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Elf Meter sollt ihr sein – wie der FCZ die Abstiegsangst besiegt
Beim 3:0 des FC Zürich gegen Lugano ist ein Zürcher der beste Tessiner. Ein Talent ginge als Pirat der Karibik durch. Ein Routinier braucht einen neuen Vertrag. Und ein FCZ-Held sitzt in Volketswil.
Antonio Marchesano wäre mit seinen Eigenschaften der König jedes Pausenhofs. Wegen dieser begnadeten Füsse, mit denen er den Ball auch auf engstem Raum noch irgendwie um zwei Gegner herumfummeln kann. Und wegen der Fähigkeit, den anderen auszugucken, wenn es darum geht, das Panini-Bildchen in der Hand des anderen zu erraten. Letztes Mal war es links. Ist es jetzt wieder dort, weil das Gegenüber versucht, besonders clever zu sein? Oder ist das Bildli vielleicht gerade darum rechts versteckt?
Statt um Panini-Bildli geht es bei Marchesano an diesem Nachmittag um Penaltys. Zweimal steht er Sebastian Osigwe aus elf Metern Distanz gegenüber. Und gewinnt beide Male das Nervenduell mit dem Goalie der Tessiner (38. und 54. Minute). Damit ist er bei elf Ligatoren angelangt – sechs davon vom Penaltypunkt aus erzielt. Sollten die Zürcher also der Barrage entgehen, können sie sich auch bei Marchesanos Nervenkostüm bedanken.
Der FCZ mag nicht immer gemäss dem uralten Motto «elf Freunde sollt ihr sein» auftreten. Aber elf Meter, das dürfen es bei ihm immer gerne sein.
Die Anhänger – draussen vor der Tür
Die Leitern hätten sie dabei gehabt – bloss bis zur Umzäunung des Stadions kamen die Fans nicht.
Dreissig gut hörbare Sekunden Zeitverschiebung liegen zwischen den Aktionen auf dem Rasen und der Reaktion der FCZ-Anhänger, die vor dem Letzigrund einem Aufruf der Südkurve gefolgt sind. Was draussen vor der Tür vorging, lesen Sie hier.
Marco Schönbächler – Jubilar mit dem Fuss für ruhende Bälle
Hat in seiner Karriere auf dem linken Flügel des FCZ schon explosiver gewirkt als an diesem ersten Mai-Wochenende 2021. Hat aber weiterhin einen feinen Fuss, den er umso wirkungsvoller einsetzen kann, wenn ihm etwas Raum und Zeit gelassen wird. Also bei ruhenden Bällen. Tritt gegen Lugano gefährliche Freistösse und Eckbälle und leitet mit ihnen die beiden Penaltys ein, die zu den ersten beiden FCZ-Toren führen.
Steht neuerdings bei beeindruckenden 350 Pflichtspiel-Einsätzen für die Zürcher. Und damit auf Rang zehn der Spieler mit den meisten Pflichtspielen für den FCZ. Braucht für Rang neun (Pirmin Stierli) noch 19 Spiele. Und um auf diese 19 zu kommen, einen neuen Vertrag. Der aktuelle läuft Ende Juni aus. Schönbächler, mit 31 Jahren ganz alter Fussball-Hase, sagt: «Die Gespräche laufen. Mal schauen, wie sie enden werden.» Zum Glück haben seine Standards mehr Zug.
Blaz Kramer – Stürmer mit Spezialisierung
Nein, dieser Versuch landet nicht im Tor. Aber im weiteren Verlauf des Nachmittags bezwingt Blaz Kramer Goalie Osigwe dann doch noch zum 3:0.
Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)
Viele Zeichen sind hier schon verwendet worden, um über die Defizite von Blaz Kramer zu schreiben. Nicht ganz ohne Grund. Auch gegen Lugano springt dem Slowenen der Ball beim Versuch der Annahme meterweit vom Fuss. Er rackert und rennt über weite Strecken mit viel Eifer und wenig Ertrag. Und als er mal aus wenigen Metern vor Osigwe zum Abschluss kommt, kann er froh sein, dass sein Scheitern vom Offsidepfiff des Schiedsrichters übertönt wird.
Kramer hat also einige Schwächen. Er entwickelt in den letzten Spielen aber auch eine Stärke. Wird er steil und alleine auf die Reise in Richtung des gegnerischen Goalies geschickt, und hat er dann auch noch Raum und Zeit, um den Torhüter auszugucken – dann trifft er recht souverän. Ein spezialisierter Stürmer, sozusagen.
