Overtime-Niederlage in Ambri
Der ZSC wirft den Sieg weg
Drei Minuten vor Schluss führen stark aufspielende Lions 3:1, am Ende gibt es ein 3:4 nach Verlängerung. Weil die Zürcher ein unglaubliches Ausgleichstor kassieren.

Eine Niederlage, die schwer zu verdauen ist: Die ZSC-Spieler nach der Partie in Ambri.
Foto: Marusca Rezzonico (Freshfocus)
Wer die Szene sieben Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit isoliert betrachtet, kommt zum Schluss: Diesem ZSC ist nicht zu helfen, da ist kein Gewinnerteam am Werk, sondern eine Spasstruppe. Sieben Sekunden vor Schluss könnte Rudlofs Balcers den Puck der Bande entlang tief chippen und unspektakulär den 3:2-Sieg sichern.
Doch gemeinsam mit Denis Malgin entscheidet sich der Lette für die Suche nach dem Empty Netter – und bleibt mit seinem riskanten Backhandpass Richtung Spielfeldmitte und dem solo nach vorne stürzenden Teamkollegen an Ambris Verteidiger Tim Heed hängen.
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Drei Sekunden später liegt der Puck zum 3:3 im ZSC-Tor, am Ende gewinnen die Tessiner in der Overtime 4:3. Wer sieben Sekunden mit dem Sieg vor den Augen so handelt, demonstriert ein perfektes Beispiel dafür, wie nahe Genie und Wahnsinn liegen können.
Der ZSC leidet, blockt Schüsse, dominiert, macht vieles richtig
Doch ganz so simpel ist dieses Spiel damit nicht erklärt. Denn diese Szene steht dermassen im Kontrast zum Rest des Spiels – und gerade das dürfte die Lions und insbesondere Trainer Marc Crawford so richtig, richtig ärgern. Bis drei Minuten vor Schluss führen die Lions gar 3:1, erst ein Powerplay-Tor Michael Spaceks (er trifft auch zum 3:3) bringt Ambri überhaupt ins mittlerweile klar vom ZSC kontrollierte Spiel zurück. Die Zürcher machen in diesem Spiel bis sieben Sekunden vor Schluss so vieles, ja fast alles richtig.
Kritisieren kann man vielleicht, dass sie Mitte des Schlussdrittels das 4:1 verpassen, obwohl sie nach Nando Eggenberges Ausschluss fünf Minuten lang Powerplay spielen können. Aber auch das kommt bei den allerbesten Teams vor und ist alleine noch kein Beinbruch.
Die Zürcher duchleben im Tessin völlig unterschiedliche Gemütslagen und Spielphasen, fast alle meistern sie vorzüglich. Sie sind zwar bereits im Startdrittel jenes Team, das deutlich mehr Pucks aufs Tor bringt (16:8). Doch diese Zahlen täuschen vorerst darüber hinweg, dass der ZSC da noch viel leiden muss. Kämpferqualitäten sind gefragt, wenn Ambri dominant auftritt, Schuss um Schuss Richtung Goalie Simon Hrubec abgibt. Doch der ZSC blockt neun Pucks alleine im Startdrittel und zeigt Gewinnermentalität. Das 1:1 nach 20 Minuten ist kein falsches Resultat, dennoch steht Ambri der Führung näher.

Lange läuft alles gut beim ZSC: Chris Baltisberger feiert einen Zürcher Treffer.
Foto: Marusca Rezzonico (Freshfocus)
Ein komplett anderes Bild zeigt sich im Mitteldrittel, das statistisch mit 19:3 Torschüssen noch klarer vom ZSC dominiert wird. Jetzt täuschten die Zahlen nicht mehr, die Lions bestimmen das Spiel nun fast durchgehend. Und dennoch benötigen es ein Zaubertor, um mit einem 2:1 ins Schlussdrittel gehen zu können. Malgin erobert den Puck im eigenen Drittel und beendet seinen Slalomlauf mit dem erfolgreichen Abschluss.
Da regiert noch das Genie, nicht der Wahnsinn. So gut organisiert der ZSC in allen Zonen auftritt, hin und wieder braucht er auch unerwartete Impulse seiner zahlreich vorhandenen starken Individualisten.
Doch der Grat ist schmal, und vielleicht werden die Zürcher einst auf diesen Samstag im Oktober und diese unfassbare Szene sieben Sekunden vor Schluss zurückblicken, und Crawford wird dann in einer Lehrstunde vielleicht so oder ähnlich darüber philosophieren: Seht ihr, an diesem Abend lernten wir, dass wir Spiele auch wirklich gewinnen wollen müssen.