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Paraden für einen guten Zweck: Beim ZSC-Goalie Simon Hrubec sind abgewehrte Pucks mehr als nur Siege wert
Der Torhüter Simon Hrubec überzeugt bei den ZSC Lions mit exzellenten Leistungen. Er verkaufte einst in Tschechien seine Playstation, um sich die Goalie-Ausrüstung zu finanzieren – und hätte seine Karriere beinahe früh beenden müssen.
Nicola Berger14.10.2022, 05.30 Uhr

Simon Hrubec ist statistisch der beste Torhüter der Liga – hier zieht er gegen den Bieler Ramon Tanner allerdings den Kürzeren.
Peter Schneider / Keystone
Vimperk ist in den 1990er Jahren ein verschlafenes Dorf in Südböhmen, in dem der Fortschritt nur langsam ankommt. Es ist die Zeit, bevor das Internet ein Massenmedium wird. Und vielleicht ist es dieser Umstand, der Simon Hrubec die Karriere gerettet hat.
Als Knirps kämpft er mit gesundheitlichen Problemen. Ihm werden Antibiotika verschrieben, und weil auch diese seinen Zustand nicht dauerhaft verbessern, sagt ihm die Ärztin: «Du musst aufhören mit dem Eishockey, es ist nicht gut für dich.» Für Hrubec bricht eine Welt zusammen, er hatte es geliebt, als Stürmer dem Puck hinterherzuflitzen; es fliessen reichlich Tränen.
Irgendwann schlägt die Ärztin einen Kompromiss vor: «Du stellst dich ins Tor, das ist körperlich weniger anstrengend, und du musst nicht ständig so schwer atmen.» Ein Trugschluss, aber die Ärztin wusste nichts über diesen Sport. Und das Internet konnte sie auch nicht fragen. Hrubec sagt: «Nach dem ersten Training als Goalie war ich völlig am Ende, ich bekam kaum noch Luft.» Er behielt das wohlweislich für sich.
Es ist nicht selbstverständlich, dass der Positionswechsel überhaupt möglich war. Die Ausrüstung für einen Torhüter ist teuer. Und Hrubecs Familie nicht vermögend. Also entschliesst sich der Jüngling, seine wichtigste Kostbarkeit zu veräussern: seine Playstation 1. Der Vater hatte sie ihm einst unter ungeklärten Umständen nach Hause gebracht – er arbeitete als Grenzbeamter.
Die Spielkonsole war eine grosse Sache, man war damit das coole Kind in der Nachbarschaft, im Dorf. Aber Hrubec tauschte sie ohne Zögern gegen eine Occasionsausrüstung ein.
Hrubecs Fangquote beträgt über 95 Prozent
Es war der Anfang einer bemerkenswerten Karriere, die Hrubec von Tschechien via Russland und China im Sommer nach Zürich gebracht hat. Hrubec, 31, ist ein wichtiger Grund dafür, dass die ZSC Lions die bisher stabilste Abwehr der Liga stellen, mit nur elf Gegentreffern in sieben Spielen.
Hrubec ist der statistisch beste Torhüter der Liga, seine Fangquote liegt bei über 95 Prozent, und er hat erreicht, dass im Klub ein neuer Wind weht. Der Torhütertrainer Stephan Siegfried sagt es so: «Unsere Nummer 1 war während vieler Jahre Lukas Flüeler. Wir sind mit ihm vier Mal Meister geworden. Aber über die Jahre hat sein Körper nicht mehr alles mitgemacht, wir mussten die Belastung in den Trainings dosieren. Hrubec ist da anders. Er hat hohe Ansprüche. An sich. Und auch an alle im Klub. Er will jeden Tag besser werden und geht davon aus, dass du als Trainer ihn entsprechend unterstützt. Die Dynamik hat sich verändert, es macht Spass, mit ihm zu arbeiten.»
Diese Arbeitseinstellung liegt nicht zuletzt in Hrubecs Lebensgeschichte begründet. Ihm ist wenig geschenkt worden, von der Ausrüstung bis zu einem Platz an der Sonne, wie er ihn heute hat. In jungen Jahren tingelte er durch die tschechischen Amateurligen, der Profivertrag schien weit weg. Er sagt: «Ich war zwischen 15 und 19 einfach nicht gut genug. Aber ich habe hart daran gearbeitet, dass sich das ändert.»
