginn weg forcierte – der Juniorensturm durfte nur für wenige Einsätze aufs Eis. Im Finish rächte sich dies, den Bianconeri gingen die Kräfte aus. Damit waren es wieder die ZSC Lions, die eine Siegesserie der Tessiner stoppten. Diese hatten zuvor fünfmal nacheinander gewonnen und sich in die Top 4 gespielt.
Trotz des Rückschlags gegen den Leader stimmt Luganos Richtung also. Die Entscheide, während der Saison Domenichelli, Jordy Murray und Fritsche wegzuschicken und Micflikier, Pettersson und Maurer zu holen, scheinen sich ausbezahlt zu haben. Fischer hat sich mit seinen Ideen durchgesetzt. Fritsche und Maurer, die gestern erstmals gegen ihre Ex-Clubs spielten, nahmen dabei aber nur Nebenrollen ein. Aus Zürcher Sicht war das 3:3 Sentelers besonders erfreulich – die Politik, auf die Jungen zu setzen, trägt immer mehr Früchte. Und gerade im Playoff ist ein breites Kader wichtig und müssen auch Spieler, die sonst nicht so auffallen, für wichtige Szenen besorgt sein.
Apropos auffallen: In den ersten Monaten hatte sich Verteidiger Bergeron sowohl positiv wie negativ hervorgetan, inzwischen wird der Kanadier immer wertvoller. Er hat seine Fehlerquote reduziert und akzeptiert, auch einmal einen einfachen Pass zu spielen. Und das hat seiner Produktivität nicht geschadet. In Lugano schoss er sein siebtes Tor, und mit einer Bilanz von +22 führt er die Liga klar an. Sportchef Edgar Salis, der mit seiner Ausländerwahl nicht immer ein glückliches Händchen hatte, dürfte dies mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen. (TA)