Irgendwo stürzt sich Torwarttrainer Stephan Lehmann – ehemaliger Nati-Goalie, 58 Jahre alt, der FC Winterthur hat ihn aus der Arbeitslosigkeit geholt – ins Gewühl und kickt mit.
Ob das nicht unfair und auch ziemlich elitär sei, den FC Winterthur so für sich behalten zu wollen, frage ich. «Es ist unfair von den anderen, die jetzt auch hierherkommen und uns die Stimmung kaputt machen», sagt ein anderer und lacht. Zugegeben, fügt er an, seine Haltung sei etwas paradox. Aber er frage sich halt, ob das ständige Streben nach Erfolg und Wachstum tatsächlich sinnvoll sei.
Dann holt Mösli aus: Wer die Werte des Vereins – Toleranz, Vielfalt, Rücksicht auf sozial Schwächere – akzeptiere, sei willkommen. Egal, welcher Art und welchen Alters man sei. Mösli deutet mit dem Zeigefinger von Sektor zu Sektor: Die Schützenwiese sei wie der Kreislauf des Lebens. «Als Kind bist du in der Sirupkurve, dann kommst du in die Bierkurve, dann bist du auf der grossen Tribüne, dann kannst du nicht mehr richtig stehen und wechselst hinüber zu den Sitzplätzen, und dann ...» – Möslis Zeigefinger deutet auf die Treppe, die zum Stadion hinausführt – «... dann machst du den Abgang.»
Wäre das etwas näher, würde ich wohl Winti-Fan werden. Nicht, weil ich alternder Trotzkist oder so bin, aber genau so sehe ich die Fussballwelt leider auch...
tja, reto, willkommen im club der fussballromantiker! etwas, was leider immer mehr verloren geht und dem ich auch wirklich nachtrauere. darum ist der fc winti auch (mir) so sympathisch. wirklich geil, was sie die letzten 20 jahre aufgebaut haben.
aus ähnlichen gründen ist in deutschland vielen der fc st. pauli so sympathisch (und weit darüber hinaus, die haben ua. auch eine fanfreundschaft mit celtic glasgow). obwohl sie mittlerweile auch +/- 50 millionen euro pro jahr umsetzen, konnten sie ihren (kult-)status trotzdem recht gut bewahren. mit corny littmann war gar ein bekennender schwuler (und theaterdirektor) präsident des fc st. pauli. ist zwar auch schon etwa 15 jahre her. aber he, welcher profifussballclub kann sich das leisten ohne dem spott der gegner oder internem widerstand ausgesetzt zu sein?
wie ich schon oft sagte: der fussball, mitsamt seinen finanziellen- und randale auswüchsen, ist nur ein spiegelbild der gesellschaft. und unsere gesellschaft, mit dieser hauptsächlich nur noch neoliberalen haltung, dem streben nach unendlichem wachstum und erfolg, ist wirklich genau so krank wie der internationale fussball oder umgekehrt...
grundsätzlich könnte ich ja damit leben, aber nicht wenn es nur noch auf kosten der schwächeren geht. aber mittlerweile sind ja die auswüchse derart obszön, dass es eben nicht nur die schwachen trifft, sondern auch der gut situierte und ebenso gut ausgebildete mittelstand langsam aber sicher um seine status bangen muss. schön darum, gibt es noch einige wenige oasen, wie eben den fc winti, welche wenigstens versuchen einen gegenpol zum grasierenden wahnsinn zu bilden!
ps. natürlich als hardcorefan, aber eben auch darum, weil der fcz den titel nicht kaufte wie andere vereine, empfinde ich den diesjährigen überraschungstitel des fcz als so wertvoll. schon bei den meistertiteln 2006, 2007 und 2009 war der fcz weit hinter den finanziellen möglichkeiten des fc basel. solche ereignisse sind selten und lassen sich kaum wiederholen, aber umso schöner sind sie deshalb!