Fussball allgemein


  • Wenn Alex Frei den Fussball-Gott anruft

    Mit dem FCW kehrt ein spezieller Club in die Super League zurück – Baumeister für diesen Erfolg gibt es einige, angefangen beim Trainer. Das Problem ist nur, dass er nun nach Basel wechselt.


    Alex Frei tigert herum. Er ist angespannt, wohl bis in die letzte Faser. Mit dem Spiel seines FC Winterthur in Kriens hat das nichts zu tun. Das ist längst entschieden, der FCW führt inzwischen 5:0. Der Barrageplatz ist damit gesichert, «damit haben wir vor diesem Match auch gerechnet», sagt Präsident Mike Keller tief in der Nacht, als er im Fanzug zurück nach Winterthur sitzt, «und alles andere haben wir dem Schicksal überlassen». Alles andere, das ist das Spiel des FC Aarau gegen Vaduz. Wenn er nicht verliert, ist er der Aufsteiger. Aber er liegt 1:2 zurück gegen edelmütig kämpfende Vaduzer, für die Tunahan Cicek zweimal getroffen hat, Cicek, der frühere Winterthurer. Dem FCA spielen die Nerven den ganzen Abend über einen Streich, er verliert schliesslich, und weil Schaffhausen gleichzeitig in Lausanne gewinnt, fällt er vom 1. auf den 3. Platz zurück. Sein Scheitern ist total. Als in Aarau das Spiel fertig ist, kurz nach 22 Uhr, braucht Frei nicht mehr herumzutigern. Der FCW hat Aarau dank der besseren Tordifferenz noch am letzten Abend einer spannungsgeladenen Challenge-League-Saison abgefangen, das Ergebnis heisst: Aufstieg, zurück in der höchsten Liga nach 37 Jahren Absenz. Weil das so ist und er einen so grossen Anteil daran hat, brechen die Gefühle aus Frei heraus. Er beginnt zu weinen und jeden zu umarmen, der ihm über den Weg läuft. Bald einmal ist Keller an der Reihe, und auch Keller hat Tränen in den Augen. Es sind starke Bilder, gerade von Frei, der mit solchen Emotionen sonst sparsam umgeht. Im ersten Interview sagt Frei: «Ich habe den Spielern immer gesagt: Der Fussball ist zu 95 Prozent gerecht und zu 5 Prozent ungerecht. Heute haben wir die 95 Prozent erlebt. Heute haben wir den Fussball-Gott erlebt. Das ist kein Glück. Der FCW ist verdient aufgestiegen.» Der entscheidende Wandel Im Winter erst ist der 42-jährige Frei als Trainer nach Winterthur gekommen, als Nachfolger des eher genügsamen Ralf Loose. Die Lager unter den Fans sind in dem Moment geteilt: Passt das überhaupt, Frei und der FCW, der Ehrgeizige und dieser Club, der seine Wohligkeit schon fast kultiviert hat? Die einen sagen Ja, das tue dem Club gut, die anderen sehen seine Zielstrebigkeit als Hindernis. Dass Frei polarisiert, überrascht nicht weiter. Das hat er als Spieler immer getan. Aber Winterthur und Frei passen zusammen, und Frei, noch immer und für sehr lange Rekordtorschütze der Nationalmannschaft, sorgt für das, was auf der Schützenwiese so lange in letzter Konsequenz gefehlt hat. Das bedingungslose Erfolgsdenken hält Einzug, «von der Wohlfühloase zur Leistungskultur», beschreibt Keller den Wandel.

    Auch mit Frei gibt es kleine Rückschläge, zum Beispiel das 1:3 in Lausanne nach einem eher peinlichen Auftritt, zuletzt die vier Unentschieden in Serie. Alles in allem aber hat der FCW eine neue Stabilität. Er bricht nicht wirklich ein, als es ihm einmal nicht läuft, er schafft vielmehr die Bestätigung, dass er, anders als so oft in früheren Jahren, dem Druck standhalten kann. In der Rückrunde holt nur Schaffhausen mehr Punkte, und am Ende ist er bereit, das auszuschöpfen, was in ihm steckt.

    Frei würdigt alle für ihre Arbeit: zuerst die Spieler («Sie haben den grössten Anteil»), dann Sportchef Oliver Kaiser («Er hat ein Gefühl, wie man eine Mannschaft zusammenstellt»), den Präsidenten («Er interessiert sich, aber nicht penetrant»). Nur zwei vergisst er in der Aufzählung: Andreas Mösli und sich selbst.

    Quote
    Der Vergleich mit St. Pauli ist leicht abgegriffen, falsch ist er dennoch nicht. Der FCW steht dank Andreas Mösli für eine genuss- und stimmungsvolle Heimat.

    Im Fall von Mösli muss es an der Aufregung liegen, denn keiner verkörpert diesen Verein mehr als der frühere Journalist und Rock-Musiker. In zwanzig Jahren hat er es als Geschäftsführer geschafft, dem Club ein Gesicht zu geben, ihn sogar zu einer Marke zu machen. Der Vergleich mit St. Pauli ist leicht abgegriffen, falsch ist er dennoch nicht, weil der FCW für etwas steht, was vielerorts selten geworden ist: für eine genuss- und stimmungsvolle Heimat, in der man sich wohlfühlen kann. Die Zuschauerzahlen und der Aufmarsch vor der Libero-Bar für die dritte Halbzeit belegen das eindrücklich.

    Mösli hat bei seiner Arbeit die Hilfe von Hannes W. Keller gehabt, das ist der Vater von Mike und Tobias, denen der Club heute gehört. HWK pflegte als Präsident genüsslich das Bild des Kauzes. Der Erfolg war ihm nicht das Wichtigste, damit trug ausgerechnet er, der als Unternehmer ein Erfolgsmensch war, zu der auf der Schützenwiese verbreiteten Genügsamkeit bei. Was ihm allerdings keiner absprechen konnte: Dank seines Geldes ist der FCW vom serbelnden zum höchst soliden Challenge-League-Club geworden. Den Triumph vom Samstag hat er nicht mitbekommen, er nimmt nicht mehr viel wahr vom Leben.


    Und jetzt zum FCB

    Der andere, den Frei in seiner Würdigung nicht erwähnt hat, das ist eben er selbst. «Fragen Sie die Spieler», sagt er gerne, wenn es um die eigene Beurteilung seines Anteils am Erfolg geht, das macht er auch im Moment des Triumphes. Er mag nicht über sich reden, dabei ist er einer, der in Winterthur mit seinem Arbeitsethos überzeugt hat. Dass er in diesem Frühjahr einmal sagt, das Prestige sei ihm nicht mehr so wichtig, ist wohl eher ein Satz für die Galerie. Der Ehrgeiz steckt tief in ihm drin.

