Vor dem Spiel (gegen die USA)
Eishockey-Nationaltrainer Ralph Krueger steht vor seinem letzten Turnier mit unserer Nationalmannschaft. Das olympische Turnier Vancouver ist die schwierigste Aufgabe, die er je zu lösen hatte. Denn die Schweizer Eishockeyaner haben auf internationalem Parkett ihre Unschuld verloren.
Wenn Krueger sagt, das aktuelle Team sei das beste, das er je gehabt habe, so hat er Recht. Jonas Hiller ist einer der besten Goalies der Welt. Mark Streit gehört zu den besten Verteidiger der NHL. Severin Blindenbacher ist ein Abwehrspieler, der sich in Schweden bewährt und mit Yannick Weber und Luca Sbisa haben wir zwei weitere Verteidiger, die sich in Nordamerika behaupten.
Keine Personal-Polemik mehr
Die Defensive ist in Spielen gegen die Besten der Welt entscheidend. Das Spielkonzept, jahrelang eingeübt, funktioniert und unsere Nationalmannschaft gilt als eine der bestorganisierten der Welt. Polemik gibt es auch keine mehr. Anders als in früheren Jahren sind keine Spieler zu Hause geblieben, die möglicherweise die Mannschaft hätten besser machen können.
Die verletzungsbedingten Absenzen (Roman Josi, Goran Bezina und Peter Guggisberg) schwächen die Mannschaft nicht entscheidend. Weil Krueger bereits seinen Rücktritt angekündigt hat, entfallen alle politischen Spannungen und Diskussionen. Er braucht keine Rücksicht mehr zu nehmen. So geht geht er heute um 12.00 Uhr mit dem (fast) bestmöglichen Team gegen die USA an den Start.
Die verlorene Unschuld
Wenn die Voraussetzungen so günstig sind, warum ist es die schwierigste Aufgabe für Krueger? Weil wir auf internationalem Niveau unsere Unschuld verloren haben. Noch vor vier Jahren in Turin half uns der Bonus des Aussenseiters. Die Grossen haben ihre Spiele gegen uns dort nicht seriös vorbereitet. Die Coaches der Kanadier hatten sich mit unserer Spielweise nie richtig auseinandergesetzt.
Das ist heute anders. In Vancouver treten wir nicht nur gegen die Besten der Welt an (was bei WM-Turnieren nicht der Fall ist) - wir haben es auch mit Gegnern zu tun, die uns sehr ernst nehmen und die sich minutiös auf die Spiele gegen uns vorbereitet haben. Wir werden erst jetzt die Rechnung für unsere Sensationssiege von 2006 gegen den damaligen Olympiasieger Kanada (2:0) und Weltmeister Tschechien (4:3) zu bezahlen haben.
Das beste Turnier aller Zeiten
Das Olympische Turnier in Vancouver wird zu Recht als das beste aller Zeiten bezeichnet. Auch 1998, 2002 und 2006 hatte die NHL bereits ihren Spielbetrieb unterbrochen, um den Spielern die Olympiateilnahme zu ermöglichen. Aber nie zuvor war die Bedeutung eines Turniers so gross: Olympische Spiele in Kanada, im Mutterland des Eishockeys.
Hinzu kommt, dass jetzt eine neue Generation von kanadischen und russischen Superstars im Zenit ihres Könnens steht. Das war zuletzt beim Kanda Cup 1987 so, als Mario Lemieux, Wayne Gretzky und die sowjetischen Superstars (Makarow, Larionow, Krutow, Fetisow, Kasatanow, Bykow, Chomutow) für das bis dahin beste Turnier aller Zeiten gesorgt hatten.
Eine Steigerung von Vancouver 2010 ist (fast) nicht mehr möglich. Wir stehen vor den 13 aufregendsten Tagen der Hockeygeschichte. Der absurde Modus bringt es mit sich, dass ein Sieg für die Viertelfinals genügt. Aber vielleicht reichen zwei Siege nicht. Dieses «Alles oder Nichts» in einer Partie hilft dem Aussenseiter.
Erwischen oder erwischt werden?
Aber wir sind eben kein Aussenseiter mehr wie 1988, als wir im Startspiel den späteren Silbermedaillen-Gewinner Finnland 2:1 besiegten. Wie 2006, als wir erstmals in der Geschichte an einem WM- oder Olympia-Turnier Kanada besiegten. Wir sind es nicht mehr gegen die Grossen. Im Gegenzug sind wir aber so gut, dass Norwegen, Deutschland, Weissrussland oder Lettland gegen uns den Bonus eines Aussenseiters geniessen - und uns so erwischen können, wie wir in den letzten Jahren hin und wieder einen Grossen erwischt haben.
Ralph Krueger hat bei der Nomination und bei der Vorbereitung des Teams keine Fehler gemacht. Weil wir unsere Unschuld verloren haben, ist es trotzdem möglich, dass wir die Viertelfinals nicht schaffen.