Interview mit Simon Hrubec an den Olympischen Spielen in Peking.
Einer seiner ersten Trainer war sein Vater Stanislav. Der nichts über Eishockey wusste und sich VHS-Kassetten aus den USA bestellte, um die Bewegungsabläufe der NHL-Goalies zu studieren. Der Autodidakt hat es weit gebracht: Er ist längst nicht mehr Zöllner. Sondern professioneller Goalie-Coach beim tschechischen Erstligisten Ceske Budejovice.
Der erste Profiklub seines Sohnes war der HC Trinec. 2018 wurde Simon Hrubec zum wertvollsten Spieler der Champions Hockey League erkoren, 2019 zum wertvollsten Spieler der Play-offs der tschechischen Extraliga. Nun fand er, es sei an der Zeit, ein neues Abenteuer zu wagen. Hrubec fragte seinen Agenten, ob ein Wechsel in die Schweiz möglich sei. Doch der winkte ab: Kein Team würde einen Tschechen ohne NHL-Erfahrung zur Nummer 1 machen, dafür seien die Ausländerlizenzen zu kostbar.
Hrubec wechselte nach China, zum KHL-Klub Kunlun Red Star. Er sagt: «Mir war eigentlich schon Prag als Stadt zu gross. Dann wurde es Peking . . . Aber es war eine faszinierende Zeit, ich habe viel gelernt. Sie essen dort teilweise wirklich seltsame Dinge. Einmal fand ich eine Fast-Food-Kette wie McDonald’s, einfach mit Froschfleisch. Oder Salat mit Entenköpfen. Ich habe stets dankend abgelehnt und nur Fotos gemacht.»
Simon Hrubec erklärt die Besonderheiten seines Helms.
Nach etwas mehr als einem Jahr wird er im November 2020 zu Awangard Omsk nach Sibirien transferiert, zum Klub des ehemaligen ZSC-Meistertrainers Bob Hartley. In seiner ersten Saison wird Hrubec dort KHL-Champion und steigt zur Nummer 1 im tschechischen WM-Team auf. Er ist definitiv angekommen in der Elite.
Jede Parade kommt einem guten Zweck zugute
Ohne den russischen Angriff auf die Ukraine würde Hrubec noch heute für Omsk spielen, doch nach den Entwicklungen des Frühjahrs löste er seinen Vertrag auf. Als die Offerte aus Zürich kam, rief er Jakub Kovar an, seinen unmittelbaren Vorgänger im ZSC, der aus familiären Gründen zurück in die Heimat wechselte. Kovar riet ihm, das Telefonat möglichst sofort zu beenden, um den Vertrag schneller unterschreiben zu können.
Hrubec pflegt zu fast allen Goalies in Tschechien exzellente Verbindungen – und das aus einem speziellen Grund. Er hat vor einigen Jahren die gemeinnützige Organisation «Saves help» gegründet, bei der jeder Goalie für jeden gehaltenen Schuss 10 tschechische Kronen (knapp 40 Rappen) für einen guten Zweck spendet. In Tschechien beteiligen sich inzwischen gegen 60 Torhüter an der Aktion, seit kurzem sogar deren 50 im Fussball; der frühere Weltklasse-Goalie Petr Cech (der sich nach dem Karriereende bei den Guildford Phoenix in England als Eishockey-Keeper betätigte) ist ebenfalls involviert.
Schnell hat Hrubec auch in der Schweiz den ersten Unterstützer angeworben: seinen Konkurrenten Ludovic Waeber. Hrubec sagt: «Er war sofort begeistert von der Idee. Sein Geld wird für Projekte in der Schweiz investiert werden.»
Zur Orientierung: 2021/22 stoppte der Gottéron-Goalie Reto Berra mit 1371 Paraden am meisten Pucks in der National League. Das hätte immerhin fast 550 Franken ergeben, bei total über 100 Torhütern kommt so eine schöne Summe zusammen. Ein Grund mehr für Hrubec und den ZSC, zu hoffen, dass die Saison 2022/23 in allen Wettbewerben möglichst lange andauert. Er sagt: «Wir wollen im neuen Stadion Meister werden. Diesem Ziel müssen wir alle alles unterordnen.» Klarer könnte die Ansage nicht sein.