nzz am sunntig:
«Wir dürfen nicht die hohle Hand machen»
Der Schweizer Fussball sei ohne Fans gefährdet, sagt Roland Heri, CEO des FC Basel. Es brauche staatliche Hilfe, aber jetzt müssten auch die Klubs ihre Ausgaben hinterfragen. Er lässt durchblicken, dass der FCB zuletzt Lohnkosten von rund zehn Millionen Franken einsparte. Interview: Benjamin Steffen und Stephan Ramming
NZZ am Sonntag:
In Fussball und Eishockey wird landauf, landab vor etlichen Konkursen im Profisport gewarnt. Warnen Sie auch?
Roland Heri:
Fussball in der Schweiz ist nie ein gewinnbringendes Geschäft. Sofern ein Klub nicht in einem internationalen Wettbewerb mitspielt, ist immer eine Art Mäzenatentum gefragt. Wenn wir die Saison planen und die sportlichen Ambitionen definieren, sitzen wir immer auch ein wenig am Roulettetisch. Und ja, ich glaube, dass der Mannschaftssport in der Schweiz momentan eine gefährdete Branche ist.
Nun stehen auf unabsehbare Zeit Geisterspiele bevor. Vorausgesetzt, der FCB bekommt kein frisches Geld: Wann geht der FCB in Konkurs?
Ich rede von einer existenziellen Gefährdung, weil der Sport ohne Fans in den Stadien nicht denkbar ist. Wie lange wir ohne Publikum durchhalten, ist schwer vorauszusagen. Im FCB haben wir die Liquidität bis auf weiteres im Griff.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Krise zu überstehen?
Nicht zu Unrecht haben der Bundesrat und die vorbereitenden Kommissionen die Ausgabenseite der Klubs genau angeschaut, als es um mögliche Darlehen und Stützungsgelder für den Profisport ging. Der Fussball ist dazu aufgefordert, sich kritisch zu hinterfragen und die Füsse wieder auf den Boden zu kriegen, was die Ausgaben betrifft. Man kann nicht nur darauf hinweisen, dass eine Branche in Gefahr ist, ohne selber an der Kostenseite zu arbeiten.
Ab Dezember sollten die Covid-19-Kredite des Bundes zur Auszahlung kommen. Wird der FCB einen Antrag stellen?
Das kann ich nicht abschliessend sagen. Wir bereiten uns darauf vor, dass wir transparent dokumentiert sind für den Zeitpunkt, wenn Kredite beantragt werden könnten.
Hier und da werden bereits A-fonds-perdu-Beiträge gefordert – was halten Sie grundsätzlich davon?
Wir dürfen nicht einfach die hohle Hand machen und quasi «so weitermachen wie bisher», wie es eine breite Öffentlichkeit womöglich formuliert. Am wichtigsten ist, dass wir unsere unternehmerischen Hausaufgaben machen und verständlich erklären, warum es so weit kommt, dass der Fussball Hilfe braucht.
Aus Eishockey- und Fussballkreisen heisst es, dass es keine andere Lösung gebe als A-fonds-perdu-Beiträge, falls mittelfristig keine Veränderung eintrete – sehen Sie es auch so?
Bisher hat der FCB keine Schulden, die es abzuzahlen gilt. Danach strebt ein Unternehmen bekanntlich. Eine Verschuldung über ein Darlehen wäre halt an Bedingungen geknüpft. Sollte es noch viel, viel schlimmer werden, müsste man vielleicht sagen: Ein Darlehen ist nicht mehr sinnvoll, weil die Bedingungen zu sehr belasten. Es brauchte ein gesellschaftspolitisches Übereinkommen, dass uns der Spitzensport eine gewisse A-fonds-perdu-Unterstützung wert ist.
Wie gross schätzen Sie den politischen Rückhalt dafür ein?
Ich glaube, in den letzten Monaten hat sich etwas verändert. Der Fussball hatte in politischen Kreisen nicht unbedingt eine grosse Lobby. Aber die integrative Strahlkraft unseres Sports wird nicht genügend wahrgenommen. An einem Fussballmatch ist vom Universitätsprofessor über den Büezer bis zum Philosophie- und Religionsstudenten Krethi und Plethi im Stadion, Mütter und Väter, Omas und kleine Kinder. Und wenn Sie sehen, wie viele Kinder aus Migranten- und Flüchtlingsfamilien im Sport integriert werden, bietet er sehr wohl etwas, wozu es nicht viele Alternativen gibt. Wenn jetzt über Sport oder Fussball als Kulturgut geredet wird, ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit diese gesellschaftlichen Leistungen des Sports besser wahrnimmt.
Was ist für Sie ein «Kulturgut?»
Kultur ist für mich all das, was die Menschen bewegt. Ob ich vor einem schönen Bild im Beyeler-Museum stehe, oder ob ich am Rhein die Installation einer unbekannten Künstlerin bewundere, oder ob ich im Stadion mit vielen Menschen die Emotionen des Sports erlebe: Das ist für mich Kultur – was bewegt die Menschen, was bringt sie zusammen, was regt sie an oder auf?