    Vom FC Basel, seinem wirklichen Herzensverein, liegt ihm seit ein paar Tagen ein Vertrag vor. Frage darum an Frei nach dem Spiel: Wie sieht die Zukunft aus? Antwort: «Die Zukunft ist das Stadthaus.» Da gibt es zwar keinen Balkon, aber eine ausladende Treppe, da stellen sich die Helden nach ihrer Rückkehr aus Kriens auf und lassen sich von einer riesigen Menge bejubeln. So wie Frei kann man ein Thema auch umdribbeln. Keller sagt: «Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass dieser Wechsel für ihn zu früh wäre. Ein besseres Umfeld als bei uns kann er nicht haben.»

    Frei aber hat kein Gehör für den gut gemeinten Ratschlag. Noch während der Siegesfeier macht er gegenüber der Mannschaft deutlich, dass er bereits wieder weiterzieht. «Es ist recht klar geworden, dass er nicht bleibt», sagt Granit Lekaj, als Captain einer der Wortführer der Mannschaft. Er hat Verständnis, dass Frei nun das Angebot aus Basel annimmt. Wenn man diese Chance bekomme, müsse man sie auch annehmen, sagt er.

    Der Abgang des Trainers mag die Freude in Winterthur trüben. Das ändert an einem nichts: an der Wahrnehmung von Keller, was dieser Erfolg für den FCW bedeutet: «Er macht uns stolz und extrem dankbar.»

  • Zu Fuss nach Hause: FCW-Fans lösen Wettschuld ein

    Zwei Fans des FC Winterthur hatten geschworen, im Fall des Aufstiegs von Kriens 73 Kilometer nach Winterthur zu laufen. Sie hielten Wort – zumindest fast.


    Es ist das Fussballwunder des Wochenendes. In der letzten Runde springt der FC Winterthur durch ein 5:0 in Kriens noch auf Platz 1 der Challenge League und steigt in die Super League auf. Die FCW-Fans und Radio-Stadtfilter-Fussballkommentatoren Toni Gassmann und Roland Hofmann hatten im Vorfeld geschworen, im Fall eines Aufstiegs ihrer Mannschaft von Kriens nach Winterthur zu laufen – 73 Kilometer.

    «Wir wünschen ihnen gute Schuhsohlen», hatten ihnen die Kolleginnen und Kollegen von der Radio-Stadtfilter-Redaktion am Samstagabend noch mit auf den Weg gegeben.

    Herr Gassmann, haben Sie bis Winterthur durchgehalten?

    Leider nicht ganz. Wir mussten nach gut 45 Kilometer und 11 Stunden Marsch aufgeben – schweren Herzens. Um zehn Uhr am Sonntag haben wir in Adliswil die Sihltalbahn genommen.

    Was ist passiert?

    Wir waren am Ende unserer Kräfte. Den Albis hinunter musste ich rückwärts gehen, meine Hüfte und das Aussenband am Knie schmerzten zu fest. Es ging nicht mehr. Vor uns wären noch knapp 30 Kilometer gelegen, zuerst durch Zürich hindurch, dann den Rosengarten hinauf Richtung Schwamendingen. Wir wären auf insgesamt 19 Stunden Marschzeit gekommen. Da musst du aufpassen, weil die Konzentration nachlässt und du vor lauter Erschöpfung umkippen und dich verletzen könntest. Da haben wir gesagt: Das wars.


    Wie sind Sie auf die Idee für diesen Monster-Marsch gekommen?

    Nach dem 1:1 des FCW in Wil war uns klar geworden: Jetzt müssen wir etwas unternehmen. Falls der Aufstieg doch noch zustande kommt, zahlen wir dem Universum oder wem auch immer etwas zurück.

    Alles sprach für Aarau. Haben Sie persönlich an den Direktaufstieg des FCW geglaubt?

    Ja. Immerhin hat Aarau in dieser Saison schon einmal gegen Vaduz verloren. Und im Fussball bin ich stets ein bisschen abergläubisch. Ich dachte an meine erste Fussballsaison 1968. Damals wurde der FC Zürich Meister wie jetzt. Und Lugano wurde Cupsieger wie jetzt. Und der FCW stieg damals in die Nationalliga A auf. Ich dachte: Es kann wieder passieren.


    Und dann schafft es der FCW tatsächlich, die Fans sind im Freudentaumel. Sie aber müssen sich auf einen 73-Kilometer-Marsch aufmachen. Haben Sie die Wette nicht bereut?

    Nein. Es war ja eine Art Versprechen. Wir wollten etwas zurückzahlen, auch aus Respekt gegenüber der Mannschaft. Der FCW hat alles gegeben, jetzt waren wir als Fussballkommentatoren mal an der Reihe. Roland Hofmann hat es so gesagt: Zuerst muss man liefern, bevor man Spieler kritisiert, etwa wegen fehlender Laufbereitschaft. Das hat mir der Marsch auch gezeigt: Es braucht etwas mehr Demut vor der Leistung der Spieler, denn wir haben ja nicht bis Winterthur durchgehalten.

    Wo sind Sie durchgewandert?

    Wir nahmen wo immer möglich die Direttissima, teils auf Wanderwegen, teils der Strasse nach. Wir rechneten mit einer Marschzeit von rund 17 Stunden. Zuerst ging es durch Luzern hindurch, dann Richtung Cham, weiter über Rifferswil und schliesslich über den Albis. Die Sicht von dort auf den Zürichsee war eindrücklich. Dann ging es – eben nicht mehr so locker – hinunter nach Adliswil.

    Gabs auf der Strecke Durchhänger?

    Ich hatte schon kurz nach Luzern, bei Gisikon, zu beissen. Doch danach ging es erstaunlich gut weiter. Wir marschierten ohne grössere Pausen, zuerst mit 5 Kilometern pro Stunde, später noch mit 3. Vor dem Spiel hatten wir in weiser Voraussicht viel Teigwaren gegessen und Getränke eingekauft. Unterwegs füllten wir unsere Wasserflaschen an Brunnen wieder auf.

    Was bleibt Ihnen vom Marsch durch die Nacht?

