Ein Torhüter wie eine Lokomotive
Von Silvan Schweizer
Tim Thomas verteilt Checks und Seitenhiebe – und ist der Hauptgrund, weshalb Boston im Stanley-Cup-Final gegen Vancouver zum 2:2 ausgeglichen hat.
Als sich das vierte Finalspiel dem Ende zuneigte und das Verdikt mit einem 4:0 für Boston bereits gesprochen war, versuchte Vancouver ein letztes Mal, seinen nervigsten Gegenspieler des Abends aus dem Konzept zu bringen: Stürmer Alex Burrows schwang seinen Stock in Richtung von Boston-Goalie Tim Thomas. Und dieser reagierte ungehalten, stürzte sich auf den Angreifer und rang ihn zu Boden.
Ob die Aktion den Torhüter für den weiteren Verlauf des Stanley-Cup-Finals aber aus der Ruhe brachte, darf bezweifelt werden. Bereits an der Pressekonferenz nach der Partie gab sich Thomas wieder gewohnt kühl: «Das war das dritte Mal, dass er mir auf den Hintern tätschelte. Ich dachte, ich gebe ein wenig Liebe zurück, um ihn wissen zu lassen: ‹Ich weiss, was du tust. Und ich werde es nicht ewig zulassen.›»
Thomas ist der Hauptgrund dafür, dass Boston im Final ausgeglichen hat, und das fünfte Team in der NHL-Geschichte werden könnte, das nach einem 0:2 noch Champion wird. Der Amerikaner stoppte zuletzt in zwei Heimspielen 78 von 79 Schüssen, und diese Sicherheit beflügelte seine Vorderleute, die 12 Tore produzierten. Die Bruins sind spielerisch vielleicht weniger talentiert als ihr Finalgegner, dafür verstehen sie es, ihre Härte und Gradlinigkeit auszuspielen.
Erst mit 31 in der NHL etabliert
Hinzu kommt eine Prise cleverer Provokation. Goalie Thomas selbst bodigte in Spiel 3 einmal Henrik Sedin, Vancouvers wichtigen Spielmacher, mit einem krachenden Check. Der Schwede hat im Final erst zwei Schüsse abgegeben, er und sein Zwillingsbruder Daniel stehen zusammen bei gerade einmal zwei Skorerpunkten. Das Powerplay der Kanadier will nicht funktionieren, auch weil Boston die Abpraller vor Thomas konsequent wegräumt.
Mit 37 spielt Thomas, der Rotschopf mit dem mächtigen Bart, sein bestes Playoff. Erst 2005 hat er sich in der NHL durchgesetzt, zuvor war er durch die Niederrungen der nordamerikanischen Ligen getingelt, hatte auch zwei Saisons in Finnland bestritten. «Er hat einen steinigen Weg hinter sich. Das hat ihn so stark gemacht», schwärmt Bruins-Coach Claude Julien. «Nie lässt er eine Scheibe verloren gehen.»
Thomas verlässt oft seinen Torraum, spielt risikoreich und aggressiv. Fans und Medien nennen ihn «Thomas the Tank», benannt nach einer populären Zeichentrickserie über eine Dampflokomotive. Sein unkonventioneller Stil hat ihm nach den verlorenen ersten beiden Finalspielen auch Kritik eingebracht. Nun aber hat der Wind gedreht. Und sein Gegenüber Roberto Luongo, Olympiasieger und Torhüter der klassischen kanadischen Schule, wirkt unsicher und ratlos. Sein einziger Vorteil derzeit scheint, dass die Serie heute vor dem ekstatischen Publikum der Canucks weitergeht.
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