Vieles ist neu beim FCZ – auch die Erwartungen
Der Stadtclub hat einen radikalen Umbruch hinter sich: im Spielerkader, das noch mit Davide Chiumiento ergänzt wird, bei den Trainern, den Sponsoren und in der medizinischen Abteilung. Vom Meistertitel spricht bei den Zürchern keiner.
Von Peter Bühler
Rolf Fringer ist ein freundlicher Mensch. Er hat gute Umgangsformen, er ist offen und geht auf die Leute zu, er ist eloquent und bleibt immer klar in der Ansage. Von sich selber sagt der neue FCZ-Trainer: «Ich behandle die Spieler mit Anstand und Respekt, ich will ehrlich sein und ihnen meine Wertschätzung und auch Wärme vermitteln – aber ich kann durchaus hart und konsequent sein.»
Hart und konsequent, das war er bereits in den letzten Wochen, bevor ihn die Spieler überhaupt richtig kennen gelernt hatten. Als zukünftiger Trainer bestimmte er mit Sportchef Fredy Bickel und Präsident Ancillo Canepa die Zusammensetzung des Kaders für die kommende Saison. Mehrere Spieler wurden aussortiert, darunter mit Silvan Aegerter der Captain und mit Heinz Barmettler ein Nationalspieler.
Nur Häuptlinge, keine Indianer
Für Fringer tragen die Ausgemusterten nicht die alleinige Schuld an der schwachen letzten Saison. Es sei die Mannschaft gewesen, die im Kollektiv versagt habe. Für den Trainer war der FCZ keine Einheit, zu viele stellten nach seinem Dafürhalten ihre individuellen Interessen über das Wohl der Gemeinschaft. Fringer stellt es bildlich dar: «Es haben nicht alle am gleichen Strick gezogen.» Oder: «Es gab beim FCZ fast nur noch Häuptlinge, aber keine Indianer mehr.»
Das Fazit hatte er rasch gezogen, und die Konsequenz war für ihn klar: Die Blutauffrischung im Kader, die Bickel und Canepa in der Winterpause eingeleitet hatten, wurde weiter vorangetrieben. Nun steht das Ergebnis fest: Der Umbau ist radikal. Von den 26 Spielern, die in die Saison 2011/12 starteten, ist die Hälfte nicht mehr beim FCZ. Und eine weitere bemerkenswerte Zahl: Seit dem August hat der FCZ nicht weniger als 14 Akteure abgegeben, darunter mehrere Nationalspieler. Die Abgänge heissen: Stahel, Mehmedi, Rodriguez, Djuric, Alphonse, Margairaz, Leoni, Barmettler, Aegerter, Ramazotti, Gajic, Sutter, Nikci und Zouaghi. Neu dabei sind seit dem Winter Benito, Glarner, Kajevic und Pedro Henrique, in dieser Sommerpause kamen bis anhin Da Costa, Gonçalves, Kukeli, Gavranovic und Frimpong dazu.
24 Spieler – aber schon fehlen viele
Im Moment besteht das Kader aus 24 Spielern. Gesucht wurde lange nach einem Ersatz für den nach Hannover gezogenen Adrian Nikci auf der linken Flanke. Erster Kandidat war Gonzalo Zarate von Salzburg, nun fiel die Wahl auf Davide Chiumiento von den Vancouver Whitecaps. Der FCZ und der kanadische Verein haben sich über die Ablösesumme geeinigt, die Verhandlungen mit dem 27-jährigen Offensivspieler werden ab Montag geführt. Es ist davon auszugehen, dass ein Vertrag über zwei oder drei Jahre abgeschlossen wird. Der Appenzeller Chiumiento, der bereits mit 17 von St. Gallen zu Juventus Turin wechselte, sich dort aber nicht etablieren konnte, spielte vor seinem Abenteuer in der nordamerikanischen Major League Soccer unter Fringer in Luzern. Und ein einziges Mal auch für das Schweizer Nationalteam.
Mit Chiumientos Unterschrift werden die Transferaktivitäten des FCZ beendet sein. Fringer ist mit der Zusammensetzung und der Qualität des Kaders zufrieden. Er bemerkt: «Wenn wir alle Spieler zur Verfügung haben, dann ist der FCZ für jeden Gegner schwer zu besiegen.» Nur: Es wird noch einige Zeit dauern, bis Kajevic und vor allem Chikhaoui, der wieder einmal ein Aufbautraining absolviert, zurückkehren werden. Und Buff sowie Drmic bestreiten mit der Schweiz bei den Olympischen Spielen ihre dritte Gruppenpartie gegen Mexiko am 1. August. Zu diesem Zeitpunkt werden in der Schweizer Meisterschaft die ersten drei Runden bereits gespielt sein.
Neuer Geist und neue Namen
Der erfahrene Fringer, seit 25 Jahren im Trainerberuf, schaut der Saison mit Freude und der ihm eigenen Gelassenheit entgegen. Entscheidend ist für ihn, dass er im rundum erneuerten Club «einen neuen Geist und eine Aufbruchstimmung» feststellt. Er verspricht «frechen, offensiven Fussball». Gleichwohl erbittet er sich für die Mannschaft und die Trainer ein wenig Zeit und Geduld, weil ein derartiger Umbruch nicht von einem Monat auf den anderen zu bewältigen sei und es auch zu Rückschlägen kommen könne. Neu ist nämlich nicht nur die halbe Mannschaft, neu ist auch der halbe Trainerstab. Fringer ersetzt Fischer respektive das Duo Meier/Gämperle in der Chefrolle, Stefan Knutti löst Martin Brunner als Goalietrainer ab. Neu organisiert ist die medizinische Abteilung. Für die Betreuung der verletzten Spieler ist die Organisation Medbase zuständig. Und neu ist auch der Hauptsponsor, die Telecomfirma Talk Easy rückt an die Stelle des Reiseunternehmens TUI.
Nichts Neues ist die angespannte finanzielle Situation. Zwar konnte Canepa im Mai für das Geschäftsjahr 2011 eine ausgeglichene Rechnung präsentieren. Doch in der kommenden Saison spielt der Club nicht international, weshalb das Budget von 25 Millionen auf knapp 22 Millionen Franken reduziert wird. Schleppend verläuft der Verkauf der Saisonabonnemente für die Heimspiele im Letzigrund. Erst 5000 sind verkauft, in der letzten Spielzeit waren es 8000 gewesen. «Unsere schwachen Darbietungen in den letzten zwölf Monaten wirken sich negativ aus», erklärt der Präsident.
Vom Meistertitel, den er vor einem Jahr unmissverständlich als Ziel vorgab, spricht er nun keinen Moment – wie alle anderen im Club auch. Die Ambition ist die Qualifikation für den Europacup. Fringer drückt es salopp aus: «Wir kommen vom sechsten Platz und haben gewaltige Veränderungen hinter uns. Es wäre dumm, vom Titel zu schwafeln.» Und von ihm zu träumen? Fringer lacht: «Das darf man immer.»
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