    Es tat zuerst einmal gut, die Dramatik dieses Fussballabends zu verarbeiten. Wir redeten viel, gingen das Spiel nochmals durch, das hatte etwas Reinigendes. Ein spezielles Erlebnis gab es am Stadtrand von Luzern. Dort hatten Verkehrskadetten die Autos gestoppt, damit der Konvoi mit den FCW-Fanbussen durchfahren konnte. Die Fans erkannten uns und winkten uns aus den Cars zu.

    Und wie erholen Sie sich jetzt?

    Duschen, Magnesiumtabletten nehmen, Muskeln mit Massageöl einreiben. Geschlafen habe ich bisher nicht, ich bin am Sonntagnachmittag noch im Letzigrund als Kommentator im Einsatz. Am Abend gehe ich früh ins Bett. Am Montagmorgen stehe ich wieder vor den Schülerinnen und Schülern.

    Toni Gassmann (63) ist Lehrer für technisches Gestalten an einer Sekundarschule in Winterthur und kommentiert in der Freizeit Fussballspiele für Radio Stadtfilter.

  • Freu mi uf de FC Winti! Us de NZZ:

    «I’ll be fine tonight»: Der FC Winterthur ist nach 37 Jahren zurück in der Super League, der Aufstieg ist das Produkt eines kunstvollen Spagats zwischen Punk und Moderne

    Der FC Winterthur bereichert ab der neuen Saison die Super League, womöglich ohne den Trainer Alex Frei, der vor dem Abschied stehen soll. Eine Annäherung an einen faszinierend subversiven Fussballklub – und die Menschen, die ihn dazu gemacht haben.


    Hasu Langhart sitzt an einem Freitag im Mai auf der Schützenwiese, im Stadion des FC Winterthur. Hinter ihm die Libero-Bar, sein Reich. Es erklingt Punkrock, ein Hit der Bouncing Souls. Langhart vernichtet eine American-Spirit-Zigarette nach der anderen und sagt: «Früher haben wir oft verloren. War auch cool, es hat irgendwie zu Winti gepasst.»

    Langhart ist der Sänger der Peacocks, einer Schweizer Punk-Institution. Und als Wirt der Libero-Bar ist er eines der Originale, die den FC Winterthur zu dem machen, was er ist: ein schützenswertes Kulturgut, das sich im modernen Fussball eine bemerkenswerte Eigenständigkeit bewahrt hat, eine Oase der Stehrampenromantik quasi. Wenn der FC Winterthur zu Hause spielt, kocht Langhart für das Team. Später gibt er Shots, Jameson und Jägermeister heraus – und manchmal ein Gratisbier für die Stammkundschaft.


    Es ist kein Vergleich mit den anderen Stadien im bezahlten Fussball, in denen man als Besucher schon beim ersten Schluck schlechte Laune bekommt, weil einem für acht Franken abgestandener Schund verkauft wird. Der FC Winterthur bewegt sich weit weg von Systemgastronomie und anderen Schrecklichkeiten, die einem auf jeden Rappen Profit getrimmte Fussballklubs antun. Die Authentizität des FCW wird ab dem Sommer in der Super League zu bewundern sein; am vergangenen Samstag schaffte der Klub nach 37 Jahren die Rückkehr in die höchste Spielklasse.

    Das Engagement der Familie Keller

    Der Aufstieg hat viele Väter. Aber er wäre ohne die Familie Keller nicht möglich gewesen. Der Patron Hannes W. Keller begann den Klub einst zu sponsern, weil er in der Stadt Verbündete für den Kampf gegen eine Antenne des Mobilfunkanbieters Orange suchte, die auf dem Areal seiner Firma für Druckmesstechnik hätte aufgestellt werden sollen. Keller dachte: Sponsor des lokalen Fussballteams werden, das könnte helfen.


    Den Rechtsstreit um die Antenne gewann er – und nebenbei verliebte er sich in diesen Klub, in das Stadion und die Menschen. Er bewahrte den FCW 2001 vor dem Konkurs und wurde Alleinbesitzer. Sein Unternehmen schiesst seither jährlich eine Million Franken ein. Es tritt als Trikotsponsor auf, obwohl Mike Keller, einer der Söhne Hannes Kellers und seit 2019 Präsident des FC Winterthur, sagt: «Wir verkaufen deswegen kein einziges zusätzliches Produkt, unser Geschäft besteht aus 95 Prozent Export. Es ist ein soziales Engagement.»

    Als der Vater sich 2015 aus gesundheitlichen Gründen zurückzog, gab er seinen Söhnen Mike und Tobias den Auftrag, neue Klubeigentümer zu finden – auch, weil das Familienoberhaupt es ihnen nicht recht zutraute, sein Vermächtnis weiterzuführen. Die Brüder führten zwei Jahre lang Gespräche, sie empfingen Investoren aus den USA, aus Asien – und kamen zum Schluss, dass sie den Verein nicht abgeben werden. «Wir gelangten zur Überzeugung, dass wir nicht nur den Klub verkaufen würden. Sondern auch seine Seele und in gewisser Weise unsere Ideale», sagt Mike Keller. Gerade er brachte das nicht übers Herz. Er ist mit dem FCW seit vielen Jahren verbunden und erlebte in den 1980er Jahren noch die goldene Zeit in der Nationalliga A.
    Statt den Klub abzustossen, modernisierten die Söhne ihn. Sie verpassten ihm neue Strukturen und führten etwas ein, was es unter dem Vater nicht gegeben hatte: eine Leistungskultur. Hannes W. Keller hatte das Credo «Erstklassig zweitklassig» geprägt und gelebt. Einem Aufstieg stand er skeptisch gegenüber, Loyalität gegenüber Menschen, die er mochte, war ihm wichtiger als Resultate; an Trainern hielt er tendenziell zu lange fest. Er verzichtete auf einen Sportchef und liess den befreundeten Spielervermittler Wolfgang Vöge über Transfers entscheiden. Mike Keller sagt: «Für die Zeit hat das alles seine Berechtigung gehabt. Aber wir wollten nicht mehr eine geschützte Werkstatt sein, sondern Ambitionen haben.»


    Einer, der den Wandel mitgemacht hat, ist Davide Callà. Callà, 37, war während Jahren einer der besseren Fussballer der Super League, er spielte für den FC Basel und GC, ehe er die Karriere im FCW ausklingen liess, in seiner Stadt, heute ist er Assistenztrainer. Callà sagt: «Ich hatte teilweise das Gefühl, dass das F in FCW für Fun und nicht für Fussball steht.»