Gegen die Young Boys war es ein Lupfer über David von Ballmoos. Gegen Lugano ist es ein fast schon sanfter Schubser mit dem Innenrist an Osigwe vorbei ins Tor. Es ist Kramers siebtes Ligator der Saison. Was in der aktuellen Super League schon für Rang zwölf in der Torschützenliste reicht.
Toni Domgjoni – Mann gegen die Lücke
Hält sich gerne etwas bedeckt, ist aber trotzdem präsent: Toni Domgjoni, der Mann mit der 14 beim FCZ.
Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)
Wieder ein Spiel, in dem nicht leicht greifbar ist, was er eigentlich so treibt. Das heisst, auf der einen Seite des Feldes, da ist es das sehr wohl. Es ist die Seite, für die ein defensiver Mittelfeldspieler gemeinhin eher weniger Verantwortung trägt – die, auf der das Tor der Luganesi steht. Hat in der 20. Minute die einzige Torchance der ersten Halbzeit, die aus dem Spiel heraus entsteht, verzieht aber. Gibt dann in der 35. Minute nach einem Freistoss jenen Schuss ab, der zum ersten Elfmeter führt, weil der Ball Mijat Maric an den Arm klatscht.
Und defensiv? Bleibt kein besonders intensiver Zweikampf in Erinnerung. Keine Grätschen, wie sie für Hintermann Nathan Lebenselixier sind. Kein clever abgefangener Pass, wie ihn sich Nebenmann Ousmane Doumbia vor dem 3:0 notieren lässt.
Was für Domgjonis Leistung spricht, ist das, was nicht zu sehen ist. Kein Lücke findet der FC Lugano während 90 Minuten im Zürcher Defensivkordon. Nicht einmal lassen sich die Zürcher von einem Konter erwischen. Nie öffnet sich der Raum in der gefährlichen Zone vor dem FCZ-Strafraum.
Toni Domgjoni ist der Mann gegen die Lücke. Und könnte bald eine ebensolche beim FCZ hinterlassen. Auch sein Vertrag läuft im Sommer aus. Die Zürcher können eigentlich nur hoffen, dass Real Madrids Präsident Florentino Perez recht behält und der Transfermarkt im Sommer komplett einbricht.
Lindrit Kamberi – Talent mit Volumen
Wildes Haar, wunderbar: Lindrit Kamberi (kniend) kommt zu seinem ersten längeren Einsatz beim FCZ.
Foto: Alexandra Wey (Keystone)
Kommt zur Pause, weil Hekuran Kryeziu verletzt in der Garderobe bleiben muss und sorgt für eine gleichbleibende Anzahl Haarbänder auf dem Spielfeld. Würde mit seinem Haupt- und Gesichtshaar in keinem der fünf Pirates-of-the-Caribbean-Filme auf- oder abfallen. Lässt seine Locken vielleicht auch darum derart volumenbewusst in die Höhe schiessen, um sein Abschreckungspotenzial zu potenzieren. Gewinnt dank Timing und Sprungkraft (und Haarband?) praktisch jedes Kopfballduell.
Gehört mit seinen 21 Jahren noch knapp in die Kategorie Talent, bringt aber immerhin schon die Erfahrung von 56 Spielen in der Challenge League mit Wil und Winterthur mit. Wirkt gegen Lugano von der ersten Sekunde an hoch motiviert und giftig in den Zweikämpfen. Könnte in dieser Saison noch ein paar Einsatzminuten sammeln, wenn sich die Verletztenliste nicht markant verändert.
Video Assistant Referee – beste Erfindung seit dem Böögg
Diese anregende Farbe, dieses elegante Design – der Video Assistant Referee ist an diesem Sonntag gern (fern-)gesehener Gast im Letzigrund.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)
Zweimal meldet sich an diesem Sonntag der Video Assistant Referee aus Volketswil. Zweimal entscheidet Schiedsrichter Stefan Horisberger auf Anraten seines TV-guckenden Kollegen Stephan Klossner auf Penalty für Zürich. Zwei Pfiffe, die ohne Videobeweis ausgeblieben wären.
Der VAR – aus FCZ-Sicht eindeutig die beste Erfindung seit dem Böögg.
Korrektur: In der ersten Variante dieser Geschichte stand, Lindrit Kamberi sei 19 Jahre jung – und 171 Zentimeter lang. Kamberi ist 21 und 183 Zentimeter lang.
Dritte Halbzeit – der Tamedia-Fussball-Podcast
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