Kolumne Damien Brunner hat einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. Weil er an sich glaubt. Von Kent Ruhnke
Wie ein Kind im Süsswarenladen
Ich treffe Chad, der sich in seinen rot-weissen Devils-Dress gehüllt hat, auf Gleis 4, wo der Zug von Manhattan nach Newark, New Jersey, abfährt. Er freut sich aufs Derby gegen die Rangers. Und ich freue mich, Damien Brunner spielen zu sehen. «Er ist mein Lieblingsspieler», sagt Chad. «Er ist schnell, schiesst gerne und schwirrt immer um den Puck herum. Aber er ist definitiv kein Zweiweg-Stürmer.» Mir wird sofort klar, dass man in der NHL als offensiv begabter Spieler schnell in eine Schublade gesteckt wird. Zudem stammt Brunner aus einem kleinen Land im fernen Europa. Wie hiess es nochmals? Schweden? Vorurteile gegen
Europäer sind hier, obschon nicht mehr so stark, immer noch sehr verbreitet. Ich bin jedenfalls gespannt, wie Brunner sich schlägt.
Doch als ich im Stadion eintreffe, scheine ich das Opfer von «Murphy’s Law» geworden zu sein. Ich finde schnell heraus, dass Brunner wegen einer «Oberkörperverletzung» nicht spielt. Seit 32 Jahren schreibe ich als Kolumnist für den «Tages-Anzeiger», der mir die Akkreditierung fürs Spiel verschafft hat, und ich will meine Kollegen und die Leser nicht im Stich lassen. Aber worüber soll ich schreiben? Gegen Ende des zweiten Drittels werde ich immer verzweifelter. Keine Spur von Brunner, und das Spiel ist fürchterlich – es sieht aus wie Servette gegen Servette. Die Devils und die Rangers bieten typisches NHL-Eishockey: Der Puck wird ins Drittel reingeschossen und dann wieder raus, es fehlen Spielfluss und Leidenschaft. Keiner will einen Fehler machen.
Doch plötzlich ruft mir vom Dachstock der riesigen Arena ein junger Bursche in Anzug und Krawatte zu. Damien, den ich über meinen Besuch orientiert hatte, hatte mich gesucht und nun auch gefunden. Meine Laune hellt sich sofort auf. Vielleicht gibt es ja doch etwas zu schreiben. Wir schauen uns das dritte Drittel gar nicht mehr an, sondern plaudern miteinander. Er kommt mir vor wie ein Kind im Süsswarenladen. Er ist einfach happy, hier dabei zu sein, und macht den Eindruck, als würde er es nicht wagen, sich zu kneifen, um nicht aus diesem Traum aufzuwachen. Er ist lebhaft und wortgewandt und überrascht mich mit seinem Selbstbewusstsein.
Aber wie hat er es hierher geschafft? Das letzte Mal, dass ich ihn bewusst spielen gesehen hatte, war mit meinem Sohn Corey gewesen, 2008 für den HC Thurgau. Alles drehe sich um die Einstellung, erklärt er mir. «In Kloten konnte ich nie etwas richtig machen. Das änderte sich in Zug. Doug Shedden sagte mir, ich dürfe nicht zufrieden sein, wenn ich nicht 30 Tore pro Saison schiessen würde. Er trieb mich pausenlos an. Hier in New Jersey wollen sie auch 30 Tore von mir. Das spornt mich an, mich weiter zu verbessern.»
Mit Tempomat bei 85 Prozent
Deshalb habe er auch Detroit verlassen. «Dort hätte ich vielleicht 12 bis 14 Minuten Eiszeit pro Spiel bekommen, hier sind es 16 bis 18. Und je mehr Erfahrung ich auf dem kleinen Eisfeld habe, desto leichter fällt es mir.» Das Spiel sei nicht so brutal, wie man meinen könnte. «Ab und zu gibt es wüste Attacken gegen den Kopf. Aber in der Schweiz habe ich mehr schmutzige Stockschläge erlebt. Das grosse Problem bei 82 Spielen ist, die Energie zu managen. Man legt den Tempomat ein und versucht, konstant mit etwa 85 Prozent zu spielen, um dann im Playoff nochmals einen Gang zuzulegen.»