    Sinnbildlich für den Wandel steht der Entscheid vom letzten Dezember, als der Klub auf Platz 2 den Trainer Ralf Loose entliess und ihn durch Alex Frei ersetzte. Der Präsident Keller sagt: «Unser Vater hätte das nie getan. Aber für uns war es der richtige Entscheid, wir brauchten neue Impulse.» Doch was geschieht, wenn Alex Frei den Verein nun nach nur einem halben Jahr verlässt? Laut Medienberichten steht er kurz vor der Rückkehr zum FC Basel.

    Eine Fussballstadt erwacht

    Über das Potenzial des FC Winterthur herrschte eigentlich seit langem Konsens. Er hat auffallend viele hervorragende Fussballer hervorgebracht, alleine in den letzten Jahren die Nationalspieler Manuel Akanji, Remo Freuler, Admir Mehmedi und Steven Zuber.

    Der Winterthurer René Weiler, ein weit gereister Coach, der inzwischen den japanischen Rekordmeister Kashima Antlers betreut, arbeitete kurz nach der Jahrtausendwende als Sportchef im FCW. Er sagt: «Winterthur hatte immer alle Ansätze zur Fussballstadt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Klub erwacht.»



    Das Erweckungserlebnis liess auf sich warten, das macht jetzt den rauschhaften Frühling noch intensiver. Die Zuschauerzahlen in den letzten Monaten waren hoch, manchmal kamen 9000 Menschen, der Klub ist inzwischen der grösste Abnehmer der lokalen Haldengut-Brauerei.

    Die Stimmung hat oft etwas von einem Volksfest, aber nicht auf diese tumbe Ballermann-Art, sondern im sehr eigenen Winti-Groove. Vor dem Salon Erika, der Kunstgalerie innerhalb der Fankurve, spielen in der Halbzeit manchmal Bands. Es passt zur Attitüde dieser Stadt, zu ihrem rauen Charme. Sie war schon immer ein Rückzugsort für jene, die sich im mondänen Zürich nicht zurechtfanden.


    Winterthur ist davon geprägt, jahrzehntelang ein Industriestandort gewesen zu sein. Ein Wahrzeichen der Stadt ist das ehemalige Sulzer-Hochhaus direkt neben dem Stadion, das lange leer stand und temporär von linken Gruppierungen besetzt wurde. Inzwischen aber ist Winterthur eine Kultur- und Studentenstadt – und ein Ort, von dem Andreas Mösli sagt, dass er seine Identität suche. Mösli ist seit zwei Jahrzehnten der Geschäftsführer des FCW. «Winterthur ist die sechstgrösste Stadt der Schweiz, wird aber immer noch als Provinz verkannt. Die Stadt wartet auf etwas, das sie selbstbewusst sein lässt.» Der FCW, das ist seine Hoffnung, soll dieses Vehikel sein.

    Der schiefe Vergleich mit dem FC St. Pauli

    Es ist schwierig, einen Klub stärker zu prägen, als Mösli das getan hat. Vieles, was den FC Winterthur heute ausmacht, sein subversiver Geist, ist ihm zu verdanken, dem ehemaligen Punk und früheren Journalisten. Der FCW wird gerne als der «FC St. Pauli der Schweiz» bezeichnet, auch der Assistenzcoach Callà bemüht diesen Vergleich.


    Und natürlich gibt es Parallelen: die betont linke, antifaschistische Fan-Szene. Der Umstand, dass der Klub soziale Verantwortung übernimmt, regelmässig Spendenaktionen veranstaltet und an Spieltagen auch Menschen am Rand der Gesellschaft beschäftigt. Die Töne von Hell's Bells vor dem Anpfiff, so wie am Millerntor, dem Stadion von St. Pauli.

    Aber die Klubs trennen Welten. Der FC St. Pauli setzt pro Jahr mehr als 50 Millionen Euro um und taugt längst nicht mehr zum Hort für verklärte Fussballromantik, er ist Teil einer Millionenmaschinerie geworden. Im FCW beträgt das Budget knapp sechs Millionen Franken. Und anders als in St. Pauli ist in Winterthur noch niemand auf die Idee gekommen, Duschmittel mit dem Klublogo zu verkaufen.

    Die Frage wird sein, wie viel von seiner Magie sich der FCW wird erhalten können, in der Super League, der Liga des Establishments, mit ihren Regeln, Konventionen und ihrer ausgeprägten Humorlosigkeit. Der FCW muss sein Budget um einige Millionen erhöhen und sein Stadion nachrüsten, es gibt einen wahnsinnig langen Katalog mit Auflagen.

    Mittelfristig müsste dort, wo heute die Sirup- und die Bierkurve stehen, die Herzkammer dieses Klubs, eine Tribüne in den Himmel gezogen werden. Die Alleinstellungsmerkmale wie der Salon Erika und die noch immer von Hand betriebene, entzückende Stadionuhr müssten dann weichen – obwohl beide Institutionen eigentlich von der Unesco als Weltkulturerbe unter Denkmalschutz gestellt gehörten. Andreas Mösli sagt: «Natürlich wird es weniger romantisch. Dafür realistischer. Romantik ist vor allem Kopfsache, jetzt passiert aber wirklich etwas.»

    Vielleicht ist es auch unnötig, sich darum zu sorgen, ob der FC Winterthur seinen rebellischen Geist konservieren kann. Denn in letzter Konsequenz sind es immer noch die Menschen, die diesen Verein zu dem machen, was er ist. Der Sänger und Stadionwirt Langhart sagt, es werde den Klub bereichern, dass «jetzt mal etwas passiert». Frischer Wind sei eine gute Sache. «Wir machen das hier jetzt seit 20 Jahren. Es ist nicht gut, wenn man immer nur von der Nostalgie lebt.»


    Mit den Peacocks hat er einmal den Song «Gimme More» geschrieben, es ist ihr wahrscheinlich grösster Hit. «Gimme more, more, more / Yeah I want more / And I'll be fine tonight», singt Langhart dort. Die Liedzeilen passen gut zum FC Winterthur im Mai 2022. Nach Jahren im Dornröschenschlaf darf es jetzt gerne ein bisschen mehr sein, ein neues Abenteuer. Es wird schon alles gut.

  • Aufgrund der Einführung von Playoffs im Fussball habe ich mal eine Frage an die, welche bei der Einführung im Eishockey bereits den ZSC verfolgt haben (ich wsr damals noch gar nicht geboren). Wie war damals eure Meinung zu Playoffs und wie steht ihr heute dazu?