Was die Leute aufregt: Wirtschaftlich ist der FCB in Schieflage – gleichzeitig übernimmt er Spieler wie Cabral oder Zhegrova, zahlt hohe Löhne für Klose und Kasami und verlängert Verträge mit Stocker, Xhaka und van Wolfswinkel. Sparen geht anders.
Mindestens genauso viele, wie sich darüber aufregten, haben sich über diese Transfers gefreut. Saläre oder Transferkosten der erwähnten Spieler sind absolut budgetverträglich, jedenfalls in dem Rahmen, wie sich das Budget im Frühherbst 2020 präsentiert hatte. Es geht stets um eine Balance von sportlicher Attraktivität und unternehmerischer Sicherheit – und es liegt auf der Hand, dass diese Balance in dieser Saison besonders schwierig zu halten ist. Mit dem jüngsten Entscheid, dass vorläufig nur noch Geisterspiele stattfinden, ist diese Balance noch einmal angegriffen worden. Aber bei der Kaderzusammenstellung hatten wir vorsichtig und budgetverträglich verhandelt.
Was heisst denn budgetverträglich? Warum werden die Ausgaben immer ausgereizt? Warum wird nicht Spielraum eingebaut und etwa auf Klose oder Kasami verzichtet?
Es ist unser Auftrag und unser Kerngeschäft, sportliche Attraktivität auf den Platz zu bringen. Und es ist unsere Aufgabe, auch ein Stück weit positiv in die Zukunft
zu schauen – dass die Pandemie irgendwann überwunden ist. Ist es so weit, möchte der FCB unter Wahrung der unternehmerischen Stabilität sportlich noch dabei sein.
Wer sagt, dass es einen Auftrag zum Erfolg gibt? Viele Leute liebten den FCB auch, als er in der zweithöchsten Liga spielte.
Ja, in Basel ist der FCB fast Liga-unabhängig in aller Munde und in aller Herzen. Trotzdem sollten wir uns nicht selber anschwindeln: Die Erfolge der letzten
Jahre veränderten die Sicht auf den FCB,
in Basel, aber auch im Rest der Schweiz.
Wir spüren definitiv die Erwartungshaltung, dass sportlicher Erfolg auf unserem Zettel stehen muss.
Sie sagten aber auch, dass die Hausaufgaben gemacht werden müssen. Verdienen die FCB-Spieler jetzt weniger?
Sie verstehen, dass ich nicht aus Vertragsverhandlungen berichten kann. Aber ja,
wir haben auch rund um die erste Mannschaft Kostensenkungen in beträchtlicher Höhe erreicht.
Was heisst «in beträchtlicher Höhe»?
Es geht um einen substanziellen Betrag in der Höhe von mehreren Millionen.
Claudius Schäfer, der CEO der Swiss Football League, sagte in der NZZ, die Liga habe
die Löhne der letzten Saison mit den neu eingereichten Verträgen verglichen – und die Mehrheit der 20 SFL-Klubs habe die Löhne «zwischen 20 und 50 Prozent gesenkt».
Fällt der FCB auch in die Kategorie?
Ja, der FCB liegt am unteren Rand.
Im Jahresbericht 2019 wies der FCB Lohnkosten von 50,816 Millionen Franken aus.
Wir rechnen: Der FCB spart bei den Löhnen gut zehn Millionen Franken?
Ihre Rechnung trifft etwa die Grössenordnung.
Und wie erreichten Sie eine derart beträchtliche Einsparung von rund zehn Millionen?
Entweder bei Vertragsverlängerungen oder bei Neuverhandlungen. Es betrifft
aber nicht nur die Löhne von Spielern, sondern auch allgemeine Ausgaben rund um die erste Mannschaft, Staff, Infrastruktur, Kürzungen diverser Dienstleistungen.
Und das Erfolgsmoment wird bei sämtlichen Leistungsträgern deutlich stärker gewichtet. Die Zeiten der hohen Fix-Saläre sind beim FCB vorbei.
Kürzten Sie auch bestehende Spielerverträge?
Nein, das gab es nicht.
Trotzdem kann es dem FCB nicht so schlecht gehen, wenn er beispielsweise für Kasami den Lohn, Handgeld und so weiter zahlt.
Ich wiederhole: Wir zahlen den Spielern für den FCB vernünftige Löhne, die grossmehrheitlich leistungsabhängig sind.
Haben Sie auch Leute entlassen?
Nein, bisher glücklicherweise nicht. Der FCB ist auch ein KMU mit rund 240 Angestellten, die in einer gefährdeten Branche arbeiten und sich Sorgen machen um die Arbeitsplätze.
Was unternehmen Sie, um mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben?