Es gibt so viele Dinge, die ich ihn fragen möchte. «Wie ist das Coaching?» Er erzählt, wie bis zu fünf Coachs hinter der Bank stehen – einer fürs Powerplay, fürs Penaltykilling, je einer für die Verteidiger und die Stürmer und der Headcoach. Dazu kommen der Videospezialist und der Goaliecoach. «Wir bekommen so viele Informationen, dass einem manchmal der Kopf brummt. Das grösste Kompliment ist es, wenn einem der Coach sagt, man habe den Puck schön in die Angriffszone reingeschossen. Das hören wir oft. In der Schweiz wird weniger gecoacht, lassen einen die Trainer mehr spielen.»
«Woran musst du noch arbeiten?», frage ich ihn. «Ich sehe mich nicht als soften Spieler, aber ich möchte noch mehr Druck haben auf dem Stock und den Puck besser schützen.» Er sei beeindruckt gewesen, wie Henrik Zetterberg Checks absorbiere, ja die Energie, die auf ihn wirkte, sogar dazu benützt habe, um zu beschleunigen. «Und als ich im Training versucht habe, Pawel Dazjuk den Puck wegzunehmen, gelang es mir nicht einmal, ihn zu berühren. Torchancen entstehen hier meistens durch Fehler, nicht durch Kreativität. Deshalb legt man so viel Wert auf Systemtreue. Man fährt die Banden entlang, spielt den Puck via Bande und versucht, einen Puckgewinn zu forcieren. Es gibt keine kontrollierte Angriffsauslösung, die Stürmer kreisen hier nicht, und man hat weniger Speed und Torchancen. Das bedeutet, dass man die Möglichkeiten verwerten muss, die man bekommt.»
«Hattest du schon einmal Angst?» Nicht wirklich, antwortet er. «In meinem ersten Einsatz in der NHL wurde ich nach 17 Sekunden von David Backes platt gewalzt. Und Luca Sbisa hat mich auch einmal ziemlich gut erwischt. Aber in der Regel können die Verteidiger nicht genug Tempo aufnehmen, um dir so richtig wehzutun. Dafür sind sie sofort bei dir. In Europa müssen sie zwei, drei Schritte machen bis zu dir, wenn du in der Ecke bist, hier nur einen. Man lernt, die Checks anzunehmen oder sie zu vermeiden. Der grösste Unterschied ist, dass du nie Zeit hast mit dem Puck.» Und hat er sich schon einmal geprügelt? «Letzte Saison forderte mich ein Spieler, der nicht als Fighter bekannt ist, dazu auf. Ich sagte zu ihm: ‹Was soll denn das bringen?› Das entschärfte die Situation. Manchmal versuchen dich die grossen Jungs einzuschüchtern, dich so vom Spiel abzubringen. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich belle einfach zurück oder sage etwas Lustiges.»
Courage ist das Schlüsselwort
Das Spiel ist vorbei, die Devils haben 4:0 gewonnen und damit im achten Versuch zum ersten Mal. Macht sich Brunner Sorgen, seinen Platz im Team verloren zu haben? «Nein, überhaupt nicht», sagt er. «Ich bin glücklich fürs Team.» Als wir uns voneinander verabschiedet und alles Gute gewünscht haben, bin ich verblüfft von seiner Überzeugung, es zu schaffen. Ich laufe zurück zum Zug, inmitten der Massen in blauen Rangers- und rot-weissen Devils-Jerseys.
Mir schiesst meine Zeit bei den Winnipeg Jets durch den Kopf, in den Siebzigerjahren, als wir mehrere Schweden im Team hatten, die immer wieder als Feiglinge bezeichnet wurden. Damien Brunner erinnert mich an jene Jungs. Sie hatten viel mehr Courage, als alle gedacht hatten.
«Keine Spur von Brunner, und das Spiel ist fürchterlich – es sieht aus wie Servette gegen Servette. Mir schiesst meine Zeit bei Winnipeg durch den Kopf, als unsere Schweden als Feiglinge bezeichnet wurden.»
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