  • Aus der NZZ a/S


    Kann ein Fussballverein zu viel Erfolg haben?
    Der FC Winterthur, bisher Klub der sympathischen Verlierer, ist in die Super League aufgestiegen. Die Euphorie ist gross. Doch alte Fans fragen sich, ob es überhaupt noch schöner werden kann. Beobachtungen eines Zaungasts. Von Linus Schöpfer

    Als der Aufstieg feststand, die Stadt eine Freinacht ausrief und sich Tausende zur grossen Feier versammelten, brach für manchen alten Winti-Fan eine Welt zusammen. «Jetzt haben wir den Salat», mailte einer danach.

    Ich wohne erst seit kurzem in der Stadt. Wie man einen Winterthurer erschreckt, lernte ich allerdings schon früh: indem man ihm sagt, sein Verein steige bald in die Super League auf. Dann sah ich irritierte Augen und hörte stammelnde Ausreden. Das Restprogramm sei tückisch, ein wichtiger Spieler verletzt, solche Sachen.

    Der Klub war lange zweitklassig. Verständlich, dass die Einheimischen nicht zu früh hoffen wollten, dachte ich. Aber das war nur die halbe Wahrheit.

    Die Bilanz der Stadt Winterthur der letzten hundert Jahre: eher so mittel. Die Industrie zerfiel, derweil man mit dem Sulzer-Hochhaus den höchsten Sanierungsfall der Schweiz hochzog. Erst leerten sich die Fabriken der Unternehmer, dann die Kassen der Politiker. Die Nachbarstadt Zürich, mit der man sich einst hatte messen wollen, ist längst enteilt.

    Arroganz wäre da lächerlich – also versucht man es eben mit Freundlichkeit. Und so entstehen Soziotope wie die Schützenwiese gleich neben dem Sulzer-Hochhaus. Auf dem Gelände kicken Kindergärtler neben den Profis, Schülerinnen werfen sich Frisbees zu, und Rentner machen auf ihrem Spaziergang halt, um dem Training ein bisschen zuzuschauen. Irgendwo stürzt sich Torwarttrainer Stephan Lehmann – ehemaliger Nati-Goalie, 58 Jahre alt, der FC Winterthur hat ihn aus der Arbeitslosigkeit geholt – ins Gewühl und kickt mit.

    Die Rückrunde war lange ein purer Spass, die Mannschaft spielte famos nach vorne, ist gespickt mit Zauberfüsschen und Dribblern. Dazu kam ein sehr ambitionierter Coach, der selbst nach Siegen aussah, als sei ihm ein Konfi­brot auf den Fuss gefallen. Bald war klar: Es wäre eine Tragödie, würde diese Mannschaft nicht aufsteigen. Wann, wenn nicht jetzt?

    Als der Aufstieg näher rückte, begann es unter den Fans zu rumoren. Die lokale Band Arsenal Stefanini veröffentlichte einen Song. Titel: «Super League». Refrain: «Ich will nöd id Super League.»

    Dann geschah, was Hiesige erwartet hatten. Der Klub verfiel in eine Starre, schien von einem bösen ägyptischen Fluch befallen. Plötzlich konnte er nicht mehr gewinnen. Während des Spiels gegen Thun – ein weiteres quälendes Remis – fragte ich mich, wie man es hier aushalten soll. Wer war schlimmer dran: Der Winti-Fan, der seit Jahrzehnten durch diese Tortur ging? Oder der Sünder in Dantes siebtem Höllenkreis, der zu einem Strauch verdorrt und von Vögeln gepickt wird? So sei es immer schon gewesen, sagte man mir. Ich wunderte mich über den gelassenen Ton.

    Schliesslich klappte es doch. Die Mannschaft war schlicht zu gut, und Vaduz wehrte sich am letzten Spieltag gegen den Tabellenführer aus Aarau, als ginge es um den Thron des Fürsten.

    Also brach der Erfolg über Winterthur herein. Für viele wurde ein Traum, für andere aber ein Albtraum wahr. Denn auf der Schützenwiese tummelt sich eine Spezies, die der gängigen Vorstellung von Leistung und Erfolg misstrauisch gegenübersteht und Behaglichkeit aus Prinzip stärker gewichtet als Ambition. Charaktere, über die Sven Regener Romane schreiben könnte: mittelbekannte Künstler, findige Tüftlerinnen, angegraute Jeansjackenträger, störrische Altpunks, Philosophen an der Biertheke. Sie sind es, die aus dem grauen Nati-B-Klub mit Liebe, Zeit und Witz ein alternatives Projekt gemacht haben.

    So befindet sich in einer Stadionecke eine kleine Kunstgalerie, der «Salon Erika». Zu ihren Objekten zählen ein grossflächiges Heiligenbild, eigentümliche Porträts früherer Spieler oder auch künstliche Enten. Die gegenwärtige Ausstellung trägt den Titel «Fuck Tactics», zu sehen gibt es verbeulte Taktiktafeln. Manchmal möchte sich ein Fan hier bloss rasch einen Schnaps abholen – und bleibt dann verdutzt vor den Exponaten stehen. Hinter der Salonbar hängt das Cover von «Bicycle Race» von Queen: kein Loblied auf Gewinner wie das gerne gegrölte «We Are The Champions», sondern ein Song für Aussteiger.

    Im Salon sieht man den Aufstieg kritisch. Lieber hätte man, es bliebe wie bisher: bekannte Gesichter im Stadion, kurze Schlange vor dem Wurststand und ab und zu Gratis-Prosecco für alle – auch für die Gästefans. Das Team soll oben mitspielen, aber eben nicht ganz oben. «Ideal wäre es, wenn wir in der Challenge League blieben und den Schweizer Cup gewännen», meint einer.

    Ob das nicht unfair und auch ziemlich elitär sei, den FC Winterthur so für sich behalten zu wollen, frage ich. «Es ist unfair von den anderen, die jetzt auch hierherkommen und uns die Stimmung kaputt machen», sagt ein anderer und lacht. Zugegeben, fügt er an, seine Haltung sei etwas paradox. Aber er frage sich halt, ob das ständige Streben nach Erfolg und Wachstum tatsächlich sinnvoll sei. Sein Kollege gibt zu bedenken, ob die Kultur im Stadion noch dieselbe sei, wenn der FCW dann wieder runterkommen, wieder absteigen müsse. «Ich habe meine Zweifel.»

    Andreas Mösli war einmal Punk, Trotzkist und spielte in der Band Swinging Zombies. Heute gehört er zur Geschäftsleitung eines Super-League-Klubs. Mösli steht vor dem Salon Erika und diskutiert über die Frage, ob echte Zufriedenheit ohne Erfolg möglich ist. «Ich glaube nicht, dass das geht ... für einen Fussballklub jedenfalls geht das nicht. Da kommst du sofort in die Abwärtsspirale. Da bleiben dir die guten Spieler und die Sponsoren weg.»