Das ist Teil der existenziellen Frage. Matthias Hüppi, der Präsident im FC St. Gallen, hat das unlängst auf den Punkt gebracht: Der Kontakt zwischen Klub und Fans darf nicht abbrechen. Die Leidenschaft und die Hinwendung der Fans zum Klub und zum Team muss bestehen bleiben. Meine Beobachtung ist, dass unsere Fans nach wie vor grosses Interesse haben an Klub und Spielern.
Was unternehmen Sie konkret?
Mit Social Media etwa gibt es Möglichkeiten: Spieler berichten aus der Quarantäne, stellen Nähe her. Wir stehen auch in der Verantwortung gegenüber den 11 000 Menschen, die eine Halbjahreskarte gekauft haben und sich solidarisch zeigen. Nur: Wie lange können wir an diese Solidarität appellieren? Auch im Publikum leiden Menschen finanziell. Wir stehen vor demselben Problem wie alle Unternehmen, die eine verkaufte Dienstleistung nicht anbieten können. Wir wollen Fairness, Verständnis und zugleich den Interessen des Klubs gerecht werden.
Auch ohne Corona stehen Sie im Gegenwind: Sie und der Präsident Bernhard Burgener werden kritisiert, die Aktion «Yystoo für e FCB» fordert eine Neuausrichtung. Kommt man sich in der Krise näher? Oder verschärft sie die Entzweiung?
Ich habe Verständnis für kritische Stimmen. Der CEO ist verantwortlich für
die Kommunikation und hat sie nicht im Griff – okay. Der CEO macht das und das falsch – okay. Wofür ich aber kein Verständnis habe, ist die Forderung an Bernhard Burgener, seinen Besitz aufzugeben.
Herr Burgener engagiert sich im Fussball, Fussball durchaus im Sinne eines Kulturgutes. Er hat sich verpflichtet, den Klub finanziell mit seinem privaten Vermögen abzusichern. Ihn anzugreifen und sogar zu fordern, er müsse gehen und seinen Besitz verkaufen, dafür habe ich gar kein Verständnis. Ich begrüsse die «Yystoo»-Bewegung, weil sie auf den Klub zugeht. Fans dürfen den Klub durch ihr Herz sehen. Wir dürfen das auch, gleichzeitig müssen wir die Fragestellungen auf der Sachebene ruhig und vernünftig bearbeiten.
Mit Blick auf die GV im November tritt Bernhard Burgener als Vereinspräsident zurück. Ist der Rücktritt mehr als ein Zeichen, dass Burgener eine Beruhigungspille verabreicht?
Beruhigungspille? Das lehne ich völlig ab. Bernhard Burgener hat an der GV 2019 die Entflechtung von Verein, AG und Holding angestossen. Wir begrüssen es sehr, dass sich neue Leute im Verein FC Basel 1893 engagieren. Die Stärkung des Vereins soll besser abbilden, dass der FCB für eine Stadt und Region steht.
Das letzte Wort hat aber weiter Burgener.
Ja, er bleibt Präsident der AG und der Holding. Wir freuen uns, mit der neuen Vereinsführung ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, wie sie sich einbringen will. Trotz gegenteiligen Behauptungen können wir sehr gut andere Meinungen aufnehmen und umsetzen, was sinnvoll ist für die Weiterentwicklung des FCB.
Die Stimmung ist nicht mehr angespannt wie Ende August. Plötzlich verlängerten Sie Spielerverträge und engagierten grosse Namen – um die Lage zu beruhigen und die Laune zu heben? Stichwort: Beruhigungspille.
Fragen Sie das im Ernst? – Wir wären schlechte Unternehmer, wenn wir uns die Agenda in Transferfragen von irgendwelchen Medienberichten diktieren liessen. Ich habe doch erklärt, dass es um die Balance geht zwischen sportlicher Attraktivität und unternehmerischer Sicherheit. Mich persönlich freut es, dass beispielsweise Pajtim Kasami bei uns ist. Ich mag den Spieler seit vielen Jahren, er interpretiert meiner Meinung nach die Rolle auf seiner Position wie kein anderer in der Schweiz. Aber deswegen haben wir
ihn nicht verpflichtet. Sondern weil der Trainer Ciriaco Sforza in der Sportkommission um Verstärkung auf Kasamis Position gebeten hat.
Nochmals: In Sachen Löhne und Geldflüsse hat der Fussball wenig Glaubwürdigkeit. Wie wollen Sie Vertrauen gewinnen, gerade mit Blick auf eine gesellschaftliche und politische Diskussion über Unterstützung?
Die Klubs müssen ja der Liga die Bücher offenlegen, auch der FCB. Vor allem aber müssen wir unsere Hausaufgaben als Unternehmen bestmöglich erledigen. Daran arbeiten wir, auch jetzt, unter den schwierigen Bedingungen, mit denen nicht nur
wir als Sportklub zu kämpfen haben. Die Krise hat auch den Fussball als Teil der Gesellschaft gezwungen, innezuhalten und über sein Selbstverständnis, den Umgang mit Ressourcen oder Gerechtigkeit nachzudenken.
Aus dem NZZ-E-Paper vom 01.11.2020
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