Der ZSC und die menschliche Natur
Die Zürcher können gegen Davos nicht mehr gewinnen – diesmal verloren sie nach einem 3:0 noch 3:4.
Von Simon Graf, Zürich
Die Palette an ZSC-Niederlagen gegen den HC Davos ist reichhaltig und reicht von demütigend, frustrierend über unglücklich und sogar ermutigend bis hin zu verblüffend. Einen solch kuriosen Weg in den Misserfolg wie gestern Nachmittag hatten die Zürcher gegen den Rekordmeister aber schon lange nicht mehr gefunden. Sie führten bis kurz vor der zweiten Pause 3:0, rissen die über 9000 Zuschauer mit beherztem Tempoeishockey mit – und schafften es noch, 3:4 zu unterliegen. Es schien, als hätten sie im Verlaufe der Partie Angst vor ihrem eigenen Mut bekommen. Grossmann verkürzte 34 Sekunden vor der zweiten Pause auf 1:3, Joggi krönte die Davoser Aufholjagd mit dem Siegtor nach 23 Sekunden in der Overtime – sein Schuss war abgelenkt worden.
Hätten die Zürcher den Zusatzpunkt geholt, sie hätten sich definitiv fürs Playoff qualifiziert. Doch die Gefahr, dass sie dieses noch verspielen, ist nur mehr theoretischer Natur. Das neuntplatzierte Biel müsste nicht nur sechs Punkte aufholen, sondern auch 16 Tore. Die Tordifferenz wäre bei Punktgleichstand deshalb entscheidend, weil der ZSC und Biel in den Direktbegegnungen je sechs Punkte geholt haben.
Hartleys plausible Erklärung
Mit solchen Rechnereien muss sich Bob Hartley nicht aufhalten. Aber es muss ihm zu denken geben, dass sein Team gegen die Bündner alle sechs Saisonduelle verloren hat – und davor schon zwei weitere Male. Der letzte ZSC-Sieg gegen die Bergler ereignete sich am 7. Dezember 2010, als Ari Sulander bei einem 1:0 einen Shutout feierte.
Immerhin fiel Hartley eine plausible Erklärung ein, wie es passieren konnte, dass sein Team diesmal alle Vorteile verspielte: «Es liegt in der menschlichen Natur, dass man sich an das klammert, was man hat», erklärte er. «Wir klammerten uns zu sehr an unseren Vorsprung, wurden so zu passiv und schauten nur noch zu. Und die Davoser sind definitiv der falsche Gegner, um zuzuschauen. Sie haben mit Sejna, Sykora, Taticek und all den anderen so viele Stürmer, die Tore schiessen können.»
Antipode Arno Del Curto freute sich schelmisch über die erstaunliche Wende. Sein Time-out zur Spielmitte verpuffte für einmal wirkungslos – 38 Sekunden später erhöhte Monnet mit einem platzierten Schuss auf 3:0. Doch der Engadiner fand danach in der zweiten Drittelspause die richtigen Worte.
Er habe seinen Spielern gesagt, sie müssten diese Partie als Test fürs Playoff nehmen, wenn es auch gelte, Widrigkeiten zu trotzen und Rückstände aufzuholen, verriet Del Curto. Und dies diente als Inspiration. Verblüffend war, wie gut Verteidiger Back seine Gastrolle als Center interpretierte. Und wie schnell sich Verstärkung Jinman – er schoss im zweiten Spiel bereits sein zweites Tor – wieder eingefügt hat.
Die Elitejunioren machten es vor
Sorgen macht dem HCD-Coach aber die Verletzungssituation. Bürgler, der am Samstag wegen einer Attacke Noreaus ausfiel, wird die ersten Playoff-Wochen verpassen. Im Sturm sind die Bündner derzeit arg dezimiert. Bei den ZSC Lions hingegen wurden Bärtschi und Kenins nur als Vorsichtsmassnahme geschont.
Dass es möglich ist, den HCD zu schlagen, machten gestern die Lions-Elitejunioren vor: Sie gewannen, einen Steinwurf entfernt in der Kunsteisbahn Oerlikon, auch das dritte Viertelfinalspiel (5:4) und eliminierten die Bündner.
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Playoff-Aussichten
Wen bevorzugen die ZSC Lions? Zug oder Davos?
(sg.)
Auf einem Transparent, das ZSC-Anhänger im Hallenstadion aufgehängt haben, steht: «50 Spiil sind 6 z’vill». Auf die Derbyrunden könne man getrost verzichten, finden sie. Doch die zusätzlichen Spiele zahlen sich für die Klubs aus, und in der letzten Saisonwoche herrscht durchaus noch Spannung. Biel und Servette kämpfen um den letzten PlayoffPlatz, noch keine Position ist bezogen. Nur dass die Flyers und der SCB im Viertelfinal aufeinandertreffen, ist absehbar.
Auch wenn Trainer und Spieler betonen, man müsse im Playoff ohnehin jeden schlagen, so dürften diese in den letzten Runden nach unten oder oben schielen. Denn es gibt Teams, die einem besser liegen als andere. So macht Zugs Doug Shedden kein Geheimnis daraus, dass er nicht so gerne auf die ZSC Lions treffen würde, die den EVZ zuletzt dreimal schlugen. Und den Zürchern dürften die Zuger oder Freiburger einiges lieber sein als der HCD.
Denkbar ist, dass sich die ZSC Lions im finalen Heimspiel gegen Servette ihren Gegner «aussuchen» können. Vielleicht würden sie da mit einer Niederlage noch auf Rang 8 zurückfallen – und dann auf Zug treffen, das nun im Kampf um Rang 1 alle Vorteile auf seiner Seite hat. Und was ist mit den Davosern? Möchten diese nicht vielleicht das Langstreckenduell gegen Genf vermeiden? «Ich fahre gerne Bus», widersprach Arno Del Curto. «Fabuliert ihr Journalisten, was ihr wollt. Doch wenn man selbst beteiligt ist, denkt man anders.» Und er fügte in Bezug auf die ZSC Lions an: «Wenn ich gegen einen Gegner achtmal in Serie verloren hätte, wäre ich gegen ihn im Playoff unheimlich motiviert.»