    Mösli gehört zu den Hardcore-Fans, deren Ideen zur Rettung des Klubs vor zwanzig Jahren beitrugen. Er erfand den Kindersektor «Sirupkurve» und den Slogan «Erstklassig zweiklassig», der zum Leitspruch jener wurde, die sich auf der Schützi einrichteten. Ein Problem, das gebe er zu, sei die Sektorentrennung, die sein Klub nun vornehmen müsse. Dass man künftig nicht mehr frei durchs Stadion streunen könne. Dass Bereiche wie der Salon Erika, die Sirupkurve oder die Fanbar nicht mehr so leicht zugänglich seien. «Aber der Salon muss doch nicht weg deswegen!»

    Einer im Salon sagt, dass ihm der Erfolg auf dem Rasen egal sei: «Wichtig ist, was im Salon passiert.» Das sei eben eine andere Priorisierung, erwidert Mösli. «Damit habe ich kein Problem, auch wenn ich sie falsch finde. Unser Kerngeschäft ist der Fussball. Ansonsten sollen sich bei uns möglichst viele Leute zu Hause fühlen.»

    Dann holt Mösli aus: Wer die Werte des Vereins – Toleranz, Vielfalt, Rücksicht auf sozial Schwächere – akzeptiere, sei willkommen. Egal, welcher Art und welchen Alters man sei. Mösli deutet mit dem Zeigefinger von Sektor zu Sektor: Die Schützenwiese sei wie der Kreislauf des Lebens. «Als Kind bist du in der Sirupkurve, dann kommst du in die Bierkurve, dann bist du auf der grossen Tribüne, dann kannst du nicht mehr richtig stehen und wechselst hinüber zu den Sitzplätzen, und dann ...» – Möslis Zeigefinger deutet auf die Treppe, die zum Stadion hinausführt – «... dann machst du den Abgang.»

    Okay, interessant, aber was ist mit der Super League? «Die schauen wir uns jetzt mal an. Wir sind da ganz offen.»

    Möslis spezieller Klub steigt nun eine Stufe höher in der Geldpyramide. An deren Spitze stehen Milliardäre wie der Emir von Katar oder Roman Abramowitsch, die um jeden Preis die Champions League gewinnen, sich so Anerkennung und Teilhabe an einer Gemeinschaft kaufen wollen.

    Etwas, das sie auch billiger haben könnten. Ein Stehplatz auf der Schützenwiese kostete bisher 18 Franken. Und nächste Saison kostet er halt ein paar Franken mehr.

  • ein sehr gutes beispiel, dass man im europäischen fussball mit dieser komplett unnötigen veramerikanisierung endlich aufhören sollte. braucht kein mensch! gilt auch für so scheiss ideen wie playoffs, siehe auch die kommentare im watson artikel.


    ps. camila cabello, eine der bekanntesten sängerinnen der welt? hab den namen dieses wochenende tatsächlich zum ersten mal gehört! liegt aber wohl eher an mir und meinem hohen alter und nicht unbedingt an diesem „weltstar“! :rofl:


    ps2. die deutschen haben doch mal in der pause des cupfinals die fischerin auftreten lassen. gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen von der weissen wand aus frankfurt! auch wenn es eigentlich respektlos ist, nur so kann man sich gegen diese entwicklung wehren. in deutschland ist seither jedenfalls niemand mehr aufgetreten an einem cupfinal!


    Sängerin Cabello wegen Fussball-Fans frustriert: «Ich kann es nicht fassen»

    https://www.watson.ch/!279869521

    • Official Post

    Wäre das etwas näher, würde ich wohl Winti-Fan werden. Nicht, weil ich alternder Trotzkist oder so bin, aber genau so sehe ich die Fussballwelt leider auch...

  • Irgendwo stürzt sich Torwarttrainer Stephan Lehmann – ehemaliger Nati-Goalie, 58 Jahre alt, der FC Winterthur hat ihn aus der Arbeitslosigkeit geholt – ins Gewühl und kickt mit.


    Ob das nicht unfair und auch ziemlich elitär sei, den FC Winterthur so für sich behalten zu wollen, frage ich. «Es ist unfair von den anderen, die jetzt auch hierherkommen und uns die Stimmung kaputt machen», sagt ein anderer und lacht. Zugegeben, fügt er an, seine Haltung sei etwas paradox. Aber er frage sich halt, ob das ständige Streben nach Erfolg und Wachstum tatsächlich sinnvoll sei.


    Dann holt Mösli aus: Wer die Werte des Vereins – Toleranz, Vielfalt, Rücksicht auf sozial Schwächere – akzeptiere, sei willkommen. Egal, welcher Art und welchen Alters man sei. Mösli deutet mit dem Zeigefinger von Sektor zu Sektor: Die Schützenwiese sei wie der Kreislauf des Lebens. «Als Kind bist du in der Sirupkurve, dann kommst du in die Bierkurve, dann bist du auf der grossen Tribüne, dann kannst du nicht mehr richtig stehen und wechselst hinüber zu den Sitzplätzen, und dann ...» – Möslis Zeigefinger deutet auf die Treppe, die zum Stadion hinausführt – «... dann machst du den Abgang.»


    Wäre das etwas näher, würde ich wohl Winti-Fan werden. Nicht, weil ich alternder Trotzkist oder so bin, aber genau so sehe ich die Fussballwelt leider auch...


    tja, reto, willkommen im club der fussballromantiker! etwas, was leider immer mehr verloren geht und dem ich auch wirklich nachtrauere. darum ist der fc winti auch (mir) so sympathisch. wirklich geil, was sie die letzten 20 jahre aufgebaut haben.


    aus ähnlichen gründen ist in deutschland vielen der fc st. pauli so sympathisch (und weit darüber hinaus, die haben ua. auch eine fanfreundschaft mit celtic glasgow). obwohl sie mittlerweile auch +/- 50 millionen euro pro jahr umsetzen, konnten sie ihren (kult-)status trotzdem recht gut bewahren. mit corny littmann war gar ein bekennender schwuler (und theaterdirektor) präsident des fc st. pauli. ist zwar auch schon etwa 15 jahre her. aber he, welcher profifussballclub kann sich das leisten ohne dem spott der gegner oder internem widerstand ausgesetzt zu sein?


    wie ich schon oft sagte: der fussball, mitsamt seinen finanziellen- und randale auswüchsen, ist nur ein spiegelbild der gesellschaft. und unsere gesellschaft, mit dieser hauptsächlich nur noch neoliberalen haltung, dem streben nach unendlichem wachstum und erfolg, ist wirklich genau so krank wie der internationale fussball oder umgekehrt...


    grundsätzlich könnte ich ja damit leben, aber nicht wenn es nur noch auf kosten der schwächeren geht. aber mittlerweile sind ja die auswüchse derart obszön, dass es eben nicht nur die schwachen trifft, sondern auch der gut situierte und ebenso gut ausgebildete mittelstand langsam aber sicher um seine status bangen muss. schön darum, gibt es noch einige wenige oasen, wie eben den fc winti, welche wenigstens versuchen einen gegenpol zum grasierenden wahnsinn zu bilden!


    ps. natürlich als hardcorefan, aber eben auch darum, weil der fcz den titel nicht kaufte wie andere vereine, empfinde ich den diesjährigen überraschungstitel des fcz als so wertvoll. schon bei den meistertiteln 2006, 2007 und 2009 war der fcz weit hinter den finanziellen möglichkeiten des fc basel. solche ereignisse sind selten und lassen sich kaum wiederholen, aber umso schöner sind sie deshalb!

    • Official Post


    Fussball am Anschlag

    Nach zwei Tagen Sommerpause geht es schon wieder los

    Kaum ist der Final der Champions League vorbei, beginnt die Nations League. Die Spieler sind ständig überlastet und die Fans immer gleichgültiger. Sie alle maulen zu Recht.

    David Wiederkehr
    MEINUNGDavid Wiederkehr (TA)
    Publiziert heute um 05:03 Uhr

    DK39HSA0qG1BKF2lIn85a8.jpg?op=ocroped&val=1200,1200,1000,1000,0,0&sum=vTzvsDISWT4


    Karikatur: Felix Schaad

    Es waren aussergewöhnliche 48 Stunden. Ungewöhnlich ruhige Momente seit der Barrage zwischen Luzern und Schaffhausen am Sonntagabend. Danach, am Montag und Dienstag, ruhte der europäische Fussball, und zwar fast vollständig. Abgesehen von einem Erstligaspiel in Estland, ein paar unterklassigen Begegnungen in Finnland, Schweden oder Norwegen und dem Cupfinal in Albanien: Sommerpause. Endlich. Zwei ganze Tage lang.tzt einkaufen!



    Am Mittwoch ist die Pause schon wieder vorbei, wenn in Glasgow das wegen des Krieges verschobene WM-Playoff zwischen Schottland und der Ukraine ansteht. Zudem treffen in London Italien und Argentinien für ein Freundschaftsspiel aufeinander, auf das die Welt gewartet hat. Und am Donnerstag beginnt für das Schweizer Nationalteam die Nations League, einst eigens dafür geschaffen, um eigentlich belanglosen Testspielen einen Anstrich der Relevanz zu verpassen. Die Schweiz spielt gegen Tschechien, Portugal und Spanien um – ja um was eigentlich? Und dafür sind vier Partien in elf Tagen bis Pfingstsonntag angesetzt.

    «Ich frage mich schon, ob das sinnvoll ist. Irgendwann sind der Körper, aber auch der Kopf müde. Ich glaube, diese Spiele hätte niemand unbedingt gebraucht.» So sagt das Fabian Schär im Interview mit «20 Minuten». Champions-League-Finalist Liverpool hat in der abgelaufenen Saison 63 Partien bestritten, und nun kommen für viele seiner Nationalspieler noch Einsätze in der Nations League hinzu. Bei Sieger Real Madrid waren es 54. Erschöpft und glücklich nach einem intensiven Spiel – und einer langen Saison: Die Spieler von Real Madrid nach ihrem Sieg im Final der Champions League vom Samstag in Paris.


    Erschöpft und glücklich nach einem intensiven Spiel – und einer langen Saison: Die Spieler von Real Madrid nach ihrem Sieg im Final der Champions League vom Samstag in Paris. Foto: Matthias Hangst (Getty Images)

    Der Fussball nimmt für sich heraus, omnipräsent zu sein, und verlangt seinen Spielern und Trainern alles ab. Kaum haben die Spieler einmal Sommerferien, beginnt bald wieder die Saisonvorbereitung, die grössten Clubs fliegen dafür sogar um die Welt. In der Schweiz nehmen die meisten Teams ihr Training in den Tagen nach Pfingsten wieder auf – kurz nach der Nations League also. Die neue Saison im Europacup beginnt in drei Wochen mit der ersten Qualifikationsrunde.


    Kein Anfang mehr und auch kein Ende


    Der dichte Terminkalender wird immer noch dichter und überfordert längst nicht nur die Spieler, sondern auch die Fans. Der Markt ist gesättigt, ständig ist irgendwo Fussball zu sehen – ein Fussballjahr hat keinen Anfang mehr und auch kein Ende. Klar, es gibt die Maniacs, die Nerds, die alles aufsaugen und selbst in Begegnungen wie La Fiorita - Vikingur Reykjavik oder Schachtar gegen Gent einen Sinn sehen. Wer sucht, der findet im Internet fast von jedem Match einen Livestream. TV-Stationen übertragen inzwischen selbst Club-Freundschaftsspiele.

    Aber der Grossteil des Publikums erlebt einen Overkill und reagiert zunehmend gleichgültig auf immer noch mehr Spiele. Den Final der Champions League lässt sich kaum jemand entgehen, aber wer erlebt in seinem Freundeskreis auch während der Gruppenphase noch echtes Interesse?


    Entfremdend wirken auch die Geldexzesse gewisser Clubs, die absurd hohe Verschuldung des FC Barcelona etwa. Oder die Winter-WM Ende Jahr im Kleinstaat Katar. Oder die Idee einer Luxusliga namens European Super League, von der Real, Barcelona und Juventus Turin die Finger partout nicht lassen können (ja, das Thema ist ernsthaft noch nicht vom Tisch). Oder eben auch die Nations League, deren zentrale Vermarktung die Uefa übernommen hat. Resultat: Zwischen dem 2. und 14. Juni setzt sie jeden einzelnen Abend Spiele an.

    Quote
    Früher wurde die Bundesliga samstags um 15.30 Uhr angepfiffen, heute gibt es fünf verschiedene Anspielzeiten. In Italien sogar acht. Und in Spanien zehn.

    Auf ihrer Jagd nach immer noch mehr Geld haben auch die nationalen Ligen ihre Spieltage mehr und mehr zerstückelt. Früher wurde die Bundesliga samstags um 15.30 Uhr angepfiffen, heute gibt es in Deutschland fünf verschiedene Anspielzeiten. In England sind es fünf oder sechs, in Italien sogar acht, und in Spanien hat an manchen Wochenenden jedes der zehn Spiele der höchsten Liga einen eigenen Slot. In der Schweiz werden ab 2023 Playoff und Entscheidungsspiele eingeführt, um am Ende einer Saison die Spannung zu steigern – und damit, im Idealfall, die Einnahmen.

    Der durch und durch kommerzialisierte US-Sport diente den Fussball-Funktionären in mancher Hinsicht als Vorbild. Andererseits: Die Football-Liga NFL erlebt im Unterschied zum Fussball Phasen des totalen Stillstands. Zwischen der Superbowl und dem Start zur neuen Saison vergehen fast sieben Monate. Events wie die Öffnung des Transferfensters im März, der Draft im April oder die Veröffentlichung des Spielplans im Mai sorgen für Hypes zwischendurch, aber bevor Anfang September wieder erste Spiele anstehen, sind das Verlangen der Fans nach Football und die Vorfreude so gross, dass dieser Saisonstart alles überragt und selbst die politische Nachrichtenlage dominiert.

    Die Zeiten, in denen das auch im Fussball passiert, sind vorbei. Diese Entwicklung haben die Verantwortlichen selbst gewählt.

    • Official Post

    PERFEKT zusammengefasst!

  • PERFEKT zusammengefasst!

    absolut!


    selbst ein fussball fan wie ich hat weitergezappt als er zufällig im spiel schweiz-tschechien gelandet ist…wobei ich mir freundschaftsspiele von nationalmannschaften grundsätzlich nie anschaue.


    ich schalte mich mittlerweile auch in der cl erst ab den ko spielen ein. ausser der fcz schafft es wieder einmal in die gruppenphase! was aber ziemlich sicher wunschdenken ist und bleibt!


    a propos ch fussball: frei in basel, wicky bei yb. nicht gerade die „wow“ trainer. eigentlich eine gute nachricht für alle anderen…8)

  • Frei, Wicky, Berner - alles Schweizer Trainer


    nichts gegen schweizer trainer!


    aber frei und wicky haben noch nirgends wirklich performt. klar, frei ist mit winti aufgestiegen. er kam aber erst in der rückrunde. ja, winti war nach der vorrunde „nur“ dritter mit 8 pkt. rückstand auf den leader aarau und 5 pkt. hinter dem zweiten vaduz als frei übernahm. aber der langjährige trainer ralf loose hat sicher auch gute vorarbeit geleistet und seinen anteil am aufstieg.


    von den drei genannten gefällt mir bruno berner sowieso am besten. wieso kann ich rational auch nicht erklären, ist doch sein leistungsausweis auch nicht grösser als der von wicky und frei. aber er spielte mit dem bescheidenen kriens an der spitze der tschällänsch lig mit. und im tevau war er als experte jeweils sehr überzeugend. seine trainerkarriere startete er übrigens im fc zürich in der academy. wo er seine profikarriere als fussballer startete habe ich soeben vergessen…:mrgreen:


    allerdings sagte der kriens präsi in einem interview vor etwa 3 jahren, dass bruno berner am höhenflug vom sc kriens sicher auch seinen anteil hat, er aber extrem von der vorarbeit von jurendic profitiere, welcher direkt vor berner trainer in kriens war.


    jurendic als sportchef zu engagieren, war übrigens einer der glücksgriffe von cillo! obwohl jurendic bis dann nirgends sportchef war. bei ihm denke ich, dass er eine grosse karriere als sportchef vor sich hat und bald in der buli landen wird! er bringt wirklich alle voraussetzungen mit: er war selber profifussballer (wenn auch nur auf bescheidenem niveau). er hat nach der spielerkarriere jus und bwl studiert und arbeitete eine zeit lang in der privatwirtschaft. dann war er trainer in kriens und machte, wie vom präsi bestätigt, dort einen sehr guten job. ausserdem sieht er ziemlich schnell was ein spieler kann und wo es einer mannschaft fehlt. jedenfalls hat er doumbia 2020 aus der tschällänsch lig nach zürich geholt und auf diese saison hin guerrero und boranijašević verpflichtet. alle drei waren königstransfers! ausserdem scheint er auch über einiges an sozialkompetenz zu verfügen:


    1. hat er den umbruch eingeleitet, indem er es „gewagt“ hat, mit schönbächler eine fcz ikone auszumisten. KEIN fcz fan hat das damals verstanden. vermutlich hätte auch cillo diesen schritt niemals gewagt.


    und 2. hat er die rückkehr eines spielers verhindert, mit den bedenken, dass dieser das soziale gefüge in der mannschaft stören würde. cillo wollte diesen spieler unbedingt wieder verpflichten! es handelt sich um den mittlerweile 35-jährigen tschikaui…ja, mit 25 eigentlich schon sportinvalide, spielt er tatsächlich immer noch! und er ist wahrscheinlich einer der begnadetsten fussballer, der je in der schweiz gespielt hat! ohne seine verletzungsgeschichte und seine generelle verletzungsanfälligkeit, wäre er irgendwann garantiert bei einem europäischen topclub gelandet!

  • zum thema playoffs:


    "Zerstört eine ganze Saison": BFC Dynamo wütet nach verpasstem Aufstieg in die 3. Liga gegen DFB


    "Riesendank an den DFB, der solche Regeln einführt. So eine Regel ist einfach eine Vollkatastrophe. Sie zerstört eine ganze Saison"


    um dynamo berlin tuts mir nicht wirklich leid. als ehemaliger stasi club und somit grosser manipulator der ddr liga, ist es nicht schade. karma und so…aber so eine scheissregelung kann irgendwann jeden treffen!


    da wirst du meister in deiner liga und steigst trotzdem nicht auf: sportlich totaler unsinn! du wirst erster in der obersten liga und trotzdem nicht meister: sportlich totaler unsinn!


    "Zerstört eine ganze Saison": BFC Dynamo wütet nach verpasstem Aufstieg in die 3. Liga  gegen DFB
    Der BFC Dynamo aus Berlin wird trotz der Meisterschaft in der Regionalliga Nordost in der kommenden Saison nicht in der 3. Liga spielen. Nach der Pleite in den…
    www.sportbuzzer.de



    Gesendet von iPhone mit Tapatalk

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!